Posted On 5. Dezember 2015 By In Kolumnen und Themen, Litmag With 1040 Views

Bestenliste: Der Litprom-Weltempfänger Winter 2015/16

weltempfaenger_LogoAuf Empfang aus aller Welt

„Weltempfänger“ heißt die Litprom-Bestenliste zur Literaturübersetzung, die vier Mal im Jahr herausragende literarische Stimmen, die im deutschsprachigen Raum noch zu entdecken sind, vorstellt. Eine neunköpfige Jury aus Literaturkritikern, Schriftstellern und Kulturjournalisten nominiert sieben Titel unter allen Neuerscheinungen der ins Deutsche übersetzten Belletristik aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt und stellt ihre Auswahl mit Kurztexten vor.

Wir freuen uns sehr, diese außergewöhnliche Liste, die echte literarische Entdeckungen bereithält, regelmäßig im CulturMag präsentieren zu dürfen.

In der Winterausgabe des Weltempfängers steht Eka Kurniawans Roman „Tigermann“ über Mythen, Liebe und Hass auf Platz 1. Auf dem zweiten Platz liegt die Neuübersetzung des Romans „Die weite Sargassosee“ von Jean Rhys, der den Konflikt zwischen Schwarz und Weiß und das Dazwischen, das Kreolische in der Karibik beleuchtet. Platz 3 nimmt die weltumspannende südafrikanische Familiengeschichte „Der Löwensucher“ von Kenneth Bonert ein. Auf Platz 4 folgt Ivan Vladislavić mit „Double Negative“, einer Reflexion des Übergangs Südafrikas von einem Apartheitsregime zur Regenbogennation. Platz 5 belegt Sonia María Cristoff mit ihrem Roman „Lasst mich da raus“ über die Tücken eines Schweigejahres in einem argentinischen Provinzmuseum. Álvaro Enrigue aus Mexiko schickt den Leser zu einer Tennispartie zwischen zwei Künstlern, die eigentlich eine Reise durch die Welt der Geschichte in die Moderne ist und landet mit „Aufschlag Caravaggio“ auf Platz 6. Abgerundet wird die Bestenliste durch die umfassende Anthologie „Afrika im Gedicht“, in der Al Imfeld Lyrik ab 1960 aus allen Regionen zwischen Südafrika und Ägypten zusammengetragen hat.

Jurymitglied Thomas Wörtche stellt uns die Nummer 1 der Liste, Eka Kurniawans „Tigermann“, etwas ausführlicher vor.

tigermannCountry noir aus Java

Es hat sich ein bisschen eingebürgert, „Country Noir“ als rein amerikanische Angelegenheit zu verstehen. Was sicherlich zu kurzsichtig wäre, haben doch u.a. Jean-Patrick Manchette oder Pierre Magnan mit ein paar sehr gewichtigen Romanen über die finstere countryside Maßstäbe für dieses Subgenre gesetzt. Definitiv nicht erwartet man einen lupenreinen country noir aus Java. Aber voilà – das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse, Indonesien, hat einen zu bieten: „Tigermann“ von Eka Kurniawan (Ostasien Verlag, Übersetzung: Martina Heinschke). In einer Kleinstadt auf Java beißt ein junger Mann anscheinend grundlos einen nicht so netten Mitbürger tot. Er reißt ihm mit den Zähnen die Kehle heraus, zerfetzt ihm Adern und Röhren und behauptet dann, in ihm hause ein Tiger.

Auch wenn Kurniawan ein von Comics und Horror-Stories beeinflusster Autor ist, haben wir es hier nicht mit einem Wer-Tiger-Roman zu tun, sondern mit einer Geschichte, die auf ästhetisch elegante und raffinierte Weise das Leben in einer Militärdiktatur symbolisch in einer Kriminalgeschichte vom Lande reflektiert. Das ist einerseits fremd und faszinierend, weil Rationalität hier kulturbedingt ein magisches Element hat, andererseits, weil das Buch direkt von Gewalt und Verbrechen handelt, ein erfreulich robuster und expliziter roman noir. Extrem empfehlenswert.

Weltempfaenger_Winter

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