Posted On 6. Dezember 2017 By In Klassiker Special 2017, Litmag, Specials With 320 Views

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums

 

Alf Mayer

Sagen des klassischen Altertums

Ungeheurer als die Bibel

Dieses Buch war wie eine verbotene Frucht, war ungeheuerlich. Bald schon war es mir lieber als jede Bibelstunde. „Christenlehre“ nannte sich die Andacht am Samstag- oder Sonntagnachmittag, in denen der Pfarrer uns katholischen Allgäuer Dorfkindern aus der Bibel erzählte. Viel zu wenig kamen mir dabei die Folterungen und Todesarten der Heiligen vor, das nämlich fand ich spannend – aber dann entdeckte ich in unserem Bücherschrank die drei Bände Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab (in der, die wie ich heute weiß, ungekürzten Insel-Ausgabe von 1937). Davon blieb ich Jahre gefesselt. (Siehe auch jüngst bei LitMag: Die Narbe des Odysseus – Der Suspense bei Homer; über Erich Auerbach.)

Längst nicht alles verstand ich damals ganz, aber spannend war es allemal. Was Zeus da mit Hera so machte, das mit Ödipus und seiner Mutter. Die Argonauten, die Abenteuer von Herakles und Theseus. Die „Sieben gegen Theben“, die fünf Bücher mit den Sagen Trojas, Äneas und dann erst Recht Odysseus, mit dem ich mich voll identifizierte. Götter und Königssöhne, Zentauren, Zyklopen, Sirenen, blinde Seher (welche eine Wortkombination!), verstoßene Töchter, Halbgötter und Heroen – meine Kindheit war dramatisch und keineswegs gewaltfrei, mein Vater hatte den Krieg und tausend Traumata mit nach Hause gebracht, aber das hier, das war einfach viel, viel größer. War gewaltig groß. Und irgendwie nihilistisch. Existentialistisch. Anders jedenfalls – heidnischer – als all das, was der Pfarrer erzählte. Schnell merkte ich, dass ich ihn besser nicht nach Odysseus fragen sollte.

Die „Sagen des klassischen Altertums“ gehörten mir alleine. Mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke tauchte ich oft in sie ein. Es war ein im Nachhinein ganz schön blutiges Lese-Universum, in dem ich mich bewegte. Das muss heutige „adult fiction“ erst einmal an Themen aufbieten. Und welch eine Sprache!

„Äneas hatte schon zum Streich ausgeholt – noch einmal hielt er die bewehrte Rechte zurück. Seine Seele wollte sich zum Mitleid kehren, als er zum Unheil des Unterlegenen an dessen Schulter das Wehrgehenk des arkadischen Fürstensohnes Pallas erblickte, des Jünglings, den Turnus erschlagen hatte. Da entbrannte sein Schmerz und Zorn aufs letzte, schrecklich rief er: „Du, der sich mit dem Raub an den Meinigen schmückte, solltest mir entrinnen? Pallas opfert dich mit diesem Stoß und nimmt Rache!“ Damit drang das Schwert des Äneas in die Brust des Feindes.

Turnus sank zu Boden, Kälte durchrieselte seine Glieder. Unwillig floh sein Schatten aus dem erstarrenden Leibe hinab zur Unterwelt.“


Gustav Schwab, 1792 in Stuttgart geboren, war Lehrer, Professor für Latein, Verlagsmitarbeiter beim Metzler-Verlag, dann Pfarrer und Leiter der höheren Schulen in Württemberg. „Seine“ Sagen, 1838 bis 1840 in drei Bänden erschienen, sind die Nacherzählungen vieler Sagenkreise des griechischen und römischen Altertums in flüssigem Stil. Sein Zielpublikum waren ursprünglich Schüler und junge Frauen, er übersetzte selbst, grausame oder erotische Passagen schwächte er ab (wie ich heute weiß), war dabei aber immer noch härter als die späteren gekürzten, „kindgemäßen“ Ausgaben, etwa die Fassung Josef Guggemos, 1960, oder die sich im Umlauf befindende aus dem Jahr 1955 von Hans Friedrich Blunck aus Altona.

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Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums. Insel-Verlag, Frankfurt/ Leipzig 2001. 1020 Seiten, 34,77 EUR.

 Ausgabe von Alf Mayer: Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums. Insel-Verlag, Leipzig 1937.

Das Ganze als Hörbuch: Hanns Zischler: Sagen des Klassischen Altertums. Eichborn, Frankfurt 2003–2006. 16 CDs, ca. 1.250 Minuten.

Eine sehr schöne, sehr freche Aktualisierung des griechischen Götterhimmels legte Nadine Prange 2015 mit dem fulminanten „Neon Pantheon“ bei der Büchergilde Gutenberg vor.

Alf Mayer, Literaturkritiker, Autor des Ed McBain-Readers „Cops in the City“ (zusammen mit Frank Göhre) und CrimeMag-Mitherausgeber, lebt in Bad Soden.

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Nadine Prange, „Neon Pantheon“, 2015

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