Geschrieben am 31. Dezember 2022 von für Highlights, Highlights 2022

Elin Fredsted, Michael Friederici

Szenenbild aus „Tagebuch einer Biene“ © 2022 Filmwelt Verleihagentur

Elin Fredsted: „Tagebuch einer Biene“ – eine Rezension

Meine Bienen haben noch nie Tagebuch geführt. Das erwarte ich als Imker auch gar nicht. Ein Bienenvolk ist ein Organismus und ‚zerfällt‘ nicht in Einzelindividuen. So viel zu meinem Staunen über den Titel!

Tagebuch einer Biene“ ist im Jahr 2020 von einem deutsch-kanadischen Filmteam produziert, Regie führte Dennis Wells. Der Bienenexperte Prof. Dr. Jürgen Tautz war sachkundiger Ratgeber. Seit 2022 ist der Film als DVD und Blu-Ray erhältlich.

Zunächst Lob und dann … 

„Tagebuch einer Biene“ begleitet ein Bienenvolk vom ersten Frühling, als noch im schönen bayrischen Bergtal der Schnee alles bedeckte, bis zum nachfolgenden Sommer. Wir sehen zwei Generationen von Bienen, gezeigt am Leben einer Winterbiene und einer Sommerbiene. 16 Bienenvölker sind beteiligt gewesen, um das umfassende Bildmaterial zusammenzubringen; und die drei Kameramänner waren sehr dicht an den Bienen und haben dabei eine ‚angemessene‘ Zahl von Bienensticken davongetragen. Ein Großteil der Bilder ist jedoch mit ferngesteuerten Kameras innerhalb der Bienenstöcke aufgenommen worden: Wir sehen die Bienen in der Wintertraufe, die Entwicklung der ersten Sommerbienen, wir begleiten eine Sommerbiene auf ihren ersten Flug, bei dem sie von Starkregen überrascht wird.  Im Bienenstock werden neue Königinnen ausgebrütet, deren Kämpfe im Großformat aufgenommen worden sind, sodass man deutlich sieht, wie sie sich gegenseitig stechen und umbringen, bis nur eine junge Königin übrigbleibt. Die alte Königin verlässt den Bienenstock mit einem Schwarm, um in einem hohlen Baum ein neues Bienenvolk zu gründen. Hier werden die Bienen von Hornissen angegriffen, die versuchen, in den neuen Bau einzudringen.

Die Bilder sind formidabel! Besonders wenn man den Film auf einem großen Bildschirm anschaut. Als Imker sieht man die Elemente des Bienenlebens, die auch für uns normalerweise unsichtbar im Dunkel des Bienenstocks passieren. 

Aber: Schalten Sie den Ton aus! Text und Drehbuch sind (fast) unerträglich. Größter ’Fehler’: Die Bienen werden als Individuen dargestellt, die wie Menschen denken und erzählen. ’Anthropomorphismus’ ist der Fachausdruck, wenn man der Natur, Tieren oder anderen Lebewesen menschliche Eigenschaften, Gedanken und Gefühle zuschreibt. Dies ist ein ’Trick’, der oft in Kinderbüchern Anwendung findet, und er passt hier so gar nicht! Die edle Absicht war sicherlich, die Welt der Bienen für Kinder verständlich zu machen, aber der Text ist reine Fiktion. Dabei geschehen viele Ungereimtheiten und Projektionen: Bienen sind nicht (wie Menschen) Individuen. Eine Biene als Ich-Erzähler bleibt unglaubwürdig. Ein Bienenvolk ist ein Organismus und wird uns Menschen auch deshalb irgendwie ‚fremd‘ bleiben. Und es gilt (für Menschen, nicht nur für Imker), dies Anderssein der Bienen zu verstehen, damit es für die Bienen bessere Bedingungen und Überlebenschancen gibt (z.B. durch späteres Abmähen von Blumenwiesen). 

Mit anderen Worten: Im Film herrscht eine Disharmonie zwischen den authentischen, dokumentarischen Bildern und einem fiktiven Text, der unterkomplex und verniedlichend herüberkommt. Vielleicht kann man es als eine unglückliche Genremischung bezeichnen. 

Trotzdem ist der Film absolut sehenswürdig für alle, die sich nicht nur für Bienen, sondern für Natur interessieren. Er zeigt uns Augenblicke des Bienenlebens, die wir selten oder auch gar nicht zu Gesicht bekommen.

Elin Fredsted ist Professor für Sprachwissenschaft (in Deutschland) und Imker (in Dänemark).

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Michael Friederici: Eine brianistische Jahresendzeit Suada

Es werde Licht im Nichts – oder: Prolog im Himmel

An was glaubst denn Du?“ – „An nix.“ – „Das ist wenigstens etwas!“ – Na bitte, geht doch, könnte der geneigte Leser an dieser Stelle lobpreisen – und sein philosophisch-theologisches Vademecum zum Neuen Jahr zur Hand nehmen, die Losungen. Bevor es jetzt zu besinnlich wird, muss ich  die neue Generation Sensibel triggern. Schließlich gehören auch die Bibelverse für jeden Tag, seit 1731 herausgegeben von der Evangelischen Herrnhuter Brüdergemeinde, eingestampft – aus Gründen der Äquivalenz zusammen mit der Deutschtum signalisierenen Kartoffel.

Denn während sich das gemeine Volk den Erdapfel aus Südamerika respektlos als urdeutsche Sättigungsbeilage appropriierte, basiert das Christentum auf einer nahöstlichen Wüstenreligion, eignete sich andere Glaubenskulturen an,  ja, zerschlug oder besetzte sie (vergl. u.a.: Karlheinz Deschners  Kriminalgeschichte des Christentums). Statt sich etwa am 25.Dezember in  Saturnalien aufzulösen,  um in einer Mischung aus Weihnachten und rheinischem Karneval den Dies Natalis Solis Invicti (Geburtstag der Unbesiegbaren Sonne) , dem beliebtesten Fest im gesamten Römischen Reich,  lassen sich hierzulande viele mit Kartoffelsalat, Würstel und keuschen Gesängen abspeisen. Sie erinnern allenfalls in sektenähnlichen Gruppierungen, dass die Kirchenfürsten die römische Sonne durch Jesus Christus als „Licht der Welt“ ersetzten.  Papst Julius I. legte  im 4. Jahrhundert offiziell den 25. Dezember als Geburtsfest des Herrn fest, das sich dann später als christliches Alternative etablierte, gestützt durch die Inthronisierung des Christentums als Staatsreligion und dem damit einhergehenden Verbot der Konkurrenz. – Werte Gemeinde, wir feiern zu Weihnachten also nichts anderes, als den Sieg des christlichen Kolonialismus. Dafür sollten wir uns zumindest zutiefst entschuldigen, die Knolle als Symbol der Unterdrückung des Tellers verweisen und dazu aufrufen, Kirchen, Dome, den Vatikan zu schleifen, schwarzbemalte Knecht Rupprechts wegen blackfacing, Winnetou-Leser wegen Verharmlosung von Völkermord anzeigen – und den nachhaltig ihrer Identität beraubten Heiden sollte umgehend zumindest ihr guter Glaube zurückerstattet werden. – Völkerrechtlerin Baerbock übernehmen Sie. 

Wir, die Volksfront von Judäa, wollen Dir hiermit unsere aufrichtigen brüderlichen und schwesterlichen Grüße übermitteln, anläßlich Deines hier stattfindenden Martyriums.(Das Leben des Brian)

Hinter der Forderung zur Rückgabe steht ja die aufrechte Idee der erhellenden Aufarbeitung einer dunklen Kolonialgeschichte, der Wiedergutmachung eines vergangenen Verbrechens, ja, der „Heilung einer alten Wunde“. Als Wiederherstellung eines„Stückes Gerechtigkeit“ hatte Außenministerin   Baerbock PR-mäßig geschickt die Rückgabe der sog. Benin-Bronzen geframt und sich beifallumrauscht ins rechte, moralisch einwandfreie Licht gerückt. Nun fällt die große Moral- und Charme-Offensive gegenüber Nigeria, dem mit über 220 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Staat Afrikas, in eine Zeit, in der es, wieder einmal, um die Vorherrschaft auf diesem Kontinent geht. Schließlich gilt es China aus einem Erdteil zurückzudrängen, der „dem Westen“ als Rohstofflager, Absatzmarkt und Mülldeponie dient. Von „wertegeleitetem Neo-Kolonialismus“ aber wollen die grünen Welt-Mediziner ebensowenig wissen, wie davon, dass das Königreich Benin, das von den Briten niederkartätscht wurde, ein übles Sklavenhalterregime war, das seine Nachbarn überfallen und unzählige Massaker verübt hatte. Die berühmten Bronzen standen in Zusammenhang mit einer Kultur der Menschenopfer, einige stellen die abgeschlagenen Köpfe von Feinden dar. Abgesehen davon: Mit der ‚Identität und Geschichte unseres Volkes‚, die in den Bronzen zum Ausdruck  komme, kann nicht der Vielvölkerstaat Nigeria (rd. 250 Ethnien mit verschiedenen Sprach- und Religionszugehörigkeiten) gemeint sein… Und dass es bislang weder Präsentationsräume noch ausgebildetes Personal für diese wichtigen Insignien „nationaler Identität“ geht, das ist bei der „wertegeleiteten (Außen-)politik“ denn auch wurst, wenn es um das Genesen der Welt geht.

 „..dieses Mhyrre Zeug könnt ihr euch das nächste Mal in die Haare schmieren. Also Shalom dann. Tschüß. Servus. Ciao.“ (Das Leben des Brian) 

Der Gerechtigkeitsfuror hat derzeit eine breite Basis. Die verdienstvollen Aktivisten von Fridays for Future zB haben die Musikerin Ronja Maltzahn von einer Demo ausgeladen. Sie trug als weiße Person Dreadlocks. Der verfilzte Kopfbewuchs steht, der wertegeleiteten Logik gemäß, aber nur den Rastafaris zu, deren „Identitätsmerkmal“ aus dieser Frisur bestehen soll. Dass die Skalps der Musiker Richtung Jamaica, resp. Äthiopien (zurück-)geschickt werden sollen, davon war zwar noch nicht die Rede; ebensowenig davon, dass die Rastafaris ihr Heil von ihrem                                                                                                                                                                                                                                                                 Messias Kaiser Haile (sic!) Selassie erwarten oder von den patriachalen Strukturen dieser identitären Bewegung, nebst Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit; aber vielleicht war das ja auch alles nur ein verpeilt verkifftes Plädoyer, um sich endlich wieder  des schneidigen deutschen Scheitels zu erinnern, resp. der entsprechenden Dauerwelle, garniert mit einem Hinweis auf Simson und Delila (Buch der Richter ,16,4). –  Jetzt fragt sich der gutwillig-verständnisvolle Zeitgenosse allerdings, was aus den weißen alten Glatzen werden soll, den nicht-asiatischen „Siddharta-Sympatisanten, die haarlos herumeiern?  – Aber kommen wir zu den Nebenwidersprüchen:

„Ach, komm Brian. Lass uns zur Steinigung gehen.“ (Das Leben des Brian)

Überhaupt Asien. Zum ersten Mal kamen die Staats- und Regierungschefs der EU und der ASEAN-Staaten in Brüssel zusammen. Die Nicht-Europäer weigerten sich dabei nicht nur Russland pauschal zu verurteilen, sondern äußerten auch noch in einer für Diplomaten ungewöhnlich offenen Form, dass sie keiner Nachhilfe in westlicher Weltsicht bedürften. Dabei hätten sie schon auf der documenta begreifen können wo im freien Westen die Grenzen von Kunst-, Kultur- und Redefreiheit verlaufen und wie der neue, selbstredend appropriationsfreie grüne Werte-(Kultur-)Kolonialismus geht.

„Aufhören. Aufhören. Schluß jetzt… niemand hat irgend jemanden zu steinigen…selbst wenn irgend jemand Zhadan sagt…“ (Das Leben des Brian)

Der ukrainische Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan zB  erhielt den Freiheitspreis der Frank-Schirrmacher-Stiftung und den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung stellte sein Werk ins Schaufenster, und für seine „humanitäre Haltung“ holte er auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und gilt als Kandidat für den Nobelpreis 2023. – Über sein literarisches Verdiens lässt sich streiten.

Nous sommes tous Ukrainiens

Wo aber Gefahr ist, da wächst bekanntlich das Rettende auch. Da wir die Guten und die Ukrainer „europäische Menschen mit blauen Augen und blonden Haaren“ (BBC), mithin „zivilisiert“ sind (so ein US-Reporter in Kiew), folgen jetzt endlich praktisch-positive Tipps für Aktivisten:

  • für die „Letzte Generation“Klebt euch bitte verschärft an Produkte von Huawei, Flaschen mit Wodka Gorbatschow oder gleich an lebende Objekte wie etwa leibhaftige Russen oder Chinesen – und dann achtet mal drauf, wie schnell ihr aus der 30tägigen Präventivhaft entlassen werdet und von Öko-RAFlern und terroristisch Vereinigungsbildnern zu geförderten Freiheitskämpfern mutiert! 
  • für alle Migranten und Flüchtlinge: Mit einer ukrainischen Staatsbürgerschaft hättet ihr an den Grenzen Richtung Westen, auf dem Arbeitsmarkt, bei Wohnungshändlern und Zuwendungsämtern kaum Probleme mehr – ganz zu schweigen von den dann weit offenen Armen einer zutiefst gastfreundlichen Völkergemeinschaft! 
  • für die Humanisten um die verdienstvolle Seefahrerin Carola Rackete – und alle Boatpeople: Segelt zukünftig bitte nur noch unter einer gelbblauen Flagge…! Selbst die Frontex-m/w/d werden euch dann einen warmen Begrüßungs-Tee und ein ordentliches Käptn’s Dinner kredenzen.

Brian: „… Ihr seit doch alle Individuen.“Volk: „Ja, wir sind alle Individuen.“Brian: „Und, ihr seit alle völlig verschieden!“Volk: „Ja, wir sind alle völlig verschieden!“ (Das Leben des Brian)

Das Konzept der Kritik an der sog. kulturellen Aneignung beinhaltet die irdenfarbene Reduktion auf abgeschlossene, vermeintlich homogene Volks-, Stamm- oder Kulturkreis-Identitäten. Angenommen, man nähme das ernst und jeder würde nur das nutzen, was er selbst erfunden hat, dann…  „… müssten bei jedem Gegenstand, jedem Stil, jeder Form kulturellen Ausdrucks die Urheber ausfindig gemacht und ihr Gebrauch auf diese Urheber beschränkt werden„, so eine Ethnologin der Frankfurter Goethe-Universität. – Wohlan denn: Lasset uns also endlich die Praxen der nervigen Yogalehrer und Ayurveda-Esoteriker schließen, die alte indische Weisheiten zu Geld machen. –  Im Umkehrschluss dürfen dann Kompositionen von weißen alten Männern wie Beethoven oder Mozart nicht mehr von Schwarzafrikanern und Asiaten gespielt werden, unserer beleidigten deutschen Gefühle wegen.  – Herr Habeck könnte sich ja bei seinem Versuch mehr Öl und Gas aus dem Nahen Osten heranzuschaffen, mit einem noch tieferen „Bückling“ bei den Herren im Bischt (wir erinnern uns: Lionel Messi hat so einen Umhang aus Kamelhaar und Ziegenwolle beim Heben der WM-trophäe umgehängt bekommen) dafür bedanken, dass wir Mitteleuropäer seit über 400 Jahren arabische Ziffern schreiben. – Und was ist mit unserem Alphabet….??  – Sollten wir nicht lieber gleich alle Bücher verbrennen, die nicht in germanischen Runen verfasst sind? – Ein wichtiger Nebeneffekt wäre, so die listige Lisa Eckhart, dass Bücherverbrennungen warm halten, und wir unser Land damit unabhängiger machen. – Für Frau Baerbock, Herrn Habeck und die grünen Panzer-Pazifisten um Bütigkofer und Hofreiter gibt es viel zu tun!

Venezianischer Zwischenruf: Auch das Verbrennen von Büchern und Bildern produziert Licht

Die 59. Biennale Venedig war politisch korrekt geprägt von weiblichen, schwarzen (?!) und indigenen (darf der alte weiße Mann das so schreiben?) Künstler:innen und -außen. Drinnen allerdings dominierte vor allem ein Mann,  Anselm Kiefer, im Palazzo Ducale. Im berühmten Sala dello Scrutinio, da, wo einst der Doge gewählt wurde, hat er in ein monumentales Welttheater inszeniert, das am Ende in Flammen aufgehen soll. Dafür ließ er die Meisterwerke u.a.  von Jacopo Tintoretto mit einem Gerüst verdecken, das vom Boden bis zur Decke reicht. Feiert Tintoretto den Sieg der Venezianer gegen die Ungarn, so zeigt Kiefer die apokalyptische Seite der Macht. Auf 800 Quadratmetern dominiert seine Bilderwucht den Saal unter dem Titel „Questi scritti, quando veranno bruciati, daranno finalmente un po´di luce“ (Die Schriften werden, wenn sie verbrannt werden, endlich etwas Licht werfen). Das Zitat stammt vom italienischen Philosophen Andrea Emo (1901-1983), dessen Denken Kiefer inspiriert. – 

Der neue Raum, den ich geschaffen habe,“  sagte Kiefer, „ist eine Überlagerung von allen möglichen Ideen, Philosophien aus dem Norden, aus dem Süden, aus dem Orient und dem Okzident“, und: „Was da ist, ist nur die vollständige, reale Präsenz des Nichts“ – allerdings ein staunenmachendes, überwältigendes „Nichts“! – „Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe“, schrieb einst GWF Hegel in seiner Wissenschaft der Logik.

  – „Warum redest du nur pausenlos über Frauen, Stan?“- „Weil ich eine sein möchte…“- „WAS?“- „Ich möchte eine Frau sein. Ich möchte, das ihr… das ihr mich von jetzt an Loretta nennt.“-„Was?“-„Das ist mein Recht als Mann.“-„Ja aber warum möchtest du Loretta sein Stan?“-„Weil ich Babys haben möchte“-„Was möchtest du haben? Babys?“-„Jeder Mann hat das Recht, Babys zu haben, wenn er sie haben will.“-„Aber, aber du kannst keine Babys haben.“-„Unterdrücke mich bitte nicht.“ (Das Lebend des Brian)

Der Postmodernismus sieht Kultur als eine Vielzahl miteinander konkurrierender Narrative, deren Wirksamkeit weniger von einem unabhängigen Beurteilungsstandard abhängt, als von dem Anklang, den sie innerhalb der Gemeinden finden, in denen sie kursieren. – Die Erosion in den Feministinnen, Transsexuelle, Indianer, orthodoxe Juden und aufgeklärte Muslime, Einarmige, Autofahrer, Veganer, autofahrende Veganer, einarmige Indianer usw. usf. beanspruchen jeweils für sich eine eigenständige Historie und Weltdeutung. Die Ethnologen H. Glenn Penny und Philipp Schorch forderten in der SZ (9. Januar 2022), dass Menschen aus den Herkunftsgebieten der Objekte ethnologische Museen selbst kuratieren sollen, um so ihre ganz eigenen Vorstellungen darzustellen. In einigen Ländern wird inzwischen diskutiert, ob Darwin im Unterricht nicht gleichberechtigt neben der kreationistisch geprägte These stehen müsse, das die Entstehung des Universums und des Lebens am besten durch eine Intelligenz – einen Schöpfer (Intelligent Design) – erklärt werden kann. – Laut zweier Studien der TU-Dortmund lehnten im Jahre 2009 immerhin 15 Prozent der Lehramtsstudierenden die Evolutionstheorie ab. 

Es ist verhängnisvoll, wenn nicht mehr das Gewicht eines Arguments zählt, sondern die Hautfarbe oder das Geschlecht einer Person, die es ausspricht, wenn an die Stelle des Bemühens um Objektivität, Wahrheit und vernünftige Begründung Subjektivismus, Befindlichkeitsfloskeln und „Bekenntnisse“ treten . „Natürlich“ ist es einfacher das auszudrücken, was man „irgendwie fühlt“. Symptomatisch die Phrase „I feel offended“ – oder, noch kruder: Respekt!  –  Zur vermeintlichen Authentizität des Individuums meinte schon einst der viel zu vergessene Theodor W. Adorno:. „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“  

Der letzte macht das Licht der Aufklärung aus!

Der Kampf um die Anerkennung der vermeintlich unhinterfragbaren Individualität beinhaltet auch eine Absage an eine große Errungenschaft der bürgerlichen Gesellschaft, die Gleichheit. Der Citoyen, der abstrahiert von den Besonderheiten der Anderen, von Privilegien, Geburt und Besitz, von Hautfarbe, Nationalität usw., ist auch  im Artikel 3 des Grundgesetzes angelegt. Dabei mag Gleichheit eine schöne Fiktion sein, aber es ist eine entscheidende, um überhaupt Demokratie, Rechtstaatlichkeit und zB gemeinschaftliches Handeln, das Miteinander jenseits individueller Befindlichkeiten, –  Solidarität – zu ermöglichen.  – Derzeit scheint es so, dass die moralischen Rigoristen immer lauter nach immer kurioseren  Anerkennungen ihrer „Verschiedenheit“ verlangen, je drängender die Frage nach „sozialer Gleichheit“ wird. 

Die „Politiken der Ungleichheiten, Identitäten und ‚Diversität‚“ orchestrieren die ideologisch passende Begleitmusik zum digitalen Zeitalter, wo Katzenvideos und CO2 Statistiken nebeneinanderstehen, wo Meinungen, Gerüchte, Kochrezepte, Sextipps und bezahlte Premium-Inhalte auf ein und derselben Plattform ununterscheidbar und kreuz und quer angeboten werden, Fakten neben Fake und Fiction.

Dieses Programm korrespondiert mit der neoliberalen Deregulierung, der Zurückdrängung des Staates – und der Zerschlagung einer sozialen Gemeinschaft in ihre konkurrierenden Einzelteile. Sie führt außen zu einer Spaltung der Welt in gut regierbare Kleinstaaten, Stämme, Clans mit befreiten und  „authentischen“ Sprachen Hautfarben, Volks- und Kulturgemeinschaften – und innen zu einer Gesellschaft von Kleinstbürgern, die ängstlich das Glück anderer nur als Hindernis für ihr „Omas ihr klein Häuschen“ im vermeintlich ganz Persönlichen, ganz Privaten – oder gleich in safe spaces suchen – und wie demente Altersheiminsassen ihren „Platz“ bei der Essenausgabe verteidigen. – 

Die Lage ist verwirrend: Derjenige, der für Freiheit und Gleichheit eintritt, unabhängig von Geschlecht, Ethnie oder Sexualität, gilt als konservativ. Jene, die diesen Konservativismus bekämpfen, mutieren zu Verteidigern von Irrationalismus und Illiberalismus. Will schreiben: Wenn linke Politik diese voraufklärerische Moderne  mitmacht, dann verwundert es nicht, dass Leute mit ernsthaften Sorgen anders wählen. – Political correctness bzw. postmoderner Relativismus ist keine Errungenschaft linker Hegemonie. Im Gegenteil. – Die neue Rechte erstarkt nicht deshalb in den westlichen Gesellschaften, weil linke Politik gemacht würde, sondern deshalb, weil keine mehr gemacht wird (vergl. Robert Pfaller, insbesondere: Erwachsenensprache).

And Now for Something Completely Different.  Il Cretto / Der Riss – oder: Versteinerte Verhältnisse beginnen zu tanzen – Epilog zwischen Himmel und Erde 

Vor fast 55 Jahren wurde Gibellina auf Sizilien durch ein Erdbeben zerstört. 400 Menschen starben in der Nacht auf den 15. Januar 1968. 100.000 wurden obdachlos. Am schlimmsten traf es Gibellina, einen Ort, dessen Wurzeln bis ins 14. Jahrhundert reichen. Die römische Verwaltung beschloß das Elend „liegen zu lassen“, um einen Neubeginn zu wagen. Nur wenige Kilometer entfernt vom Gibellina Vecchia entstand, in der 25-jährigen Amtszeit (1969–1994) des linken Bürgermeisters Ludovico Corrao, Gibellina Nuova. – Dieser Mann hatte die Vision von etwas Neuem, nie dagewesenen, einer Stadt der Kultur, eine realen Utopie. Der begeistert begeisternde Politiker sprach Künstler und Architekten wie Rob Krier, Oswald Mathias Ungers an, Joseph Beuys, Peter Stein und Ariane Mnouchkine… Sie alle kamen. 

Sie alle arbeiteten mit an der Entwicklung einer neuen, „idealen Stadt“, dem  Symbol der Wiedergeburt aus zerstörter Hoffnung. Und über allem ruht eine der drei römisch-katholischen Kirchen, die Chiesa Madre, von Ludovico Quaroni und Luisa Anversa entworfen, die in atemberaubender Weise mit dem Innen und außen, oben und unten, dem damals und dem morgen, und vor allem dem Glaubenshimmel spielt, von dem aus die große weiße Kugel nach unten, nach Gibellina rollt, eine Kugel, die an Boullées Kenotaph für Isaac Newton aus den Zeiten der Französischen Revolution erinnert, und auf ihrer Bahn von „dem da oben“ zu „denen da unten“ in einem Amphitheater Zwischenstation macht. Sie funktioniert auch umgekehrt, als „Erinnerung“ an den ewigen Sisyphos. Darüber läßt sich im Innern der Kugel nachdenken, dort verbirgt sich ein Andachtsraum. Durch schmale Türen kommt man hinein – oder hinaus – jedenfalls führt eine breite Treppe zur Piazza Joseph Beuys, die an einer Straße liegt, die wiederum ein nie fertiggestellter Theaterbau aus ineinander verschlungenen Betonformen überbrückt.  Gibellina Nuova ist wohl weltweit die Stadt mit der höchsten Dichte an Kunstwerken im öffentlichen Raum. Hier entstand fortschrittsoptimistisch eine Art italienisches Brasilia für 6500 Menschen. In der Utopie von damals leben heute knapp 4.000 Einwohner.  

Gibellina: Vor und nach dem  Beben.                                                                                                                          

In Gibellina Vecchia lebt heute niemand mehr. Es gibt keinen Parkplatz, kein Hotel, keine Bar, nicht mal eine Erklärtafel. Passenderweise endet die SP75 (Strada Provinciale), die einmal über den Berg zur Neustadt führen sollte, im Nirgendwo. Aber aus den Ruinen entstand das größte Landschaftskunstwerk Europas. Eine Betondecke liegt über der zerstörten Stadt; der Baustoff folgt dabei den ehemaligen Straßenzügen und Häuserkomplexen auf dem Hügel. Dadurch ist eine 300 mal 400 Meter großes Leichentuch entstanden, das die Konturen dieser Stadt, das urbane Leben abstrakt nachzeichnet. -Wer mehr über die Geschichte (dieser Stadt) erfahren will, der muß sich hier durch Beton graben. Alles liegt unter der harten Oberfläche. Alessandro Burri (1915-1995) hat  das, was von der einstigen Stadt übrig geblieben ist, von schwerem Gerät zusammenschieben und in Beton gießen lassen. Der Vertreter der arte povera, entschied sich 1981 den Riss zu thematisieren, den das Beben für immer in der Landschaft und im Leben der Menschen hinterlassen hat. Das Thema Risse, Brüche und Verbrennungen, eingraviert in die verwendeten Materialien, durchzieht thematisch das gesamte Schaffen des Künstlers. Die Skulptur, eine rd. 55.000 Quadratmeter große Fläche Weißzement ist Il Cretto/Der Riss benamst.   

Allesandro Burri, Cretto, Acrovinyl auf cellotex, 1975. 

 Allesandro Burri, Il Cretto / Der Riss, Gibellina Vecchio

Das Werk, 1984 begonnen, wurde erst Ende 2015 posthum vollendet. Als das New Yorker Guggenheim Museum zum hundertsten Geburtstag des 1995 verstorbenen Burri eine große Retrospektive ausrichtete. „Cretto di Burri“ besteht nun, wie der fast schon wieder vergessene Sehnsuchtsort Gibellina, aus zwei Teilen, den neuen unten an der Straße, der so weiß strahlt wie wohl damals,  als auf diesem  unvergleichlichen  Bühnenbild Peter Steins Inszenierung von Aischylos’ „Orestie“ gegeben wurde; der zweite, weit größere alte Teil ist inzwischen grau geworden. Mittlerweile sprießt Grünzeug aus den Fugen der nur scheinbar hermetischen Abdeckung. Eine intensive Debatte ist losgetreten, ob die weichen Pflanzen, die durch den harten Baustoff ans Licht drängen, weiterwachsen oder entfernt werden sollen. Es gibt gute Gründe für die eine wie die andere Position.

Im Lichte der Aufklärung des hellen sizilianischen Himmels scheint eine endgültige Lösung noch lange nicht in Sicht. Nur eines steht fest: Brian lebt weiter und mit ihm die beinharte Losung für 2023: Always look on the bright of life, gesungen von Eric Idle am Kreuz.

PS: Noch ein Hinweis für die neue grün-woke Gemeinde – von der Kirche lernen heißt siegen lernen: Denn auch für „Das Leben des Brian“ gilt (wie für mehr als 700 andere, allerdings nur filmische Werke) jetzt schon das Feiertagsverbot, bislang allerdings nur an den sog. „Stillen Feiertagen“…  Da gibt es noch jede Menge Luft nach oben!!!

Michael Friederici

Seine Beiträge bei uns hier. Schwarze Nächte auf Facebook.
Michael Friederici, gelernter Redakteur, kam 1975 nach Tübingen, studierte, war Filmkritiker beim „Schwäbischen Tagblatt“; baute den Club „Zoo“ mit auf; war 13 Jahre lang Leiter der Französischen Filmtage Tübingen. Sein Porträt des Tübinger Kinos „Arsenal“ bei uns hier. Seit 1988 lebt er in Hamburg, arbeitete für eine der großen deutschen Filmproduktions- und -vertriebsgesellschaften; betreute die Pressearbeit einiger Arsenal-Filme; seit zehn Jahren organisiert er Lesungen in Hamburg, u.a. die sogenannten Schwarzen Nächte. Untertitel: Verbrechen sind kein Privileg von Gesetzesbrechern. 

  • Michael Friederici organisiert in Hamburg die Schwarzen (Lese) Nächte. Über Lesekleinkunst in Zeiten von Corona hat er bei uns hier geschrieben. Seine Texte bei uns hier.  

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