Geschrieben am 26. Oktober 2011 von für Film/Fernsehen, Litmag

Kino: I’m not a f**king Princess

„Was ich mit dir mache, ist Kunst“

– Regisseurin Eva Ionesco visualisiert mit „I’m not a f**king Princess“ ihre verpfuschte Kindheit. Von Kerstin Carlstedt.

Isabelle Huppert ist wie geschaffen für diese Rolle. Sie spielt die neurotische, egomanische, völlig überkandidelte Foto-Künstlerin Hannah, die ihre Tochter massiv missbraucht, um ihre Karriere voranzutreiben. Violetta (Anamaria Vartolomei) ist noch ein Kind, als ihre Mutter sie nackt – auch zwischen den Beinen – und in barockem Setting ablichtet.

Die Fotos gefallen. Hannah wird ein gefeierter Star der Pariser Kunstszene. Ihre Tochter hingegen hat das Recht auf eine normale Kindheit verloren. Realität und die kostümhafte Welt der Foto-Sessions vermischen sich. Bald geht die kleine Violetta mit knallrotem Lippenstift, Federboa und Hot Pants in die Schule. Ihre Mitschülerinnen hänseln sie für die Nacktfotos, die in jeder Buchhandlung ausliegen. Die Lehrer erniedrigen sie vor dem Klassenverband für Fehlstunden und schulisches Versagen.

Hannah verliert jedes Maß. Sie beruft sich auf ihre künstlerische Freiheit und merkt nicht, was sie ihrer Tochter damit antut. Selbst für Violettas Proteste, die sich immer mehr verweigert, ist sie taub. Als die Urgroßmutter, die sich um das Kind kümmert, stirbt, steht das Jugendamt auf der Matte und stellt Forderungen an die Mutter. Hannah muss zeigen, dass sie für Violetta ein normales und für ihr Alter angemessenes Leben gewährleisten kann. Sie darf ihre Tochter nicht mehr fotografieren –und leidet wie ein Tier; die Quelle ihrer Inspiration ist versiegt. Halbherzig versucht sie, den Anforderungen der Sozialarbeiterin gerecht zu werden – und scheitert dabei.

Das Schlimme an der Geschichte ist: sie ist wahr. Regisseurin Eva Ionesco, Jahrgang 1965, ist dieses missbrauchte Kind. Mit ihrem Film „I‘m not a f**king Princess“ hat sie ihr eigenes Trauma verfilmt. Ihre Mutter, die Fotografin Irina Ionesco, machte Eva zum jüngsten Nacktmodell des italienischen PLAYBOY. Sogar der SPIEGEL druckte 1977 ein Aktfoto der damals Elfjährigen ab. Der deutsche Presserat erließ dafür zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Rüge wegen Sexismus. Der Film „Spielen wir Liebe“, in dem Ionesco ein Jahr zuvor eine freizügige Rolle hatte, gilt heute als Kinderpornographie und ist in Deutschland seit 2006 verboten.

Eva Ionesco inszeniert diesen Albtraum prunkvoll und bildgewaltig. Sensibel führt sie ihre  zehnjährige Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei, wohl wissend, wie es ist, in dem Alter zum Opfer von erotisch-morbiden Fantasien Erwachsener zu werden. Es ist ein bedrückender Film, der viele Fragen aufwirft.

Kerstin Carlstedt

I’m Not a F**king Princess. My Little Princess. F 2011. R,B: Eva Ionesco. B: Philippe Le Guay, Marc Cholodenko. K: Jeanne Lapoirie. S: Laurence Briaud. M: Bertrand Burgalat. P: Les Productions Bagheera, France 2 Cinema. D: Isabelle Huppert, Anamaria Vartolomei, Georgetta Leahu, Denis Lavant, Jethro Cave, Louis-Do de Lencquesaing, Nicolas Maury, Pascal Bongard u.a. 105 Min. X Verleih ab 27.10.11