Posted On 2. April 2014 By In Kolumnen und Themen, Lichtjahre später, Litmag With 1012 Views

Aleks Scholz: Lichtjahre später (25)

Aleks Scholz ist Autor und Astronom. In seiner Kolumne „Lichtjahre später“ erklärt er regelmäßig alles, was wir über das Universum wissen müssen. Seit Januar 2013 befindet er sich auf einer Irrfahrt über den Nachthimmel. Heute: Steinzeitastronomie.

Aleks Scholz. Foto: Ira Struebel

Aleks Scholz. Foto: Ira Struebel

Der vollautomatische Radio-Emu

Wir haben den Himmel zerstört.

Natürlich nicht jeden Himmel, aber doch fast alle. Ich war nie besonders traurig über den Verlust der griechischen Mythen, die wir heute manchmal noch wie alberne Hüte über den Himmel stülpen. Andromeda, die Prinzessin, Tocher von Kepheus und Kassiopeia, dem Walfisch geopfert, vom Helden Perseus befreit, bla. Das Äquivalent zum Standard-Hollywood-Drama, mit Spannungsbogen, Happy End und allem. Vor allem enttäuschend immer der letzte Satz in den Geschichten: Erst nachdem alles vorbei ist, werden die Helden an den Himmel verpflanzt, um dort in Ewigkeit ihre Runden zu drehen. Eine Hall of Fame der Helden der Vergangenheit. Ein Friedhof. Es ist nicht wahnsinnig schade um diesen Himmel.

Was uns völlig fehlt, ist eine Vorstellung davon, was die Steinzeitmenschen mit dem Himmel angefangen haben. Die Kulturen vor den blasierten Römern, Griechen und Babyloniern. Unsere Astronomie ist maximal fünftausend Jahre alt, die streng wissenschaftliche Version nur vierhundert, lächerliche Zeitskalen. Aber die Welt ging schon vorher los, und mit ihr die Astronomie. Zum Beispiel in Australien. Die Aborigines erzählen sich seit vierzigtausend Jahren Geschichten über den Himmel, überliefert in Form von Legenden, Liedern, Ritualen. Vierzigtausend.

Wie sah er aus, der Steinzeithimmel? Ein paar hundert Jahre Besinnungslosigkeit reichten aus, um die Mythen der Urkulturen praktisch völlig auszuradieren. Die Sorte Besinnungslosigkeit, die man Conquista, Missionierung, Kolonialisierung oder Britisches Weltreich nennt. Geschichten von ein paar hundert Zivilisationen, reduziert auf ein paar Zeichnungen auf Baumrinde und ein paar Geschichten, die am Lagerfeuer ausgetauscht werden. Mehr ist nicht übrig. Unentschlüsselbare Geheimnisse, die von leichtfertigen Zeitgenossen gern zum Beweis ihrer lustigen Theorien verwendet werden. Zum Beispiel Theorien der Sorte “das waren alles die Außerirdischen”.

Der australische Steinzeithimmel ist trotz allem noch nicht ganz verschwunden. Natürlich verwendeten Aborigines den Himmel als Orientierungshilfe und als Kalender, wie alle vernünftigen Menschen. Pragmatik ist international weit verbreitet. Das Auftauchen eines Sterns am Himmel signalisiert irgendein wichtiges Ereignis auf der Erde. Es ist Zeit, bestimmte Tiere zu erlegen oder bestimmte Früchte zu ernten. Die Mythen erleichtern die Voraussage von Gezeiten, Jahreszeiten und Wetterperioden. Im heutigen Victoria hieß der Stern Arktur “Marpeankurrk” und zeigte dem Stamm der Boorong, dass man allmählich damit anfangen sollte, die Puppen der Waldameisen einzusammeln. Und zu essen. Vega, oder “Neilloan”, weist wiederum darauf hin, dass es jetzt die Eier derselben Ameisen zu essen gibt. Das Auftauchen der Plejaden im Herbst steht für den Beginn der Fortpflanzungszeit der Dingos. Einige Wochen später plündern die Aborigines die Dingobauten und essen die Welpen.

Abendessen
Abendessen.
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Aber das Besondere der Steinzeitastronomie sind nicht die praktischen Merkhilfen, die am Himmel stehen, sondern die Geschichten, die sich um Sterne und Planeten ranken. Alle handeln von richtigen Menschen aus Fleisch und Blut, es gibt weder Voll- noch Halbgötter wie bei den Griechen. Normale Geschichten, die sich nicht dazu eignen, als “Clash of the Titans” verfilmt zu werden. Die handelnden Personen werden auch nicht erst am Ende an den Himmel gesetzt. Die Geschichten laufen dort oben ab. Der Himmel ist belebt.

Der Mond ist unter anderem ein Mann, der sich nach weiblicher Gesellschaft verzehrt, ein widerlicher Stalker. Immer wieder, jeden Monat, nähert er sich zwei Frauen, die ihn immer wieder zurückweisen. Aber er wird nicht aufgeben, nie. Die Milchstraße, die im Süden so unübersehbar ist, wird zum Fluss. Die Sterne stellen Fische oder Seerosen dar. Schwarze Flecken in der Milchstraße, von denen es am Südhimmel einige gibt, werden zu Kanus. Oder, in einer Legende aus dem Norden Australiens, zu den Leichen von zwei Brüdern, die beim Kanufahren ertrunken sind. Ihr Kanu treibt ebenfalls noch am Himmel, in Form von vier Sternen. Andere Legenden verbinden die dunklen Flecken zu einem riesigen Emu, der sich über den halben Himmel erstreckt.

Das Kreuz des Südens erzählt von zwei Brüdern, die über einem Feuer einen großen, schwarzen Fisch braten, jedenfalls in einer Version, die von den Aborigines auf Groote Eylandt im Golf von Carpentaria erzählt wird. Als Fisch dient wieder ein schwarzer Fleck in der Milchstraße. In der Wüste funktioniert diese Legende mangels Fischen nicht, stattdessen wird das Kreuz des Südens zum Adler “Waluwara” und der dunkle Fleck zum Adlerhorst. Zurück zum Meer. Auf Groote Eylandt lebt eine Familie, die aus Jupiter (Frau), Venus (Mann) und zwei Sternen im Skorpion (Kinder) besteht. Planeten und Sterne in einer einzigen Legende, undenkbar für Europäer. Das heißt, die Eltern besuchen ihre Kinder nur einmal im Jahr und fahren ansonsten durch den Rest des Tierkreises spazieren. Was für ein moderner Mythos.

Diese Geschichten sind überlebenswichtig. Sie erzählen von den Lebensumständen der Leute und von den Regeln des Zusammenlebens, eine ständige Erinnerung an kulturelle und moralische Normen. Der Himmel wird zu einem Lehrbuch “wie zu leben sey”. Das ist die eine Funktion, eine Ebene, die in der westlichen Zivilisation nur noch in der Form von Astrologie und sonstigem Humbug existiert. Auf der anderen Seite helfen die Geschichten beim Umgang mit dem Ungewissen. “The associated legends are essentially metaphors integrating the unknown (the Other) with the familiar (the Understood)”, schreibt die australische Historikerin Roslynn Haynes. Der Himmel als Medium des Ungewissen, das ist nicht so weit von unserer Astronomie entfernt. Das moderne Universum ist ein Naturreservat für das Unwissen, hier darf es sich ungestört vermehren. Astronomie funktioniert wie eine Sammlung von Geschichten, die das Ungewisse handhabbar machen, Konstrukte, die dem Menschen ein wenig Kontrolle über die Natur geben. Deshalb liegt der Schwerpunkt auf wiederkehrenden Rhythmen, auf Vorhersagbarkeit, sowohl bei den Aborigines als auch in unserer neuen Welt. Die Motivation ist seit tausenden von Jahren dieselbe.

Nur die Methode hat sich geändert. Sowohl die griechischen Mythen als auch unsere Naturgesetze betrachten die Natur als etwas, das unabhängig und außerhalb vom Menschen existiert. Subjekt und Objekt sind streng getrennt. Das Universum kommt auch ohne Zuschauer klar. Später muss man den Beobachter umständlich wieder hineinbauen, zum Beispiel, indem man behauptet, er sei auch nur ein Stück Materie. “Wir haben uns daran gewöhnt”, so der oft zitierte Münchner Philosoph Ruben Schneider, “mit dem Subjekt umzugehen, als sei es sowas wie eine Banane oder ein Klumpen Eiweißschleim.” Was das mit mir zu tun hat, ist darum eine völlig legitime Frage an die Astronomie. Kann man damit neue Autos bauen? Nein, also warum dann? Aber sieh nur, der Himmel, wie wundervoll, majestätisch und beeindruckend. Mehr habt ihr nicht zu bieten? Kein Wunder, dass die Finanzierung der Astronomie so schwankend ist wie “ein Diadem auf dem Haupte einer Kuh” (Heinz Erhardt).

Würde man die Aborigines nach dem Sinn ihrer Astronomie fragen, nach dem gesellschaftlichen Nutzen, sie würden einen verständnislos ansehen. Der Himmel ist nicht nur schön, nicht nur nützlich, nicht nur lehrreich, sondern ein integraler Bestandteil des Lebens. Er dient als Gesetzbuch, als Litfaßsäule, als Unterhaltungsmedium. Astronomie ist Teil der Politik, Teil der Wirtschaft und Teil der Kunst. Vor allem: Jeder Einzelne hat eine Beziehung zum Himmel und zum Rest der Natur. Die Astronomie der Aborigines beschreibt nicht einfach nur die Dinge am Himmel. Sie verwandelt Menschen in Sterne, Sterne in Tiere und Tiere in Menschen. In der Welt der Aborigines gibt es keine Trennung zwischen Beobachter und dem Rest der Welt. Ohne die Mythen, die am Lagerfeuer erzählt werden, ist der Einzelne hilflos dem Universum ausgeliefert.

Natürlich ist die Milchstraße kein Fluss. Das Kreuz des Südens ist auch kein Adler. Wir wissen das alles besser. Unsere Astronomie hat den unschlagbaren Vorteil, dass sie “wahr” ist. Für die Aborigines hätte diese Art Wahrheit natürlich wenig Bedeutung. Vermutlich haben sie ein Sternbild “Klugscheißer” für solche Situationen. Es stimmt, wir können Ereignisse am Himmel viel genauer und zuverlässiger vorhersagen als die Aborigines. Nur interessiert das keinen. Auf eine Art haben wir gewonnen, leider nur einen Wettkampf, bei dem die anderen überhaupt nicht mitmachen wollen. Die Ereignisse, die wir vorhersagen, sind bedeutungslos. Abgesehen vielleicht von dem einen oder anderen Asteroiden, der demnächst die Erde verwüsten würde, hätten ihn unsere Astronomen und Ingenieure nicht entdeckt und sanft aus seiner Bahn gelenkt.

Die dunklen Flecken in der Milchstraße, zum Beispiel der “Kohlensack” im Kreuz des Südens, sind auch keine Kanus oder Fische. Die ganze Sache mit dem Emu, lachhaft. So sieht doch kein Emu aus. Es sind natürlich Dunkelwolken, Ansammlungen aus dichtem, kaltem Gas vermischt mit ein wenig Staub. Dunkelwolken gibt es auch im Norden, zum Beispiel den Pferdekopfnebel im Orion oder der Konusnebel im Einhorn. Aber sie sind mit bloßem Auge kaum zu sehen. Die Dunkelwolken des Südhimmels dagegen sind riesengroß. Was wie ein Loch am Himmel aussieht, ist in Wahrheit ein Hindernis, das dem Licht der dahinter liegenden Sterne im Wege steht. Vor allem ist es das blaue Licht, das von den Wolken verschluckt wird. Sieht man sich denselben Nebel mit einer Infrarotkamera an, scheinen die Sterne durch. Die Wolke wird durchsichtig. Das Loch verschwindet.

Loch am Himmel
Ein Loch am Himmel. Credit:
ESO

Dunkelwolken existieren nur für wenige Millionen Jahre. In der Wolke streiten zwei Urkräfte, die Schwerkraft, immer bestrebt, Dinge zusammenzuziehen, und Hitze, die Kraft, die Teilchen auseinandertreibt. Wenn beide Kräfte im Gleichgewicht sind, entstehen stabile Objekte, zum Beispiel Sterne oder Galaxien. Eine Dunkelwolke muss man nur gründlich rütteln, dann wird sie instabil. Entweder fliegt sie auseinander oder aber sie fällt in sich zusammen. Im zweiten Fall entsteht ein neuer Sternhaufen. In der Welt der Aborigines vielleicht ein Lagerfeuer, vielleicht ein Fischschwarm.

Aleks Scholz

Der Nachthimmel im Internet, zum Nachvollziehen der Reise.

Aleks Scholz, geb. 1975, ist Astronom und Autor. Zurzeit arbeitet er als Direktor des Observatoriums an der Universität von St. Andrews in Schottland. Zusammen mit Kathrin Passig veröffentlichte er das »Lexikon des Unwissens« und »Verirren« (beides bei Rowohlt Berlin). Er war Redakteur des Weblogs Riesenmaschine und schrieb für die Süddeutsche Zeitung, den Standard, die taz, die Zeit, Spiegel Online und CULTurMAG. Zuletzt erschien im CulturBooks-Verlag „Lug, Ton und Kip. Die Entdeckung der Wicklows“ (mehr hier). Foto: Ira Struebel. Aleks Scholz bei Google+.

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