Geschrieben am 31. Dezember 2022 von für Highlights, Highlights 2022

Ivy Pochoda, Markus Pohlmeyer, Hazel Rosenstrauch

Ivy Pochoda

Often it’s hard to choose favorites. Not this year.
In 2022 two books written by two badass women distinguished themselves for me. The first is „Mecca“ by Susan Straight. This multilayered story shines a light into the real Southern California taking us into a series of desert enclaves, revealing the lives of indiginous, Chicano, and Latino communities too infrequently portrayed in fiction. „Mecca“ is a novel that is equally poetic and tough and contains a bit of a noir surprise within.

Speaking of poetic and tough—dude, „Pity The Beast“ by Robin McLean. This one almost defies characterization. In parts it’s more „Blood Meridian“ than „Blood Meridian“. It opens with an act of extreme violence, takes us on a horseback chase through Montana’s Mission Mountains, detours into a philosophical discussion between a pack of mules, and delivers a touch of futuristic ecoscience.

In other words, it ROCKS.

  • Ivy Pochoda’s These Women was named by the New York Times as one of the best mystery books of 2020. It was published to great acclaim by  ars vivendi in Germany, as Wonder Valley was before, and it just made our own TOP 15 2021. Andrea O’Brien has interviewed her for her website Krimiscout (the Interview is in German). Ivy’s website, her appearance in our magazine.

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Markus Pohlmeyer

Wie kommen wir aus den verschiedenartigen Verdrängungen heraus, was den Klimawandel betrifft?[1] Mit guter Wissenschaft, die faszinieren kann, und mit einem ästhetischen Schock – durch Schönheit, die sprachlos macht: beides verbindet das Buch von Christian Klepp: Wunderwerk Erde (Hamburg 2022). Die  Fotographien stammen vom Autor selbst. Was für eine Liebeserklärung an unseren Planeten, der in Bild und Text gefeiert wird. Mein Gedanke: wie müssen erst diese Landschaften in „Echt“ wirken. Und wie wenig weiß ich über die einzige Welt, in der wir leben können, die wir aber vernichten. 

„Bartelby, der Schreiber. Eine Geschichte aus der Wall Street“ – nach Hermann Melville – zeigt an einem Mikrobeispiel, was ein globalisierter Kapitalismus anrichten wird. Dieser seltsame Nicht-Bürokrat, der eben nicht durch seine Bürotätigkeit herrschen will, jener unangepasste, seltsam widerständige Bartleby, der immer wieder lieber nicht möchte … [Was eigentlich? Leerstelle.]: „Der letzte freie Mensch?“[2] Was mich an dieser Graphic Novel bestürzte und beeindruckte, waren die Farben – eher das Fehlen von hellen, gütigen Farben. Dagegen Dunkelheit, Grau, Blau, Schwarz, düster-diesig, grell, verschmiert, verschleiert, Schnee, Undefinierbares … Eine Stadt (NY), total, nur noch eine steinerner Wall, eine Welt, aus der niemand mehr ausbrechen kann – außer in das innere Exil. 

Wer gerne eine Zeitreise zu den Dinos unternehmen möchte, dem empfehle ich die Graphic Novel: „Europasaurus. Urzeitinseln voller Leben. Life on Jurassic Island.“ Keine Monstermegahyperdinos, sondern deren Zwergversion, eben angepasst an das Leben auf Inseln. Auf Deutsch und Englisch, und mit wissenschaftlichem Anhang entwickelt sich die Abenteuerreise eines kleinen Europasaurus: Dieser „[…] ist nur aus dem Langenberg-Steinbruch bekannt. […] Die bisher präparierten 1300 Knochen sind hervorragend dreidimensional erhalten. […] Die größten Exemplare erreichten eine Länge von 8 Metern während das kleinste Jungtier […] nur einen halben Meter maß.“[3] Immer mit Blick auf die komplexe Tierwelt von damals: Flugsaurier, die Sauropoden als Taxi benutzen; nachtaktive Säugetiere; balzende Krokodile; Plesiosaurier, Fische, Leuchtkäfer … Und alles voller Dramatik und Tragik.

Und dann das unwiederstehliche Buch von Luciano Rezolla: „Die unwiederstehliche Anziehung von Schwerkraft.“ Der Autor – laut Klappentext – „war federführend an der ersten fotografischen Aufnahme eines Schwarzen Loches beteiligt, die 2020 vorgestellt wurde.“ Auf dem Weg zu dieser Aufnahme („Es gibt kein ‚reines‘ Foto, weil alles, was wir sehen, letztlich das Ergebnis einer Kartierun von aufgefangenen Signalen ist, die zu einem Bild verarbeitet werden.“[4]) entfaltet sich eine verblüffende Reise durch kosmische Räume und Zeiten. Mein Lieblingskapitel: das über Neutronensterne. Einfach genial erklärt (soweit ich das beurteilen kann). Dazu viele zugängliche, klare Darstellungen von Naturgesetzen, Formeln und Graphiken. Und: dieses Buch durchbricht ständig Sehgewohnheiten. Natürlich schienen mir Schwarze Löcher bisher immer megamonsterhyperkrass unterwegs, so physikalisch und überhaupt. „Tatsächlich sind Schwarze Löcher die absolut einfachsten makroskopischen physikalischen Objekte!“[5] Warum? Bitte selbst nachlesen. J

Irgendwie Bücher, die sehr demütig machen. Und bleibt nicht das Herz bei so einem Satz für einen Moment stehen? Bestimmte Annahmen vorausgesetzt, „[…] erhält man Ergebnis von 1080sinnvollen Schachpartien.“[6]


[1] Siehe dazu D. Birnbacher: Klimaethik. Eine Einführung. Stuttgart 2022.

[2] J. Munuera: Bartleby, der Schreiber. Eine Geschichte aus der Wall Street. Nach der Novelle von Herman Melville, übers. v. T. Krämling, Bielefeld 2021, 66.

[3] O. Wings – J. Knüppe:  Europasaurus. Urzeitinseln voller Leben. Life on Jurassic Island, München 2020, 168.

[4] L. Rezolla: Die unwiederstehliche Anziehung der Schwerkraft. Eine Entdeckungsreise zu den Schwarzen Löchern, übers. v. E. Heinemann, München 2021, 155.

[5] Rezolla: Schwerkraft (s. Anm. 4), 135.

[6] F. Friedel – C. Hesse: Schachgeschichten. Geniale Spieler – Clevere Probleme. Mit einem Vorwort v. G. Kasparow, München 2022.

  • Markus Pohlmeyer, Dichter und Essayist, lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Texte und Gedichte bei uns hier.

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Hazel Rosenstrauch: Nachspeise

Pech, dass ich Tagebuch schreibe. Die Aufforderung zum Jahresrückblick hat mich dazu verführt, in diesem Heft zu blättern. Ein grauer Schleier scheint über dem Jahr zu liegen: Covid, Krieg und Katastrophen. Ende Februar begann das schriftliche Nachdenken über Bomben und Morde dort, Beschlüsse für und Aufrufe gegen Aufrüstung hier, als Versuch, schreibend zu verstehen. Plus Notizen über New-Speak: In Russland ist der Krieg eine “militärische Spezialoperation”, in den deutschen Nachrichten wird von Verteidigungs–, nicht von Rüstungsindustrie gesprochen. Angst bekam ich nicht nur wegen des Kriegs, ich fürchtete mich auch vor Gesprächen mit Freunden, weil “wir” uns nicht unbedingt einig sind – und rationales Diskutieren schwierig geworden ist. Meine Flucht zu Büchern erinnerte mich an Ängste, Politikverdrossenheit und innere Emigration in früheren Zeiten. Mit Freunden tauschte ich nicht nur Hinweise auf (vielleicht) kluge Artikel, sondern auch Tipps, wie man sich vor zu viel Informationen schützt.  

Und es war doch ein ereignisreiches Jahr. Ich habe gelernt, dass ich hier in Berlin in einem Dorf lebe. Seit Corona meinen Radius einschränkt, gehe ich mehr spazieren, entlang der immer gleichen Wege, und treffe immer wieder die gleichen Leute, die auch weniger verreisen. Einige Male habe ich meinen Bezirk verlassen, und bin nach langer Pause wieder zu Demos gegangen – nicht gegen die Corona-Maßnahmen, sondern für diese tollen jungen Menschen, die von der Politik endlich Aktionen gegen die Abgase, Müll, Dreck, Gift und wetterbedingte Katastrophen fordern. 

Die documenta füllt mehrere Zeilen in dem Tagebuch, ich diskutiere diese Fragen lieber mit mir selbst. Die vielen Sendungen, Artikel und Talk-Shows über Antisemitismus und Anti-Antisemitismus amüsieren mich, seit ich weiß, dass Frau von Storch Antisemitismus-Beauftragte der AfD ist. 

Es gab auch vergnügliche Erlebnisse: Das neue, kleine, feine George-Grosz-Museum und die neue Neue Nationalgalerie haben mich beeindruckt, Konzerte und Kinobesuche waren wieder möglich. Gereist bin ich viel durch Bücher und weniger als in früheren Jahren über Land. Einmal habe ich eigens notiert, dass der Zug pünktlich ankam. In Wien entdeckte ich eine erstaunlich große Familie, angereist aus verschiedenen Ländern, weil wir Stolpersteine für unsere Verwandtschaft verlegt haben. 

Im Nachhinein erinnere ich mich an viele Gespräche über die Dummheit – der Anderen. 

  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de

Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

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