Geschrieben am 10. Mai 2020 von für Allgemein, Litmag, SHUT DOWN 2020

Mahmood Falaki: Verschwinden der Nahdeixis



Culturmag Special SHUT DOWN 2020


VERSCHWINDEN DER NAHDEIXIS

Nach zwei Monaten ohne Nahkontakte verschwindet allmählich die Nahdeixis meiner niemandsländischen Sprache. Um dieses Bindeglied zwischen Semantik und Pragmatik vor Vergessenheit zu bewahren, versuche ich neue Brückenschläge innerhalb meiner Vier-Wände-Welt zu schaffen. Zu Gegenständen meines Zimmers, zwischen alten, längst in Vergessenheit geratenen Dingen, wie nie gelesene Bücher… in mir selbst… So finde ich wieder, nicht nur mein anderes, mir fremd gewordenes Ich, sondern auch meine alten, als nicht zur Veröffentlichung tauglich gesehenen Texte, Gedichte…, die jetzt schön oder anders wirken! Ich bedauere, dass ich sie so viele Jahre im Kerker verschlossen ließ.

Bei diesen neuen, andersartigen Nahkontakten hänge ich mich besonders an eine von mir schlecht gehauene Büste in meinem Gärtchen. Seit Jahren existierte sie so selbstverständlich da, als wäre sie nie existent. Sie stand immer einfach da, wie ein Baum, der einfach da ist, eine Straße, an die keiner denkt. Jetzt aber wirkt sie anders. Sie spricht wieder mit mir. Ich konnte die verlernte Stein-Sprache wiederbeleben. Seine Sprache habe ich damals gelernt, als ich an ihm, mit ihm arbeitete. Er erzählt mir nun wieder die Geschichte, die ich vergessen oder ignoriert hatte.

Die Corona-Krise hat aus mir einen Entdecker gemacht: Durch diese neuen Kontakte spüre ich die kleinen, unsichtbaren, scheinbar wertlosen Dinge auf und betrachte sie mit anderen Augen, die mir neue Ansichten schenken.   


Mahmood Falaki



Mahmood Falaki ist ein Persisch-Deutscher Schriftsteller und Gelehrter, der seit 1986 in Hamburg lebt. Er schreibt Gedichte, Kurzgeschichten, Romane und Essays. Mehr zu ihm auf seiner Website: https://m-falaki.com


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