Posted On 6. Dezember 2017 By In Klassiker Special 2017, Litmag, Specials With 176 Views

Filmposters of the Russian Avant-Garde

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Alf Mayer 

Frisch wie am ersten Tag

Film Posters of the Russian Avant-Garde

Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution! Dieser Slogan von Karl Liebknecht aus den  „Sozialistischen Monatsheften“ von 1898 könnte auch auf dem Umschlag dieses ziegelsteingroßen Buches stehen. Nichts in ihm ist tot. Die hier zusammengetragenen 250 „Film-Poster der russischen Avantgarde“ sind immer noch begeisternd modern. Zeitlos modern. Sie gehören zu den brillantesten und phantasievollsten Filmplakaten, die je gestaltet worden sind. Entstanden sind sie von Mitte der 1920er bis in die frühen 1930er, der Höhepunkt lag zwischen 1925 und 1929 – eine nur kurze Zeit, aber eine Phase kreativer Freiheit, und die sowjetischen Künstler nutzten sie. Wie die damals wagemutigsten, das noch junge Medium des Kinofilms vorantreibenden internationalen Filmregisseure „bedienten sie sich derselben innovativen kinematographischen Techniken, die in den von ihnen anzukündigenden Filmen angewandt wurden: extreme Nahaufnahmen, außergewöhnliche Blickwinkel und dramatische Proportionen“, schreibt Susan Pack, die Herausgeberin dieses packenden Bildbandes. Konstruktivismus und Dadaismus, die damals junge Fotomontage, grelle Farben, innovative Typographie waren die Stilmittel von Avantgardisten wie Alexander Rodtschenko, den Sternberg-Brüdern, Nikolai Prussakow und anderen. Zu 36 dieser Plakatkünstler finden sich kleine, prägnante Porträts.bu-film_posters_russian-image_06_45517

Susan Pack hatte in ihrer Zeit in der Werbebranche, zuletzt als leitende Werbetexterin bei Saatchi & Saatchi in New York, mit ihrer Plakatsammlung angefangen. In diesem Buch lässt sie uns teilhaben an ihren Schätzen. Und in der Tat, wenn man sich, wie sie in ihrem Vorwort vorschlägt, die russischen Arbeiter vorstellt, die vor beinahe 100 Jahren auf ihrem Nachhauseweg von den Fabriken diese Plakate über ihren Köpfen erblickten und sich davon wegtragen ließen, dann funktioniert dieser Effekt noch immer, dann hallt die visuelle Kraft dieser Werke immer noch nach.

bu-film_posters_russian-image_04_45517Es sind nicht nur russische Avantgardefilme wie etwa Dsiga Wertows „Mann mit der Kamera“ oder Sergeij Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“, die hier eine künstlerische Begleitung erfuhren, es ist das kinematografische Schaffen der 1920er aus vieler Herren Länder. Buster Keaton findet sich hier ebenso wie Chaplin, Harald Lloyd, Greta Gabro oder Emil Jannings, Murnaus „Letzter Mann“ und Richard Oswalds „Rothausgasse“ ebenso wie Tod Brownings „Dollar Down“. Die Plakatnamen stimmen nicht immer mit den Filmnamen überein, das dreisprachige Buch (Deutsch, Englisch, Französisch) mit seinem überlegten Layout lässt aber Zuordnungen schnell finden und macht das Buch zu einem aufregenden Gang durch die Filmgeschichte. Filmklassiker, einmal anders.
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Susan Pack: Film Posters of the Russian Avant-Garde. Verlag Benedikt Taschen, Köln 2017. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Biblioteca Universalis. Hardcover, Format 14 x 19,5 cm, Lesebändchen. 520 Seiten, 14,99 Euro. 

Alf Mayer, Literaturkritiker, Autor des Ed McBain-Readers „Cops in the City“ (zusammen mit Frank Göhre) und CrimeMag-Mitherausgeber, lebt in Bad Soden.

 

 

 

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