Geschrieben am 14. April 2005 von für Litmag, Porträts / Interviews

Ein Tag mit dem Weltreporter Ryszard Kapuściński

Die Grenzen der Reportage

Paolo Rumiz hat den bekannten polnischen Journalisten in Warschau getroffen. Seinen Bericht vom Italienischen ins Deutsche übertragen hat Carl Willhelm Macke.

Es schneit. Schneeflocken, groß wie Sahnebaisers, hüllen den protzigen sowjetischen Kulturpalast inmitten von Warschau ein. Zehn Uhr morgens. Ryzsard Kapuściński, 72 Jahre alt, von Beruf Reporter und mit seinen vielen Büchern durchaus nobelpreiswürdig, erscheint hinter einer rot-gelben Tram in einem grauen Wintermantel mit einem milden Lächeln im Gesicht. In Kürze werden seine Gedichte erscheinen und man wird dann eine Terra incognita dieses seit über vierzig Jahren anhalten Reporterlebens entdecken. Ob in Asien, Südamerika oder Afrika, immer ist er auf der Suche nach den Armen und den Besiegten gewesen. Ich frage ihn, ob ihm denn nicht die Reportage reicht.

„Sie ist sicherlich ein außergewöhnliches journalistisches Genre, und ich prophezeie ihr auch eine sichere Zukunft. Die Menschen sind es einfach satt, Informationen immer nur in Pillenform zu bekommen. Aber die Reportage allein reicht nicht aus. Immer wieder habe ich den Wunsch verspürt, meinen journalistischen Schutzpanzer abzuwerfen. Man fühlt sich in ihm einfach zu beengt. Gefühle zum Beispiel haben in ihm keinen Platz. Seit gut einem Jahrhundert hat sich die Reportage als journalistische Gattung nicht verändert. Sie ist skandalös konservativ, fest gebunden in die immer gleichen Formen. Deshalb ist für mich die Poesie so wichtig. Hier kann man mit sehr viel mehr Ausdrucksformen experimentieren oder zum einfachen Schreiben zurückkehren. Sie ist so etwas wie die Schatzkammer der lebendigen Sprache. Nur in der Poesie findest du die richtigen Worte für die Reportagen.“

Er schaut in die Ferne, scheint nach irgendetwas in dem Schneesturm zu suchen, vielleicht nach neuen Wörtern. Vielleicht sieht er vor sich die Poesie, hoch wie einen nicht zu bezwingenden Eisberg. Vielleicht glaubt er seine slawische Seele zu verraten, wenn es ihm nicht gelingt, poetisch genug zu schreiben. „Ich habe ein großes Bedürfnis nach Zeit, aber Zeit ist ein Luxus für mich. Von allen Seiten her werde ich belagert: Doktortitel, Lektionen, Briefe, Vorworte zu Büchern. Aber um ein Gedicht zu schreiben, mußt du dich von alledem frei machen. Du mußt deinen ganzen bisherigen Schreibstil ändern. Das kann ich nicht, aber trotzdem will ich Gedichte schreiben. Also muß ich mich zufrieden geben mit der plötzlichen Eingebung im Zug, im Flugzeug, in einer Hotelunterkunft.“

Möchte er vielleicht für eine kurze Zeit ganz einfach in die Unbekanntheit und Vergessenheit untertauchen? „Wie war ich glücklich als mich niemand kannte. Da konnte ich mit einer außergewöhnlichen Leichtigkeit arbeiten. Es reichte mir, in einen Zug zu steigen, zuzuhören, aufzuschreiben. Ich genoss die Anonymität, auf die ein Reporter bei seiner Arbeit nicht verzichten kann. Mein kürzlich verstorbener Freund Henry Cartier-Bresson ließ sich einmal für das Fernsehen unter einer Bedingung interviewen: das man von seinem Körper allenfalls die Knie aufnahm. Wenn die Menschen beginnen, mich zu erkennen, sagte Cartier-Bresson, dann kann ich mit dem Arbeiten aufhören. Und er war ja bekanntlich mit achtzig Jahren noch sehr aktiv. Ich teile diese Meinung vollkommen.“

Der Nordwind wird spürbarer. Fest in ihre dicken Mäntel gemummt, versuchen sich die Menschen gegen Kälte und eisigen Wind zu schützen. Vielleicht gehört auch das zur polnischen Grundierung seiner Poesie. Eine Grundierung, die seit dreißig Jahren aus seinen Reportagen verschwunden gewesen ist. Jetzt als Poet wird der Reisende durch Afrika, den Iran oder durch Südamerika wieder zu dem einsamen, verzweifelten osteuropäischen Menschen. Es ist eine Rückkehr an die Wurzeln, unter die niedrigen Himmel von Miłosz oder der Szymborska. Wer weiß, vielleicht möchte der immer reisende Mensch einmal anhalten, endlich erzählen von seinem eigenen Land. Aber er kann es nicht.

„Sie kennen mich hier zu gut. Wo auch immer ich hingehe, kommt sofort der Bürgermeister, dann der Bischof. Beide laden sie mich dann zum Essen ein und damit kann ich meine Arbeit schon beenden. Deshalb schreibe ich nicht über Polen. Aber es gibt auch ein anderes Motiv. Polen ist voll von Autoren, die über Polen schreiben. Es ist geradezu eine Inflation, mit der man aber nur seinen Autismus pflegt. Wenige aber schreiben im heutigen Polen über den Rest der Welt und ich spüre da immer das Bedürfnis zu sagen, Freunde, es gibt außer Polen und Europa noch eine andere Welt. Überhaupt ist Europa dabei, provinziell zu werden, sich hinter seinen eigenen Grenzen zu verschanzen. Man glaubt hier, im Zentrum der ganzen Welt zu sein, aber in Wirklichkeit befindet sich alles ringsum Europa in einem radikalen Umbruch. Die Wirklichkeit verändert sich so rasend schnell, dass das, was du gerade schreibst, sofort zur Archäologie wird. Wenn ich nach Lateinamerika oder nach Indien zurückkehre, erkenne ich die Orte nicht wieder, wo ich doch gerade erst gewesen bin. Es ist verheerend. Jeder Augenblick wird konsumiert als wäre er der einzige.“

Der viel gefragte Reporter schlägt zwei, drei Mal auf seine Uhr, um damit zu zeigen, wer wirklich regiert. „Die Zeit, die Zeit, es herrscht die Tragödie der Zeit. Aber es ist auch die Inflation der Daten, die uns fortreißt“ Er beschleunigt seinen Gang wie das weiße Kaninchen aus “Alice im Wunderland“. Geht in Richtung der nach Johannes Paul II. benannten Strasse. Stampft mit kurzen Schritten durch den feuchten Schnee. Bemerkt und beschreibt wie ein Spürhund jedes Detail der Strasse, in den Schaufenstern, im Blumenladen, auf dem Gemüsemarkt. Er hilft einer älteren Dame mit Stock, die im Matsch ausgerutscht ist, bis ein vorbeifahrender Schneepflug uns alle bis zu den Knien durchnässt.

„Hier waren die Mauern des Ghettos. In den fünfziger Jahren wohnte ich ganz in der Nähe dieser Gegend. Dort war das Theaterkino „Femina“, wo nach Stalins Tod das Orchester zu Ehren der Gefallenen aufspielte. Nichts erinnert mehr an dieses Stück Erde. Die Straßenbahn, die wegen der Kälte anhalten muss, leuchtet mit roten Warnlichtern. Die Menge sprengt auseinander. Autos schlittern über das Eis. „Gott sieht und schweigt“ heißt es in einem der Gedichte von Kapuscinski. „Über Gott zu sprechen, o Gott, das wird ein langer Diskurs“, murmelt er vor sich hin. Gott ist in Auschwitz, in Polen, dem Land von Woytila, gestorben. Aber in seinen Gedichten ist die prometische Revolte klar gegen das „große Nichtstun“ gerichtet, das ja nur „eine Form unserer Möglichkeiten ist“.

Es ist kalt. Man drückt sich enger in den Wintermantel hinein. Der Kragen ist voll mit Schnee. „Ich wohnte hier vor langer Zeit. Damals war ich gerade 25 Jahre alt. Ich konnte mir zum ersten Mal richtige Schuhe leisten. Während meiner Kindheit inmitten der Sümpfe von Pińsk (früher Polen, heute Belorussland, d.Ü.), herrschte noch eine tiefe, dunkle Misere. Wir trugen aus Baumrinde geflochtene Sandalen. In einem Café beginnt er, von dem Wasserlabyrinth in seinem Heimatort zu erzählen. Und damit entdecken wir in dem ländlichen Polen einen weiteren Grund für seine Flucht aus der Zeit, die ja auch eine Flucht aus der sich immer mehr beschleunigende Zeit ist.“

Hier spürt man die Idee eines Buches über seine Kindheit wachsen, über eine „verschwundene Welt, die ohne ein solches Zeugnis droht, vergessen zu werden. „Ich lebte wirklich an einem der ärmsten Flecken Europas. Von Wasser überschwemmte Wiesen, Sümpfe, riesige Wälder. Man lebte von Fischen, Pilzen, Waldbeeren. Es gab Dörfer, die nur über das Wasser zu erreichen waren. Die Bauern mußten unter miserablen Bedingungen leben.Aber es war auch eine große multikulturelle Gemeinschaft: Litauer, Juden, Polen, Weissrussen, Deutsche, Tartaren. Dort habe ich das ”Andere“ zu verstehen und den einfachen Menschen zu respektieren gelernt.

Wir verlassen das Café wieder. Draußen empfängt uns immer noch beißende Kälte und Schneegestöber. Kapuściński geht zu einem Kiosk, um sich Fahrkarten zu kaufen. Mit dem Taxi zu fahren, widerstrebt ihm. Trotz seiner mittlerweile sechs Bypässe, einer Malaria und TBC in den Knochen, reist er nach wie vor bevorzugt mit dem Bus oder mit der Eisenbahn. Die Straßenbahn biegt jetzt ein in eine schmale Allee jenseits des Piłsudski-Park ein. Ein tief liegender Himmel wird sichtbar, einer wie es jener gewesen sein könnte, als die persische Armee unter Kaiser Dareios in der Verfolgung der schiitischen Nomaden scheiterte. Es ist eine der Schlüsselerlebnisse in seinem letzten, dem griechischen Historiker Herodot gewidmeten Buch.

„ Wo seid ihr?“ schrie Dareiros in der Steppe. Niemand außer dem Wind gab ihm eine Antwort. Der Feind war nicht da. Auch die größte Armee der Welt nutzte ihm da nichts. „Herodot wußte etwas, was die Amerikaner im Irak nicht verstehen. Die Menschen dort haben seit Jahrhunderten gelernt, loszuschlagen und dann sofort wieder in Deckung zu gehen. Es ist ihre Art zu überleben. Wenn man dort kämpft, gibt es keine klare Frontlinie. Als das Pentagon, nach dem Blitzeinmarsch das berühmte Communique „Iraqui army ceased to exist“ veröffentlichte, wußte ich, dass der wirkliche Krieg jetzt erst beginnt..

Und in der Tat war es ja so. In Washington arbeiten sie mit einem rigiden Schema F zum Verständnis einer Realität, die man eben nicht mit einfachen Formeln und Schwarz-Weiß-Bildern fassen kann und für die es keine festen Schemen gibt. Die Rote Armee und davor das englische Heer haben ja dieselben Fehler in Afghanistan gemacht. Das Ergebnis waren fürchterliche Massaker. Er sprudelt über und sofort versteht man, dass dort mehr als nur Bewunderung ist. Es ist eine Übereinstimmung mit Herodot, den man den ersten großen Reporter der Antike nennen kann. Liegt nicht auch dieser Beschäftigung mit der Antike eine weitere Flucht aus der Zeit? Wir erreichen ein kleines Haus im Stil des Fin de siècle. Steigen in eine Mansarde im zweiten Stock, die ihm als Schlupfwinkel dient. Bis unter die Decke ist hier alles voll mit Büchern. Man weiß nicht, ob die Bibliothek die Geografie des Globus reproduziert oder die seines Wissens, aber bei einem Nomaden wie Kapuściński ist es unmöglich zu unterscheiden. Sofort hinter der Tür steht ein riesiger, mit Büchern überladener Tisch. Die immense Bibliographie von Herodot.

Kapuściński schüttelt den feuchten Schnee ab, zieht sich Baumwollsocken an und schlüpft in Sandalen. Vorsichtig bewegt er sich, um nichts herunterfallen zu lassen. „Der Grieche war wirklich ein großer Autor“. Er reiste und begegneten den Menschen mit Respekt. Für ihn war klar, dass die Welt nicht an der griechischen Polis endete. Der Barbar war für ihn ganz einfach der Andere, in dem er sich spiegelte. Der Andere, der dir hilft, dich selber zu verstehen.“

Der Andere, das Thema des Jahrhunderts, das auch Kapuściński in den Reportagen wie in der Poesie gefangen hält. „In diesem Irak-Krieg spricht man sehr selten von dem Anderen. Von der zivilen Bevölkerung hört man fast gar nichts. Wir bekommen ja nur die Bilder zu sehen, die von den Amerikanern gesendet werden.“ Dann kehrt er zurück zu Herodot. „Nur wenige wissen, dass Herodot in Italien, unweit von Bari, gestorben ist. Athen war für ihn eine verschlossene, fremdenfeindliche Stadt geworden.“ Kapuściński spricht über Athen, aber es könnte auch Warschau sein. Draußen leuchten die ersten Lichter auf. Die Dächern sind bedeckt mit tiefem Schnee. Der Wind hat sich gelegt. Wer weiß, ob nach so vielen Reisen durch die ganze Welt ihm diese Dachluke hier in der Mansarde als Blick auf die Welt reichen wird. Seit langer Zeit hat es in Warschau nicht mehr so geschneit wie jetzt, murmelt Kapuściński, als wir uns verabschieden.

Paolo Rumiz

Aus dem Italienischen von Carl Wilhelm Macke