Geschrieben am 31. Dezember 2022 von für Highlights, Highlights 2022

Regina Nössler, Frank Nowatzki, Andrew Nette

Regina Nössler: Mein Schreibtisch und Putin

Ich weiß nicht mehr, was ich am 24. Februar gemacht habe, abends sicher im Bett gelesen, denn das tue ich fast immer, und mit großer Wahrscheinlichkeit war es ein Krimi. 

Wie die meisten war und bin ich entsetzt über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Und im Verlauf der folgenden Monate – Ende des Winters, Frühling, heißer Sommer samt Dürre, Europa brennt – kam mir der Kalte Krieg im Nachhinein irgendwie gemütlich vor. Das Genre, in dem ich schreibe und das ich auch am liebsten lese, erschien mir eine ganze Weile seltsam. All diese erfundenen Verbrechen, die Gewalt, wo doch jetzt reale Verbrechen im Vordergrund stehen. Andererseits kann die Spannungs- und Kriminalliteratur kaum etwas für Putins Krieg. Und 2022 fing ich an, über meinen Schreibtisch nachzudenken.

Ich habe eine Menge gelesen und erwähne hier nur einige wenige Bücher. Erst dieses Jahr las ich den bereits 2020 erschienenen großartigen Roman „Arbeit“ von Thorsten Nagelschmidt (Fischer). Im Herbst gab ich zusammen mit der Verlegerin Claudia Gehrke das Konkursbuch „Arbeit“ heraus (worin übrigens auch Beiträge von Alf Mayer, Thomas Wörtche und Johannes Groschupf zu finden sind), und die Lektüre des gleichnamigen Romans war einerseits Pflicht, aber vor allem großes Vergnügen.

„Der Tausch“ von Julie Clark (Heyne, Original: „The Last Flight“, Übersetzung von Gabriele Burkhardt und Astrid Gravert). Das Ganze beginnt am John F. Kennedy Airport in New York. Claire will vor ihrem gewalttätigen Mann fliehen, tauscht spontan mit einer völlig fremden Frau die Bordkarten und damit auch die Identität und gerät in eine ganz neue, nicht minder bedrohliche Situation und vom Regen in die Traufe.

„Auf der Lauer liegen“ von Liz Nugent (Steidl, Original: „Lying in Wait“, Übersetzung von Kathrin Razum). Herrlich böse! Den Übersetzern und Übersetzerinnen wird ja oft viel zu wenig Beachtung geschenkt, deswegen möchte ich hier Liz Nugent aus ihrer Danksagung am Ende der deutschsprachigen Ausgabe zitieren: „Meine Übersetzerin Kathrin Razum hat meinen deutsch sprechenden Freunden zufolge außerordentlich sorgfältige Arbeit geleistet. Womöglich wirke ich auf Deutsch sprachmächtiger als auf Englisch.“

„The Dark“ von Emma Haughton (Knaur, Übersetzung von Cornelia Röser). „Locked-Room-Setting“, erfahre ich im Klappentext. Aha, so heißt das also. Ich komme mit den vielen Schubladen und Unter- und Unterunterschubladen des Genres nicht mehr ganz hinterher. Kriminalliteratur und ihre diversen Subgattungen – kann mich hierüber nicht mal jemand im CrimeMag aufklären und die ganzen Schubladen mit kurzen Beschreibungen auflisten? 

Diesen Krimi hätte ich lieber im oben erwähnten brüllheißen Sommer 2022 bei 35 Grad gelesen, statt mit Wärmflasche und dem überall propagierten und inzwischen berühmten „ein Grad runterdrehen“. Immerhin konnte ich mich beim Lesen wenigstens freuen, keine abgefrorenen Zehen zu haben. „The Dark“ spielt in der Antarktis, im Sommer 2021 – in der Antarktis also im Winter. Komplette Dunkelheit. Immer. Tablettenabhängige Ärztin bewirbt sich für vakante Stelle in internationaler Forschungsstation. Ein russischer Forscher erwähnt übrigens ganz kurz Putin, und zwar folgendermaßen: Er sei ein „Verbrecher“. Es gab rätselhafte Todesfälle, und allem Anschein nach befindet sich unter den Anwesenden (eine überschaubare Zahl) ein Mörder. In völliger Dunkelheit verlorene Taschenlampen, eine Schwangerschaft in der Forschungsstation, defekte Stromgeneratoren, Misstrauen auf allen Seiten, ausgefallene Satellitentelefone, die Akkus der Taschenlampen gehen zur Neige, es ist sehr kalt, unvorstellbar kalt – das volle Programm.

Zurück zu meinem Schreibtisch. Dass ich an ihm viel Zeit verbringe, versteht sich von selbst. 2022 begann ich ihn plötzlich mit ganz anderen Augen zu sehen. Das Modell davor bestand aus einer Platte mit Böcken, ein Geschenk, das ich damals gerne angenommen habe. Einem geschenkten Gaul und so weiter. Aber in Wahrheit war mir dieser Tisch von Anfang an zu groß für den kleinen Raum, in dem er steht. Außerdem verliert man bei großen Schreibtischen schnell den Überblick, weil man alles Mögliche aufeinanderstapelt und das zuunterst Vergrabene dann vergisst. Und das Gebilde, Platte auf Böcken, schwankte und wackelte immer, wenn ich versehentlich dagegenstieß. So war ich im Jahr 2014 sehr glücklich über eine Gasrückzahlung und wusste sofort, wofür ich sie anlegen würde. Ja, damals gab es das noch: Gasrückzahlungen. Der Betrag war so hoch, dass ich mir davon einen neuen Schreibtisch kaufen konnte. Ich entschied mich für die Firma L&C Stendal, Beine in Stahlrohrkonstruktion, ein bisschen bildungsbürgerlicher Bauhaus-Style. Diesen Tisch kaufte ich im Spätsommer 2014. Im Frühjahr davor wurde die Krim von Russland annektiert. Nordstream 1 war längst in Betrieb, Nordstream 2 unter Dach und Fach und beschlossene Sache. Insofern hat, man kann es nicht anders sagen, letztlich Putin meinen Schreibtisch finanziert. Ich mag den Tisch trotzdem noch, auch 2022, und er kann ja wirklich nichts dafür.

  • Regina Nössler, Schriftstellerin und Lektorin, lebt in Berlin. Zuletzt erschienen die Krimis „Schleierwolken“ (2017), „Die Putzhilfe“ (2019) und „Katzbach“ (2021). Für „Die Putzhilfe“ 2. Platz Deutscher Krimi Preis und 1. Platz Stuttgarter Krimipreis.

*****

Frank Nowatzki

Der McCarthy-Flash. Sowas wie ein Jahrhundertwerk im Doppelpack: „Der Passagier“ 528 S., „Stella Maris“ 240 S., Rowohlt. Über die Komplexität der Dinge unserer Tage die vielleicht mehr Fragen als Antworten hervorbringen, dafür aber jede Menge Verlust, Frust und Traurigkeit hinterlassen. Ein Universum, das weder Licht noch Dunkelheit enthält. Weder Gewissheit noch Frieden noch Hilfe gegen den Schmerz.

Ich könnte über die Geschwister Bobby und Alicia Western einfach immer weiterlesen. Alicias Dialoge mit dem Contergan-Zwerg und dem Therapeuten. Über Bobbys Treffen mit seinem Sinn-suchenden Kumpel John Sheddan oder Privatdetektiv Kline, von dem er sich Tipps zum Untertauchen vor den seltsamen Regierungstypen erhofft. Bobbys Treffen mit Trans-Frau Debussy Fields im Absinthe House in New Orleans.

Du weißt. Ich liebe Dich.
Ich weiß. Ein andermal. In einer anderen Welt.
Ich weiß. Gute Nacht.

„We own this city“ heisst ein sechsteiliger HBO-Crime-Hit vom The Wire-Team. Showrunner ist George Pelecanos, die Serie basiert jedoch auf wahren Begebenheiten, die der Journalist Justin Fenton ab 2017 für die Baltimore Sun und 2021 in dem Buch „We Own This City“ zusammengetragen hat. Eine Polizei-Spezialeinheit soll Baltimore von Waffen und Drogen befreien. Doch die korrupten Cops werden zum Zentrum eines Skandals.

Völlig irre: Die mit ihren Handys filmenden Passanten verunsichern bei Festnahmen die 0815 Cops, so dass die die Verhaftungen abbrechen und die Crime-Statistiken rasant ansteigen. Die einzigen Cops, die jetzt überhaupt noch für Festnahmen sorgen und die man deswegen von oben deckt, sind die, die auch unter Korruptions- und Rassismusverdacht stehen. Starker Tobak für die internen Ermittler. Der NY Times erzählte Pelecanos, dass er für die Fortsetzung Megan Abbott ins Boot holen will, die er schon aus der Arbeit von „The Deuce“ schätzen gelernt hat.

Gut in 2022: Sybille Ruge, Mary Paulson-Ellis, Garry Disher …

  • Frank Nowatzki ist der Verleger von PulpMaster. Texte von ihm bei CrimeMag. Zuletzt in seinem Verlag erschienen: Moder von Garry Disher, Ted Lewis: Schwere Körperverletzung (Originaltitel: G.B.H.) sowie Tom Franklin: Wilderer (Poachers). Ende Januar 2023 kommt als erste Pulp Master-Autorin überhaupt Megan Abbott mit

*****

Andrew Nette: My cultural highlights of 2022

Film

Possibly the best new release I saw in the past 12 months was Iranian director Ali Abbasi’s The Holy Spider (2022). The story of a young female journalist (a powerhouse performance by Zar Amir-Ebrahimi) investigating a religious serial killer in a rural Iranian city, little did I know when I saw it as part of Melbourne International Film Festival in September that it’s damning commentary on the male dominated nature of Iranian society, would find such a strong real world echo in the female led protest movement shaking the country to its foundations today. While The Holy Spider is not for the faint hearted, its horror is brilliantly conveyed through show don’t tell storytelling. Seriously, a lot of directors could learn from watching this film that you don’t always have to hit the audience over the head with a narrative sledgehammer.

Two other 2022 releases make my best of film list for the year. The first is Emily the Criminal. This is a whip smart neo noir about a young woman who falls into crime, featuring Aubrey Plaza in the lead role. I call it a millennial revenge film, which I think is THE upcoming crime genre with a bullet. Revenge against shitty work conditions, wage theft, unpaid internships, massive student debt & lack of the welfare state states that so many of us – in Australia at least – have been able to rely on as we grew up. 

The second is the latest release by Blue-Tongue Films, The Stranger. Starring Joel Edgerton and British actor Sean Harris (who blew me away in his turn in the adaptation of the David Peace novel Nineteen Eighty), it is based on the real life undercover police operation to apprehend the killer of 13-year old Daniel Morcombe case in Queensland in 2003. I didn’t know this when I started watching it and it made the film all the more disturbing.

There are so so many old films that gave me pleasure in 2022. I had a major and very overdue binge on spaghetti and so-called Zapata westerns (a variation of the spaghetti western genre set during one of Mexico’s post-1900 periods of revolution). Lewis Allen’s Desert Fury(1947), a completely new to movie I watched part of my Noirvember viewing, gets props for being queerest classic film noir I’ve ever seen. Lisbeth Scott falls for John Hodiak’s hoodlum, who’s in an obvious gay relationship with his enforcer (Wendell Cory), while Burt Lancaster’s small town sheriff smoulders on the sidelines. Obviously, the word ‘gay’ is never uttered but other than that, for 1947 there’s not much attempt to code what’s going on. 

The other old film that I watched this year, that I still think about a lot, is Report to the Commissioner (1975). It opens with the discovery of the body of a murdered woman in a loft apartment in a run-down part of New York. It is quickly revealed that the deceased was a policewoman working an unorthodox undercover operation to snare a charismatic African American drug dealer with suspected links to black militant organisations. The resulting scandal and high-level investigation rapidly focus on the role of Detective Bo Lockley (Michael Moriarty), a young progressive rookie hopelessly out of his element in a tough inner-city precinct, who is being fitted up as the fall guy for the mistakes of much more senior police. Report to the Commissioner deals with inner city crime, mental illness, racism, and police corruption. As if this was not enough, the plot almost completely pivots about two thirds of the way through, further upending stereotypes around race and gender. An absolute hand grenade of a neo noir.I reviewed Report to the Commissioner as part of an article I did for the US site CrimeReads on underrated American neo-noir of the 1970s, which you can read in full here.

Television

My television highlight of 2022 was Black Bird. Created by Dennis Lehane and directed by Michaël R. Roskam, it starred Taron Edgerton – unrecognisable from his turn as Elton John in Rocketman – as James Keene, a charismatic criminal who is offered a pardon from the 10 year jail sentence he is serving if he can use his charm to elicit a confession from a suspected serial killer. Based on a true story, this was a dark, fast paced series that earned extra kudos in my book for confining itself to six tight episodes, rather than taking the increasingly common path of stringing the story out longer than it needed to be. Paul Walter Hauser was extraordinary as the suspected killer and the series also has a great performance by Ray Liotta, one of his last, as Keene’s tortured former cop father. 

Like everyone else, it seems, I loved Slow Horses, the adaptation of the first of the espionage novels by Mick Herron (I’m going to try and read some of the books as well in 2023). I also enjoyed Archive 81, Rebecca Sonnenshine’s 2022 Netflix horror series. The plot concerns a mentally troubled archivist who is hired by an enigmatic and deeply creepy businessman to restore a collection of damaged video tapes made by filmmaker who was investigating a dangerous cult that has as its base of operations in an old apartment block, a place very similar to the Bamford building in Ira Levin’s Rosemary’s Baby. It is a pity that this canned by Netflix after just one series because I thought it had a lot to offer.

My other major TV recommendation, if you can access it, is the second part of the early 1990s Melbourne police procedural series, Phoenix. The first installment, which I reviewed on my site here, focused on an elite group of Victorian cops, the Major Crimes Squad, that are investigating a car bomb that explodes outside a Christmas in July celebration held by the police, which kills two of their number, a plot loosely based on the real-life car bombing of the Russell Street police headquarters in 1986. The second series, which aired on Australian TV in 1993, concerns a Major Crimes investigation into a series of violent aggravated burglaries that, in turn, become linked to a drug importation ring. Phoenix is a rare evocation of Melbourne, my hometown, as a noir city, as well as a wonderfully gritty piece of Australian crime television. I like to think that my online advocacy on behalf of Phoenix was one of the factors behind the Australian Broadcasting Commission’s decision to put it up on its streaming channel, ABC iview. Whatever the case, iview can you please out up the Phoenix spin off series Janus, which depicted the police’s efforts to break up the activities of a vicious criminal family, based on Melbourne’s real life Pettingill clan.

Books

I continued to slowly make my way through Georges Simenon’s romans durs (you can read a piece I wrote for CrimeReads on why I like Simenon’s bleak psychological noirs so much, at this link) and discovered the books of contemporary French noir writer, Pascal Garnier, whose work is very much like Simenon’s. I also managed to re-read – for the third time – three out of four of Peace’s utterly brilliant Red Riding quartet (the last one, 1983, awaits me in 2023.

In terms of new fiction, two books are worth mentioning. The first was Perth writer David Whish-Wilson’s historical noir, The Sawdust House. This focuses on the life of Irish-born James ‘Yankee’ Sullivan, arrested as part of the nativists attempt to root out and crush Australian criminal influence in San Francisco. Languishing in a jail cell, Sullivan recounts his life to American journalist, Crane, who has come to the city with a mission and secrets of his own. Sullivan is a former convict, boxer and publican, whose largely brutal existence Whish-Wilson portrays in jaw droppingly good prose. Indeed, one of the highlights of this book is not only how sure the author is of his writing style, but how effortlessly he seems to inhabit the world he is writing about. Whish-Wilson’s portrayal of Sullivan, his milieu, the people he meets and the events he has been part of is both gripping and, at times, intensely moving. The second was This All Come Back Now, a collection of Australian First Nation’s science fiction, edited by Mykaela Saunders. This is the first such collection put together in Australia, and it is excellent. A slightly longer review of this book can be found here on this site.

As was the case in 2021, my reading increasingly veered towards non-fiction this year. My highlights have included Glenn Frankel’s Shooting Midnight Cowboy: Art, Sex, Loneliness, Liberation and the Making of a Dark Classic (2021), We are the Mutants: The Battle for Hollywood from Rosemary’s Baby to Lethal Weapon (2022 – which I reviewed on this site here), and Elaine Mokhtefi’s fascinating 2018 political autobiography, Algiers, Third World Capital. But the non-fiction book that came out of complete left field (a random recommendation on social media) and utterly blew me away, was Kieron Pim’s Jumpin’ Jack Flash: David Litvinoff and the Rock ’n’ Underworld (2016). Litvinoff was incredibly reclusive gay, Jewish, working class cultural provocateur and libertine, who moved between the worlds of art, bohemia, high society film, music and organised crime in 1950s and 1960s London and further afield (he even made it to Australia in the early 1970s). Pim beautifully and evocatively weaves together the disparate threads of Litvinoff’s itinerant life and travels, in the process helming not only a riveting history of London during the time when crime and high/low culture mixed, but a wonderful psychogeography of the city. On a personal note, I have never been to London and no single book has made me want to travel there as much as this one.

  • Andrew Nette lives in Melbourne and is a writer of fiction and non-fiction, reviewer and pulp scholar. He is the author of two novels, Ghost Money, a crime story set in Cambodia in the mid-nineties, and Gunshine State, and co-editor of Hard Labour, an anthology of Australian short crime fiction, and LEE, an anthology of fiction inspired by American cinema icon, Lee Marvin. He also co-edited Girl Gangs, Biker Boys, and Real Cool Cats: Pulp Fiction and Youth Culture, 1950 to 1980, and Sticking it to the Man: Revolution and Counterculture in Pulp and Popular Fiction, 1956 to 1980both published by PM Press. Both reviewed by Alf Mayer here and here. He also co-edited a third volume for PM Press, Dangerous Visions and New Worlds: Radical Science Fiction, 1950-1980out in late 2021 and reviewed here by Alf Mayer. 
    Andrew Nette at Twitter: @Pulpcurry
  • His blog Pulpcurry
  • His articles with us.

Tags : , ,