Posted On 12. November 2014 By In Comic, Litmag With 1761 Views

Bibliothekar*innen-Workshop bei der 9. Comfor-Tagung

ComFor2014tagunsposter_grossSteht der Batman unter B oder M?

Eine Landschaftsbegehung von Comics und Bibliotheken anlässlich der neunten Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung von Charlotte von Bausznern

Bisher hatte ich zweimal die Gelegenheit an der Humboldt-Universität zu Berlin über Comics zu stolpern. Das erste Mal war eine Vorlesung aus der Reihe „Kinder-Uni“. Unter gefühlt 300 Kindern kam ich mir etwas außerirdisch vor. Das besserte sich wenig, als diese gefühlt 300 Kinder wie aus einem Mund eine muntere Auswahl an Comichelden lauthals und einstimmig benannten: Sie kannten sie alle. Und sie wussten alle, wie sich „PÄNG“ und „WRRRUMM“ und „zzzzzz“ anhört.

>>> nämlich wie Pistolenschuss, Automotor, und Schlafgeräusche.

Ähnlich ging es mir neulich an der Comfor, der Fachtagung für Comicforschung, genauer gesagt am Workshop für Bibliothekar*innen. Da kam ich mir zwar ebenso außerirdisch vor, aber inzwischen ist mir auch klar, dass das konstitutiv ist für Menschen am Rande des Comics (ob das auch für das Zentrum des Comics gilt, ist eine ungeklärte Frage).

Der Workshop für Bibliothekarinnen taucht nicht im offiziellen Programm der Fachtagung auf. Insofern befand ich mich an der bibliothekPeripherie der Peripherie, die in eine unbestimmte Mitte will, als ich am Freitag den 26.9.2014 in einem dieser sauerstoffarmen Seminarräumen des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft elf Menschen zählte und dabei versuchte, mich im Hintergrund zu halten. (Der Versuch wurde ziemlich schnell beendet durch den Veranstalter Matthias Harbeck. Damit war meine persönliche Ausgrenzung zunichte.) Diese elf Menschen waren gekommen, um das Bibliothekswesen und seine (noch) ziemlich periphere Auseinandersetzung mit dem Comic zu vertreten. Es waren darunter ein Dombibliothekar, eine ehrenamtliche Gemeindebibliothekarin, wissenschaftliche Bibliothekarinnen mit eigenem Comic-Etat und Sammelauftrag, Sebastan Oehler vom Reprodukt Verlag, Auge Lorenz in vielfacher Funktion (Zeichner, Mitgründer der Renate Bibliothek in Berlin, sowie wissenschaftlicher Bibliothekar im Archiv der Jugendkulturen) und in Begleitung eines Koffers voller Comics.

Es würde deutlich zu weit führen, die Personen zu systematisieren, die da waren, ganz zu schweigen von denen, die da auch noch hätten sein können. Oder sollen.

Dennoch lassen sich ein paar Knoten ausmachen: Es hatten sich, verglichen mit den Vorstellungen des Veranstalters und der Autorin, deutlich zu wenige Personen für diesen Workshop eingeschrieben. Mehr hätten zwar zu unhaltbaren Konsequenzen bezüglich der Raumluft geführt. Dennoch erzählte die Zahl der Anwesenden vor allem von einem: Der Zurückhaltung von Bibliotheken in Sachen Comics.

Des weiteren galt für alle Anwesenden, bzw. ihren jeweiligen Umgang mit Comics in den Bibliotheken, in denen sie tätig waren (dasselbe, so vermutet die Autorin, galt dann wohl auch für viele der Abwesenden): „Wir haben einfach mal so losgelegt“. Und aus diesem Grund waren sie auch da: Es ging ihnen um die Professionalisierung des Austauschs und der Vernetzung im bibliothekarischen Umgang mit Comics oder, vorsichtiger ausgedrückt, es ging ihnen darum, Antworten zu finden auf die Frage: „Und wie machen Sie das in Ihrer Bibliothek?“

Und schließlich galt für beinahe alle Anwesenden, dass sie Ritter im Kampf für den Comic sind. Sie waren auf der Suche nach Argumenten für Vorgesetzte und Bibliotheksnutzende. Nicht selten waren sie selbst massiv comicaffin, also beileibe nicht objektiv. Und so gut wie nie sahen sie darin einen Nachteil.

Ich werde im Folgenden weniger eine chronologische Aufzeichnung der Diskurse an diesem Tag versuchen, als eine Skizze der Landschaften, die sich aus ihnen ergaben. In dieser Landschaft finden sich finstere Wälder und helle Lichtungen, und des Öfteren ertappt man sich bei dem Gedanken, vielleicht im Kreise gelaufen zu sein.

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Sicher ist, dass eine Karte für diese peripheren Gebiete (noch) nicht existiert. Es liegt also drin, sich mal zu verlaufen.

Falls nicht allen der Zauber dieser Landschaft unmittelbar ins Auge springt: Auge Lorenz sprach an einer Stelle von der „hermetischen Parallelwelt für Kenner“ (er meinte die Superman-Welt, von der man trotzdem einiges gelesen haben muss) – wahrscheinlich bin ich an diesem Workshop in einer hermetischen Parallelwelt einer hermetischen Parallelwelt im Begriff der doppelten Öffnung gelandet.

Wenn sich Bibliothekarinnen also mit Comics auseinandersetzen, so folgt daraus, dass sie sich um eine Definition des zu sammelnden und zu klassifizierenden Objektes bemühen. Sie ist vermutlich nicht leicht zu verstehen für Außenstehende, diese Definitionswut von Bibliothekaren, die auch noch eindeutige Definitionen oder wenigstens eindeutige Regeln für Ausnahmen verlangt. Für eine Bibliothekarin ist sie aber essentiell. Ein sauberes Erwerbungsprofil liefert einen ausführbaren Sammelauftrag, und die intellektuelle Einzelentscheidung ist etwas, was die Bibliothekarin nach Möglichkeit meidet wie die Katze das Wasser. Konsequenterweise war dann das Thema des ersten Vortrags des Tages: „Was ist ein Comic oder: Was wollen wir eigentlich sammeln?“ (Auge Lorenz). Die Antworten, die sich auch immer aus dem lebhaften Gespräch aller Anwesenden ergaben, sind ein bisschen zu variabel, um sie hier wieder zu geben.

>>> Auf wissenschaftlicher Ebene scheint es zwei Argumente für die Aufnahme von Comics im Bestand zu geben: Als Teil einer graphischen Sammlung mit, natürlich zwingend, dem Bezug auf den Teppich von. Und/oder als Populärquellen für so etwas wie cultural studies. Werden Ansätze des bibliothekarisch so beliebten wie selbstverständlichen Universalanspruches – wir sammeln alles – hörbar, geht ein Raunen durchs Zimmer. So etwas traut sich kaum ein Comic-Bibliothekar – allein schon angesichts unübersichtlicher Comichefterscheinungen löst sich dieses bibliothekarische Urvertrauen in die potentielle Möglichkeit des vollständigen Sammelns in Papier auf.

Überhaupt war der Workshop zwar in der inhaltlichen Ausrichtung der Präsentationen eher an Bibliothekarinnen gerichtet, die noch unvertraut sind mit Comics – aber ausnahmslos jede Präsentation wurde aufgebrochen in ausnahmslos wild gemusterten Gesprächen von ausnahmslos versierten Teilnehmenden. In deren Wahrnehmung ist der Comic Grenzgänger, wenn nicht sogar Grenzsprenger – innovatives Medium per se.

Carl_Spitzweg_021Grenzen, nein, ganze Abgründe tun sich vielerorts für Bibliothekarinnen im Land der Comics auf. Ein außerordentlich elementarer und vielleicht etwas eigenartiger Abgrund (was daran liegt, dass Bibliothekarinnen Pfade für ihre Nutzenden anlegen, die intuitiv begehbar und daher so gut wie unsichtbar sein sollen) ist folgender: „Das Produkt Superman wird wie ein Opel immer weiter entwickelt.“

Wohin also stelle ich den Superman im Katalog, im Regal?

Auge Lorenz sagte, in der Renate Bibliothek steht der Batman unter B. Aber dann kommt die Afro-Isierung der Superheldencomics, und der wissenschaftliche Bibliothekar einer graphischen Sammlung verzweifelt ob der Manipulierbarkeit, der unmöglich feststellbaren Authentizität von Comics und Zeichnern. Und zudem steht außer Frage, dass der Batman von Miller genauso gut die Miller-Forschenden interessiert – warum finde ich den Batman also nicht unter M?

>>> In diesem Fall – Batman: Der dunkle Ritter – ist Frank Miller Autor UND Zeichner. Noch komplexer wird es sofort und unumgänglich, wenn Autor und Zeichner, wie bei Superhelden-Comics üblich, zwei verschiedene, und beidseitig prominente Künstler sind…

Wobei manche schon an der kreativen Titelblattgestaltung von Comicheften verzweifeln, wie Julia Mayer vom JFK-Institut zu berichten wusste. Produzierenden von Comicheften war es offensichtlich egal, ob die Bibliothekarin den korrekten Untertitel der Serienausgabe (ist es denn eine Serie? oder ein abgeschlossenes, mehrbändiges Werk?) oder nur schon Umrisszeichnende, Textende, Herausgebende erkennen kann. Es handelt sich hier um einen wahrhaftigen Thriller: Wo ist die Haupttitelblattseite? Der kleine klaffende Abgrund dahinter, erkannte Julia Mayer, ist die unzureichende visual literacy der Bibliothekarin – noch so ein fehlendes Fähnchen im Ausbildungskatalog.

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Außerdem kämpfen Bibliothekare, die auch beruflich Comics sammeln, wie gesagt immer gegen den „Schmutz-und-Schund-Drachen“, ein wirklich fürchterliches Viech, das sich historisch wandelbar zeigt und scheinbar nicht niederzumachen ist. Solche Drache sehen aus wie Eintauschaktionen christlicher Verlage – Comics gegen „gute Bücher“ – oder wie der Empörungsausruf angesichts der rollenden Manga-Welle. Solche Debatten hat es immer wieder gegeben, unterschiedlich unterfüttert und unterschiedlich scharf; solche Debatten hatten politischen Einfluss; und die Rolle von Bibliotheken in solchen gesellschaftlicher Debatten um den „guten Geschmack“ wäre ein wunderbares Forschungsthema.

>>> Und nicht unwichtig an diesem Punkt war der Hinweis des Veranstalters Matthias Harbeck zu diesem Legitimationsprozess des Comics im Hinblick auf die sich aktuell etablierende Comicforschung, in deren Zentrum wir zu diesem Zeitpunkt ja peripherisch unterwegs waren.

Die Anwesenden allerdings hatten sich ja längst auf der Seite der Comic-Ritter verdingt. Insofern sprachen sie zum Beispiel eher über den Kampf gegen den Stress-Faktor Eltern: Es scheint eine deutsche Frage zu sein, wie sehr die Angst vor dem Jugendschutz die Aufstellung von Comics beeinflusst. Angeblich kennen „die in Dänemark“ (Constanze Döring) so etwas nicht. Also keine Kleberchen mit Altersangaben drauf, kein Wegschliessen von gefährlichen Büchern im Magazin, keine Verantwortungsatlanten auf den schmalen Schultern des Personals. Glückliches Bibliotheksland Dänemark.

child-picture-excerptOder es ging um die Schlacht: Wie erreichen meine Comics meine Lesenden? Zum Beispiel, indem Aufklärungsarbeit mit dem schönen Begriff Graphic Novel geleistet wird, fand Sebastian Oehler vom Reprodukt Verlag: Der Info-Flyer „Graphic Novel“ „kommt bei den Bibliotheken gut an.“ Worauf die Gegenfrage aus den Reihen der Bibliothekarinnen nicht lange auf sich warten ließ: „Ja, aber wie kommt er dort an?“ Parallel warf Matthias Harbeck von hinter seinem Laptop ein, der Informationsteil für Bibliotheken auf der Website sei jetzt aufgeschaltet. Letzterer ist ein Ergebnis der Zusammenarbeit des Informationsportals mit der ekz, der Einkaufszentrale für Bibliotheken, also dem Monopolisten für Regale, Etiketten und Medien für Bibliotheken. Ein später folgender Vortrag der ekz-Vertreterin Regine Mitternacht verursachte dann richtig schlechte Luft im Raum. Das lag vielleicht daran, dass sie das Ziel der ekz-Unternehmungen in Sachen Comic als Hilfestellung für Bibliothekarinnen formulierte, die kein Interesse an Comics haben (wollen) – und dass sie damit eindeutig im falschen Raum saß. Die ekz hilft unsicheren deutschen Bibliothekarinnen mit Rezensionen, in denen das Label „dieser Comic kommt ohne Gewalt aus“ vorkommt, und mit dem Türöffner Graphic Novel, der eben doch ein Qualitätsmerkmal sein will – denn bei Graphic Novel handelt es sich ja offensichtlich um ein Signal für ernstzunehmende Literatur.

Jetzt wollen wir doch mal vom Abend des Tages sprechen, und zwar von der Podiumsdiskussion (diese wiederum im Rahmen der Fachtagung) zu der Frage „Welche Grenzen überschreitet der Comic?“. Die „Distinktionsspielchen“ während des Workshops hätten manchen Podiumsteilnehmenden – drei Comic-Wissenschaftler, eine Comic-Verlegerin, eine Comic-Künstlerin – das Fürchten gelehrt – obgleich sie ja aus dem hehren Wunsch geboren sind, dass jeder Batman gefunden werden kann, ob nun von Frank Miller oder nicht. Gerade das integrative Moment des Comics wiederum lehrt Bibliothekarinnen das Fürchten – obgleich diejenigen, die sich dafür interessieren (wollen), diese Eigenschaft anerkennen, wenn nicht lieben. Aber sogar das Podium entgrenzte sich an der Frage des guten Geschmacks – wenngleich sehr spielerisch und sehr gut gelaunt.

Und während der Workshop die Landstraße nahm, rauschte das Podium in einer Sache auf der mehrspurigen Autobahn: Es fehlen offensichtlich Infrastrukturen für den wissenschaftlichen und bibliothekarischen Umgang mit Comics. Die diesjährige Comicfachtagung kann insofern als Grenzstein gelten, als sie solche Infrastrukturen diskursiv anzureißen versuchte und damit neue Landstriche erobern wollte –selbstverständlich allerdings als peripherer, auf die Mitte zielender, integrativer und öffnender Grenzstein. Auf dem Podium und im OK der Fachtagung saßen daartemis-1bei auch die Hintermänner einer möglichen Institutionalisierung: Jens Meinrenken, Matthias Harbeck, Stefan Neuhaus und andere arbeiten an der Gründung eines Comic-Instituts, den Auftakt gab das bereits 2013 erschienene Comic-Manifest. Damit könnten sie durchaus dem explodierenden Galaxienstrudel rund um ein paar sonnige Zentralfragen einen möglichen Sondierungsraum geben – Infrastruktur eben. So gesehen war die Fachtagung mit dem dazugehörigen Workshop so etwas wie die „pikante“ Literatur für Bibliotheken: Es gäbe die eine Möglichkeit, sie in den Giftschrank zu stellen – und mehrere tausend Möglichkeiten, sie zu lesen.

Auf meinem Zettel steht jetzt eigentlich nur noch eine Frage. Nein, es ist mehr als eine Frage, es ist ein Rätsel, ungelöst selbst Wochen nach der Tagung: Wie kommt es, dass bisher keine Arbeitsgruppe für Bibliotheken und Comics gegründet wurde?

Charlotte von Bausznern

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