Auf der internationalen Messe BUCH WIEN


Karl Kraus auf dem Tisch:

Am Sonntag ist die internationale Messe BUCH WIEN mit einem neuen Besucherrekord zu Ende gegangen. CULTurMAG-Mitarbeiterin Senta Wagner hat sich Österreichs größte Branchenshow betrachtet, sympathische Verlage besucht und interessante Neuerscheinungen entdeckt, die sie uns in den nächsten Wochen näher vorstellen wird.

Es ist wieder so weit. Ich mache mich auf zur dritten Ausgabe der BUCH WIEN (= internationale Buchmesse und Lesefestwoche), die stattfindet vom 15. bis 21. November 2010. Bei der offiziellen Eröffnungsfeier des Bücherfestivals, am Abend des 17., bin ich gefühlt allein unter sechshundert geladenen Gästen. Ich lausche den Beschwörungen des gedruckten Buches, des Lesens und überhaupt der Sinnhaftigkeit einer Messe aus den Ecken der Politik und der Branche und: MUSS die ganze Zeit stehen. Weil das Buch aber auch befühlt, beschnuppert und gelesen werden will, ist der darauf folgende Tag mein persönlicher Messetag.

In der Messehalle, deren Koordinaten quasi mit dem bloßen Auge erfasst werden können (zum Vergleich: „erweitertes, fast so gemütliches Wohnzimmer wie zu Hause“), warten dann 250 vorwiegend heimische sowie internationale Verlage vor allem aus Südost- und Zentraleuropa mit ihren Novitäten, Titeln aus der Backlist, Keksen und Gummibärchen auf mich. Zur Einstimmung borge ich mir ein paar Worte von Karl Kraus aus seinem „Sprichwörtlichen Wiener Leben“: „Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel zu lesen?“ Kraus scheint mir für heute ein besonders passender Begleiter zu sein, auch andere schaffen nicht alles. Also ist es wohl am sinnvollsten, wenn ich mich auf die kleinen und mittleren unabhängigen Verlage aus Österreich konzentriere, die sich um die heimischen Autoren und Autorinnen verdient machen. Um Comic, Koch- und Hörbuch & Co. machen ich (und Kraus) einen Bogen. Den oben erwähnten Band habe ich von dem kruschteligen Büchertisch des Metroverlags. Die kümmern sich um Wiener „Angelegenheiten“ in Literatur, Sach- und Kunstbuch.

Ein paar Kojen gemütlichen Gehens weiter sehe ich an einem Stand ein gemachtes Bett. Dort liegt die Leselotte. Auf jeder Messe, stelle ich fest, gibt es so alberne? sinnvolle? Sachen drum herum. Diese Sache ist ein knuffiges, in verschiedenen Farben erhältliches kleines Kissen. Auf dem kommen die Bücher, die einen Farbeinband umgelegt bekommen, zum Liegen, Buch und Kissen kletten mit einem Klettband aneinander. Mit der Leselotte kann man die dicksten Bücher im Bett lesen und hat es bequem dabei, heißt es. Wurde von mir nicht überprüft.

Hier immer aktuell: Thomas Bernhard

Beim St. Pöltener Residenz Verlag ist Vorbeischauen ein Muss, die treffen gern ihre Leser. Die „Autobiografischen Schriften“ in fünf Bänden von Thomas Bernhard wurden dort jetzt neu aufgelegt, weil Bernhard hierzulande einfach nicht out ist. Viel versprechend ist auch der Roman „unter uns“ von Angelika Reitzer (zur Rezension hier). Die Kinderbücher sind erstklassig. Nun klebt der großzügige Verlagsstand praktischerweise Rücken an Rücken mit dem Gemeinschaftsstand der Wiener Verlage Folio und Czernin („Kleiner Verlag mit hochwertigem Programm“). Man ist unter sich, doch auch hier ist das Publikum hochwillkommen. Von Czernin empfehle ich Ihnen (Sie lieben doch Arno Schmidt?) hiermit dringend: „Déjà-vu mit Pocahontas und Raritan River“ von Michael Stavarič (Besprechung folgt). Der Verlagsleiter selbst drückt mir in die Hand den ersten Textsammelband aus der Reihe Moderne Nerven: „Abwärts“ (Besprechung folgt). Soll die Gestaltung bewusst trashig sein?, sage ich. Soll sie. Ist gar nicht so einfach (und günstig), ein Buch billig aussehen zu lassen, sagt der andere. Gewiss brauchen wir in Zeiten wie diesen moderne Nerven, der Begriff stammt aber in Wirklichkeit aus den 1920ern von dem österreichischen Architekten Adolf Loos.

Gerangel mit anderen Besucherinnen und Besuchern konnte ich bisher nirgendwo feststellen, wie es sich für ein angenehmes Wohnzimmergefühl gehört. Am Schluss sollen es 28.600 Messebesucher gewesen sein – eine erfreuliche Zahl für Veranstalter und Aussteller.

Am winzigen Verlagsstand der edition lex liszt 12 aus dem Burgenland erfahre ich im Schnelldurchlauf etwas über die Zeitgeschichte und die Literatur des Landes. Der einzige Verlag dort hat sich somit auch auf das Verlegen burgenländischer Autoren und Autorinnen spezialisiert, kümmert sich ja sonst keiner um die Identitätsfindung und Sprachenvielfalt des Grenzlands. Kraus, dem war die Sprache immer ein Anliegen. Da ich mit den meisten Titeln aufgrund meiner Unkenntnis der Mundarten nichts anfangen kann, blättere ich lieber in den Bildbänden. Großartige Farbfotografien und wenig Text bietet der Schmöker „Raumbilder“. Hans Wetzelsdorfer hat das „Innenleben“ des Landhauses (= Landtag oder so) Eisenstadt fotografiert. Darin offenbart sich eine professionelle Liebe zum Detail in der kreierten Unordnung (inklusive Kitsch und Kram) eines Regierungssitzes, wo es nach Arbeit aussehen soll.

Gut gemischtes Rahmenprogramm

Jetzt ruhe ich mich aus. Von den Strapazen kann man nicht sagen, von den interessanten, freundlichen Begegnungen eher. Die eingeschlossene Luft riecht nach Büchern und Menschen, die gehören ja auch zusammen. Das abwechslungsreich zusammengestellte Rahmenprogramm, das in kürzeren, längeren Takten von Lesungen über Diskussionen und Buchpräsentationen reicht, findet beim Publikum seinen Anklang. Stimmen von Mitwirkenden hallen durch die Halle von einem „Schauplatz“ zum anderen. Von den ganzen Veranstaltungen über die Stadt verteilt, die ich (und Kraus) schon gleich gar nicht alle schaffen zu besuchen, kann an dieser Stelle nicht berichtet werden.

Wieder munter, gehe ich zum Dreiergemeinschaftsstand des Klever Verlags und der Edition Korrespondenzen aus Wien und des mitterverlags aus Wels. Ich verweile dort und nehme mit dem Verleger der Edition Korrespondenzen jeden einzelnen Titel in die Hand, und wir blättern: schöne Farben, schöne Gestaltung für exquisite, hochpoetische Literatur. Ich stehe neben einem echten Leidenschaftlichen. Ilse Aichingers (Brüder Grimm) „Der Wolf und sieben jungen Geißlein“ schimmert etwa in goldenem Einband. Der Hausverlag der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse („Donauwürfel“ 2010) und der in Wien lebenden Lyrikerin Anja Utler darf beobachtet werden. Der Verleger Klever vom Klever Verlag ist absent, sein junges Verlagsprogramm seit 2008 ein „lustvolles Laboratorium für avancierte Gegenwartsliteratur“. Ich suche mir den Titel „Der Türspion“ des Niederösterreichers August Staudenmayer aus und die „Populären Panoramen I“ der Wienerin Brigitta Falkner, um sie für Sie zu besprechen. Mit den „Idiomen – Hefte für Neue Prosa“ setzt der Verlag überdies auf das Medium Zeitschrift und schaltet sich beherzt ein in die Feuilletondiskurse. Der noch in Innsbruck ansässige Kyrene.Literaturverlag macht Postkartenwerbung für sein vielfältiges Programm mit nackter Haut: „Lust auf mehr?“ ist zu lesen. Ja, und ich lobe die aktuelle Veröffentlichung der Gedichte von Herbert Rosendorfer „Neue Lieder, schlichte Weisen“. Im Januar zieht der Verlag nach Wien, sagt mir der Verleger, was mich freut. Veranstaltungen sind sein A und O, Wien ein Mekka in dieser Hinsicht.

Eine gute Idee: Die Stadt verschenkt 100.000 Bücher

Melinda Nadj Abonji

Von Weitem grüße ich den Literaturverlag Droschl aus Graz, Jochen Jung vom Verlag Jung und Jung beglückwünsche ich ebenso innerlich zum Deutschen und Schweizer Buchpreis für „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji. Beim Luftschacht Verlag erfreue ich mich einmal mehr an seinen außergewöhnlichen Kinderbüchern. Dann winke ich, schon etwas matt, ein paar deutschen Verlagen und ihren Büchern, schließlich Kein & Aber, dem Wieser, Picus und dem Haymon Verlag. Hat da jemand was von E-Books gesagt?

Beim Verlassen der übergeordneten Messehalle nehme ich mir das Gratisbuch der Stadt Wien und stecke es in meine Tasche. Die Stadt verschenkt wieder 100.000 Exemplare eines Werkes, diesmal „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ von Dai Sijie mit der Botschaft, was „Literatur für Menschen leisten kann“. Das ist sehr gut. Ebenso, dass der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur 2010 an den Schweizer Schriftsteller Paul Nizon ging.

Senta Wagner

Fotos: © Reed Exhibitions Messe Wien

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