Geschrieben am 31. Dezember 2022 von für Highlights, Highlights 2022

Garry Disher, Monika Dobler, Katrin Doerksen, Stefan Ertl, Joachim Feldmann

Garry Disher: How I’ve Written Myself into Corners

In the 30 years that I’ve been writing crime novels I’ve often groaned: “I wish I’d given that a bit more thought…”

First, I let a series character get older.

                  Wyatt, a professional hold-up man, was a capable 40-year-old when he first appeared in a series of six novels in the 1990s.  He was formed by his army service in the Vietnam War: how to kill, keep fit and trade in stolen army equipment.  I didn’t anticipate that he’d appeal to readers, and that I would write a further three novels twenty years later.  By then, logically, Wyatt was almost 70 and too old to run around like a youngster, so I simply gave him an army background without tying it to a specific time in history.

There was an alternative. I could have made him a wise old thief who advises young hotshots. After all, Ian Rankin and Michael Connelly have allowed their respective characters, Rebus and Bosch, to fight crime in ways more suitable to men in their late 60s. Or perhaps Ed McBain had it right. His 87th Precinct characters appeared for decades without getting older.

Second, I’ve not kept up with technological advances (who can?). It’s getting harder for Wyatt to break into a house, let alone a bank or payroll van — which is to say, it’s getting harder for Garry Disher to research security systems and work out ways to beat them. The same applies to new forensic investigation techniques. I don’t want to weigh down the reader with dreary hi-tech facts and language. If my hero can use a mobile phone and send a wine glass to the laboratory for testing, that’s good enough for me.

Third, my series character Hirsch does not have much authority.  He’s a lowly constable in a one-officer outback police station. Certainly, this tests me as a writer—it’s a useful source of tension and conflict if Hirsch, elbowed aside by senior police, is restricted in his work—but for how long can I repeat that pattern? I need to keep fresh as a writer, and my characters need to grow. Perhaps we’ll see Hirsch take his sergeants’ exam and be placed in charge of a larger police station. But will he still be Hirsch?

It’s a worry, all of this. Now, if I were to invent a new crime series character with these attributes: a senior inspector, operating in the pre-digital era, forever thirty-eight years old…

  • Garry Disher, einer der besten Kriminalautoren der Welt, kam 2022 Corona zum Trotz mit „Stunde der Flut“ (bei uns von Alf Mayer besprochen) auf Lesereise nach Deutschland und nahm auch an der Tagung „Ästhetik des Kriminalromans“ teil. Bloody Questions für ihn von Marcus Münterfering. Alf Mayers Besuch bei ihm auf der Mornington Peninsula im Jahr 2016 „Der Schauplatz als Charakter.“ und ein zweites Mal in 2020.

*****

Die Krimibuchhandlung Glatteis im Münchner Glockenbachviertel

Monika Dobler: Mehr als zufrieden

Das absolute Highlight bei glatteis war sicher die Lesung mit Don Winslow. Der Autor war gut drauf, Dietmar Wunder hat super gelesen, Anette Lippert wunderbar moderiert. Die Leute waren begeistert. Was will man mehr.

Ein Wermutstropfen war, dass wir die Lesung mit Garry Disher nicht hingekriegt haben – Kosten- und Terminprobleme. Sehr schade.

Mit dem Jahr sind wir allerdings mehr als zufrieden.

Und nun: Die Top Ten bei glatteis 

Sara Paretsky, Schiebung
Garry Disher, Stunde der Flut (alles von Garry Disher, im Moment der meist verkaufte Autor bei uns)
Doug Johnstone, Einäscherung
Attica Locke, Pleasantville – eigentlich alle ihre Romane
Oliver Bottini, Einmal noch sterben
Peter Ferris, Letzter Aufruf für die Lebenden
Sybille Ruge, Davenport 160×90
Tatjana Kruse, Es gibt ein Sterben nach dem Tod
Friedrich Ani, Bullauge
Thomas Enger, Blutzahl (die ganze Reihe)

Tja, wenig Frauen dabei, aber so ist es nun mal.

  • Monika Dobler und Gabriele Fauser gründeten anno 2000 mit „Glatteis“ Münchens erste Krimibuchhandlung, inzwischen geht sie ins 23. Jahr.

*****

Katrin Doerksen: Islands in the stream

Die ersten sieben Jahre meines Lebens habe ich in einer Platte verbracht. Vierundzwanzig Jahre später bin ich wieder in eine gezogen. Hat jede Menge Skepsis bei den Leuten in meiner Umgebung hervorgerufen, die immer genau in jenem Moment verschwand, wenn sie die neue Wohnung betraten. Es ist eines der Gebäude, die in den 1960er Jahren die Arbeiterpaläste der Karl-Marx-Allee bis zum Alexanderplatz fortsetzen sollten. Praktische Müllschlucker in den Treppenhäusern, elegant geschwungene, weiß gestrichene Balkongeländer vor den großen Fenstern, der Fernsehturm schräg gegenüber. So viel Himmel ist selten in Berlin.

Die Nachbarn gehören zu weiten Teilen noch zu den Erstbezüglern, ihre Wohnungen kleine, von der Zeit konservierte Museen mit Kühlschränken und Fernsehgeräten, die doppelt so alt sind wie ich. Meine Vormieterin arbeitete bei der Amiga und kannte noch die Tamara (Danz), die Frau von Gegenüber kam vor einem halben Jahrhundert aus Greifswald (wegen der Liebe) und lebt komplett losgelöst von der digitalen Welt (wegen des gesunden Menschenverstands, sagt sie). Eine dritte Nachbarin sprach bisher nur ein einziges Mal mit mir, als sie sich über die zu laute Musik des Umzugsteams beschwerte. „Wir sind ein ruhiges Haus.“ Kaum zu glauben, direkt neben dem Allesandersplatz, aber es stimmt. Islands in the stream, that is what we are. Man möchte sich am liebsten systematisch mit Kamera und Mikrofon durch diesen Treppenaufgang interviewen. 

Im Monat nach dem Umzug sah ich den wunderbaren semiautobiografischen Film „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ von Aelrun Goette über ein Mädchen, das es vom Kabelwerk auf die Titelseite der „Sibylle“ schafft. Darin: Kreative, die, einen Katzensprung von meiner neuen Wohnung entfernt, an den selben Orten ein und aus gingen wie die Kreativen oder die, die sich dafür halten, heute. Die an etwas Größeres glaubten als sie selbst, man mag es Solidarität nennen oder Freiheit oder einfach Schönheit. Just in diesem Moment amüsiert mich der Gedanke, dass der Film buchstäblich im selben Universum spielt wie „Lieber Thomas“ aus dem letzten Jahr, das großartig ungestüme Biopic über einen der wichtigsten deutschsprachigen Dichter of all times, Thomas Brasch. Es fühlt sich an, als habe sich für mich in diesem Jahr in dieser neuen Wohnung mitten im ehemaligen Herzen eines Landes, das es nicht mehr gibt, irgendein Kreis geschlossen.

Auch abseits davon beschäftigen mich 2022 Länder, die es nicht (mehr) gibt. Während eines Aufenthalts in Mailand suchen wir eine Straßenecke, an der eine säuische Bankraubszene aus dem 1973er Poliziottesco-Reißer „Milano Trema: La Polizia vuole Giustizia“ gedreht wurde. Sergio Martino lässt die Kreuzung nach pulsierender Metropole aussehen. Umso größer ist die Überraschung: Es handelt sich um eine triste Ausfallstraße am Stadtrand, wo eine Unterführung der Bahngleise genügend Platz bietet um Kameras aufzustellen, und die Bankfiliale ist inzwischen ein leer stehendes Autohaus. Italien war schon immer für Träume gut.

Ein Höhepunkt das Jahres: Michael Rother & Friends feiern mit einem Live-Konzert im Berliner Silent Green das fünfzigjährige Bestehen der legendären Krautrock-Band NEU! Ausgerechnet der beste Track des Abends ist nie offiziell auf einer Platte erschienen. Stattdessen gibt es vom kompromisslos nach vorn treibenden Stück „Maultrommel“ nur schrammelige YouTube-Mitschnitte: 

‚Thaichedelia‘ heißt hingegen meine zeitgenössische musikalische Entdeckung des Jahres. Hinter der Band YĪN YĪN stecken ein paar niederländische Jungs, aber ihre Musik klingt, als würden thailändische DJs Italo-Disco für sich entdecken und mit traditionell asiatischen Instrumenten spielen. Besonders das 2019er Debütalbum „The Rabbit That Hunt Tigers“ ist ein großer, direkt in die Beine fahrender Spaß.

Wer mehr Empfehlungen sucht: Auf meine alljährlichen Playlists bilde ich mir eine ganze Menge ein.

  • Katrin Doerksen schreibt – über Film vor allem, manchmal auch über Comics, Mode und Fotografie. Bei uns geht sie zusammen mit Thomas Groh regelmäßig auf Schatzsuche für DVDs und Graphic Novels. Und immer ein Höhepunkt des Jahres: ihr Berlinale-Tagebuch bei uns.

*****

Stefan Ertl

FILME: Neu: THE CARD COUNTER (Paul Schrader) * CHAMPAGNER FÜR DIE AUGEN – GIFT FÜR DEN REST (Klaus Lemke) * THE DARK AND THE WICKED (Bryan Bertino) * ELVIS (Baz Luhrmann) *

INU-OH (Masaaki Yuasa) * JAULA (Ignacio Tatay) * MOLOCH (Nico van den Brink) * THE MYSTERY (Rainer Knepperges) * NOVEMBRE (Cédric Jiminez) * SMILE (Parker Finn) * THE STRANGER (Thomas M. Wright) * SUMMER OF SOUL (Ahmir “Questlove” Thompson) * THE UNBEARABLE WEIGHT OF MASSIVE TALENT (Tom Gormican) * Alt: LES AVENTURIERS (Robert Enrico) * DEATH WISH III (Michael Winner) * DRIFTWOOD (Allan Dwan) * HANS IM GLÜCK AUS HERNE ZWEI (Roland Gall) * HEISSE ERNTE (Hans H. König) * HOUNDS OF LOVE (Ben Young) * IL SOLE NELLA PELLE (Giorgio Stegani) * LA MOGLIE PIÙ BELLA (Damiano Damiani) * QUELLI CHE CONTANO (Andrea Bianchi) * UNA DONNA PER 7 BASTARDI (Roberto Bianchi Montero) * Dok.: DIG DEEPER – DAS VERSCHWINDEN DER BIRGIT MEIER (Nicolas Steiner) * FILM ADVENTURER KAREL ZEMAN (Tomás Hodan) * ROY ORBISON: BLACK AND WHITE NIGHT 30 (Alex Orbison & T Bone Burnett) * 

MUSIK: BILL CALLAHAN: Ytilaer * JOCHEN DISTELMEYER: Ich sing für dich * BRYAN FERRY: Love Letters * TOM LIWA: Eine andere Zeit * WILLIE NELSON: A Beautiful Time * ANGEL OLSEN: Big Time * ROSALÍA: Motomami * KLAUS SCHULZE: Deus Arrakis * SOFT CELL & PET SHOP BOYS: Purple Zone * SPIRITUALIZED: Everything Was Beautiful * ERIC WAGNER: In The Lonely Light Of Mourning * THE WEEKND: Less Than Zero * WEYES BLOOD: And In The Darkness, Hearts Aglow * NEIL YOUNG: World Record *

BÜCHER: MICHAEL CONNELLY: Schwarzes Echo * MERCÈ RODOREDA: Der Garten über dem Meer * MARY W. SHELLEY: Verney, der letzte Mensch * GEORGES SIMENON: Der Mann, der den Zügen nachsah *

  • Stefan Ertl ist Autor und Redakteur der Filmzeitschrift SigiGötz-Entertainment. Ein Abonnement (4 Ausgaben) kostet 16 Euro, bringt echtes Herzblut ins Haus. Die Nummer 38 ist rechtzeitig vor Weihnachten fertig geworden, konnte wegen Papierknappheit noch nicht für alle Abonennten gedruckt werden.

*****

Joachim Feldmann

„Genau!“ Das sagen junge Leute gerne, wenn sie sich verstanden fühlen. Oder auch um sich des zuvor Gesagten zu vergewissern. Währenddessen kommen der Gegenwartssprache sukzessive ihre Differenzierungsmöglichkeiten abhanden. Nichts fängt mehr an oder beginnt, alles „startet“. Wochen, Jahre, Winterschlussverkäufe. Die natürlich seit langem „Sale“ heißen. Niemand ängstigt sich mehr, aber alle haben „Sorge“ vor möglichen zukünftigen Ereignissen. Das klingt vielleicht weniger bedrohlich. Ich hingegen sorge mich um den Konjunktiv. Ich fürchte sogar, dass er ausstirbt. Erst kürzlich wurde mir die Lektüre eines ambitionierten zeitgenössischen Romans vergällt, da der Autor beharrlich die Hilfsverben „sei“ und „wäre“ falsch plazierte. Und schon mahnt mein Rechtschreibprogramm ein fehlendes „t“ vor dem „z“ im  letzten Wort des vorhergehenden Satzes an. Doch bevor ich nun auch noch die Nutz- und Sinnlosigkeit der großen Orthographiereform von 1996, der wir solche Bevormundung verdanken, beklage, um dem Klischee des pensionierten Deutschlehrers zu genügen, beende ich meine Nörgelei und wende mich erfreulicheren Dingen zu.

2022 war ein ausgesprochen fruchtbares Jahr für deutschsprachige Spannungsliteratur. Romane von Johannes Groschupf („DieStunde der Hyänen“), Ute Cohen („Falscher Garten“), Sybille Ruge („Davenport 160 x 90“), Oliver Bottini („Einmal noch sterben“) und Matthias Wittkindt („Die rote Jawa“) zeigten die Vielfalt und den Anspruch hiesigen Krimischaffens. Dass endlich die zweimal verschobene Konferenz zur „Ästhetik des Kriminalromans“ stattfinden konnte, ist in diesem Zusammenhang nur passend, zeigte sie doch, dass man trefflich über das Genre und seine literarischen Möglichkeiten streiten kann.

In Erinnerung geblieben sind ebenfalls Romane von Attica Locke („Pleasantville“), Garry Disher („Stunde der Flut“) und Mathijs Deen („Der Holländer“), während ich längst vergessen habe, worum es im dritten Teil von Richard Osmans „Thursday Murder Club“-Reihe („The Bullet that Missed“), ging, obwohl ich mich wahrscheinlich ganz gut unterhalten gefühlt habe. Ähnlich geht es mir mit all den Krimis, die ich im Sommer las, als mich ein bekannter Virus zu neun Tagen Hausarrest zwang. Ein leichter Verlauf, wie man so sagte, aber intellektuell wenig ergiebig. Dass wir wenig später einen Kurzurlaub in einer idyllischen Kleinstadt verbringen sollten, die als Drehort einer populären Fernsehserie bekannt geworden ist, ist nicht die Folge der berüchtigten Langzeitwirkungen. Und damit es nicht so aussieht, als ob ich ausschließlich Kriminalliteratur läse, folgt zum Abschluss meine unsystematische Jahresbestenliste in anderen Kategorien:

Roman des Jahres: Jochen Schmidt: Phlox (C. H. Beck)

Sachbuch des Jahres: Norbert Mappes-Niediek: Krieg in Europa. Der Zerfall Jugoslawiens und der überforderte Kontinent (Rowohlt)

Interpretationsleistung des Jahres: Frank Witzel: Kunst als Indiz. Derricks phantastischer Realismus. (Schlaufen Verlag).

Plauderei des Jahres: Quentin Tarantino: Cinema Speculation (Kiepenheuer & Witsch)

Wiederentdeckung des Jahres: George V. Higgins: Penance for Jerry Kennedy (antiquarisch)

Aufklärungsbuch des Jahres: Jan Gerber: Das letzte Gefecht. Die Linke im Kalten Krieg (XS-Verlag)

Zeitschrift des Jahres: Die tollsten Geschichten von Donald Duck (Egmont- Ehapa)

Biographie des Jahres: Bodo v. Hechelhammer: Herr der Füchse. Das Leben des Rolf Kauka (Langen-Müller)

Monographie des Jahres: Jan Drees: Literatur in der Krise. Das Novellenwerk von Hartmut Lange (Arco)

Pageturner des Jahres: Jeanine Basinger & Sam Wasson: Hollywood. The Oral History (HarperCollins)

Radiosendung des Jahres: Götz Alsmann persönlich. Jazz und Jazzähnliches (samstags um 13.00 auf WDR 3)

Nahezu unbemerkt von der hiesigen Literaturberichterstattung ist am 4. Oktober des vergangenen Jahres der Autor Peter Robinson gestorben. Er wurde 72 Jahre alt. Der in Leeds geborene Autor verbrachte den größten Teil seines Lebens in Kanada, doch seine Kriminalromane spielten in Yorkshire, wo sich sein Ermittler Detective Chief Inspector Alan Banks mit immer komplexeren Fällen auseinanderzusetzen hat. Was 1987 mit „Gallows View“ (dt. „Augen im Dunkeln“ bzw. „Ein Fall für Peeping Tom“) recht konventionell begann, entwickelte sich zu einer der literarisch anspruchsvolleren Reihen des Genres. Robinson, der als Lyriker begonnen hatte, entwickelte zwar nicht experimentellen Ehrgeiz eines Reginald Hill, verstand sich aber auf ausgeklügelte, vielschichtige Plots mit realistischem Hintergrund. Das zeigte sich besonders in dem 1999 erschienenen Roman „In a Dry Season“ (dt. „In einem heißen Sommer“).

Alan Banks ist ein sympathischer, integrer Ermittler mit einem ausgeprägten Interesse an Musik von Pop bis Klassik, den man in der von StephenTomkinson verkörperten Figur in der Fernsehreihe „DCI Banks“ (dt. „Inspektor Banks. 2010-2016) nicht unbedingt wiedererkannte. Verwunderlich ist, dass die Serie das Interesse an Robinsons Büchern nicht zu beflügeln schien. Die letzten zehn Romane um Alan Banks sind nicht mehr ins Deutsche übersetzt worden. Lohnenswert wäre es auf jeden Fall.

  • Die Texte von Joachim Feldmann bei uns hier. Seit 1977 macht er zusammen mit Michael Kofort und anderen die Literaturzeitschrift Am Erker. Zudem ist er bei so gut wie jeder Lieferung unserer Bloody Chops dabei.

Tags : , , , ,