Geschrieben am 5. Oktober 2011 von für Kolumnen und Themen, Litmag

Eric T. Hansens DeutschCult: Tag der Deutschen Einheit

Das war wieder ein Fest!

Jedes Jahr am 3. Oktober füllt sich mein Herz mit Wärme, wenn ich mit ansehe, wie die Menschen hier in Deutschland mit Bannern, Trompeten und Blumen ausgelassen jubelnd auf die Straße gehen, um ihre geliebte Wiedervereinigung zu feiern. Es gibt nichts Schöneres, als jedes Jahr wieder den Tag zu feiern, an dem alle Träume der Deutschen endlich erfüllt wurden – und welcher Deutsche nimmt nicht die Gelegenheit wahr, an diesem Tag seine Freude laut und klar hinauszupreisen: Ja, wir sind dankbar! Ja, wir freuen uns! Ja, wir sind stolz, wieder ein Volk zu sein! Und ja, das lange Wochenende habe ich wirklich gebraucht!

Doch der denkende Mensch fragt sich dabei: Wird dies der letzte Höhepunkt der deutschen Geschichte sein? Hält die Zukunft noch weitere Tage zum Feiern für die Deutschen bereit?

Die Antwort ist schlicht und einfach: Ja.

Denn laut einer wissenschaftlich ausgearbeiteten Methode der Zukunftsdeutung – unter Berücksichtigung von historischer Analyse, futurologischer Hochrechnung und Kaffeesatzdeutung mit fair gehandelten Hochlandbohnen – kann ich schon jetzt zur Freude aller die wichtigsten deutschen Feiertage, die in den nächsten 100 Jahren dazukommen werden, bekannt geben:

23. Oktober, „Der Tag der volksmusikalischen Befreiung“. Seit diesem Tag ist das Hören oder Verbreiten von Volksmusik in Deutschland verboten, ebenso das Tragen von Abzeichen, die an den Gesamtbauchumfang der Kastelruther Spatzen erinnern, es sei denn, zu Bildungszwecken. Der Tag wird ausgerufen nach einem spontanen Aufstand des Volkes in 34 deutschen Städten, bei dem Gartenschauen, ZDF-Sendemasten und Kneipen mit bayerischer Ausschmückung zertrümmert und in Brand gesteckt werden. Carmen Nebels toter Körper wird aus dem Rhein gefischt, ihre Arme immer noch fest um die Leiche von Florian Silbereisen geklammert. Hansi Hinterseer wird von einem aufgebrachten Mob mit Fackeln und Mistgabeln aus dem Land gejagt und siedelt sich auf einer Insel im englischen Kanal an, wo er insgeheim die bewaffnete Wiedereroberung Deutschlands plant. Doch bevor er seine Pläne umsetzen kann, verschluckt er sich an einem Lächelimplantat und verreckt elendig auf seinem Küchenboden. Nach seinem Tod fand man unter den Habseligkeiten das komplette Libretto einer 14-stündigen alpinen Gaudihütten-Oper, basierend auf einem Originalwerk von Philip Glass, sowie mehreren unbeantwortete Liebesbriefen von Björk. Außerdem wird André Rieus Leichnam nach einer atemberaubenden völkerrechtswidrigen Nachtaktion im Atlantik versenkt, um das Aufkommen einer Martyrkult zu verhindern.

3. Juni, „Der Wir-lieben-Griechenland Tag“. Nachdem Deutschland es noch 2012 ablehnt, Griechenland in seiner finanziellen Misere zu helfen, entdeckt Griechenland 2013 Öl. Das führt dazu, dass Griechenland auf leicht unangenehmer Art großzügig die Rechnung in Billionenhöhe übernimmt, als Deutschland 2045 zahlungsunfähig wird – unter der Bedingung, einmal im Jahr müssten alle Deutschen durch die Straßen marschieren und im Chor singen: „Wir lieben Griechenland, Wiege der europäischen Kultur und einziges noch verbleibendes Urlaubsland der Welt, wo billige Sommerhäuser auf entlegenen Inseln noch günstig zu haben sind.“ Obwohl der Spruch sich auf Griechisch etwas besser anhört, begehen die Deutschen jedes Jahr diesen Tag aus vollen Herzen immer wieder.

7. Januar, „Papsttag“. Nachdem fünf deutsche Päpste hintereinander von deutschen Terroristen 2013, 2026, 2020, 2021 und 2024 ermordet werden, wird klar, dass das deutsche Volk niemals einen katholischen Papst akzeptieren kann. Es stellt sich eine radikale Änderung der deutschen Papstpolitik ein und der Bundestag beschließt, den Heiligen Stuhl fortan mit der 66-jährigen evangelischen Ex-Pfarrerin Margot Käßmann zu besetzen. Innerhalb weniger Wochen gibt es kein AIDs mehr in Afrika, keine Toten durch Alkoholeinfluss auf den Straßen Europas und keine CDU. Allerdings gibt es auch keine Katholiken mehr, abgesehen von einer kleinen Gruppe von standhaften katholischen Rebellen, die sich in Südamerika niederlassen und dort Geschlechtsverkehr ohne Kondome genießen.

5. November, der „Puppentag“. Nachdem das 21. Jahrhundert von politischem Wirrwarr beherrscht wird, in dem die einzigen verbliebenen großen deutschen bürgerlichen Parteien – die Piraten, die Indianer, die Cowboys, die Astronauten, die Jungs-ohne-unrealistische-berufliche-Ziele-Partei, die Links-Außen-ganz-Hinteren und die Grauen Mäuschen – sich im Bundestag und in bewaffneten Scharmützel auf der Straße gegenseitig verhindern und bekämpfen, einigen sich alle Deutsche auf eine einzige Großpartei, die Augsburger Puppen. Seitdem herrscht endlich Frieden im Land, dazu ist es lustig, den Bundestagsabgeordneten zuzusehen, weil ihre Füße beim Gehen den Boden nicht berühren.

29. März. „Günther Jauch Tag“. Der Tag, an dem Günther Jauch zum ersten deutschen Dalai Lama erhoben wurde.

15. Juli, „Der Daniela Katzenberger Tag“. Nach einem spontanen, ebenso überraschenden wie ausdauernden Kuss zwischen Daniela Katzenberger und Paris Hilton auf dem roten Teppich zur Oscar-Verleihung erkennt die Gesamtheit der deutschen Intellektuellen nach Jahren des Hohn und Spotts, dass das größte Kulturgut der Deutschen tatsächlich Daniela Katzenberger ist. Die Festsetzung des Daniela Katzenberger Tags hat überraschende Folgen: Fortan wird an jeder Uni Katzenberger gelehrt, wobei sehr schnell festgestellt wird, dass man in Schriften von Nietzsche, Heidegger und Sloterdijk jedes Vorkommen von Phrasen wie „die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“, „Haus des Seins“ oder „dekonstruktivistischer Konstruktivismus“ durch das Wort „Katzenberger“ersetzen kann, ohne dass der Sinn der Schriften einen Schaden nimmt. Dies führt zu einer Revolution des Kulturverständnisses in Deutschland und zu einer neuen Blütezeit. Seitdem werden ausgewählte, innovative deutschen Serien im US-Fernsehen gezeigt. Was Katzenberger selbst betrifft, hat der unverhoffte Ruhm ihr auch persönliches Glück beschert. Nach jener schicksalhaften Oscar-Nacht zieht sie mit Paris Hilton auf Mallorca zusammen. Sie riegeln sich von den Medien ab und finanzieren ihr glückliches Leben fernab der Aufregung und der Wirren der deutschen Intellektuellenszene nur noch durch den Verkauf einer Reihe selbst produzierter Sextapes.

Feiert, Ihr Deutschen! Feiert, als ob es kein Morgen gäbe!

Eric T. Hansen

Der Amerikaner, Hawaiianer und Wahlberliner Eric T. Hansen lebt seit 25 Jahren in Deutschland und schreibt Bücher über die seltsamen Menschen, die er dort vorfindet, zuletzt „Nörgeln! Des Deutschen größte Lust“. Mehr Info auf der Homepage von Eric T. Hansen. (Foto: Ralf Ilgenfritz)

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