Geschrieben am 31. Dezember 2022 von für Highlights, Highlights 2022

Ulrich Baron, Gerhard Beckmann

Ulrich Baron

In einem anderen Winter, im Kriegsjahr 1940, entwarf Walter Benjamin sein Bild vom Engel der Geschichte: „Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“

Betrachtet man heute die Trümmerhaufen in der Ukraine, besonders in Kiew, so weckt das Erinnerungen an Michail Bulgakow und seinen Roman „Die weiße Garde“, dessen Handlung 1918 in dieser vielfach umkämpften Stadt anhebt und dessen Bühnenfassung „Die Tage der Turbins“ seit seiner Uraufführung im Jahre 1926 im Moskauer Künstlertheater zahlreiche Menschen begeisterte, darunter auch ein gewisser Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, der es unter dem Namen „Stalin“ zu zweifelhaftem Ruhm brachte. Es muss da wohl neben dem Engel auch einen Diabolos der Geschichte geben, dessen griechischer Name ja besagt, dass er alles durcheinanderwirft, also unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie uns vor die Füße schleudert und laut Wikipedia auch ein „‚Durcheinanderwerfer‘ im Sinne von ‚Verwirrer, Faktenverdreher, Verleumder“ ist, also ein geborener Pressesprecher und Außenminister.

All das mag der Grund dafür sein, dass ich 2022 nach dem Tod des österreichischen Schriftstellers Gerhard Roth dessen Venedig-Trilogie gelesen habe, deren erster Band „Die Irrfahrten des Michael Adrian“ heißt und deren zweiter nach einem Shakespeare-Zitat „Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier“ (S. Fischer). Neben dem Schauplatz ist es auch die Nähe zum Kriminalroman, die alle drei Bände vereint. Wie eigentlich immer bei Roth sind die Protagonisten in einem Taumel aus undurchschaubaren Kabalen und Bilderwelten gefangen, was angesichts der ungeheuren Quantitäten an Menschen, Engeln und Teufeln, welche die Künstler der Serenissima dort an Wänden und Decken von Palazzi und Kirchen etabliert haben. gar nicht verwunderlich ist. Die Lösung der einzelnen Fälle erscheint dann immer wieder so lächerlich banal wie die Wirklichkeit selbst. Man muss sie also für falsch halten, um sich am Ende nicht unter Niveau amüsiert zu haben.

Im Roman „Schnee“ (btb) der isländischen Krimiautorin Yrsa Sigurðardóttir aber sorgt schon das titelgebende Wetterphänomen für eine gewisse Bilderarmut. Zwei Pärchen haben sich der Kälte und der Führung eines vermeintlichen Fachmanns ausgeliefert und sind der der weißen Wüste Islands untergegangen, das heißt, mal leben sie noch, mal werden ihre erfrorenen Körper gefunden, mal wird aus ihrer Perspektive erzählt, mal aus der einer Rettungsgruppe. Dann gibt es noch einen weiteren Handlungsstrang, bei dem ein Wächter auf einer ehemaligen amerikanischen Radarstation es mit einer Katze, deren beunruhigendem Verhalten und endlich gespenstischen Klingelstreichen zu tun bekommt. Das Gespenstische entsteht bei Sigurðardóttir allein schon dadurch, dass hier Wirkungen vor deren Ursachen beschrieben werden, man also – um ein populäres Beispiel aus der Quantenphysik heranzuziehen – man eine Kiste mit einer toten Katze findet, ohne vom Namen Schrödinger etwas gelesen zu haben. Auch hier gibt es am Ende die Erklärung, nur ist damit der Fall nicht unbedingt abgeschlossen, und mit der Wirklichkeit ist sie auch nicht ganz in Einklang zu bringen.

Um der Diabolik der Welt, ihrer Bosheit, Banalität und Undurchschaubarkeit manchmal ein wenig zu entfliehen, habe ich mich in diesem Jahr ausgiebig mit den Cartoons beschäftigt, die Tom (Körner, siehe Foto in der Galerie, oben rechts) seit etlichen Jahren regelmäßig in der taz veröffentlicht. Mein Favorit ist ein kleiner Junge, der in einer Sandkiste vor einem riesigen Sandturm sitzt, den er mit allen Mittel, bevorzugt mit einem Schäufelchen, und meist erfolgreich verteidigt.

Er tritt damit sogar in einem sechsteiligen Sequel der Schwarzen Serie auf, wo er den „privaten Ermittler“ Sam Spade einbezieht: Zitat Spade: „Ich hatte genug üble Stahlwaren gesehen, um ein 45er Schäufelchen zu erkennen, wenn ich es sah.“ Toms wehrhafter Sandkastler weckt erste eigenen Erinnerungen an liebevoll Geformtes und an den kleinen Rabauken, der sie mir mutwillig zerschlug. Meine Fassungslosigkeit damals kannte keine Grenzen und hält noch heute an.  

*****

Gerhard Beckmann: Die Wiederentdeckung einer heilsam verbindenden Kunst des Lesens und Lebens

Nicht mehr aushalten zu müssen
Die Spannung ins Unabsehbare,
die Flügel kann man jetzt brauchen
zur Bergung jener, die fliegen
durch die Welt um die eigene Mitte,
zu erreichen einzig im Sturz
(„Die Flügel“, Erika Burkart, aus: „Spiegelschrift. Gedichte – die große Auswahl“, hrsg. von Ernst Halter, Limmat Verlag 2022)

Mein Leben ist auch dank der Kraft immer wieder stark geworden, die einem aus dem Lesen von Büchern erwächst, vor allem von erzählender Literatur. Am auffälligsten wurde es nach schweren Krisen, in denen ich die Fähigkeit oder das Interesse zu lesen ganz oder weitgehend verlor. So war es nach der Jahrtausendwende, im Zusammenhang mit dem langen Pflegen und dem Sterben meiner an Alzheimer erkrankten Ehefrau Giuliana Broggi-Beckmann. Und letztens, in diesem Jahr 2022, nach dem Leiden und Tod meiner Lebenspartnerin Ingrid Eska an den Spätfolgen von Misshandlungen in einem katholischen Kinderheim und von Fahrlässigkeit der Eltern in Verbindung mit zwei schweren Unfällen während der Lehrzeit in der Keramik-Werkstatt ihres Vaters. Es war ein „annus horribilis“, ein schreckliches Jahr, das eben zu Ende gegangen ist, ein Jahr schmerzlicher Abschiede, in dem ich dann – mit Hilfe von Valdimir Nabokov und Marcel Proust – wieder entdeckt habe, was das Lesen echter Literatur zu  einer Lebensnotwendigkeit macht.                                                                                                                              

Es hat Wochen gedauert, bis ich, in Folge von zwei Zusammenbrüchen, mit Körperlähmungen, ein Buch auch nur in der Hand halten konnte; weitere Wochen, bis die Hände einen Stift greifen, führen und eine halbwegs leserliche Schrift hinkriegen konnten. (Mir war bis dahin nie klar gewesen, wie sehr ich der Fertigkeit des Schreibens bedarf, um richtig zu lesen, um ein Lesebedürfnis zu spüren; wie sehr Lesen also ein wesentliches Moment des Kommunizierens mit sich selbst wie mit anderen ist.) Es hat Monate gedauert, bis ich so weit war, überhaupt wieder ernsthaft lesen zu wollen und dazu die Konzentration zur Lektüre anspruchsvoller längerer Texte aufzubringen. Für die Geschehnisse draußen in der der großen weiten Welt fehlte mir allerdings jedwedes Interesse: an Zeitungen wie an Zeitschriften, Fernseh-Nachrichten und Talkshows, Politik und Wirtschaft,  Krimis, Konsum und Unterhaltung. Sie waren irgendwie ausgeblendet. Es war, wie wenn es die Welt gar nicht gäbe. Als ob sie mich nichts anginge. 

„Das Ende der Welt“ – und das Ende eines bedeutenden persönlichen Lebensreiches

Solche Abkehr von der Welt bedeutete für mich eine radikale Kehrwende. Ich war immer extrem der Welt zugewandt gewesen, war auf Grund spezieller internationalen Vernetzung als ein sehr gut informierter deutscher Buchverleger, Kultur- und Branchenjournalist gefragt, und bin immer wieder laut geworden, wann und wo, vom Mainstream kaum bemerkt, Dinge in eine falsche Richtung zu laufen begannen. Es war diese Bereitschaft zur Aufnahme und Auseinandersetzung mit offenem Visier, die Ingrid Eska auf mich aufmerksam werden ließ. Ihr eigener Mut war freilich noch um einiges größer. Und sie ging auch wesentlich höhere Risiken ein. Denn sie war Frau in einem Männerberuf, dazu eine „Ein-Mann-Unternehmerin“, die für alles persönlich geradestehen musste. Eine große Künstlerin, die bei ihren baukeramischen Arbeiten dem Prinzip folgte, einen optimalen Nutzwert in Schönheit zu erreichen, Funktionalität mit Ökonomie und Ökologie zur Stilfrage zu erheben. Sie hat Neid und Missgunst ausgelöst, weil sie einfach besser arbeitete als sonst üblich. Sie erregte böses Blut, weil sie keine Kompromisse und Kungeleien duldete. Sie machte sich Feinde, derer sie sich mit schlagfertigem Witz zu erwehren wusste, solange sie nicht übermächtig wurden, so auch als Pädagogin: In den zwanzig  Jahren ihrer Lehrtätigkeit an der Kunstuniversität Linz focht sie für neue, zeitgemäße Ausbildungsstandards und zukunftsträchtige Fertigungstechniken im Interesse der  Studenten, unter oft erbittertem Widerstand hochakademischer Talarträger, die sie für den Niedergang eines jahrtausendealten Kunsthandwerks verantwortlich machte. Dafür ging sie auch auf die Barrikaden. So ist sie auch politisch radikal gewesen. Insbesondere gegen den in Deutschland über die Nazi-Zeit breit und tief hinauswirkenden Faschismus, Rassismus und Antisemitismus – gegen  „das andauernde Braune“, ein Grund-und-Boden-Gift schon ihres dysfunktionalen Elternhauses.                                                                                                                                 

Ingrid Eska kam als (uneheliche) Tochter eines höheren Chargen der Organisation Todt mit einer seiner Arbeiterinnen in München zur Welt. Er blieb auch nach 1945 durch und durch Nazi. Geehelicht hat der berühmte Keramiker und kriegswirtschaftlich relevante Erfinder Hans Eska Ingrids Mutter dann kurz vor Kriegsende, noch mit NS-Stempel, auf einem ländlichen Standesamt in Oberbayern, wo Hans Eska offenbar eine OT-Unternehmung (mit Zwangsarbeit) leitete. Es war keine Liebesheirat. Sie wurde für Ingrid überhaupt nur aus einer politischen Zwecksetzung erklärbar: Ihr Vater war offenbar überzeugt, sich unter einer bevorstehenden amerikanischen Militär-Regierung politisch rechtfertigen zu müssen, also „Persilscheine“ für seine Entnazifizierung zu benötigen. Und Annie Egart war die (uneheliche) Tochter eines kommunistischen Maurer-Poliers sowie (zweimaligen) KZ-Häftlings in Dachau, mehr noch: Sie war eine vom NS-Regime rassistisch Verfolgte; denn mütterlicherseits war sie eine Sinti. So wurde diese rätselhafte Verbindung 1945 legalisiert und meine Lebensgefährtin, eine geborene Egart, daraufhin von ihren leiblichen Eltern adoptiert, zu einer Eska; mit einem Vater, der ihre Mutter zur Arbeitssklavin degradierte, die – wenn vornehme Kundschaft wie die preußische Kronprinzessin, die englische Prinzessin von Kent, Herr Alfried Krupp von Bohlen und Halbach oder Graf Toering zu Besuch kamen. am Katzentisch Platz finden musste, und einer Mutter, die ihren Mann mehr oder weniger lauthals „Verbrecher“ schimpfte; mit Eltern, die ihre eigene Tochter hassten und einmal vierhändig zu Tode geprügelt hätten, wenn sie davon nicht, in letzter Sekunde, von außen her abgelenkt worden wären; die sie nie auch nur einen Hauch der natürlichen Liebe spüren ließen, die Ingrid Eska ersehnte und die sie – eben deshalb, um, so mehr – anderen zu geben sie immer wieder bemüht war, bis zur Selbstaufgabe, und dabei immer wieder auch tief verletzt wurde, weil es von den andern nicht  wahrgenommen oder nicht angenommen wurde. 

Sie war eine starke Frau, eine vielseitig hochtalentierte, eine fast allseitig qualifizierte und tatkräftige Frau, die auch stark erscheinen musste; die sich mit einer schier unvorstellbaren Willensstärke über eine dünne Warnlinie körperlicher und psychischer Belastbarkeit hinaus, auch jenseits von Leidens- und Schmerzgrenzen, permanent in die Pflicht nahm, bis sie, ab 2007/08, wegen zunehmend schwerer Erkrankungen die berufliche Arbeit einzuschränken und dann gänzlich aufzugeben hatte. Sie lebte genügsam, weitgehend autark, ökologisch – in einem Bewusstsein, wie sie es in der Lyrik der Literatur-Nobelpreisträgerin Louise Glück, bei William Carlos Williams und W.S. Merwin wiederfand. Die Natur bedeutete ihr alles, Lebensreich und Lebensrichtschnur. Und eigentlich sind, von Kindheit an, die Tiere ihre Welt gewesen. Sie besaß eine geradezu magische Empathie im Umgang vor allem mit Hunden und war ein in Niederbayern vielgesuchter Coach zur Rehabilitation von „schwierigen“ Tieren, die von Menschen misshandelt worden waren. In dem alten kleinen Dorf Weng des abgelegenen Rottals hat sie nach eigenen Vorstellungen, mit  eigener Hände Arbeit, aus dem ehemaligen alten Schul- und Gemeindehaus über vier Jahrzehnte ein Zauberanwesen und Naturrefugium geschaffen, wie es dank Erika Burkhart (1939- 2010) , der bedeutendsten Lyrikerin der Schweizer Literaturgeschichte, mit dem ehemaligen Sommerhaus- und -garten der Äbte des Aargauer Benediktinerklosters Muri eine bleibende kulturelle Präsenz erhalten hat.                                                                                                                          

Ich habe durch und mit Ingrid  Eska in einer fast vierzehnjährigen „Überlebensgemeinschaft“, wie unser Züricher Freund  Peter Fritz sie bezeichnete, eine neue Art und Form des Daseins gefunden. Ingrid Eska ist für mich der hellste Stern eines freien, schöpferischen Mensch-Seins gewesen. Bis ihr, letztlich nach einem schweren Schlaganfall, die Kräfte zur Fortführung ihres persönlichen Lebensmodus abgingen, gleichzeitig die politischen Entwicklungen ihr jedes Vertrauen in eine menschliche Zukunft der Welt nahmen und Corona sie schließlich zu einem Ende verurteilte, so dass wir nicht einmal in ihrem Sterben beisammen sein durften.  Sie ist am 26. April 2022, allein, im Krankenhaus gestorben. 

Doppelter Verlust – zweimaliger Absturz – Rettung

Mein erster Kollaps. Mitte Juli, hat damit begonnen, dass ich mich plötzlich elend schwach fühlte und schüttelfrostartig zitterte. Ich habe mich ins Bett auf den Rücken gelegt, bin offenbar ohnmächtig geworden. Als ich wieder zu Bewusstsein kam – ohne zu wissen, wie lang ich da nun schon gelegen hatte, ich lebte ja nun ganz für mich allein im ersten Stockwerk des großen isoliert stehenden Hauses im Rotttal –, lag ich steif auf dem Rücken. Ohne mich bewegen oder rühren zu können. Ich war körperlich völlig gelähmt. Konnte jedoch klar denken, so dass ich mir meiner Situation voll bewusst war. (Dachte ich.) Empfand einen Schreck, weil ich hilflos war. Zumal ja auch niemand einen Schlüssel oder einen Zugang zum Haus hatte. Kam aber nicht auf die Idee, dass ich ernsthaft erkrankt sein könnte. (Wenige Monate zuvor hatte ein gründlicher Check ergeben, dass ich, abgesehen von orthopädischen Problemen mit dem rechten Fuß und Bein, für mein Alter außergewöhnlich gesund war und keine Medikamente einnehmen müsste.) Ich sagte mir also: Du musst es nur irgendwie schaffen, hochzukommen und aufzustehen, das Telefon im Flur zu erreichen und die Hausärztin oder einen Nachbarn anzurufen. (Meine Tochter arbeitet und wohnt mit Familie in New York.) Es hat dann schätzungsweise vierzehn Stunden gedauert, bis ich ans Telefon gekommen bin.                                                                                                                                    

Der Telefonanschluss aber – der nächste Schock – war gesperrt. Es brauchte einen weiteren Tag, bis ich wieder genügend  Kraft aufbrachte, um die hohe Treppe des Hauses und die zweihundert Meter zum Maierhof zu schaffen. Die Versuche, von dort mit der Telekom klarzukommen, führten zu nichts. Erst tags drauf konnte ein anderer Konzernmitarbeiter das Problem lösen. Ja, in der Tat, alle Rechnungen seien bezahlt. Die Anschlüsse waren abgeschaltet worden, weil die Telekom-Leitungen und -geräte technisch defekt seien. Die Reparaturen wurden am Freitag kurz vor Mittag durchgeführt, so dass ich meinen Hausarzt eben noch rechtzeitig vor Praxisschluss antraf, der nach den erforderlichen ersten Tests erklärte, ich hätte wahrscheinlich einen Infarkt erlitten. Die Kardiologen am Klinikum Rottalmünster, an das er mich zum Beginn der nächsten Woche überwies, kamen nach ihren Untersuchungen und Behandlungen über zehn Tage zu keinem klaren diagnostischen Befund – nur: auf ein Herzproblem seien mein Kollaps und die Lähmung nicht zurückzuführen. So dass ich – nach drei Wochen einer Kräftigungspause daheim, für mich allein, ohne professionelle Rehabilitationshilfe – den leider prompt notwendigen, bereits aufgeschobenen Umzug in eine kleine Stadtwohnung in Görlitz nun in Angriff nehmen zu dürfen glaubte und – freilich nur dank eines besonderen  Engagements von Eskas Enkelsohn Valentin – tatsächlich auszuführen vermochte. Er hat dann am 30. August stattgefunden. Und in Görlitz bin ich eine Woche danach ein zweites Mal schwer gestürzt und diesmal knapp zwei Tage völlig gelähmt, total allein, in meiner neuen Wohnung gelegen, bis mich ein mobiler Sanitäterdienst und die Feuerwehr retteten und im Städtischen Krankenhaus einlieferten. Sie waren von Anja-Marleen Krause, einer engen Freundin in Wolfenbüttel – sie war unruhig geworden, weil ich nicht mehr ans Telefon gegangen war – in Absprache mit meiner Tochter Beatrice in New York mobilisiert worden. (In Görlitz kannte ich damals ja noch niemanden.) Die hiesigen Ärzte und Schwestern einschließlich sind fest überzeugt, dass ich (zweimal) von einem starken Schlaganfall betroffen war und sind auch nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus – übrigens mit speziellem Einsatz der Sozialstation – entsprechend vorgegangen.                             

Kein Zweifel, dass die Mediziner und das pflegende Personal hüben wie drüben, in Bayern wie in Sachsen, mir das Leben gerettet haben. Und ich habe keine Berechtigung, an Schlagfällen als Ursache für meine Zusammenbrüche zu zweifeln. Es bleibt freilich eine Frage unbeantwortet. Sie ist zuerst im engeren kleinen Freundeskreis aufgekommen. In allen Informationsdiensten heißt es, dass für Patienten nach einem Schlaganfall unmittelbar jede Minute zählt. Und so war es auch bei Ingrid Eska der Fall: Ich hatte sie Gott sei Dank nur etwa zwanzig Minuten später am Boden liegend entdeckt, der Hausarzt war prompt zur Stelle gewesen, gleich darauf der Sanka, eine vorzügliche Stroke Unit am Krankenhaus Passau leistete unverzüglich erste Hilfe und sorgte für einen raschen Hubschrauber-Transport ins Regensburger Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, wo neueste einschlägige Apparaturen und Methoden gegeben waren. Ingrid Eska, der bloß mehr eine fünfzigprozentige Überlebenschance eingeräumt worden war, kam damals mit dem Leben davon. 

„Irgendwann im ersten vorchristlichen Jahrhundert war man im östlichen Mittelmeer darauf gekommen, dass der Mensch sich auf zwei scheinbar grundverschiedene Arten manifestiert körperlich und geistig, als Seele und Leib. Nun leben wir aber in dem Aberglauben, dass, wo ein Begriff ist, auch etwas sein müsse, wofür der Begriff steht – und so waren wir von Stund an zweigeteilt und sind es bis heute geblieben, so sehr, dass immer noch viel Psychologie ohne Körper auskommt und die Anatomie und Physiologie ohne Geist.“ (Franz Wurm, Vorbemerkung des Übersetzers zu Moshe Feldenkrais „Das starke Selbst. Anleitung zur Spontaneität“)

Rettungsaussichten hängen also von der Schwere des Schlaganfalls ab, außerdem vom Alter des Patienten – ich bin 84, insofern ohnehin höher gefährdet –, und davon, wie schnell Erste Hilfe kommt. Akute ärztliche Versorgung sollte möglichst innerhalb der ersten neun oder auch, je nachdem, zumindest innert der ersten 24 Stunden nach dem Auftritt der anfänglichen Symptome erfolgen. Bei mir dagegen hatte es in Weng bis zum ersten medizinischen Kontakt ganze vier (!) Tage, bis zu den intensiven Tests in der Kardiologie fast sieben (!!) Tage gedauert; in Görlitz sind es über 48 Stunden gewesen. Nicht eben optimale Voraussetzungen für das Überstehen von Schlaganfällen. Und wie kann es möglich gewesen sein, hat meine Studienfreundin Dr. Karin Lorenz -Lindemann sich gefragt, dass ich so ganz für mich allein einen Weg aus der anhaltenden Lähmung gefunden habe? Dass ich in Görlitz so lang „wach“ und aktiv blieb, letztlich relativ unbeschadet durchhielt? Sie glaubt nicht an Wunder. Sie mag es, bei allem Respekt, auch nicht auf medizinische Hochleistungen zurückführen. Ich kann mich selbst aber auch nicht als einen Menschen mit besonderen Willenskräften sehen, als eine Art von Münchhausen, der sich selber am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen haben könnte. Ich habe darum beharrlich der Frage nachzugehen gesucht, wie ich mich denn in diesen Situationen eigentlich verhalten habe.                                                                                                                      

Nun, ich habe, während ich da lag, überlegt, einfach, schlicht, ganz simpel, daran kann ich mich, bildhaft fest und konkret greifbar, noch genau erinnern: Du kannst dir ausdenken und wollen, was du willst, nur: du kannst es nicht tun, hab ich später der Karin erklärt. Du kannst nichts machen, hab ich mir gesagt. Also zerbrich dir erst gar nicht den Kopf. Es bringt nichts. Nimm’s also wie es ist. Alles, was du hast, ist dein Körper. Alles, was du tun kannst, ist, dich an deinen Körper zu halten, das ist doch unzweifelhaft. Damit du im Leben bleibst, musst Du in deinen Körper bleiben – und ihn in seiner Lebendigkeit erhalten, so wie er ist, genau so, wie er in sich in dir lebt. Und was tut er nun, völlig unabhängig von dem, was dir im Kopf rumschwirrt und dich verrückt machen könnte? Dein Körper atmet. Er atmet ganz von selbst. Und ich habe ihn daraufhin atmen lassen. Ich habe mich voll und ganz auf den Gang seines Atems konzentriert, hic et nunc. Ohne an gestern oder morgen zu denken. Ohne Absicht und Ziel. Unablässig, So lang ich da lag. Augenblick für Augenblick. Und jeder Augenblick war, für sich genommen, eine Ewigkeit, die von einer neuen Ewigkeit abgelöst worden ist. In dieser Folge von Ewigkeiten ist irgendwie irgendwann der Körper aus sich stark geworden und der Geist im Körper erwacht, in einer Bewusstheit, im Fluss einer laufenden Wiederholung, die mich weitergetragen hat… Bis Rettung von außen kam…

Schwestern und Pflegerin Rottalmünster und Görlitz haben immer wieder den starken Willen und die Zuversicht vermerkt, mit denen ich eine angeblich erstaunliche Regeneration und Rehabilitation voranbringe. (Sie wird freilich wohl noch einige Zeit beanspruchen.) Ich kann solch starken Willen, wie gesagt, an mir selbst nicht erkennen, und ich bin leider auch nur zu oft verzagt und verzweifelt. Ebenso bin ich keineswegs ein besonders religiöser, spiritueller Mensch oder ein ungebrochen tiefgläubiger Christ. Als erklärenden Hinweis für die oben angedeutete  Bewusstheit möchte ich nur  erwähnen: Durch familiäre Zufälle bin ich schon während der Jugendzeit mit dem originär indischen Christentum Sadhu Sundar Singhs und der Meditationspraxis von Friso Melzer in Berührung gekommen, später mit dem neuen Verständnis der Exerzitien des Ignatius von Loyola vertraut  geworden, wie es im Umkreis von Albert Görres und Karl Rahner entwickelt wurde; über amerikanische Freundschaften dem Werk Thomas Mertons nahegekommen, dem bedeutendsten christlichen Existentialisten und Mystiker des 20. Jahrhunderts, und Thomas Merton hat mir den Zen-Buddhismus erschlossen. Die Za-Zen Lehre und -praxis des größten japanischen Zen-Philosophen Meister Dogen (1200-1253) halte ich persönlich wegen ihrer fast wissenschaftlich anmutenden Nüchternheit für besonders hilfreich und wegweisend. (Sein wichtigstes Werk, das Shobogenzo, ist, in der vierbändigen Übertragung aus dem japanischen Urtext von Ritsunen Gabriele Linnebach und Gudo Wafu Nishijma Roshi im Werner Kristkeitz Verlag auf Deutsch erschienen.)                                                                                                                                 

Was mir in diesem Jahr widerfuhr, hat mir immer wieder von neuem, auf verschiedenste Weise, vor Augen geführt, wie essentiell, aber auch wie schwierig es ist, mit der echten Wirklichkeit einer spezifisch  individuellen Lebensweise in Kontakt zu treten und in Berührung zu bleiben, um natürliche Kräfte zurückzurufen, die in der heutigen Gesellschaft zumeist als „übernatürlich“ und weltfremd „religiös“ diskreditiert werden scheinen. Es hat mich zudem wieder auf Marcel Proust verwiesen – auf die Bedeutung literarischer Kunstwerke zum Leben und die Notwendigkeit einer Kunst verlorengehenden Kunst des Lesens, in die uns Vladimir Nabokov exemplarisch überzeugend einführt. Womit er auch eine Größe zu neuem Leben erweckt, die im gegenwärtigen Literatur-und Konsumbetrieb völlig marginalisiert wird: den kreativen Leser. 

„Die Größe der wahren Kunst…. (liegt) darin  beschlossen, jene Wirklichkeit, von der wir so weit entfernt leben, wiederzufinden, wieder zu erfassen und uns bekanntzumachen, je mehr die konventionelle Kenntnis, die wir an ihre Stelle setzen, an Dichte und Undurchsichtigkeit gewinnt, jene Wirklichkeit, ohne deren wahrer Kenntnis wir am Ende noch sterben  und die doch ganz einfach unser Leben ist.“ (Marcel Proust) 

„Man weiß, das Proust nicht ein Leben, wie es gewesen ist, in seinem Werke beschrieben hat, sondern ein Leben, so wie der, der’s erlebt hat, dieses Leben erinnert.“ (Walter Benjamin) 

Sie ist mir in diesem Jahr wieder eingefallen, die kuriose persönliche Anekdote aus meinen 1960er Jahren in Erlangen, die mit Marcel Proust verknüpft ist. Ich war mit einem Kommilitonen befreundet gewesen, der nicht darüber hinweg kam, dass seiner Familie das adelnde „von“ vor dem hochmittelalterlichen Namen der Siegerland- Ortschaft verloren gegangen war, aus der sie angeblich stammte. Alles Suchen nach dem abgebrochenen Zweig seines Stammbaums führte zu nichts. (Das historische Dienstmannen-Geschlecht gleichen Namens war übrigens wohl schon früh ausgestorben.) Und so hatte er sich schließlich mit der hohen Pariser Herren-und Damen-Gesellschaft des Romanwerks „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust uniert, er ging in ihren endlosen Soirees, prunkvollen Hochzeiten, familiären Verästelungen, müßiggängerischen Luftsprüngen und Tics auf. So oft wir auch darauf hinwiesen, Proust ist kein Chronist der Belle Epoque gewesen, er hat keinen Augenzeugenbericht über die Zeit im Paris um 1900 verfasst, keine Autobiographie und schon gar keine  Verherrlichung der Haute volee; er hat deren Snobismus vielmehr sozialkritisch angeprangert. Der Kommilitone wollte sich jedoch nicht von seiner snobistischen Wahrnehmung Prousts abbringen lassen – obwohl der große russische Erzähler Vladimir Nabokov schon Anfang der 1950er in einer berühmten Ring-Vorlesungen an der amerikanischen Cornell Universität nachdrücklich vor solch einer solch widersinnigen Lektüre gewarnt hatte, weil ein Leser  da nämlich „derartige Langeweile ergriffe und sein eigenes Gähnen ihn so sehr überwältigte, dass er das Buch gar nicht zu Ende lesen würde. Ein so an Tatsachen orientierter Leser wird wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen, die Haupthandlung des Buches bestehe aus einer ununterbrochenen Folge gesellschaftlicher Ereignisse; denn immerhin nimmt beispielsweise ein Abendessen hundertfünfzig Seiten in Anspruch und eine Abendgesellschaft einen halben Band“.                              

Diese Vorlesungen des wahrscheinlich rundum intelligentesten, gebildetsten, Autor, Kunstwerk und Leser am einfühlsamsten zusammen sehenden modernen Schriftstellers der Weltliteratur sind 1982 auch auf Deutsch erschienen, bei S. Fischer. Sie sind nicht nur meines Erachtens bis heute die profundeste und anschaulichste Einführung in „Die Kunst des Lesens“. Das ist mir im vergangenen Jahr erneut voll zu Bewusstsein gekommen, weil Bücherlesen weithin schon als  in sich bedeutungslos und sozial irrelevant abgetan wird; weil wir Heutigen, wie Nabokov prophezeite, „Literatur nicht mehr genießen können und uns auf unsere Comic-Hefte, das Fernsehen und das Buch aus der Bestsellerliste konzentrieren“; weil das Buch, kurzum,  eigentlich nur noch als Konsumartikel behandelt und wahrgenommen wird; weil es volkswirtschaftlich höchstens bloß mehr als Massen- und Saisonware eine Rolle spielt, also existentiell auf Dauer möglicherweise überhaupt gefährdet ist. Vladimir Nabokov hat Marcel Proust als eine ganz eigen-artige Art von moderner Literatur aufgeschlüsselt, die es für mich zum Erlebnis gemacht hat, warum große Literatur so einzigartig und Lesen lebenswichtig ist.                                                                                                                                                 

Die bloße Erinnerung, der Akt, mit dem man sich etwas rückblickend vor Augen führt, bedeutet für Proust, der in seiner Jugend vom zu jener Zeit bedeutsamen Philosophen Henri Bergson gelernt hat, nur die Wiederkehr eines Anscheins von Wirklichkeit. „Die Wirklichkeit, die ich einst kannte, existierte nicht mehr. Die Stätten, die wir gekannt haben, sind nicht nur der Welt des Raums zugehörig, in der wir sie uns denken, weil es bequemer für uns ist. Sie waren nur wie ein schmaler Streif in die Eindrücke eingewoben, aus deren ununterbrochener Folge unser Leben von damals bestand. Die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist wehmutsvolles Gedenken an einen bestimmten Augenblick; und Häuser, Straßen , Avenuen sind flüchtig, ach! Die Jahre… Die einzige Art, sie nachhaltiger zu genießen, bestand in dem Versuch, sie vollständiger zu erkennen, wo sie sich befanden, das heißt in mir selbst, sie bis in ihre Tiefen klar und deutlich zu machen.“

Und, so schildert es Nabokov, die Wahrheit, die Proust „jetzt erkennt, zeigt ihm dass er nicht beliebig wählen kann, welche Erinnerungen aus der Vergangenheit er gleichsam durch intellektuelle Bemühung ans Tageslicht fördert und nähert untersucht, sondern dass sie mir nur so und nicht anders einfachgegeben wurden. Ich aber spürte, dass gerade dies das Zeichen ihrer Echtheit war…“

„Das dem Willen unterworfene Gedächtnis“, so Nabokov, Proust zitierend, ruft lediglich die „durch unser Gedächtnis festgehaltene Kette all dieser in sich unbestimmten Ausdruckselemente“ hervor, „in denen nichts von dem verbleibt, was wir wirklich erlebten, zu unserem Leben, zur Wirklichkeit, eine Lüge aber würde eine sogenannte ‚gelebte‘ Kunst, schlicht wie das Leben und ohne Schönheit als einziges reproduzieren – von dem, was unsere Augen sehen und unser erstand konstatiert, eine Zweitauflage…“

Es ist die ganz individuelle Unverwechselbarkeit, die tiefe Authentizität der intuitiven, unwillkürlichen Erinnerungen, die das literarische Kunstwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ durch und durch von innen prägen – und dem Lesenden ein  Bewusstsein von Schönheit und Wahrheit vermitteln, das auch in seiner Existenz schöpferisch werden kann.

Tags : , , ,