Geschrieben am 1. Juni 2011 von für DeutschCult, Kolumnen und Themen, Litmag

Eric T. Hansens DeutschCult: Kachelmann vors Promigericht

Das Promigericht

– Der Gerichtsprozess des Jahrhunderts ist gescheitert.

Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte hat eine Frau einen Mann vor Gericht wegen Vergewaltigung angezeigt, und das deutsche Rechtswesen war nicht in der Lage, Recht zu sprechen. Diese Unfähigkeit hat das Vertrauen des Volkes in das Rechtswesen in seine Grundfesten erschüttert. Die Schmach sitzt tief und Deutschland muss mit sich selbst ins Gericht gehen: Denn im jahrhundertalten Rechtssystem sitzt der Wurm; es ist hoffnungslos veraltet und bedarf einer grundsätzlichen Überholung, um es für die moderne Zeit wieder funktionstüchtig zu machen.

Es ist höchste Zeit für das Promigericht.

Wie das Militär und die katholische Kirche bilden auch Prominente eine Ausnahmesituation und brauchen daher ihr eigenes Gericht. Dass das weltliche Gericht von Anfang an mit einem Promi vom Rang eines Kachelmanns überfordert war, steht wohl außer Frage. Nur Promis können über Promis richten und nur vor anderen Promis können Promis Gerechtigkeit finden.

Nach intensivem Studium des Gerichtswesens bin ich heute bereit, die ersten Umrisse des Promigerichts der Zukunft darzulegen.

Die Verhandlung muss hinter geschlossenen Türen stattfinden. Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn das Gericht nicht in die Hände vom gemeinen Pöbel gerät. Und wenn ich „hinter geschlossenen Türen“ sage, meine ich „live im Studio aufgenommen“.

Das Verfahren muss vor Promi-Schöffen ausgefochten werden, die über mehrere Folgen im Castingverfahren ausgesucht werden. C-Promis können sich bewerben, indem sie Heidi Klum zu überzeugen versuchen, dass sie sich besonders gut für die Rechtsprechung eignen. Klum muss daraufhin die Auswahl selber vornehmen und Erklärungen abgeben, die nur sie versteht, die aber die Teilnehmer trotzdem zu Tränen berühren.

Die gekürten Schöffen müssen natürlich bis zum Ende des laufenden Verfahrens von der Öffentlichkeit abgesondert werden, und zwar in einer gemeinsamen, gut versteckten Unterkunft, wo sie ungestört Beweise sowie den defekten Kaffeeautomaten und den miesen Pizzaservice diskutieren können – auch „Das Schöffencamp“ genannt.

Als Richter schlage ich den vertrauenswürdigsten Promi schlechthin vor: Günther Jauch. Einen ganz gewöhnlichen Richter können die Medien so lange kritisieren, wie sie lustig sind, wie wir im Falle Kachelmanns gesehen haben. Ein Stuhl, indem ein Jauch sitzt, bleibt über jede Kritik erhaben.

Jauchs Gerichtssaal wird modern sein, gut ausgeleuchtet und mit dramatischer Musik versehen. Im Gegenteil zu gewöhnlichen, veralteten Gerichtssälen, werden hier die Vertreter des Angeklagten und der Anklägerin Jauch auf hohen Stühlen direkt gegenüber sitzen, damit sie jede Regung im Gesicht Jauchs gut ablesen können, falls er die richtige Antwort verrät.

Als Vertreter des Angeklagten und der Anklägerin schlage ich die weisen und scharfzüngigen Sonja Zietlow und Dirk Bach vor, die sich im Verfahren solcher Dialoge bedienen können wie etwa:

Bach: Wie soll denn mein Mandant Herr Kachelmann in der Wohnung ihrer Mandantin an einen Küchenmesser gekommen sein? Kann sie denn überhaupt kochen?
Zietlow: Dass Ihr Mandant ein Vergewaltiger ist, liegt doch auf der Hand. Jahrelang hat er schließlich die Wetterberichterstattung in den Öffentlich-Rechtlichen vergewaltigt!

In der Zwischenzeit können Angeklagter und Klägerin die Möglichkeit bekommen, den aufgestauten Stress zwischen ihnen bei einer Sonderausgabe von „das perfekte Promi-Dinner“ zu bereinigen, in der  abwechselnd jede Woche der jeweilige Gastgeber versucht, seinen Gast zu vergiften. Dabei muss der Gast entscheiden, ob das leckere 3-Sterne-Menü der Extraklasse vielleicht doch gut genug ist, trotz der drohenden Lebensgefahr davon zu kosten.

Das Ganze wird von Stefan Raab produziert und alle Einnahmen gehen an die Stiftung „Promis helfen Richtern“.

Eric T. Hansen

Der Amerikaner, Hawaiianer und Wahlberliner Eric T. Hansen lebt seit 25 Jahren in Deutschland und schreibt Bücher über die seltsamen Menschen, die er dort vorfindet, zuletzt „Nörgeln! Des Deutschen größte Lust”. Mehr Info auf der Homepage von Eric T. Hansen. (Foto: Ralf Ilgenfritz)