Posted On 4. März 2015 By In Litmag, Porträts / Interviews With 1159 Views

Der Müry Salzmann Verlag im Porträt

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Bücher für Langstreckenleser

– Ein Porträt des Müry Salzmann Verlags von Senta Wagner.

Die Stadt Salzburg hat viel Selbstbewusstsein. An ihr kleben Etiketten wie „Rom des Nordens“, „Blenderstadt“, „Bühne der Welt“, „Kraftort“, „Mozartstadt“. Der Regen in Salzburg heißt Schnürlregen, weil er eine Art niedergehender nasser Fadenvorhang ist. Auch das muss man wissen, denn Salzburg ist eine Stadt der Sehenswürdigkeiten, wie hingemalt für Touristenschwärme. In ihrer Mitte birgt sie mit ihrer Altstadt ein Weltkulturerbe. Nicht zu vergessen die weithin sichtbare Festung, diverse Schlösser, die Salzburger Festspiele, das Salzburger Literaturfest. Ganz rege geht es zu. Stefan Zweig lebte hier, in seinem Schlössl gingen Dichterpersönlichkeiten aus aller Welt ein und aus. Thomas Bernhard arbeitete sich in seinen autobiografischen Stoffen an Salzburg ab, für Georg Trakl war es prägend, und Peter Handke pendelt noch heute zwischen Frankreich und Salzburg, „einer dem Himmel auserkorenen Geistesstadt“.

Salzmann_BuecherVon Pustet zu Müry Salzmann

Wo solch ein Humus ist, da sind auch Stoffe für Bücher, Druckwerkehersteller und verlegerische Orte nicht weit. Salzburg beherbergt einige namhafte Verlage, darunter hat sicher der Verlag Anton Pustet mit über 420 Jahren die längste Geschichte, die von Auf-, Ab- und Aufschwüngen erzählt. Es müssen jetzt einige Jahrhunderte zusammenschnurren, um bei Mona Müry anzukommen, die während zwei Jahrzehnten den alten Universitätsverlag leitete. Das verlegerische Handwerkszeug erwarb die studierte Theologin und Philosophin von der Pike auf. Dann war Schluss und Mona Müry, ausgerüstet mit viel Wissen und Erfahrung, gründete 2009 ihren eigenen Verlag. Die Leidenschaft fürs Büchermachen geht ja nicht einfach vorbei wie ein Schnürlregen. Die Unternehmerin hatte „das Glück, einen Inverstor an der Seite zu haben“, und so betrat 2010 der Müry Salzmann Verlag den Markt mit einem ersten Programm. Den Salzmann im Namen steuerte übrigens der Stammbaum ihres Investors bei. Es ist also Zeit für das erste Verlagsjubiläum. Ja, es gibt allen Grund zum Feiern, sagt Mona Müry. So klingt Erfolg.

Rückblickend erinnert sich Müry jedoch, wie sie es beinahe mit der Angst zu tun bekommen habe, als man ihr bei der Verlagsgründung zu ihrem großen Mut gratuliert habe: „Das war fast schon aufdringlich.“ Vielmehr war sich die Verlegerin ihrer Sache ziemlich sicher und ging mit einer kleinen Mannschaft und zahlreichen Ideen an den Start. In ihren ersten Programmen, könnte man sagen, übersetzte Müry die Attribute der Stadt wie Architektur, Kunst, Theater in die Form von Büchern. Es waren dazu nicht mal viele Schritte zu tun, sie konnte auf die jahrelang gepflegten guten Kontakte zu Autorinnen und Autoren zurückgreifen. Auch gibt es enge Verbindungen zu den Salzburger Festspielen. Sehr schnell entstand so eine Reihe sorgfältig gestalteter, bisweilen opulenter Bild- und Kunstbände, Monografien und andere Werke, die schon bald über Stadt und Land hinausstrebten. Dennoch sei die Verortung in der geschichtsträchtigen Stadt wichtig für den Verlag, sein Credo laute „Urbi et orbi“. Heute ist Müry Salzmann ein Verlag für Architektur, Theater, Fotografie, Kunst, Salzburg, Lebenskunst und Literatur. Von den ca. 140 lieferbaren Titeln machen die Architektur-Titel, zu denen die bemerkenswerte Serie „Architektur im Ringturm“ mit ihren knapp vierzig Bänden zählt, einen großen Teil aus. Das bekannte Wiener Bürohochhaus Ringturm zeigt regelmäßig Ausstellungen aus Süd- und Osteuropa.

Kappacher_Person und werkLiteratur im Blick

Mona Müry sieht sich nicht als reine Schreibtischtäterin, vieles komme auf sie zu und entwickle sich, sagt sie. Für diesen energetischen Prozess bedarf es Vertrauen, Wendigkeit, und Offenheit. Dann passiert es, dass schöne Bücher für Menschen entstehen wie etwa „Peter Handke. Porträt des Dichters in seiner Abwesenheit“ der Fotografin Lilian Birnbaum. Diese sei mit 300 Fotos von Handkes Pariser Bleibe in den Verlag gekommen, woraus sich der prächtige Bildband mit ca. 60 Stillleben entwickelte und ein begeistertes Medienecho hervorrief. Ebenfalls in die Rubrik Fotografie gehört einer, der nicht fehlen darf: 2011 erschien ein faszinierender Begegnungsband mit Thomas Bernhard in Text und Bild („Was reden die Leute. 55 Begegnungen mit Thomas Bernhard“).

Das Überleben eines Buchverlags ist nach wie vor abhängig vom Buchhandel. Allenthalben ist zu hören, dass man an ihm „dranbleiben“ müsse. Einschränkungen im Sortiment sind sofort spürbar, bei Müry Salzmann traf es vor allem das Architekturprogramm. Umdenken war angesagt. Das Neue ließ nicht lange auf sich warten und kam wieder auf den Verlag zu, dieses Mal in Gestalt des renommierten Schriftstellers und Büchnerpreisträgers Walter Kappacher, dessen Verlagsheimat eigentlich Hanser ist. 2012 entstanden zwei schöne Bildbände mit ihm und eine Freundschaft, später erschienen der Prosaband „Die Amseln von Parsch und andere Prosa“ und 2014 zwei preisgekrönte Beiträge für die Salzburger Festspiele in einem Band („Trakls letzte Tage & Mahlers Heimkehr“). Darüber hinaus bietet das Programm das „erste Buch über Walter Kappacher“. Walter Kappacher ist Müry Salzmanns erster Prosaautor. Damit kündigt sich aufregendes und erfrischendes Neuland im Profil an. „Elektrisiert durch das Neue der Literatur“ ist die Königsdisziplin inzwischen Mürys persönlicher Schwerpunkt, obwohl sie sich als Nichtgermanistin quasi gar nicht an die Literatur herangetraut habe. Aber die Literatur wollte zu ihr. Einer ihrer weiteren Erstlinge ist der junge, sympathische Autor Lucas Palm mit seinem Romandebüt „Weg von hier“. Professionelle Unterstützung holte sie sich zu dem Zeitpunkt von dem Lektor Paul Jandl, einige Jahre gesehen auch als Juror beim Bachmannpreis.

Mit dem Frühjahrsprogramm 2014 schlugen die Titel endgültig in der aktuellen, vielstimmigen Literaturlandschaft ein. Gleich drei junge deutschsprachige Autorinnen debütierten mit ihren anspruchsvollen Prosawerken. Besonders der Roman „Kindheitswald“ von Elke Laznia wurde im Feuilleton gelobt und landete dreimal auf der ORF-Bestenliste. Aber auch mit Lena Freudenthaler („Der Schädel von Madelaine“) und Nora Wicke („Vierstromland“) hat der Verlag vielversprechende Newcomerinnen gewonnen. Das Jahr schließt mit einer Publikation über Wohnbauten des inzwischen 90-jährigen österreichischen Architekten Harry Glück.

Mit einem verlagsgeografischen Spagat zwischen Salzburg und Berlin beweist die Verlegerin einmal mehr Experimentierfreude. Im heimischen Verlagshaus sieht sie sich selbst an allen Ecken und Enden, als halb und halb Idealistin wie Geschäftsfrau mit Verantwortung für ein Miniteam, das sie gerne vergrößerte. Wer schielte aber in der österreichischen Buchbranche nicht nach einem Standbein in Deutschland? Das Lektorat sitzt nämlich in der Hauptstadt und ist dort von einer literarisch lebendigen Szene umgeben und bestens vernetzt. So reißen auch im nachfolgenden Saisonprogramm die Erstveröffentlichungen nicht ab, zu ihnen zählen die Debütromane der jungen Schweizer Bettina Wohlfender und Patrick Maisano, erscheinen aber ebenso Titel bereits etablierter Schriftsteller wie von Jens Wonneberger („Goetheallee“).

Wohlfender_das_observatoriumEinschub: Buchempfehlungen

Bettina Wohlfenders schmaler und hochintensiver Roman „Das Observatorium“ ist ein poetisches Abarbeiten am Gestus des Beobachtens. „Ein Auge auf den Vulkan, ein Auge auf uns.“ Das tagtägliche wissenschaftliche Observieren des „schlafenden“ Berges durch zwei Frauen verschränkt sich zusehends mit den seismografischen Aufzeichnungen ihrer beider Lebensspuren, Gedanken, Schwächen, Assoziationen, als machte der Vulkan etwas mit ihnen. Die Autorin findet für diesen Prozess eine ebenso karge wie beschwörende, von schlagwortartigen Kürzestsätzen durchzogene assonanzenreiche Sprache.

Maisano_mezzogiorno_1_kleinPatrick Maisano legt mit „Mezzogiorno“ einen frohgelaunten und leichtfüßigen Roman vor über zwei Architektenyoungster, die im Akt des überschwänglichen Erzählens mit vielen italienischen und schweizerischen Einsprengseln Terrain erobern wollen – über die eigene Identität und Sprache, die Herkunft, eine Frau, den Beruf, Familie – und wie zwei Rapshoden miteinander wetteifern, sich unterbrechen, übersprechen, verbessern, als ob „ganz Verschiedenes und Widersprüchliches nebeneinander bestehen könnte“. Besonderen Charme hat die Engführung der Erzählfäden mit der cleanen Sprache der Architektur, die sich ebenfalls ihr Terrain erobert: Ein komplettes Bebauungskonzept wird abschnittsweise den einzelnen Kapiteln vorangestellt.

Gaertner, Unter Schafen_kleinFortsetzung

So stellt man sich die Belletristikmischung jedenfalls vor – wenige, überzeugende Titel pro Halbjahr, ohne starres Konzept. Die Verlegerin wolle hinter ihren Texten stehen und schwärmt von einem Miteinander in einer Art Autorengroßfamilie. Bei alldem klingt leise ein eigener Müry-Sound an, der sich verstärken wird. Druckfrisch, mit einem Händchen für Debüts, zeigt er sich wohlmöglich auch in dem ersten Roman von Bettina Gärtner („Unter Schafen“).

In der Buchgestaltung, gesetzt wird im Verlag, dominiert bei den Literaturtiteln die blütenweiße Fläche und die Reduktion. Der Vertrieb bewegt sich für sämtliche Titel auf allen Kanälen flächendeckend im deutschsprachigen Raum. Nicht einfach, dennoch wird ein kleiner, blutjunger österreichischer Verlag auch mit seinen spezifischen österreichischen Themen ebendort wahrgenommen. Die Frage nach Print versus Pixel im Literaturbereich ist eine für die nächste Zukunft: Die Auflagen werden zunächst als Druckwerke verkauft, E-Books sind bei weiteren Auflagen denkbar.

Büchermachen bedeutet ein ständiges „Vor- und Zurückschauen“, aber es soll für eine lange Zeit noch der gesellschaftliche und kulturelle Auftrag des Müry Salzmann Verlags bleiben. Für ihre Bücherschar wünscht sich Mona Müry zum Schluss „Langstreckenleser“ statt „Häppchenleser“ und -leserinnen. CulturMag wünscht es ihr auch.

Senta Wagner

www.muerysalzmann.at
Bettina Wohlfender: Das Observatorium. Salzburg: Müry Salzmann Verlag 2014. 132 Seiten.
Patrick Maisano: Mezzogiorno. Salzburg: Müry Salzmann Verlag 2014. 150 Seiten.
Foto: Senta Wagner

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