Geschrieben am 6. Februar 2013 von für Film/Fernsehen, Litmag

Film: Nordstrand (2012)

Nordstrand_PlakatZwei Brüder

– Es gibt ihn noch: den jungen deutschen authentischen Film, der mit eindrucksvollen Bildern und bewegendem Inhalt statt mit Hightech und Klamauk daherkommt. Andrea Henkens war für uns im Kino.

Etwa in dem Kinofilm „Nordstrand“, der die Geschichte zweier Brüder erzählt, die sich nach Jahren in ihrem verlassenen Elternhaus an der Nordsee wiedersehen. Hauptschauplatz des kammerspielartigen Dramas ist das idyllisch liegende Familienhäuschen in den Dünen. Hier treffen sich nach langer Zeit Marten und Volker wieder.

Der ältere Marten will Volker dazu bewegen, gemeinsam die Mutter aus dem Gefängnis abzuholen, wo sie seit dem Tod des Vaters sitzt. Aber Volker kann weder der Mutter noch seinem Bruder verzeihen, dass sie einst nicht in der Lage waren, ihn vor den gewalttätigen Übergriffen des Vaters zu beschützen. Von einem familiären Neuanfang will er nichts wissen, er scheint nur gekommen zu sein, um das gemeinsame Haus zu verkaufen. Marten fühlt sich mitschuldig an den damaligen Ereignissen, dass er seinem kleinen Bruder nicht geholfen, sondern zugesehen hat. Somit sind die Spannungen vorprogrammiert und eskalieren in einem Wett-Schwimmen in der tosenden Nordsee.

Eichinger_Nordstrand

Luise Berndt, Daniel Michel, Martin Schleiß (v.l.n.r.)

Das Haus in den Dünen wird zum Austragungsort des langsam aufkochenden Konflikts, eine Art Kammerspiel zwischen den beiden Hauptakteuren Marten, gespielt von Martin Schleiß und Daniel Michel als Volker. Eine Idealbesetzung der beiden Charaktere, die vollkommen authentisch spielen. Schleiß überzeugte bereits als Hannes in „Bergfest“ (2008), Michel in „Dorfpunks“ (2009) und „Neue Vahr Süd“ (2010).

Zentrales Thema des Films sind die Auswirkungen und Mechanismen von Gewalt in einer Eltern-Kind-Beziehung. Dabei kommt diese ganz unterschwellig und subtil daher, der Zuschauer ist anfangs ahnungslos. In Rückblenden verdeutlichen Eltern-Szenen das Machtgefüge innerhalb der Familie: Rainer Wöss als Vater, der zu unkonventionellen Mitteln greift, indem er etwa seine beiden kleinen Söhnen zu einem Alkohol-Wetttrinken auffordert und Anna Thalbach als Mutter, die nicht eingreifen kann, sondern die Tür verschließt. Es sind nur wenige Szenen, in denen der ungleiche Machtkampf von Kind und Vater deutlich wird. Die väterlichen Gewaltausbrüche reagieren sich am wehrlosen Opfer ab, etwa in einer Szene, in der der kleine Volker kopfüber in den Küchenmülleimer gestopft wird. Der ältere Marten wird verschont und plagt sich noch Jahre später mit dem schlechten Gewissen, seinem rebellischen Bruder nicht schützend zur Seite gestanden zu haben. So sieht Marten den Haustyrannenmord der Mutter als einen Akt der Befreiung und Gerechtigkeit an, während Volker resümiert: „Sie hat uns doch wieder allein gelassen.“

Das Brüderdrama „Nordstrand“ ist nach „Bergfest“ der zweite Teil einer Trilogie über familiäre Gewalt. „Mir geht es besonders um stille, versteckte Gewalt, die sehr unterschiedliche Formen annehmen kann. Manchmal ist den Betroffenen der Einfluss, unter dem sie stehen, nicht einmal bewusst – obwohl er ihr ganzes Leben überschattet“, so Regisseur und Autor Florian Eichinger.

„Nordstrand“ nähert sich ohne die genreüblichen Klischees behutsam dem komplexen Verhältnis der beiden Brüder und ihrem Kindheitstrauma an. Es geht um Fragen von Schuld, Verantwortung und Opferrollen. Um die Hinterfragung von gewohnten Rollenmustern und dem klassischen Familienideal – ein oftmals vorgetäuschtes Idyll, von dem es unter bestimmten Umständen besser ist, sich zu verabschieden.

Nordstrand2

Der Film beeindruckt durch Bilder von der Nordsee, durch lange Kameraeinstellungen wie der Strandszene am Schluss des Films. Nach aufdringlichen Hollywoodproduktionen in 3D und High Frame Rate (HFR), die mit einer doppelten Bildanzahl pro Sekunde die Sehgewohnheiten des Zuschauers fordern, endlich mal wieder ein Film, der eine Wohltat fürs Auge ist und inhaltlich fordert. Es gibt ihn noch: den jungen deutschen authentischen Film, der mit eindrucksvollen Aufnahmen und bewegendem Inhalt statt mit Hightech und Klamauk daherkommt.

Andrea Henkens

Nordstrand. Kinospielfilm. Drama. 89 Minuten. Drehbuch und Regie: Florian Eichinger. Mit Daniel Michel, Martin Schleiß, Luise Berndt, Rainer Wöss und Anna Thalbach. Kamera: André Lex, Schnitt: Jan Gerold. Produzenten: Cord Lappe, Florian Eichinger. Im Rahmen des Spielfilm-Wettbewerbs Max-Ophüls-Preis 2013. Mehr zum Film. Filmstills: © André Lex/www.nordstrandfilm.de.

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