Posted On 3. Mai 2016 By In Kolumnen und Themen, Kunst, Litmag, News With 4016 Views

Ausstellung: „Das imaginäre Museum“ im MMK

mmk_imaginäre museumWas wäre, wenn…

… es keine Kunst mehr gäbe? Das MMK widmet sich in seiner Ausstellung „Das imaginäre Museum“ dem Szenario des Verschwindens der Kunst – und meint damit das Betriebssystem Kunst unserer Zeit. Von Kerstin Schoof

Das Szenario des “Imaginären Museums” ist in jedem Fall außergewöhnlich, Science Fiction und Old School zugleich: im Rückgriff auf Ray Bradburys Klassiker „Fahrenheit 451“, der eine Zukunft entwirft, in der Bücher verbrannt werden und zusehends verschwinden, versetzen das MMK, die Tate Liverpool und das Centre Pompidou ihre Kooperationsausstellung in eine Zukunft ohne Kunst.

Aus der Perspektive des Jahrs 2052 repräsentieren ausgewählte Werke aus den Sammlungen der drei Museen das, was moderne und zeitgenössische Kunst einmal war: von Sigmar Polkes Kartoffelmaschine über Martin Parrs Fotografien aus englischen Seebädern, „The Last Resort“, von Cindy Shermans „Untitled Film Still #48“ über Thomas Bayerles „Nürnberger Orgie“ bis hin zu Andy Warhols „Brillo Soap Pads Box“ oder Isa Genzkens Raumfahrer „Oil XV und XVI“ .

Martin Kippenbergers „The Modern House of Believing or Not“ spielt emblematisch mit dem Museum als Ort. Nicht die bekanntesten und wichtigsten Werke wollen die Kuratoren zeigen, sondern einen Querschnitt durch verschiedenste Ansätze, Materialien, Herangehensweisen der Kunst.

Konzeptbedingt ergibt sich so ein wilder Mix, aus dem einige Highlights dann doch herausragen, u. a. zwei Arbeiten von Marcel Duchamps: „Why Not Sneeze Rose Sélavy?“ und seine „Boîte“, die ein mobiles Museum im Modellformat nachbaut.

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Marcel Duchamp, Boîte, Paris 1964 MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, © Succession Marcel Duchamp / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto/photo: Axel Schneider

Das Wesen der Kunst

Zusammengefasst und geradezu katalogisiert werden diese Kunstwerke in Abschnitten wie „Die andere Seite“, „Die unendliche Geschichte“ oder „Enigma“. Im vermeintlichen Rückblick werden das Wesen und die Wirkung der Kunst skizziert:  Kunst, die sich mit Wahrnehmung beschäftigt, Kunst, die Grenzen überschreitet oder sich mit Spiritualität auseinandersetzt.  Aus diesem Versuch, sich dem anzunähern, was Kunst eigentlich ist – und was demnach fehlen könnte, wenn sie verschwindet – resultiert ein bisweilen recht pädagogischer Aufbau der Ausstellung, der die Objekte in ihrer Vieldeutigkeit einschränkt und auf Illustrationen von Statements über das Funktionieren der Kunst reduziert.

Diese Ordnungs- und Beschreibungswut – neben jedem Kunstwerk sind Abreißzettel mit Daten zu Werk und Künstler angebracht, die die Besucher als Gedächtnisstütze mitnehmen können – ist neben aller Zukunftsprojektion jedoch auch ein historischer Verweis der Ausstellungsmacher auf einen realen Fall des Diebstahls und der Zerstörung von Kunst ebenso wie den Versuch, sie trotzdem zu erfassen und zu bewahren: den Kunstraub durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Ein Foto aus dem Louvre, das leere Bilderrahmen mit Vermerken der dorthin gehörigen Gemälde zeigt, verankert das spekulative Thema der Schau in der jüngeren Vergangenheit und stellt eine immer wieder auftauchende Frage: Wie kann die Kunst gerettet werden? Durch den Staat, durch Geld?

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Isa Genzken, Oil XV & Oil XVI, 2007 MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, © Isa Genzken / Galerie Daniel Buchholz, VG-Bildkunst Bonn 2016, Foto/photo: Axel Schneider

Welche Kunst?

Spätestens hier stellt sich jedoch die Frage, welche Kunst denn eigentlich gerettet werden soll. „Ja, die Kunst war wegweisend. Oder besser, das Missverständnis der Kunst wies den Weg… in die Katastrophe. Den Weg zum gegenwärtigen Verschwinden der Kunst“, erklärt die Begleitpublikation, eine Zeitung aus dem Jahr 2052, rätselhaft. Sie problematisiert den Kunstmarkt, der Kunst als Geldanlage und Spekulationsobjekt, als Teil der Konsumgesellschaft etabliert. Die Kunst des „Imaginären Museums“ hingegen scheint den Kriterien eines hochkulturellen Werkbegriffs zu folgen.

Beide Sichtweisen gleichen sich darin, dass sie Kunst als Objekt verstehen, das als Kunst erklärt, bewertet, ausgestellt und letztlich mit einem Preis versehen wird. Vielleicht wenig überraschend fehlen Video- und multimediale Kunst, Performance Art oder Kunst im öffentlichen Raum, deren Grenzen, Kontexte und Zeitlichkeit weniger leicht zu bestimmen sind, nahezu komplett. In der Analogie zu Bradburys Büchern sind Kunstwerke klar umrissene Gegenstände, die dementsprechend zerstört oder abgeschafft werden können.

Die Kunst, die hier verschwindet, ist daher letztlich der Kunstbetrieb, wie wir ihn heute kennen (oder vielleicht seine etwas traditionellere Variante) – ein Komplex, der sich aus High Culture und Kommerz, aus Kunstmarkt, charismatischer Künstlerpersönlichkeit und etablierten Institutionen wie Galerien und Museen zusammensetzt. Was dieser ambivalente Kunstbetrieb leisten kann und was nicht, was der Gesellschaft fehlen würde ohne die Sphäre der Kunst, welche Alternativen hierzu denkbar wären – das sind vielleicht die spannendsten Fragen der Ausstellung, die das „Imaginäre Museum“ aber nur indirekt nahelegt.

Stattdessen liefert es eine Art Top-Down-Modell der Kunst, in dem die Menschen der Zukunft selbst zu Kunstwerken werden, weil sie die verschwundenen Kunstwerke  erinnern, diese mit sich tragen, vermischen, wieder „ausstrahlen“. Aber was wäre, wenn die Kunst verschwindet aufgrund ihrer Entgrenzung, ihrer Ausweitung auf die individuelle Kreativität jedes Einzelnen, die „Kunst des Handelns“ im Alltag, die Michel de Certeau im Blick hatte, Kultur tatsächlich ein „Way of Life“ wird, den Raymond Williams sich vorstellte? Braucht Popkultur die Hochkultur als Inspiration, oder ist es gerade anders herum? Schwer vorstellbar, dass Kunst in einem Verständnis, das Romane, Musikvideos und Kinofilme ebenso umfasst wie die Rezeption von bildender Kunst im Museum, jemals komplett ausgelöscht werden könnte. Eher befindet sie sich in einem unablässigen, mit Brüchen durchsetzten, über lange Phasen unspektakulären medialen (Werte-)Wandel der Inhalte, Formate, Medien, Aufführungs- und Rezeptionssituationen.

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Installationsansicht

Kunst, remembered

Angesichts der Zerstörungen von Museen, Bibliotheken, historischen Statuen und Tempelanlagen in den Kriegsgebieten im Nahen Osten – oder angesichts der schrumpfenden Budgets der öffentlichen Haushalte, wie die Redner der Eröffnungsfeier betonen – ist es trotzdem sinnvoll, sich auf das Gedankenexperiment einzulassen. Wie kann Kunst erinnert werden, die nicht mehr da ist? Während Informatiker und Archäologen an 3D-Simulationen des Kulturerbes z. B. in Syrien arbeiten (mehr hier), setzen die Kuratoren des MMK, der Tate Liverpool und des Centre Pompidou allein auf das menschliche Gedächtnis und die uralte Kulturtechnik des Erzählens.

So erinnert das „Imaginäre Museum“ die Besucher zunächst an die Kunst der Gegenwart, um zum Schluss die Drohung wahr zu machen und alle Objekte verschwinden zu lassen: am letzten Ausstellungswochenende im September werden die Kunstwerke durch „Bildermenschen“ ersetzt, die anderen Besuchern von der Kunst erzählen wie Ray Bradburys „Büchermenschen“, die in der literarischen Vorlage durch das Auswendiglernen die Bücher lebendig halten.

Die angestrebte „Mnemosyne Revolution“, begleitet und vorbereitet durch Workshops zu Gedächtnistechniken im Rahmenprogramm, ist eine der wirklich interessanten Ideen der Ausstellung: neben einer intensiven und aktiven Einbeziehung bedeutet sie eine echte Herausforderung für das Publikum, das sich um die Präsentation eines Lieblingskunstwerks bewerben kann. Ob und wie die nacherzählte Kunst durch die Ausstellungsgäste funktioniert – das wird sich erst in einem sicher spannenden Abschluss-Event im September zeigen.

Kerstin Schoof

Das „Imaginäre Museum“ ist noch bis zum 4. September 2016 im Museum für Moderne Kunst – MMK 2 in Frankfurt am Main zu sehen. Am Abschlusswochenende vom 10./11. September 2016 werden die Kunstwerke entfernt und durch „Bildermenschen“ ersetzt.
Zur Ausstellung erscheint eine Künstlerpublikation von Dora García in Form einer Zeitung aus dem Jahr 2052, die zur kostenlosen Mitnahme ausliegt.
Bildnachweis Installationsansicht: Alighiero Boetti, Order and Disorder, 1985–1986, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, © Alighiero Boetti / Erik Dietman, The Sink in the Fall-out Shelter, Biennale de Paris, 1965, Centre Pompidou, © Service de la documentation photographique du MNAM – Centre Pompidou, MNAM-CCI /Dist. RMN-GP © Adagp, Paris / Ron Mueck, Ghost, 1998, Tate, © Ron Mueck, Foto/photo: Axel Schneider

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