Posted On 2. März 2016 By In Litmag, News, Porträts / Interviews With 2323 Views

Janko Marklein im Interview

Janko MarkleinJanko Marklein,  1988 in Bremen geboren, studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Philosophie an der Universität Leipzig sowie der Freien Universität Berlin. Für seinen bei Blumenbar erschienenen Debütroman „Florian Berg ist sterblich“ erhielt er den ersten Preis beim open mike und das Bremer Autorenstipendium.

Karsten Herrmann: Wie viel von Ihrem Leben steckt in Ihrem Debüt? Die Herkunft Ihres Protagonisten Florian Berg aus der niedersächsisch-bremischen Provinz und das anschließende Studium in Leipzig lassen starke autobiographische Bezüge vermuten – oder liege ich da falsch?

Janko Marklein: Sie liegen sehr richtig. Insbesondere die Handlungsorte des Romans – die niedersächsische Provinz, Leipzig und Santiago de Chile – habe ich natürlich nicht zufällig ausgewählt. Auch in meinem Protagonisten Florian Berg und in der Perspektive, mit der er die Welt betrachtet, steckt viel von mir. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass ich einen autobiographischen Roman geschrieben habe. Ich habe Florian Berg zwar konstruiert auf Grundlage von Emotionen und Gedanken, die mir nicht fremd sind. Aber in der Figur habe ich diese Emotionen und Gedanken dann ins Extreme getrieben, sozusagen als literarisches Experiment. Florian Berg ist in seiner Lethargie, seiner Boshaftigkeit aber auch seiner Hilflosigkeit radikaler als ich.

Ihr Held oder Anti-Held Florian Berg glaubt an einer Stelle, dass „etwas grundsätzlich falsch mit mir ist… alles ist mir ganz egal, ich fühle mich mit niemandem verbunden“. Würden Sie das als individuelle Pathologie sehen oder doch eher als eine Generationen-Diagnose?

Ich würde das als individuelle Pathologie sehen. Ich traue mich nicht, darüber hinaus Aussagen über eine ganze Generation zu machen. Dafür ist dann vielleicht eher die Soziologie zuständig.

Ihr Debüt ist durch einen fast minutiösen und lakonischen Alltags-Realismus geprägt, eine 1:1-Spiegelung der Welt und der Dinge, hinter der sich kaum Imaginations- oder Assoziationsräume eröffnen. Was reizt Sie an dieser Form?

Da möchte ich widersprechen! Zwar schreibe ich minutiös und lakonisch, aber ich wünsche mir, dass sich gerade durch diesen Stil neue Imaginations- oder Assoziationsräume eröffnen. Auch glaube ich nicht, dass ich mit meiner Sprache versuche, ein möglichst realistisches 1:1-Abbild der Welt zu erschaffen. Vielmehr werfe ich ja gerade durch diesen von pathologischer Nüchternheit geprägten Stil eine eigene, besondere Perspektive auf die Welt. (Womit ich natürlich nicht der Erste bin, sondern mich in eine lange Tradition einreihe.)

Diese Form ermöglicht mir zum einen, über teilweise zutiefst traurige Ereignisse und Emotionen zu schreiben, ohne dabei in Kitsch abzudriften. Zum anderen charakterisiert sie natürlich auch Florian Berg. Dessen Wahrnehmung richtet sich ja ständig auf vermeintlich unwichtige Details der Außenwelt – ein kaputter Joghurtbecher, ein Klumpen Nasenschleim in seiner Kehle – anstatt beispielsweise auf die eigenen Emotionen oder die Emotionen seiner Gesprächspartner. Über Florian Berg kann ich also nur in dieser Form schreiben, denn gerade sie offenbart das Wesen seiner Pathologie.

Wann und wie sind Sie zum Schreiben gekommen und welche literarischen Vorbilder haben Sie dabei beeinflusst?

Erste „literarische“ Versuche habe ich als Teenager gemacht, sehr kitschig und geprägt vor allem durch Morrissey und Kafka, die ich damals in meinen Texten auch ohne Scham regelmäßig zitierte. Zu Beginn meines Studiums in Leipzig habe ich dann zum ersten Mal Ágota Kristóf gelesen und daraufhin ein paar Jahre lang erfolglos versucht, ihren Stil zu imitieren. Ihre Bücher finde ich bis heute ganz großartig und sie haben sicherlich auch die Entstehung meines Romans mitbeeinflusst. Eine Zeit lang war ich ebenfalls besessen von den Romanen meines Leipziger Professors Hans-Ulrich Treichel, die ich sehr, sehr witzig finde. Und immer mal wieder lese ich Krachts „Faserland“.

marklein_BergWie war ihr literarischer Werdegang bis zum Erscheinen Ihres Debüts?

Mein Werdegang war bisher fast klischeehaft klassisch: Ich habe viele Jahre am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert und in dieser Zeit ein paar Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Der Gewinn des open mikes 2010 war für mich ein wichtiger Wendepunkt, weil ich dort meinen späteren Agenten kennenlernte und erste Kontakte in die Verlagswelt knüpfte. 2012 erhielt ich dann vom Bremer Literaturkontor für die damals noch sehr frühen Entwürfe meines Romans ein Stipendium, das mich ermutigte, weiterzuarbeiten, und noch ein paar Jahre später war das erste Romanmanuskript dann endlich fertig.

Welche Bedeutung hat die Literatur für Sie? Ist sie tatsächlich nur ein neutraler Spiegel der Welt oder hat sie das Potenzial zur Selbst- und Weltveränderung? In Ihrem Debüt spielen beispielsweise die Studentenproteste in Deutschland und Chile eine starke Rolle, aber Sie enthalten sich auch hier weitestgehend einer Bewertung.

Literatur ist in meinen Augen kein neutraler Spiegel der Welt, aber zugleich wäre es wohl größenwahnsinnig, zu behaupten, Literatur im engeren Sinne hätte irgendein „politisches Potenzial“. Literatur ist nach meinem subjektiven Empfinden heutzutage kein Leitmedium mehr, Autor_innen sind keine YouTube-Stars oder Filmschauspieler_innen, sondern bespielen eine kleine Markt- und Kulturnische.

Entsprechend würde ich auch nicht behaupten, dass mein Roman ein konkretes politisches Anliegen hat. Die Studentenproteste dienen mir zwar als ein szenisches Setting, aber wie Sie schon andeuten steht der Protagonist dieser Bewegung eher indifferent gegenüber und sieht in ihr nur ein Mittel zur Verfolgung der eigenen, egoistischen Ziele.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Im Frühjahr werde ich ein paar Monate in den Künstlerhäusern von Lauenburg und Worpswede wohnen und dort hoffentlich die nötige Ruhe finden, um an den Entwürfen für meinen neuen Roman zu arbeiten. Bis zu dessen Fertigstellung ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Vielen Dank für das Gespräch!

Janko Marklein: Florian Berg ist sterblich. Roman. Blumenbar 2015. 336 Seiten. 20,00 Euro.
Foto: Kat Kaufmann

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