Geschrieben am 31. Dezember 2022 von für Highlights, Highlights 2022

Ponkie – Ein Alphabet ihrer schrägsten Worte

Alle Ponkie-Bilder: © Privat/ Archiv Uli Kümpfel

„In jeder Zeile Neugier, Interesse, Lebenslust…“

Sie verstarb am 30. Dezember 2021, zu knapp für einen Nachruf in unserem Jahresrückblick vor einem Jahr. Aber nicht nur deshalb gebührt Ponkie ein eigener Auftritt hier in dieser Ausgabe. Sie war die Grand Dame der TV- und Filmkritik, 70 Jahre aktiv, hat ihr journalistisches Lebenswerk in einem Boulevardblatt gemeistert – und sie hat uns Perlen der Wortakrobatik hinterlassen.

Wir freuen uns, Ihnen exklusiv Auszüge aus ihrem „Alphabet von Ponkismen“ präsentieren zu können. Zusammengestellt wurde das Buch „Elfmeter ins Gehirn“ von ihrem Sohn Uli Kümpfel und seiner Frau Helena Gaitanu. Dieter Hanitzsch steuerte Karikaturen bei, Thomas Gottschalk, Christian Ude, Uschi Glas und Asta Schreib ihre Erinnerungen an eine Großmeisterin der schreibenden Zunft. Das Buch erschien Ende 2022 im Verlag der Abendzeitung München, bei der Attenkofer’schen Buch- und Kunstdruckerei in Straubing. Die Erstauflage von 500 Exemplaren ist schon ziemlich vergriffen.

Ponkie, bürgerlich Ilse Kümpfel-Schliekmann, war über Jahrzehnte ein Markenzeichen nicht nur der Münchner „Abendzeitung“.  Eigentlich eine Langsamdenkerin und Langsamschreiberin, arbeite sie in einer Schnellzeitung. In einem schönen taz-Interview von 2014 mit Anna Bianca Krause und Waltraud Schwab sagte sie dazu: „Wenn ich keinen Druck habe, muss ich mir selbst welchen machen. Früher bin ich vom Kino in die Redaktion gerast und da stand schon einer hinter mir und sagte: Gib die erste Seite, sie muss in die Setzerei.“

War Ponkies Markenzeichen: die übergroße Brille © Privat/ Uli Kümpfel

Der Münchner Alt-OB Christian Ude meinte über ihr Werk: „Wo hat man sonst so was gelesen? In jeder Zeile Neugier, Interesse, Anteilnahme und Lebenslust zu spüren, aber auch Verachtung von Mittelmaß, Konvention, Spießigkeit, autoritärem Gehabe, moralinsaurer Heuchelei, seichter Unterhaltung und fantasieloser Meterware: eine einzige Erfrischung!“

Siehe auch auf der Internetseite der Abendzeitung (mit etwas Scrollen) der Link zu Uli Kümpfels Film „Ponkie. La Grande Dame der Filmkritik“. 

Ponkie: Elfmeter ins Gehirn. Ein Alpahabet von Ponkismen. Zusammengestellt von Ulrich Kümpfel und Helena Gaitanu. Verlag Attenkofer, Straubing 2022. 154 Seiten, 12,80 Euro.

www.ulikuempfel.de

www.crew-united.com/Uli Kümpfel    

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Und nun hier mit freundlicher Erlaubnis einige Auszüge:

Abruzzen-Lollo, die 

Luigina „Gina“ Lollobrigida wurde von Guiseppina Mercuri im Dorf Subiaco in den Abruzzen geboren. Sie galt in den 50er Jahren als „schönste Frau der Welt“. 

Er lebt von den (allerdings fantastischen) Kurven der mit Volldampf agierenden Lollobrigida, und von Hochwürden. Hochwürden ist eine der komödiantischen Patentnummern Vittorio de Sicas und inklusive Fußballspiel, von unfehlbarer Komik. So ist es denn vorwiegend heiter. Wenn auch etwas hektisch. Abruzzen-Lollo groß in Fahrt. – 24.06.59 AZ, Neuer Film in München: Anna von Brooklyn 

Arsch-und-Titten-Fundus, der 

anzügliche Erzählungen an einem Männerstammtisch 

Irgendwann hatte man dann endgültig die Schnauze voll von Besenkammer-Witzen und Nad- del-Quark und von all dem Altmänner-Gewieher über den Arsch-und-Titten-Fundus der Stammtische, und man fragt sich, wie es denn sein kann, dass freilaufende Provinz-Individuen, deren Pointen-Arsenal unweigerlich kriegerische Gegenmaßnahmen herausfordert, öffentliche TV-Mikrofone an sich reißen dürfen. 

08.02.02 AZ Kolumne, Ponkie sieht fern: Karneval in Köln 2002 

Betonwabenlangeweile, die 

Eintönigkeit modernerer urbaner Architektur 

Dass allerdings die Betonwabenlangeweile und die Bau Barberei dadurch abgewehrt wird, dass die Abrissbirne nicht Tante Lidas Butzenscheibenhütte trifft (weil die Kinder ihr Lindenbäumchen vorm Haus durch Gießkannenmagie zu einer riesigen Naturschutz-Linde hochgezaubert haben), sondern dass dafür ein Nachbarhaus nieder gedemmelt wird (nachdem die Bewohner in Fliegenpilze verwandelt wurden) – das ist ein höchst schäbiger Schadenfreude-Effekt. Aber wer nimmt es schon so genau, wenn die Tiger im Wohnzimmer hocken und die Bären den Frühstückstisch abfressen. 

09.09.93 AZ neue Filme in München, Ponkie: Hexen aus der Vorstadt 

Bohnerwachs-Erotik, die 

Liebesszenen ohne Schmuddelsex und zu viel nackter Haut 

Wie man hört, ist die ZDF-Serie „Die Schwarzwaldklinik“ ein international begehrter Exportartikel, ähnlich wie die Kuckucksuhr, der Radetzkymarsch oder der deutsche Schäferhund. Warum wohl? Der Startfilm zur neuen 24-teiligen „Schwarzwaldklinik“-Staffel gab wieder einmal Aufschluss darüber, woran das liegt. Es liegt (wetten, dass?) 1. an der schönen Gegend, 2. an den adretten Leuten und 3. an ihren schnuckeligen Problemchen, die dem Zuschauer keinen Problemstau im Kopf verursachen. Die deutsche Problem-Idylle ist staubfrei, porentief rein und samt der Bohnerwachs-Erotik ein fröhliches Osternest. Die soziale Stufenleiter ist intakt (Professor-Chefarzt, Oberarzt, Stationsarzt, hübsche Ärztin – Oberschwester, Lernschwester, Pfleger, Haushälterin, Hund). Aufstieg in die nächsthöhere Klasse für Frauen durch Heirat möglich. Auf Ehebruch folgt die Strafe auf dem Fuße (bums, Autounfall, Claus Biederstaedt in Gips). Ostern im Schwarzwälder Brinkmann-Clan: Das ist ein dickes Ei. 

10.10.88 AZ Kolumne, Ponkie sieht fern: Die Schwarzwaldklinik 

Cineastenaufschnitt, der 

breites Wiederholungsangebot für Filmliebhaber im Fernsehen 

Man unterscheidet dabei die Qualitäts-Markensalami bei der sich auch noch die dreißigste Wie- derkäuer-Veranstaltung lohnt (Cineastenaufschnitt!) – und die gewöhnliche Dauerwurst, an der manche Dauerwurst, an der man sich aus Gewohnheit immer wieder vollfrisst (zum Beispiel an so einer ZDF-Wunschwurst wie „Die Höllenfahrt der Poseidon“). Ferner gibt es noch den ranzigen Presssack für den Schnellmampf. 

13.07.87 AZ Kolumne, Ponkie sieht fern: Wiederkäuer-Veranstaltung 

Denkmülldeponie, die 

Ort, an dem statt umweltschädlicher Gifte Worte und Gedanken gelagert werden müssten, die mehr verschleiern als aufklären, mehr diffamieren als differenzieren. In Zeiten von Social Media aber nicht mehr durchsetzbar. 

Denkmülldeponie: Auch 2003 war als Unwort- Jahrgang höchst ergiebig. In unseren Zeiten des massenhaft herumliegenden Denkmülls wird der Abfallsack für die Jahresentsorgung immer größer, das Verfallsdatum für (Un-)Wörter immer kürzer. Und was die TV-Moderatoren erst einmal zwischen den Zähnen haben, das mahlen sie gnadenlos zu Cracker-Bröseln, Quiz-Pampe und Hitlisten-Brei. Während wir noch an den Rest-Unwörtern vom Vorjahr kauen, von Ich-AG bis Kanzlerkandidat, von Wahllügenuntersuchungsausschuss bis Ach- se des Bösen, liegt fetter frischer Unrat unter dem Teppich. 

31.12.04 AZ Glosse, Ponkie: Morgengebete für Stammelsprachler 

Hirn-Matsch-Scheibe, die 

ein TV-Bildschirm für unseren Blick in die Welt 

Neues von der Hirn-Matschscheibe … Und der Fernsehkritiker, obwohl ganzjährig mit diesem Gen-Defekt des Konsumbürgers (genannt Einschaltquote) konfrontiert, ahnt erst im August, wenn ihm das Sommerloch eine Urlaubspause gegönnt hat, so richtig deutlich, mit welchen Pestiziden ihn die Glücksverkäufer des Fernsehens traktieren. 

01.09.98 AZ Übrigens, Ponkie: Neues von der Hirn-Matsch- Scheibe 

Hirnstaubsauger, die (Pl.) 

TV-Sendungen, nach deren Konsum man eine extreme Leere im Kopf hat 

Wie zwingt der Dealer seine Suchtkundschaft auf Drogenkurs? Richtig: Durch den Aushang von vergifteten Reklame-Ködern. Falls wir naiven TV-Tro tel nämlich glauben sollten, die Hirnstaubsauger der Talkshow-Mafia würden sich mit ihrem derzeitigen Publikumsbestand an Leerköpfen zufriedengeben: Irrtum. Die künftige Strategie zur Übertölpelung des TV-Einfaltspinsels sieht vor, dass die feindlichen Privatsender eine Skandal-Tauschbörse einrichten: Abwechselnd darf immer irgendein halbseidener Showtalker und Schlüsselloch-Promi (möglichst mit Schwangerschaftsbonus oder Vorstrafe wegen Trunkenheit am Steuer) seinen Privatzoff sowie jeglichen eigenen Behörden-, Handwerker-, Vermieter-, Mieter-Ingrimm in seinem Spezialkanal breittreten – und der jeweilige Sender gebärdet sich dann demonstrativ wie der Gockel auf dem Mist und kräht moralisch empört, dass er solch unprofessionelles Eierlegen nicht dulden kann. 

31.08.96 AZ Glosse, Ponkie: Die Hirnstaubsauger der Talkshow-Mafia 

Kladderadomspengpeng, das 

Actionfilm-Einwortfilmkritik in Comicsprachenverdichtung 

Doch zurück zur würdevollen Danksagung: In meinem 30-jährigen Ringen mit den AZ-Feuille- ton-Chefs um eine Mindestanzahl von Zeilen wurde ich immer wieder darüber belehrt, dass in der Kürze die Würze liegt. Mein großzügiges Angebot, die Filmkritiken dann doch gleich auf ein Comic- Spruchblasen-Schema einzuschrumpfen, etwa für Melodramen „seufz-seufz“, für Actionfilm „Kladderadomspengpeng“ oder für erotische Komödien „knusper-knurpsel-kicher-kicher“ und für Total- verrisse aller Art einfach „wumm-pflatsch“, dieses Ansinnen wurde abgelehnt und dann durch das AZ-Thermometer von 0 bis 40 Grad ersetzt. 21.07.87 AZ Glosse, Ponkie: Schmatz, ich werde gelobt 

Motiv-Mathematik, die 

die Lehre von der Figuren-Dramaturgie einer Krimi-Geschichte 

➤ siehe „A-la-bande-Raffinesse, die“ 14.10.93 AZ neue Filme in München, Ponkie: Justiz 

Ponkie: Modernes Leben 

Multi-Media-Schnappi, das 

Dinosaurier, bevorzugt der Tyrannosaurus Rex, der ein raffinierter Schachzug Hollywoods war, das Merchandising in neue Bahnen auf allen Kanälen zu lenken. 

Natürlich ist dieser Dino-Boom das riesige Multi- Media-Schnappi einer gefräßigen Tyrannossaurus- Industrie (inklusive T-Shirt- und Spielzeugbranche) – aber Spielberg hat eben einen sechsten Sinn für die glückliche Verbindung von Kinderängsten, abenteuerlicher Science-Fiction-Fantasie, kollektivem Unterbewusstsein und gigantischer Technik. 02.09.93 AZ Filmkritik: Jurassic Park 

Not-Gummi-Schnürl, das 

schwacher roter, dehnbarer Faden einer Geschichte 

Allmählich scheint es zum Rüstzeug der Krimi-Autoren zu gehören, dass Kommissare und Kommissarinnen sich jeweils in den (oder die) Mordverdächtige(n) verlieben. Aha, sollen wir wohl denken: Konflikt zwischen Amt und Mensch. Es ist aber einfach nur ein ausgeleiertes Not-Gummischnürl, das die Story in die Länge zieht. 

17.07.01 AZ Kolumne, Ponkie sieht fern: Tatort 

Pfützen-Magie, die 

künstlerisch eingefangenes Regenprasseln als Stimmungssuggestion in einem Film 

Ein seltsamer, suggestiv-monotoner Film als deutsche Erstaufführung im Teleclub-Nachtstudio des III. Programms: Die ungarische Schwarzweiß- Elegie „Verdammnis“ von BelaTarr (1988) – ein langsames Umherschweifen zwischen Kneipe und grau verhangener Industrielandschaft – fand vorwiegend in einem geradezu sintflutartigen Regen statt. Selten wurde man in einem Film derart nassgeregnet, bis auf die Haut sozusagen: Eine Pfützen- Magie, wie man sie sonst nur von Tarkowski kennt. 

14.01.86 AZ Kolumne, Ponkie sieht fern: Verdammnis 

Plüschblick-Transuse, die 

In einem deutschen Büro-TV-Movie gibt es meistens zwei verschiedene Klischee-Sekretärinnen. Die eine weint gleich und versucht mit ihrem Silber-Sexy-Blick den Chef zu betören. Die andere weiß einfach alles. 

➤ siehe auch „Dummschlau-Tratsch, der“ 01.01.90 Kolumne, Ponkie sieht fern: Der neue Mann 

Vulgär-Dampfwalze, die 

voyeuristisches, anstößiges TV-Unterhaltungsprogramm, um mehr Einschaltquoten zu bekommen 

Die Tiefpunkte waren gewollt. Auffallend, wie hemmungslos die Privatsender alle Qualitäts-Standards nach unten gedrückt haben – und wie kleinmütig feige die Öffentlich-Rechtlichen voll Quoten-Angst hinter dieser Vulgär-Dampfwalze hergestolpert sind. Ein Extra-Tiefpunkt war bereits jenes tollkühn propagierte, dann schnell verleugnete ARD-Papier über jene kreativen Hirnblasen, die künftig bei der Herstellung von TV-Unterhaltungsware bedacht werden sollten (das neue attraktive, positive, prominent besetzte Schlicht-Movie für den Schlichtmenschen!). 

23.12.00 AZ Meinung, Ponkie: von kreativen Hirnblasen & Ehrgeiz-Unternehmen, Tiefpunkte des TV Jahres 2000 

Auf der Internetseite der Abendzeitung (mit etwas Scrollen) der Link zu Uli Kümpfels Film „Ponkie. La Grande Dame der Filmkritik

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