Posted On 15. Oktober 2014 By In Kolumnen und Themen, Lichtjahre später, Litmag With 1171 Views

Aleks Scholz: Lichtjahre später (29)

Aleks Scholz ist Autor und Astronom. In seiner Kolumne „Lichtjahre später“ erklärt er regelmäßig alles, was wir über das Universum wissen müssen. Seit Januar 2013 befindet er sich auf einer Irrfahrt über den Nachthimmel. Heute: Der Umgang mit dem Unbekannten.

Aleks Scholz. Foto: Ira Struebel

Aleks Scholz. Foto: Ira Struebel

Die Walfischverschwörung

Vielleicht sind die Sterne am Ende wirklich unwichtig.

Im fünften Band des “Hitchhiker’s Guide to the Galaxy” lässt Douglas Adams die Astrologin Gail Andrews erklären, wie ihr Beruf funktioniert: “In astrology the rules happen to be about stars and planets, but they could be about ducks and drakes. It’s just a way of thinking about a problem which lets the shape of that problem begin to emerge. The more rules, the tinier the rules, the more arbitrary they are, the better. It’s like throwing a handful of fine graphite dust on a piece of paper to see where the hidden indentations are. It’s just to do with people thinking about people.”

“People thinking about people” – was, wenn sich irgendwann herausstellt, dass Astronomie genau dieselbe Funktion hat? Vielleicht sind die Sterne letztlich deutlich weniger interessant als die Art und Weise, wie wir uns mit ihnen befassen. Vielleicht sind die drei großen Probleme der Astronomie, das Planetenproblem, das Sternenproblem, das Nebelproblem, am Ende nur verschiedene Instantiierungen eines einzigen viel größeren Problems. Nur welches?

Der Himmel stellt eine Art intellektuelles Klettergerüst dar, das eine Reihe von Herausforderungen anbietet, an der sich die Menschheit abarbeiten kann. Seltsam nur, dass unser spezieller Himmel weder zu kompliziert noch zu einfach für unsere Gehirne ist. Wir leben in einem Sonnensystem mit mehreren anderen Planeten. Ohne Planeten wäre das universale Gravitationsgesetz erst mit Hilfe von ziemlich großen Teleskopen gefunden worden. Mehr noch: Der Kern des Planetenproblems war von Anfang an die scheinbare retrograde Bewegung, eine Kehrtwende, die Planeten am Himmel beschreiben, wenn sie entweder von der Erde überholt werden oder ihrerseits die Erde überholen. Nur beim Mars ist diese Kehrtwende so klar und deutlich, dass man sie auf gar keinen Fall übersehen kann. Ohne Mars wäre das Planetenproblem vielleicht zu schwer gewesen.

Es geht weiter: Die nächsten Sterne sind zwar so weit weg, dass es nicht einfach ist, ihre Entfernungen zu messen, aber auch nicht zu weit. Es hätte auch anders kommen können. Wir könnten in einer Region der Milchstraße wohnen, die einfach sehr arm an Sternen ist. Wäre der nächste Stern nicht drei, sondern, sagen wir, dreißig Lichtjahre entfernt, das Sternenproblem wäre deutlich schwerer und erst mit Hilfe der Raumfahrt zu lösen gewesen. Eine andere Variante: Das Sonnensystem könnte auch im Inneren einer dichten Staubwolke seine Runden drehen. Vor der Erfindung von Radio- und Infrarotteleskopen hätten wir nichts über die galaktische Umgebung erfahren. Wer weiß, vielleicht hätten wir vorher die Lust verloren. Wäre die Erde der einzige Planet in einem Sonnensystem im Inneren einer Wolke, der Nachthimmel wäre dunkel, sonst nichts. Der Himmel ist wie eine sorgsam aufgestellte Mathearbeit, die uns weder über- noch unterfordert.

Matheaufgaben sind das Eine. Aber vermutlich hört es damit nicht auf. Der Himmel dient als Projektionsfläche für Ideen. Zum einen die Idee des Regelmäßigen, basierend auf präzise wiederkehrenden Phänomenen, mit anderen Worten: Der Himmel ist eine Uhr. Verbunden damit die beruhigende und mächtige Vorstellung, dass sich Dinge in der Welt vorhersehen lassen. Wir sind den Umständen nicht hilflos ausgeliefert. Rein utilitaristische Gesellschaften würden sich vermutlich auf diese eine Idee beschränken, und den Himmel nur als Uhr und als Kalender verwenden, und sonst für gar nichts. Hat es sowas je gegeben? Ist der Himmel nur eine extrem billige Wanduhr, die uns die Zeit mitteilt und sonst gar nichts? Oder ist es eher eine große tickende Standuhr, die uns außerdem auch noch Angst einjagt? Oder eine Rolex, die man sich zulegt, um damit anzugeben?

Vor allem aber beinhaltet Astronomie die Idee des Ungewissen. Der Nachthimmel ist dunkel. Im Dunkeln passieren immer die erstaunlichsten Dinge, das weiß jeder, der den einen oder anderen Horrorfilm gesehen hat. Man ahnt das irgendwie, aber man sieht nichts davon. Der Himmel lässt sich nicht anfassen, man kann nicht hinfahren und nachsehen. Selbst wenn man nicht genau weiß, wie entsetzlich weit die Sterne weg sind, der Himmel ist wie ein fremdes Land, das irgendwo da draußen ist. Mit dem Beginn der Neuzeit kommt eine neue Quelle von vager Ungewissheit hinzu – das Unendliche, der bodenlose, unfassbare Raum.

Immer mal passieren Dinge, die überhaupt nicht in die vorhersagbaren Rhythmen passen. Feuerbälle fallen aus dem Himmel. Neue Sterne tauchen auf. Andere Sterne verschwinden. Viele dieser Vorgänge entziehen sich bis heute unserer Vorhersagekünste. Die Welt ist einfach ziemlich unordentlich. In anderen Fällen führt die nähere Betrachtung zu neuen Rhythmen. Klassisches Beispiel ist der Halleysche Komet, dessen vorhergesagte Wiederkehr im Jahr 1758 ein irrer Triumph für Newtons Gravitationstheorie und generell für die Schlauheit von Leuten wie Edmond Halley war. Bis hierhin galten Kometen als Zeichen, die aus dem Nichts kamen und keinen Gesetzen folgten. Dann entrissen die Astronomen der Welt des Zufalls ein Element und fügen es zur Welt des Vorhersehbaren hinzu. Astronomie ist die Suche nach Rhythmen, nach Korrelationen, nach Perioden.

Aber auch das Regelmäßige ist geheimnisvoll. Es deutet unzweifelhaft darauf hin, dass es in der Welt eine große Struktur gibt, ein logisches, mathematisches Substrat, aus dem alles andere erwächst. Eine Struktur, an die wir auf irgendeine Weise angekoppelt sind, wie sonst kämen wir auf diese ganzen Ideen. Die Aussicht auf einen superlogischen immateriellen Walfisch, der da irgendwo im Dunkeln lauert, und von dem wir immer mal wieder eine Ahnung kriegen, wenn das Licht des Leuchtturms auf seinen Rücken fällt, das ist noch viel beängstigender als schieres Chaos.

Quelle: Steve Spezz, https://www.flickr.com/photos/spezz/2736584741/

Quelle: Steve Spezz, https://www.flickr.com/photos/spezz/2736584741/

Das Dunkle, Geheimnisvolle ist bedrohlich, ja, es ist schwierig und unangenehm, aber befühlen sollten wir es trotzdem. Als ich anfing, mit Studenten zu arbeiten, beschwerte ich mich regelmäßig über deren Unfähigkeit, im Unbekannten zu navigieren. “Hier, nimm meinen Kopf und mach es damit”, wollte ich ihnen sagen, aber natürlich wäre es letztlich zu kompliziert gewesen, wirklich meinen Kopf herzugeben. Die Beschwerde ist unfair. Es ist gerade mein Job, anderen beizubringen, wie man das Unbekannte anfasst. Wie man Entscheidungen trifft, ohne vorher alles zu wissen. Wie man produktiv herumstolpert, auf der Suche nach neuen Strukturen, neuen Anhaltspunkten oder neuen Fragen. Neue Fragen sind sowieso das Beste.

Sobald man weiß, was man tut, ist es nicht mehr Forschung. Die allermeisten Entscheidungen, die wir im Laufe des Lebens treffen, haben mit Wissenschaft nichts zu tun. Sie sind weder einzigartig noch mit unklaren Konsequenzen versehen. Es mag Risiken geben, aber selbst die sind wohlbekannt und untersucht. Versicherungsunternehmen leben davon. Entscheidungen in der Wissenschaft sind anders. Es gibt zwar ein Fundament, von dem aus man operieren kann, aber das eigene Denken nimmt einem trotzdem keiner ab. Eine Versicherung, die einen vor den Konsequenzen seiner Fehlentscheidungen schützt, gibt es nicht.*

Für den Umgang mit dem Unbekannten gibt es keine genauen Anweisungen, keine To-Do-List, allenfalls ein paar simple Benimmregeln. Vertraue niemandem, nicht mal dir selbst. Oder besser: Vertraue dir selbst am allerwenigsten. Wissenschaft heißt, sich nicht zu oft selbst zu verarschen. Arbeite so, dass jede Schlussfolgerung, jede Annahme nachvollziehbar und transparent ist – für die Nachwelt, zu der man bald selber gehören wird, zumindest wenn man durchschnittlich vergesslich ist. Suche den Ursprung der Informationen. Arbeite mit System und Sorgfalt, gerade weil du dir nicht selbst trauen kannst. Baue ein Fundament. Schwimme anfangs nicht zu weit raus. Aber bleibe auch nicht am Ufer stehen. Vertraue darauf, dass es im Dunkeln Strukturen gibt, die du prinzipiell verstehen kannst. Vertraue auf den superlogischen Walfisch. Wie man das im Einzelnen umsetzt, ist Geschmackssache. Persönlicher Stil ist ausdrücklich erwünscht. Selbst wenn ich dem Studenten meinen Kopf ausleihen könnte, es würde ihm nichts bringen.

Deshalb ist das Endergebnis – die erste wissenschaftliche Arbeit, das erste gelöste Problem, die erste gelungene Exkursion ins Unbekannte – immer ein kleines Wunder. Ich habe damit wenig zu tun. Es ist irgendwo da draußen passiert.

Aleks Scholz

* Obwohl das eine lustige Monty-Python-Idee wäre. Versichern Sie sich heute gegen Fehlentscheidungen! Tarife abhängig von der Zeitskala. Eine Schlussfolgerung, die sich nach einem Jahr als falsch herausstellt, können Sie für nur zehn Euro pro Jahr folgenlos zurücknehmen. Für Schlussfolgerungen, die nach hundert Jahren widerlegt werden, gilt unser Super-Langzeit-Tarif von Tausend Euro pro Jahr.** Denk an Aristoteles! An Tycho Brahe! An Fred Hoyle! (Bitte Kleingedrucktes beachten.)

** Oder müsste es umgekehrt sein, und aristotelische Superfehler sind billiger als die kleinen Alltagsdrecksfehler? Was ist das überhaupt, ein Fehler? Da fängt es doch schon an.

Der Nachthimmel im Internet, zum Nachvollziehen der Reise.

Aleks Scholz, geb. 1975, ist Astronom und Autor. Zurzeit arbeitet er als Direktor des Observatoriums an der Universität von St. Andrews in Schottland. Zusammen mit Kathrin Passig veröffentlichte er das »Lexikon des Unwissens« und »Verirren« (beides bei Rowohlt Berlin). Er war Redakteur des Weblogs Riesenmaschine und schrieb für die Süddeutsche Zeitung, den Standard, die taz, die Zeit, Spiegel Online und CULTurMAG. Zuletzt erschien im CulturBooks-Verlag „Lug, Ton und Kip. Die Entdeckung der Wicklows“ (mehr hier). Foto: Ira Struebel. Aleks Scholz bei Google+. Foto Walfisch: Steve Jezz, Quelle.

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