Bachmann-Preis 2012


Eine einzige Umarmung

– Rückblickende Betrachtungen zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2012 in dezenter Anlehnung an den Vorbericht von Senta Wagner.

Ich war Verena Rossbacher, jetzt bin ich wieder ich. Und ich berichte heute rückblickend von den 36. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Der Wettbewerb um den Bachmannpreis ist zu Ende, die Gewinnerin steht fest, und die Welt trudelt längst weiter. In den Medien landauf, landab ist bereits alles gesagt geworden, analytisch wie synthetisch, Lob und Kritik wurden verteilt, wie immer nach dem Großen und Spannenden, ja Literarischen in den Texten gesucht.

Mir bleibt meine Geschichte einer Verwechslung zu erzählen, als ich solange Verena Rossbacher war, bis ich darüber aufklärte, dass ich es nicht bin. Wäre ich es, hätte ich den wunderbaren Roman „Verlangen nach Drachen“ (2009) geschrieben und 2010 am Preislesen teilgenommen, ohne Erfolg.

Mit einer Umarmung hat der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen seine abschließenden Worte nach der Preisverleihung am vergangenen Sonntag begonnen – einer Umarmung der Stadt Klagenfurt. Ich schlängele mich in die Geste hinein und erweitere sie auf das Erlebte, beschreibt sie doch das wohlige Gefühl des Dabeiseins, vor allem in Echtzeit, alles live, beim konzentrierten Zuhören, dem synchronen Mitlesen und Blättergeraschel. Man könnte von einer aufregenden Erfahrung des Eingeweihtseins, einer Inklusion sprechen. Bei mir als Bachmannnovizin ist dies geglückt.

Keiner da, ORF-Studio Kärnten 2012

Stehtag

Im ORF-Studio Kärnten, wo der Wettbewerb stattfindet, geht es tatsächlich eng zu, dafür herrschen im Vergleich zu draußen angenehme Temperaturen, die Sitzplätze alle besetzt, Stehplätze auf Klemmpassung. Ich stehe – ein paar Stündchen nur. „Bitte, müssen Sie ständig an mich dranstoßen?“, frage ich den Herr neben mir. Dafür ist meine Sicht hervorragend, alles im Blick, quasi ein Panoramablick, eigentlich viel besser als im Sitzen, obwohl ich am nächsten Tag in der ersten Reihe zum Sitzen komme. Eng presst man auch hier die Arme an den Körper, kaum Beinfreiheit, will man nicht mit den drei durchs Studio schiebenden Kameraleuten und ihren Technikgefährten ins Gehege kommen, zu den Füßen windet sich darüber hinaus der Kabelträger. Nach den Lesungen greift das Publikum blitzschnell zum Stift und schreibt die Beurteilungen der Jury mit, auch hier herrscht Synchronizität.

Texte, Klagenfurt 2012

An meinem Stehtag liest Olga Martynova, die Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises, geboren 1962 bei Krasnojarsk in Sibirien. Ihr Siegertext heißt „Ich werde sagen: ‚Hi!‛“ Sie trägt ihn mit einem anmutig rollenden Akzent vor, sehr langsam, mit lustigen Betonungen. Ich lese mit und höre gleichzeitig fasziniert zu, das scheint mir eine gelungene Symbiose zu sein. Wiewohl auch der Text überaus gelungen ist, das wird während des Vortrags rasch klar. Er fällt auf, trägt davon, sondert sich ab voller Witz von den anderen bisherigen (und auch noch kommenden) schmerzens- und lustvollen „Kindheits- und Übergangsgeschichten“, einer fast durch die Bank weg durchgearbeiteten (hier und da sommerlichen) Innerlichkeit. Juror Paul Jandl hat Martynova vorgeschlagen und rühmt in seiner Laudatio „eine hochreflektierte Poetologie, in der es tatsächlich um Adam und Eva geht, um die ägyptische Mythologie, um E.T.A. Hoffman, Daniil Charms, um eine Pharaonentochter, um Geschichte und Geschichten. Die Provinz, von der hier erzählt wird, ist die größte, es ist die des literarischen Einfalls. Aus den Träumereien der Kindheit, dem Paradies duftender Holunderbüsche und früherotischer Phantasmagorien ist einer vertrieben, dem auch die Erkenntnis nicht schwer werden wird: Schreibend wird er versuchen, das Komplexe, das Historische, das Politische und nicht zuletzt das Sinnliche der Welt zu verstehen. In der einen Hand hat er noch die Eistüte, in der anderen schon das I-Pad. Er ist ein Schelm, wie er nur von Olga Martynova erfunden sein kann.“ Ich hatte tatsächlich heimlich auch auf sie gesetzt – und auf ihren Pfiffikus Moritz, der mir nichts dir nichts bei seinen Schreibversuchen durch allerlei Kulturen und Zeiten schlingert.

Holzliegestuhl, Klagenfurt 2012

Sitztag

An meinem darauffolgenden Sitztag ist Matthias Nawrat an der Reihe, der bereits während seines selbstgestalteten Videoporträts ein paar (gemütliche) Lacher auf seiner Seite hat: Nawrat beim gemütlichen Bier im Imbiss an der Ecke in die Kamera philosophierend. Der 1979 in Polen geborene Autor beschreibt in seinem Beitrag „Unternehmer“ die prekäre Idylle eines Familienunternehmens, in dem die eigenen Kinder aus ökonomischen Zwängen zum Ausweiden von Elektroschrott missbraucht werden. Aber der Familientraum ist ja ein gemeinsamer: das grüne Neuseeland. Ein schräger Text, der mir gefiel. Nawrat gewinnt dafür den kelag-Preis.

Körperliches Unbehagen empfinde ich nach der Lesung des preisgekrönten Übersetzers Leopold Federmair, der mit seinem freudlosen Text „Aki“, einem „Kellnerinnentext“, so überhaupt nicht ankommt. Andere Lesende saßen ja während der Diskussion einfach nur da und schauten, Federmair erstarrte, fummelte an seinem Fotoapparat herum oder fotografierte die Jury. Der „erste performative Akt“ während des Wettbewerbs, meinte Jurorin Corina Caduff, für mich sah das eher nach schierer Not aus – aufstehen und gehen, geht ja auch nicht. Zum Glück hatte ich fast immer einen Kameramann vor der Nase.

Lisa Kränzler erhält für ihre „Böse-Mädchen-Geschichte“ „Willste abhauen“ den 3sat-Preis, Inger-Maria Mahlke bekommt den Ernst-Willner-Preis und Cornelia Travnicek hat sich mit „Junge Hunde“, einem Romanauszug, den Publikumspreis verdient. Dieses hat die Sache wohl doch ganz anders gesehen. Die junge Autorin hat das Kunststück vollbracht, die Jury während der gesamten Diskussion freundlich anzulächeln. Die vergisst ja bisweilen, dass da ein Autor, eine Autorin sitzt, unvermittelt kann es ihr einfallen. Im Gegensatz zu vielen anderen abgeschlossenen Texten des Wettbewerbs können sich die Lesenden hier also auf einen Roman freuen, und mit dem Label Bachmannnebenpreisträgerin oder so ähnlich schmückt noch jeder Verlag seine Bücher gerne.

Zitate lesen, Klagenfurt 2012

In der Halbliegeposition

Nach Steh- und Sitztag suche ich nach Ingeborg Bachmann in ihrer Geburtsstadt. Ich finde sie in Zitaten, freilich nur im überschau- und abradelbahren Zentrum der Stadt. Grüne Transparente baumeln aufgespannt von einer schnörkeligen Hausfassade zur gegenüberliegenden, Bachmann neben Kofler, neben Haderlap. Auch die an allen Ecken und Enden aufgestellten grün- , orange- und gelbfarbenen Liegestühle sind Multiplikatoren von Sätzen der Schriftstellerin. Dabei ist es fast immer der gleiche, hat sie nicht mehr gesagt? Oder stellt dieser eine berühmte alle anderen in den Schatten? „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Lendhafenträumereien, Klagenfurt 2012

Ich denke darüber nach in Einheit mit dem Gehörten beim Wettlesen in meiner später eingenommenen Halbliegeposition am Klagenfurter Lendhafen, in der „Wahrnehmungsritze“ von Tex Rubinowitz. Dort kam es zu dem Moment der Enthüllung, wo ich Tex Rubinowitz sagte, dass ich ich und nicht, wie er vermutet hat, Verena Rossbacher sei. Niemals hätte ich ihn mit jemand anderem verwechselt. Es ist an diesem Ort so traumverfallen und schön, wie ich mir das in meinem Vorbericht zusammenfantasiert habe: einen lauen Abend lang Literaturdjing mit DJane Commander Venus (zur Playlist), den anderen, klammeren Abend lang „Evergreens of Psychoterror“, rare Singles spontan aufgelegt von Tex Rubinowitz und DJane Commander Venus. Kein Terror, ein Segen.

Senta Wagner

Alle Lesungen und Diskussionen sind abrufbar auf bachmannpreis.eu.
Jetzt erschienen Olga Martynova: Von Tschwirik und Tschwirka. Gedichte. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Graz: Literaturverlag Droschl 2012. 96 Seiten. 16 Euro.

DJ CommanderVenus aka Simone Dueller, geboren 1983 in Villach ist Teil des Ausstellungskollektivs DAMENSALON und als Obfrau von kult:villach für die künstlerische Leitung des autonomen Kulturzentrums Kulturhofkeller zuständig. DJ CommanderVenus bei Facebook.

Tex Rubinowitz bei Riesenmaschine.