Geschrieben am 1. Oktober 2012 von für Comic, Litmag

Festivaltagebuch (IV): Sinkflug aus dem Hyperraum

Letzte Empfängerdaten vom Comicfestival Hamburg an Charlotte von Bausznern:

Eine wirre Astronautin

– zurückgekehrt von einer ausgedehnten Raumfahrt. Etwas wehmütig. Nee echt jetzt, nachdem ich die Herausforderung von Nachtfeiern UND Tagebuchschreiben nur mit Schlagseite überstanden hab, lässt sich eines sagen: Das Hamburger Comic-Festival produziert postfestivalöse Löcher. Da kann man reinfallen. Dann nimmt man alle kleinen mitgebrachten Geschenke in die Hand, setzt sich auf den Hochstuhl und sagt: danke.

Aber der Reihe nach.

Kein Allinclusivereiseplan würde einer dermassen hinterhältigen, bestechenden Dramaturgie unterliegen. Nur von Comicastronauten kann man erwarten, dass sie auch als Zombies noch lächeln und sich freuen.

Donnerstag wartete mit unzähligen (nein, 15) Satelliten-Ausstellungen auf, Avantgarde, weird stuff, in Plattenläden und Seemannskneipen, und die sollte man ausgiebig betrachten, auch wenns den Cafébesuchern unterm Bild nicht gefällt. Ich hab mich ein bisschen geärgert über Seminarübungsergebnisse und gefreut über Glanzstücke mit Ortsanbindung. Kulminiert hat dieser Abend dann ja in einer Feier voller glücklicher Menschen mit zu wenig Platz.

Freitag steuerte ganz woanders hin: Vier Ausstellungen von internationalen und – wichtig – anerkannten Comickünstlern in gleichzeitiger Eröffnung. Nicht nur Hamburger Laufpublikum und Freunde von Freunden, auch die Künstler schwebten von Planet zu Planet.

Samstag wurde die Börse eröffnet, das angebliche Herzstück des Festivals. Gemütliche Fachsimpelgespräche, alles was Comicmainstream ähnlich sah, war weniger frequentiert. Danach erste Vorträge, dann Party.

Und der Sonntag mit seinen Vorträgen*, hab ich mir sagen lassen, war ein definitiver Höhepunkt, witzig, kooperativ, gut besucht. Ärgerlich, dass ich den verpassen lassen musste.

Raketen also kann sich das Hamburg Comic-Festival leisten. Nichts wünscht sich diese Comicszene mehr, als eine massive Anziehungskraft zu entwickeln: Wir sind mehr als Garfield, Superman und Dragonball, heisst das. Aber was sind wir? Brauchen wir doch eine Anleitung zum richtigen Lesen von Comics? Oder eine Verhandlung darüber, was Comic sein darf? Der Comic ging kaputt, ich reparierte ihn selbst? Wenn im Comic manchmal die Rekreation der Muttererschaffung und damit sich selbst geschieht, warum fragen dann alle ständig nach der Menge an Autobiographischem?

Ich hab heute zum wieder ausgelassenen Frühstück Gabrielle Bells „Manifestation“ gelesen. Wegen dem „Scum Manifesto“ gestern. Wo ich nicht da war. Im letzten Panel sagt sie, also ihr Alter Ego, also sie, das Ich ist das Ich ist das Ich, etwas, das ich gerne fast zitieren möchte, nur nicht ganz: Die Frau, aufgrund derer ich hier jetzt zu Hause sitze und glücklich und müde an diesen ungeheuren Reichtum an familiärer Freundlichkeit und Inspiration denke und versuche, die Kurve dieser Raumfahrt zu beschreiben (denn irgendwann bin ich aus der Empfängerstation ausgestiegen und in Moonwalkerschritten mittenreingelaufen), diese Frau hat mir (bisher) nichts über geometrische Formen bei der Entwicklung von Micky Mouse oder das Verhältnis von sprachlichen und piktoralen Elementen beigebracht, mit Wissen hält sie gerne solange hinterm Berg, bis man anklopft. Wie sie als Hausfrau ist, weiss ich nicht. Aber: „She pushed me into the world neither a girl or a boy, just a big, awkward, ignorant thing, forcing me to invent myself as I went along. I am deeply grateful for that.“

Hyperspace penetration over.
* Gabrielle Bell: »Manifestations« & Tom Gauld: »Goliath and other stories« , Aisha Franz mit »Brigitte und der Perlenhort«

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