Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck


Bericht aus einem Treibhaus

– Als Katholik hat man es gelernt, sich zu bekennen. Zu Gottvater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Und zur Römisch-Katholischen Kirche sowieso. Für eine Literaturbesprechung hat so ein Bekenntnis und dann noch am Beginn der Ausführungen eigentlich überhaupt keine Bedeutung, aber ausnahmsweise mache ich es einmal. Also, wie Christoph Peters, der Autor des vor mir liegenden Buches, bin ich mit allen Heiligen Wassern des römischen Glaubens besprüht und gewaschen worden. Habe eine gediegene katholische Kleinstadtkindheit und -jugend in den Knochen. Aber da enden dann auch schon die Gemeinsamkeiten. Ein paar Jährchen Aufenthalt in diesem irdischen Jammertal trennen uns. Er hat weniger, der Schreiber dieser Zeilen mehr Lebensqual und -freude auf dem Buckel.

Während Peters seine pubertäre Leidenszeit in einem Internat unter ständiger Kontrolle von einigen Taliban-Nonnen und ebenso strengen wie gläubigen Priestern verbringen musste, hatte ich – im Rahmen einer provinziellen Kindheit und Jugend der fünfziger, sechziger Jahre versteht sich – wesentlich mehr Auslauf zwischen Kirche, Elternhaus und Schule. Übertragen auf die Diskussion um die Massentierhaltung war der Autor des Romans in einem Käfig mit einem Kreuz am Gitter eingesperrt, während ich den Katholizismus als ein freilaufendes Huhn verbracht habe. Beichte am Wochenende und dann ging es weiter im Takt der unvermeidlich alltäglichen Sünden. Diese andere Kindheitserfahrung ist aber von zentraler Bedeutung für die spätere Weltwahrnehmung.

Einen Roman wie „Wir in Kahlenbeck“ hätte ich niemals schreiben können, denn mir fehlt einfach die dafür nötige Wut auf die Pfaffen und Nonnen. Missbrauch habe auch ich erlebt, aber es war ein schwerer Missbrauch des uns durch die Aufklärung geschenkten oder mühsam eroberten zivilisatorischen Minimums an Rationalität durch das Kirchenpersonal, der mir sehr zu schaffen gemacht hat. Marienwunder statt Kinobesuch, Rosenkranzgebete statt Aufklärungsschriften.

In dem Roman von Peters werden Missbrauchsfälle von ganz anderem Gewicht geschildert, solche, die ein Leben von Minderjährigen prägen oder auch zerstören können. Den Kampf gegen und dann für die verlockenden Verführungen der Wollust und Begierde unterhalb und oberhalb der Bettdecke, habe natürlich (?) auch ich erlebt, durchlitten, genossen, aber ist das unbedingt typisch für eine christliche Sozialisation? Muss nicht, wer Kahlenbeck am Niederrhein sagt, gleichzeitig auch an das liberale Treibhausklima in einer Odenwaldschule denken? Bigotte Priester gab es dort nicht und trotzdem wurde eine Körpernähe zwischen Erziehern und Schülern gepflegt, propagiert und geduldet, die das Leben von Schülerinnen und Schülern geprägt, und in einigen Missbrauchsfällen auch tief verletzt hat.

Fromm und verlogen

Verlassen wir aber die tiefenpsychologisch-religiöse Meditation und nähern wir uns der Literatur. Auf zur Wallfahrt nach Kahlenbeck … Es ist nicht das erste Mal, dass ein Roman in dem Milieu eines Schulinternats angesiedelt ist. Seit den „Verwirrungen des Zöglings Törless“ von Robert Musil gab es in jeder neuen Generation Schriftsteller, die ihre oft autobiografischen Erfahrungen in einem Internat literarisch verarbeitet haben.

In dieser Tradition ist auch der Roman von Christoph Peters einzuordnen. Carl, der Protagonist, ist Schüler in einem Internat „irgendwo am Niederrhein“. Der zeitliche Rahmen der Geschichte bleibt ebenso unbestimmt. Sie spielt irgendwann in den frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Aber Genaueres zu wissen, ist eigentlich auch nicht wichtig für das Verständnis des Romans, in dem auf über 500 Seiten ausgewälzt letztlich auch nicht sonderlich viel geschieht, was den Leser vom Hocker reißt. Dass sich viele Leserinnen auf diese lange, zunehmend langweilige Lektürereise in das Herz der Finsternis eines Jungeninternats begeben, ist eher unwahrscheinlich.

Christoph Perters

Die frommen, halbfrommen, an ihrem naiven Kindheitsglauben zweifelnden und verzweifelnden Internatsschüler erleben jede Menge moralische und religiöse Anfeindungen, werden von dem geistlichen Hauspersonal oft mit fragwürdigen, manchmal auch durchaus bösartigen Erziehungsmethoden traktiert und gehen auch untereinander nicht immer im Sinne christlicher Nächstenliebe miteinander um. Das für die Triebe und die Liebe günstige schwüle Klima eines Jungeninternats wird in allen Details vom brausenden Tornado bis hin zur zärtlichen Windbrise beschrieben.

Kleriker nähern sich mit roten Köpfen und schweißnassen Händen jungen Buben. Die wiederum befummeln sich gegenseitig oder geben sich den drallen Verlockungen des weiblichen Küchenpersonals hin. Prälaten und Nonnen, die sich einem Leben in Keuschheit verpflichtet haben, schwadronieren über Tod und Teufel, um nur ja nicht in den Strudel von Lust, Leidenschaft, Sünde und Höllenqualen zu geraten. „Die Liebe ist der höchste Sinn des Daseins, die erste Eigenschaft Gottes. Sie wird unterhöhlt von Fallgruben, die allesamt in den Kerker der Verdammnis führen, aus dem es kein Entrinnen gibt.“ Das ist schön und fromm und verlogen formuliert, aber im Verlaufe der zäh dahinplätschernden literarischen Erinnerung an die dunkle Zeit in Kahlenbeck wird das alles auch immer monotoner.

Nicht viel zu lachen

Die Bloßstellung der weltfremd herumtapsenden und die Philosophie verdammenden Kleriker („Hütet Euch vor Sartre …“) ist zu Beginn der Lektüre manchmal noch entlarvend und böse. Später aber zuckt man über so viel Dummheit von Pädagogen in einem angeblichen Eliteinternat nur noch die Achseln. Gut gelungen sind dem Autor eigentlich nur die Schilderungen pubertärer Ängste, Hemmungen und Begierden. Aber muss man dazu wirklich diesen Wälzer lesen, der dem Genre der Internatsliteratur nur wenig hinzuzufügen hat?

Denn man hat wirklich schon mal literarisch interessantere und inhaltlich bewegendere Internatsromane gelesen als dieses Buch von Peters. Und zu lachen gibt es, entgegen der Verlagsankündigung, auch nicht sonderlich viel. Nur gähnt man oft und sehnt sich ein baldiges Ende der Internatszeit des Zöglings Carl herbei. Der Rezensent möchte aber nicht vergessen, Gott zu danken, dass er seine katholische Kindheit als ein freilaufendes Huhn verbracht hat und nicht in einen Internatskäfig eingesperrt war. Für ein Verbot der Massentierhaltung !

Carl Wilhelm Macke

Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck. München: Luchterhand Verlag 2012. 507 Seiten. Foto: Wikipedia.