Geschrieben am 22. Mai 2015 von für Kolumnen und Themen, Litmag

Hinter der Linie, vor dem Spieltag (34)

Mara Braun_neuHinter der Linie, vor dem 34. Spieltag

– Eine Fußballkolumne von Mara Braun.

Kaum zu glauben, aber mit diesem Wochenende geht auch die aktuelle Bundesligaserie zu Ende. Lediglich die Vereine, bei denen erst die beiden Relegationsspiele darüber entscheiden, in welcher Liga sie kommende Saison spielen werden, müssen dann noch nachsitzen. Wer das sein wird, ist aktuell völlig offen: Selten mussten im Saisonfinish so viele Mannschaften bis zur sprichwörtlich letzten Sekunde darum bangen, ob sie die Klasse halten oder absteigen, in der Relegation um den Aufstieg kämpfen oder ihren Traum denkbar knapp verpassen. Für die Vereinsverantwortlichen ist die Situation kompliziert, weil sie nicht für die nächste Saison planen können, keine auslaufenden Verträge verlängern oder Spieler verpflichten, ohne eben Gewissheit über ihre Ligazugehörigkeit und die damit verbundene Finanzlage zu haben. Bei den Spielern löst der Schwebezustand von Ohnmacht über Panik bis hin zu Leidenschaft und Kampfeswille so ziemlich alles aus, was die emotionale Palette hergibt.

Aber seien wir ehrlich, am meisten leiden die Fans unter dieser Situation, die in Wahrheit ja viel mehr ist als das, nämlich ein wochenlanger Dauer- und Kauerzustand. Denn sie sind dazu verdammt, zuzuschauen, sich aufs Hoffen und Beten zu beschränken, und können nichts tun, außer beim Blick in die Wolken ein Zeichen zu ersehenen. Doch immer wieder den elenden Rechenschieber im Kopf anzuwerfen. Und darauf zu vertrauen, dass die Spieler auf dem Platz in der alles entscheidenden Situation von ihrem wilden Herzschlag angetrieben statt von einer vollen Hose gelähmt werden. Jedes Kind, das in einer Stadionkurve großgezogen wird, erlebt den Moment, in dem es einen der umstehenden Erwachsenen mit einer verzweifelten Geste zur Mannschaft fragt: „Warum machen die nichts?“ Der Eindruck mag bisweilen trügen oder den Spielern unrecht tun, dennoch kennt jeder Fan dieses Gefühl, unter dem der Frust darüber begraben liegt, selbst nicht eingreifen zu können. Genau das ist denn auch die größte Angst vor derlei Entscheidungstagen: Den Spielern 90 Minuten lang dabei zusehen zu müssen, wie sie die Farben des Vereins betrügen. Wenn schon scheitern, dann bitte im Kampf.

Nimmt man die letzten 15 Jahre als Maßstab, sind es die Fans von Mainz 05, meinem Verein also, die besonders viel über diese verfluchten Last-Minute-Entscheidungen erzählen können. Verpasste Aufstiege, unabwendbare Abstiege, selbst emotionale Kloppo-Verabschiedungen – all das, was den Fans der 1. bis 3. Liga an diesem Wochenende blüht, haben wir bereits erlebt, und vieles davon nicht nur einmal. Mehr noch, wir haben es auch überlebt, und genau das ist die frohe Botschaft, die ich vorm letzten Spieltag in dieser Kolumne verkünden kann: Wie die Saison auch ausgeht, was das verdammte Wochenende auch bringen mag, es ist lediglich eine Zwischenbilanz auf der langen Wegstrecke, die wir mit unseren Herzensvereinen unterwegs sind. Egal, ob dieses Etappenziel glücksbringend oder tragisch ist, sich Träume erfüllen oder doch platzen – nichts von dem, was passiert, wird uns davon abhalten, den ganzen Wahnsinn ab August wieder von Neuem mitzumachen; zum Glück. Um es mit Robert Frost zu sagen: „In three words I can sum up everything I’ve learned about life: it goes on.“ Und Fußball ist – genau: Life in a nutshell. Die nächste Saison kommt bestimmt. Und sie wird glorreich.

Bis dahin, schwimmen Sie oben!

Die Ergebnisse im Überblick:
Alter – habe ich eine Kristallkugel, oder was?
Nein.
Also.
Alle ins Stadion!

Mara Braun

Mara Braun, geboren 1978 in Heidelberg, aufgewachsen im hessischen Odenwald mit einem Abstecher nach Mississippi, seit 1998 in Mainz am Rhein. Studium der Filmwissenschaft & Publizistik. Journalistin, Autorin, Fußballbegeisterte, Bücherwurm, Überzeugungstäterin. Im September 2013 erschien „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“ und am 15. Januar 2015 „111 Gründe, an die große Liebe zu glauben“ (beide Schwarzkopf & Schwarzkopf). Mara Braun bei Facebook, bei Twitter, im Blog.

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