Geschrieben am 23. Mai 2012 von für Kolumnen und Themen, Litmag

Essay: Michael Zeller über den Hochseilakt einer freien Künstlerexistenz

Von der Freiheit des Dichtens

– Just zu Pfingsten, dem Fest, da das Wort über die Menschen kommt, ist vor ein paar Jahren ein landesweit bekannter Maler gestorben. Die Boulevardmedien hatten heftig Anteil genommen an Jörg Immendorff in seiner letzten Zeit. Der „Düsseldorfer Malerfürst“ – darunter ging es nicht. Die Dominanz unter den Malern Deutschlands erreichte Immendorff beim Boulevard durch zwei Umstände, die mit seiner Arbeit – naturgemäß – nicht das Mindeste zu tun hatten.

Da war vor allem seine polizeiliche Festnahme in einem Düsseldorfer Hotel, in das er sich mit Prostituierten (aus Russland, hieß es) zurückgezogen hatte. Dort wurden die Herrschaften beim Konsumieren auch von Kokain erwischt. Darauf warf sich der Boulevard mit der branchenüblichen Inbrunst. In dem Milieu ist sein Zuhause: Prominenz plus Sex plus Drogen. Diesmal eben ein „Kunstprofessor“, der offenbar auch irgendwelche Bilder malte. Dazu kam, zum Zweiten, Immendorffs „geheimnisvolle“ Nervenkrankheit (ALS). Sie ist unheilbar, der Tod tritt ein nach einer absehbaren kurzen Zeit.

Wo die Dinge derart glänzend liegen für den Boulevard, konnte die Politik unmöglich abseits bleiben. Der damalige Bundeskanzler Schröder bestellte sein Amtsporträt fürs Kanzleramt beim moribunden Immendorff. Ein prächtiges Foto: Der Kanzler, strahlend wie immer, neben ihm, im Rollstuhl, der „Malerfürst“ – zwei Majestäten, Aug in Aug.

Der Schröderauftrag hatte einen weiteren enormen Vorteil für den Boulevard. Vor aller Welt war damit der künstlerische Rang von Immendorff erwiesen, die lästige Fragerei etwa nach dem Kunstgehalt seines Werkes konnte als erledigt gelten, ein für allemal. Der Boulevard durfte sich hinfort ungestört auf das Wesentliche der Causa Immendorff konzentrieren. Zum Beispiel auf seine junge, schöne Ehefrau aus, so hieß es, Bulgarien oder Tschechien (ja, ja, der gute, alte Ostblock)! Und sie malte sogar auch. Die Krönung zur „Malerfürstin“ indes hat sich der Boulevard – bisher – entgehen lassen.

Hinter den eigenen Büchern verstecken

Es fällt mir schwer, über dergleichen anders als ironisch zu sprechen. Die Ironie über Wesen und Wirken des Boulevards mag mit ihm in den ihm eigenen Gefühlszonen zerflattern. Und weg damit. Am nächsten Tag – die letzten Fotos vom königlichen Begräbnis des „Malerfürsten“ waren verschossen – wurde schon die nächste Sau durchs Dorf der öffentlichen Klatschsucht getrieben.

Immerhin hatte es der Boulevard seinerzeit doch geschafft, anhand des Immendorff-Boheis meine eigene Lebens- und Arbeitspraxis wieder einmal in Frage zu stellen, ohne jede ironische Tändelei. Irgendein Kritiker vom gehobenen Boulevard (zwischen der Zeit und der FAZ) pries den hingegangenen Maler in seinem Nachruf, er sei, neben so vielem anderen, ein „mutiger Mann“ gewesen. Ein Künstler, der sich nicht hinter seinen Bildern versteckt, sondern laut und deutlich seine Meinung gesagt habe, gerade auch zur Politik.

Ich wollte ihn gleich wegschieben, diesen Satz, als Gesäusel des gehobenen Boulevards. Doch das gelang mir nicht. Wer bist denn du, fragte es in mir, hast du – ausgerechnet – Anlass, deine Position zur Kunst für irrtumsfrei zu halten? Ist es nicht wirklich feige, wie du dich hinter deine Bücher zurückziehst (im Boulevardton: dahinter versteckst), in der Meinung, du habest darin alles gesagt, was du zu sagen hast? Wer’s genauer wissen wolle, möge deine Bücher lesen? Und so beherrschen Lauttöner die Szene, die auf jede Frage irgendeine druckfertige Antwort zum Besten geben.

Das könntest du auch, behauptest du, aber du wolltest es nicht. Du sagst sogar: Du darfst es nicht. Ist das nicht intellektueller Hochmut, Menschenunfreundlichkeit? In welche Etage deines Elfenbeinturms willst du dich eigentlich noch emportreiben? Dünne Luft, mein Lieber! Vorsicht, Erstickungsgefahr! Wem ist, sag’s selbst, wem ist mit einer Kunst gedient, die nur in ihrem Zirkel wahrgenommen wird?

Eben weil sie Kunst ist!, versuche ich mich zu retten.

Ja, das sagst du immer, das kenne ich allzu gut von dir. Selbst wenn es stimmte: Wäre sie es denn wert, die hehre, abgehoben ferne Kunst, dass du deine Talente im Echolosen verpulverst? Ist sie das wirklich wert?

Soll ich darauf mit „Ja“ antworten?

Nein. Es sind genug Selbstzweifel in mir, auch ohne alle „Maler“- und „Dichterfürsten“ oder „Kritikerpäpste“ dieser Welt. Ich habe keinerlei Beweise in der Hand und hätte ich einen, ich müsste ihn verdächtigen, Notkonstrukt des Eigendünkels zu sein. Nein, in diese Ecke will ich mich nicht verkriechen. Lass es mich anders versuchen.

Worte an diese Welt

Warum mache ich Literatur, sehr bewusst Literatur, von Anfang an? Nicht, um meine Privatheit auf dem Boulevard ausgestellt zu sehen, sei er flach oder gehoben. Auch nicht um Hof zu halten in den Medien und den Doktor Eisenbart zu geben fürs werte Publikum: Schnelldiagnosen zum Afghanistankrieg der Bundeswehr, zum Doping im Radsport oder der Gefahr für Mensch und Natur, die von verbrauchten atomaren Brennstäben auf Generationen hin ausgeht.

Ich schreibe gerade, weil ich auf all das keine Antwort habe. Es sind aber und bleiben dies meine Sorgen, mehr oder weniger, auch wenn ich ein Herbstgedicht schreibe, über ein Kastanienblatt, das sich im Verdorren nach innen wölbt. Das ist – ich hab’s mir kaum ausgesucht – meine Aussageform, mein Wort an diese Welt, zu diesem Leben, das ich eine Weile führe, als einer unter vielen anderen. Nur das, was ich in dieser Aussageform zu fassen bekomme, gilt für mich. Das muss reichen, oder es reicht eben nicht. Alles, was nicht auf mein Blatt Papier passt, was im Jenseits des Ungeformten bleibt, ist privates Gemurmel, unterhalb des Wortes, und geht keinen Außenstehenden etwas an, darf ihn nichts angehen.

Worüber ich nicht schreibe, muss ich schweigen. Nur in meinem Geschriebenen bin ich zu haben, nirgends sonst. Das ist unbequem für andere, ich weiß. Dreihundert Seiten wollen gelesen sein. Ein gigantisches Textmassiv in Zeiten von Drei-Wort-Botschaften per SMS.

Dabei den Kopf oben zu behalten und nicht die Richtung zu verlieren, das ist die härteste Nummer auf dem Hochseil einer freien Künstlerexistenz.

Nur im Machen liegt die Kraft
die sich weiter gibt an andere
konzentriertes Eigenleben
aufgelöste Energie
nicht im Grübeln nicht im Reden
und nur Machen macht bescheiden

Michael Zeller

Michael Zeller hat Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays verfasst. Sein letzter Roman „Falschspieler“ erschien 2008 zuerst unter dem Pseudonym „Jutta Roth“ als angebliches Debüt einer 1967 geborenen Autorin. Zur Homepage des Autors geht es hier. Porträtfoto: Foto: Ryszard Kopczynski .

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