Klassiker-Check: Der kolossale Kinski


Zwischen Mythos und Marotte

– Vor zwanzig Jahren starb der Extrem-Mime Klaus Kinski (1926-1991), „der Irre vom Dienst“. Eine Ausstellung in Münster und ein Bildband erinnern an den genialen „Fitzcarraldo“, „Aguirre“ und „Cobra Verde“-Darsteller, den Regisseur Werner Herzog trotz vieler traumatisierender Erfahrungen mit ihm als seinen „liebsten Feind“ respektierte. Time for a check-up! Von Peter Münder

„So etwas gibt es bei mir nicht“, protestierte Klaus Kinski, als ihm Regisseur Peter Zadek 1961 bei den Dreharbeiten des skurrilen Streifens „Die Kurve“ (nach dem Stück von Tankred Dorst, in dem zwei Begräbnisunternehmer in einer gefährlichen Kurve die nächsten Unfallopfer erwarten) einen Tropfen Glyzerin gerade in dem Augenblick ins linke Auge träufeln wollte, als – wie im Drehbuch vorgesehen – eine Taube auf Kinskis Kopf landete.

Der perfektionistische Mime wollte jedoch alles selbst machen und die Tränen selbst absondern – er duldete keine Stuntmen, keine Tricks und technischen Hilfsmittel und quetschte im perfekten Timing prompt seine eigenen Tränen auf die Backe, als die Taube zur punktgenauen Kopflandung ansetzte. Da konnte der verblüffte Peter Zadek nur noch bewundernd staunen: „Kinski stellte sich als intelligenter, hochprofessioneller Schauspieler heraus, der wirklich alles konnte“, zitiert ihn der Kinski-Biograph Christian David in seinem wunderbaren Band. Allerdings mußte Zadek damals schon – wie später Dutzende anderer Regisseure – gegen eine grassierende Kinski-Allergie von Produzenten und Schauspielkollegen ankämpfen und mit speziellen Vertragsklauseln garantieren, dass er für alle von Kinski verursachten Störfalle und Ausraster haften würde.

Der schrille, von Zadek mit grotesk-ironischen Einfällen (Tierstimmen, Lederhosen-Träger, Jodler in kitschiger Alpenszenerie) aufgepeppte Stoff, dazu die isolierte Ausnahme-Situation des exzentrischen Schauspielers – das waren für Kinski absolut ideale Arbeitsbedingungen. Als egomanische Diva mußte er immer und überall im Mittelpunkt stehen – aber er hatte eben auch eine einmalige, intensive Ausstrahlung und er besaß einen exzessiven Perfektionismus, der einmalige schauspielerische Leistungen und damit auch den Erfolg eines Projekts garantieren konnte. Wenn alles gut ging.

Meistens pflasterten aber Skandale seinen Weg, die ihm dann eben auch das Etikett „Der Irre vom Dienst“ eintrugen. Wenn er bei seinen pathetischen „Jesus“- oder Villon-Lesungen das Publikum anpöbelte und einem Zuschauer drohte „Jesus hat die Peitsche genommen, du dumme Sau, das kann dir auch passieren“, dann hatte er mal wieder das Klischee vom verrückten Provo-Mimen bedient, der sich in einer geradezu selbstzerstörerischen Manie zum Narren machte. Solche wüsten Beschimpfungen und Attacken („Sie sind ein Anfänger! Ein Zwergen-Regisseur!“) erduldete auch Werner Herzog immer wieder – und trotzdem setzte er nach katastrophalen Konfrontationen mit dem manischen Mimen die Zusammenarbeit mit ihm fort.

Der Schweizer Fotograf Beat Presser hat Kinski bei vielen Dreharbeiten erlebt und war dabei, als Indianer dem verbissen an seinem von fatalen Katastrophen heimgesuchten Fitzcarraldo-Projekt festhaltenden Werner Herzog anboten, Kinski umzubringen, weil der  seine Wutanfälle nicht mehr unter Kontrolle hatte und monatelange Dreharbeiten im Chaos unterzugehen drohten. Presser hat jetzt in einem beeindruckenden Bildband Fotos zusammengestellt, die zwischen 1977 („Madame Claude“) und 1987 („Cobra Verde“) entstanden. Es sind wunderbare Charakterstudien, die den souveränen skeptisch-tückischen Salonlöwen im Smoking ebenso eindringlich porträtieren wie den bis zum Limit gehenden Fitzcarraldo, der sein Schiff mitten im peruanischen Dschungel unbedingt über den Berg bewegen will.

Kein Bild hat Kinskis ewige Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn wohl besser erfaßt als Pressers Foto vom verzückt in den Grammophontrichter lauschenden, im weißen Leinenanzug auf dem Schiff treibenden Fitzcarraldo, der  mit weit aufgerissenen Augen in den Dschungel starrt und mit einer Zen-artigen Intensität sich offenbar in eine Trance hineinsteigert, die Naturerlebnis, Opern-Verzückung und das Auskosten der gefährlichen Flußfahrt zum grandiosen Rausch mit leicht paranoidem Sidekick hochpusht.

Einen ähnlich intensiven Moment hatte Presser erlebt, als er mit Kinski in der Abenddämmerung in rasanter Fahrt im Motorboot den Camisea hinaufbrauste und in eine wilde, dichte, undurchdringliche Dschungel-Szenerie mit achtig Meter hohen Bäumen eintauchte. Da überkam es Kinski plötzlich, wie Presser in seinem Kommentar schreibt:

„Er schreit sich die Seele aus dem Leib. Fuchtelt, schimpft, flucht. Und alles ist gerichtet gegen Werner. Gute zehn Minuten schreit Klaus.. Alle wüsten und wüstetesten Verwünschungen sind zu hören. Sind wir unseres Lebens noch sicher? Dann, mit einem Mal bricht Klaus ab, drehtsich zu mir um und meint: Mach dir da mal keine Gedanken, Beatus, ich mache das alles nur, um meine Stimme intakt zu halten!“

Eine herrliche Szene, vielleicht auch ein Schlüsselerlebnis für das Verständnis des Kinski-Enigmas: Nahm man den egomanischen Kindskopf vielleicht viel zu ernst und ängstigte sich allzu sehr vor einem Wüterich, der meistens nur auf der Suche nach bewundernden Groupies und nach spaßigem Spielzeug war?

Seinen „liebsten Feind“ hatte Werner Herzog ja schon in seiner großen DVD-Dokumentation trotz all der vielen durchlittenen Krisen, Konfrontationen und lächerlichen Powerplays  mit großem Wohlwollen beschrieben. Kinski wurde während der Arbeit am „Fitzcarraldo“ aufgrund seiner Wutausbrüche zwar zum „Epizentrum der Entmutigung“, wie Werner Herzog es nannte. Aber der begnadete Regisseur besaß das Talent (wie Peter Zadek auch), Kinskis Agressionen in kreative Kanäle zu lenken und ihn zu künstlerischer Hochleistung anzuspornen – auch wenn er sich meistens als einsamer Außenseiter von seinem gesamtem Filmteam isolierte, wie er es schon in seinem „Fitzcarraldo“-Tagebuch „Die Eroberung des Nutzlosen“ (Eintrag vom 25.5.81) mit kristallklarem analytischem Scharfblick festhielt:

„Inmitten von K´s  Gebrüll und Toben, die alle Arbeit zum Erliegen brachte, stand ich wie eine schweigende Felswand und ließ ihn anbranden. Letztlich war das für das, was auf der Leinwand erscheinen wird, das einzig Richtige und Produktive, weil so letztlich, was an Raserei in ihm steckt, in eine Form gebracht wird. Nur versteht das keiner am Set, keiner vom Team… Ich ging abends zu K´s Hütte, um ihn zur Rede zu stellen und traf ihn nackt an, wie er gerade aus der Dusche kam und fand ihn zu meiner Überraschung ganz ruhig und verständig… er weiß, daß er nicht derjenige ist, der über sich den Überblick werde behalten können“.

Der geniale Herzog erkennt Kinski als Mann voller Widersprüche und als Zerrissenen, er sieht im exzessiven Kinski-Schub aber auch den Bruder im Geiste, wenn er in seinem Kommentar zu Pressers Bildand schreibt: „Er war kleinlich bis ins Letzte und großzügig bis ins Letzte bis zur Verschwendung des eigenen Lebens, rasend und milde, instinktsicher und gelassen und dann wieder in plötzlicher Panik. Eine solche Panik habe ich nur bei durchgehenden Pferden gesehen, vor denen im Gras eine Schlange aufgetaucht war“.

Der Extremkünstler Herzog, der ja wie Kinski auch Stuntmen, Kitsch und Budenzauber verabscheute und immer auf der Suche nach radikalen Wahrheiten und Erkenntnissen war, charakterisiert seinen extrem schwierigen Künstlerkollegen schließlich mit einem ebenso knappen wie plausiblem Psychogramm und einem Tribut an das Künstler-Genie: „Seine Besessenheit, seine Dämonie, warf ein glimmendes Licht in unsere Abgründe, und wir erkannten uns darin, wir sahen für Momente die dunkelste Seite unserer Existenz. Das Wort Genie ist heute zu Recht anrüchig geworden, aber ich scheue mich nicht, es zu verwenden. Er war das einzige Genie, dem ich begegnet bin“.

Peter Münder

Beat Presser: Kinski. Mit Texten von Werner Herzog und Beat Presser. Moser Verlag 2011. 29,90 Euro.
Christian David: Kinski. Die Biographie. Aufbau Verlag 2006. 447 Seiten. 24,90 Euro.
Werner Herzog: Die Eroberung des Nutzlosen. Hanser Verlag 2004. 335 Seiten. 21,50 Euro.
Mein liebster Feind: Kinski-Porträt von Werner Herzog/DVD1999, 95 Min.
Die Ausstellung „Kinski – fotografiert von Beat Presser“ im Westpreußischen Drostenhof/Münster ist bis zum 3. Oktober zu sehen. Jeweils Di-So., 10-18 Uhr. Info-Abende mit Beat Presser finden am 21. Juli und am 8. September im Drostenhof statt.