Geschrieben am 31. Dezember 2021 von für Highlights, Highlights 2021

Andreas Pflüger: Lieblingsfilme

Andreas Pflügers Roman Ritchie Girl ist im September 2021 im Suhrkamp Verlag erschienen. Zu seinen Werken gehören Theaterstücke, Drehbücher für Kino- und Fernsehfilme, Hörspiele und Romane. Die Reihe um seine blinde Ermittlerin Jenny Aaron, bestehend aus EndgültigNiemals und Geblendet, gibt es ebenfalls bei Suhrkamp. Hier nebenan im Rückblick begründet Alf Mayer, warum Ritchie Girl für ihn „Das Buch (nicht nur) des Jahres 2021“ ist.

Meine dreißig Lieblingsfilme, auch dieses Jahr wieder gesehen

Das ist keine »Ewige Bestenliste«, obschon es Überschneidungen gäbe. Die Reihenfolge ist zufällig; es gibt keine Nummer 1 oder Nummer 30, sie sind mir alle gleich lieb. Warum der eine Film mich ins Herz trifft und ein anderer, vielleicht ein Meisterwerk, ein Aphrodisiakum für Cineasten, mich bloß intellektuell interessiert, kann ich meist erklären. Aber nicht immer. Unter meinen Lieblingsfilmen findet sich auch Arthouse, wenngleich Cinemascope dominiert. Ich suche dieses Überwältigungskino mit Bildern zu groß für die Leinwand, das ich im europäischen oder asiatischen Autorenfilm nur sehr, sehr selten kriege; manchmal bei Lars van Trier, bei Bertolucci, Minghella, Herzog, Fellini.

So wurde aus mir ein Hollywood-Junkie, für Kammerspiele bin ich verloren.

»Vertigo«

James Stewart muss erkennen, dass die Vergangenheit nur ein Prolog war. Am Ort seines größten Schmerzes wird er endlich frei. Ein Schlussbild wie ein Gemälde von Goya.

»Eine Frage der Ehre«

»Haben Sie den Code Red befohlen?« 131 Minuten habe ich dem Moment entgegengefiebert, in dem Nicholson als Colonel Nathan R. Jessep die Frage beantwortet. Daniel Kaffee wird tritt aus dem Schatten seines Vaters und wird vom Harvard-Bübchen zum Mann.

»Man muss keine Uniform tragen, um Ehre zu besitzen«, sagt er am Ende zu dem Angeklagten Harold Dawson.

Man muss Tom Cruise nicht mögen, um diesen Film zu lieben.

»Besser geht’s nicht«

Nie hat man am Ende jemanden so gern gehabt, der als ein derartiges Arschloch in einen Film gekommen ist. Melvin nimmt wieder seine Psychopharmaka, weil er für Carol ein besserer Mensch werden will.

Aber der Star ist natürlich der Hund.

»Thelma & Louise«

Zwei Freundinnen als breitbeinige Desperados (kann man das gendern?). So ein Roadmovie gab es davor noch nicht, unter den »Waffen der Frauen« hatte man bis dahin etwas anderes verstanden. Es ist die Geschichte einer Befreiung. Eine Kellnerin sieht rot, und ihre Freundin, eine leicht überkandidelte Vorstadthausfrau, entdeckt, wie sexy eine 45er sein kann. Thelma und Louise fliehen vor der Polizei in Richtung Mexiko, weil sie wissen, dass die Sympathie der Männerjustiz für einen Vergewaltiger größer ist als das Mitgefühl für Frauen, die sich wehren. Natürlich ist das ein feministischer Film, einer der wichtigsten sogar.

»Ich fühle mich wach, hellwach“, sagt Thelma einmal. »Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals so wach gefühlt zu haben.« Das darf man durchaus auf eine ganze Frauengeneration transponieren. Aber vielleicht wünsche ich mir das nur.

Am Ende küssen sie sich und geben einfach Gas. Doch sie sterben nicht, das Bild friert ein, über dem Abgrund werden sie schwerelos. So geht es den ganz großen Helden. Es ist ein Schluss wie bei »Butch Cassidy and Sundance Kid«. Ja, ein Western ist »Thelma & Louise« auch. Nur besser.

Ach: Wie viel ich von Film verstehe, kann man daran erkennen, dass ich Brad Pitt hier zum ersten Mal gesehen und danach gesagt habe: »Der verschwindet in der Versenkung.«

»A History of Violence«

Kommen drei Männer in ein Diner. So könnte eine Komödie anfangen. Oder ein Albtraum. 95 Minuten Flehen um Vergebung. Viggo Mortensen und William Hurt. Familie kann man sich nicht aussuchen.

»Einer flog über das Kuckucksnest«

Ich war schon zweiundzwanzig, als ich ihn zum ersten Mal sah, in meinem ersten Berliner Jahr. Kantkino, Spätvorstellung, mit meiner damaligen Freundin. Sie war übers Wochenende aus Kassel gekommen; so ein Bratkartoffel-Autobahnverhältnis. Am Tag darauf waren wir zusammen im Zoo. Vorm Raubtiergehege blaffte sie mich an: »Musst du hier rauchen? Denk doch an die Tiere!« Das war’s für mich. Ihren Namen habe ich vergessen, aber in jedem meiner Romane finden sich ein Satz über Kassel. Keine schmeichelhaften, fürchte ich.

Und der Film: Noch Wochen danach sah ich mich dort sitzen, dritte Reihe Mitte, wie ich auf den Abspann starre und versuche, klar zu denken. Der Häuptling und McMurphy. So hatte ich Liebe im Kino noch nie gesehen.

»Die Verurteilten«

Gelungene Literaturverfilmungen sind extrem rar. Man kann trefflich darüber nachsinnen, warum. Eins ist sicher: Die meisten gelungenen Adaptionen haben schlechte Romane zur Vorlage, während Spitzenliteratur nur selten zu grandiosen Filmen wird. Ein Beispiel für Ersteres wäre »Der Pate«. Für misslungen halte ich hingegen »Das Parfüm« (auch das nur herausgepickt), obwohl Süßkinds Roman ein Ereignis war. Ein Grund mag sein, dass große Bücher von ihrer Sprache leben und man sie deshalb liebt. Film muss dafür ein filmisches Äquivalent suchen, ohne das Literarische wirklich ersetzen zu können. Und dann ist man enttäuscht. So geht es mir jedenfalls.

Die Novelle Shawshank Redemption, auf der das Drehbuch von Frank Darabont zu »Die Verurteilten« beruht, mochte ich, wie fast alles von Stephen King, aber ein Meisterwerk ist sie gewiss nicht. Umso mehr trumpft der Film auf. Tim Robbins und Morgan Freeman bleiben Mensch im Unmenschlichen.

Freundschaft. Ein größeres Thema gibt es nicht.

»Der Pate II«

Natürlich war schon der erste Teil ein Meisterwerk. Aber die Fortsetzung hat noch ein paar Karat mehr. Kain und Abel Corleone, Michaels Reise in den Wahnsinn.

»Michael, entsagst du dem Satan und allen seinen Werken?« Die Montagesequenz, in der er bei der Taufe seines Neffen ist, während er gleichzeitig die Familienangelegenheiten ins Reine bringt, sollte man in Pillenform an Drehbuch- und Regiestudenten austeilen. Und Diane Keaton als Kay: Ich bin nicht ihr allergrößter Fan, sie ist mir als Schauspielerin oft zu gefühlig. Aber die Szene, in der sie ihren Mann anschreit, dass ihre Ehe eine einzige Abtreibung war, macht mich jedesmal fertig.

Last but not least: Lee Strasberg spielt Hyman Roth und zeigt Al Pacino (mein Lieblingsschauspieler), warum er der Lehrer und Pacino der Schüler war.

»Sein oder Nichtsein«

»So, man nennt mih also Konzentrationslager-Erhard?« In den besten Komödien findet sich das Komische im Schrecklichen und das Schreckliche im Komischen. Hier wird beides eins. Unerreicht.

»Barton Fink«

Ich weiß nicht, ob man Drehbuchautor sein muss, um diesen Film zu lieben. Immer wieder ernte ich Schulterzucken, wenn ich ihn erwähne. »Sie wissen schon, was ich will: dieses Barton-Fink-Feeling«, sagt der Produzent Jack Lipnick zu Barton, als der frisch in Hollywood angekommen ist. Und Tusch! John Turturro im Irrgarten der Coen-Brüder. Ich bewundere diesen Schauspieler, er macht jeden Film besser. Sein Bowling-King Jesus in »The Big Lebowski« ist eine winzige Rolle, aber unvergesslich.

Beste Szene in »Barton Fink«: als John Goodman mit der Schrotflinte durch den brennenden Hotelflur geht.

Übrigens hat ein Produzent, nachdem er meine erste Drehbuchfassung verrissen hatte, mal zu mir gesagt: »Geben Sie mir doch einfach dieses Pflüger-Feeling.« Das war fünf Minuten bevor ich beschloss, nur noch Romane zu schreiben.

Habe ich schon erwähnt, dass ich John Turturro liebe? Ach ja.

»In the Line of Fire«

Gott, ich hätte gern das Drehbuch geschrieben. Aber die berühmteste Szene, in der John Malkovich sich Eastwoods Waffe in den Mund steckt, stand nicht im Script und war eine spontane Idee des Schauspielers. Ich weiß, wie man sich als Autor dann fühlt. Man denkt: verdammt!

»The Blues Brothers«

Was Menschen so tun, wenn sie einen richtigen Scheißtag haben, ist ganz unterschiedlich. Manche laufen um den nächsten See, bis sie umfallen, andere flennen in einer Bar wildfremden Menschen das Hemd nass. Jenny Aaron spielt dann Halma, wir haben alle unsere Macken. Was mich angeht: Ich gucke dann die »Blues Brothers«. So drei-, viermal im Jahr. Spätestens wenn die Nazis auf der Brücke abheben und sich zu Wagners Walküre nach Walhall aufmachen, klopfen meine Nachbarn an die Wand, weil es dann ein bisschen lauter wird. Als Feel-Good-Movie können nur »Singin‘ in the Rain« und »Little Shop of Horrors« damit konkurrieren. Die gucke ich an den anderen vier Tagen.

Kein Scheiß: In der amtlichen Zeitung des Heiligen Stuhls, »L’Osservatore Romano«, wurde »The Blues Brothers« 2010 als „katholischer Klassiker“ bezeichnet. Wenn man mich fragt: Jake und Elwood waren zwar im Auftrag des Herrn unterwegs, aber den Petersdom hätten sie vermutlich in Schutt und Asche gelegt.

Überhaupt: Was ist das für ein Gott, der Aretha Franklin sterben lässt?

»Everybody needs somebody to love.« Das ist wahr.

»Million Dollar Baby«

In Maggies letztem Kampf kann es keinen Sieger geben. Wenn es vorbei ist, hängt man als Zuschauer in den Seilen, aber es war jede Sekunde wert. Kein Kerl ist so hart, dass er am Schluss nicht weinen muss.

»Bullit«

Das Auto, sicher. Die Verfolgungsjagd, klar. Die Musik, wow. Die Klamotten, auch das. Aber vor allem ist Steve McQueen seit einem halben Jahrhundert der Coolness-Goldstandard. Generationen von Schauspielern haben sich daran abgearbeitet, so stoisch, so lässig-rotzig zu sein wie er. Jungs, gebt es auf, der Mann hat mit seinem Blick Eisskulpturen gefräst, und ihr nicht.

»König der Fischer«

»Glück macht uns blind. Aber Schmerz lässt uns sehen.« Das habe ich »Niemals« vorangestellt, und es gilt auch für den »König der Fischer«. Henry kann allein durch den Heiligen Gral erlöst werden. Jack, der Mann, der ihm alles genommen hat, erkennt, dass er ihn finden muss. Denn nur dann kann ihm vergeben werden. Spätestens als Henry und Lydia beim Chinesen anfingen, Eishockey mit Fleischbällchen zu spielen, wusste ich, dass ich diesen Film für immer lieben werde.

Und Henry gibt jedem Mann einen guten Rat mit: »Lass deinen kleinen Kerl im Wind flattern.«

»Die üblichen Verdächtigen«

»Der größte Trick, den der Teufel je gebracht hat, war die Welt glauben zu lassen, es gäbe ihn gar nicht.« Keyser Söze, von dir habe ich danach geträumt. Bei diesem Film gibt es allerdings einen Wermutstropfen: Er ist so extrem auf eine einzige Pointe aufgebaut, dass er nur beim ersten Sehen seine ganze Wucht entfaltet. Aber da hat es mich umgehauen.

»Manche mögen’s heiß«

Zwei Musiker beschließen, sich Fummel anzuziehen und in einer Frauenkapelle unterzutauchen, um vor der Mafia zu fliehen. Den Plot könnte man heute nicht mehr unfallfrei pitchen. Aber es ist die ultimative Screeball-Komödie. Um in Gänze zu würdigen, was Wilder und sein Drehbuchautor I.L.A. Diamond geleistet haben, sollte man sich die die deutsche Verfilmung des Stoffes ansehen, 1951 von Kurt Hoffmann inszeniert. Sie trägt den erschreckenden Titel »Fanfaren der Liebe«. Da lernt man beten.

»Well, nobody‘s perfect.« Vielleicht der beste Schlusssatz aller Zeiten. Ist übrigens auch die Grabinschrift von Billy Wilder.

Nur so ne Frage: Gibt es eigentlich einen Mann, der nie in die Monroe verknallt war?

»Marathon Man«

Ein unscheinbarer jüdischer Junge triumphiert über Mengeles Wiedergänger. Bis das Licht im Kino wieder anging, bot es Trost. Laurence Olivier hätte für seine Darstellung des KZ-Arztes Christian Szell den Oscar verdient gehabt, aber es blieb bei der Nominierung. Eine Legende ist er dennoch, und über das Method Acting von Dustin Hoffman hat er sich lustig gemacht. Why don’t you just act?« soll er zu ihm gesagt haben. Ach ja: »Sind sie außer Gefahr?« Seitdem ist ein Zahnarztbesuch nicht mehr dasselbe.

»Der Partyschreck«

Das Drehbuch soll nicht einmal sechzig Seiten gehabt haben, das Meiste wurde improvisiert. Der tollpatschige indische Komparse Hrundi V. Bakshi wird aus Versehen zu der Hollywood-Party des Produzenten eingeladen, den er beim letzten Dreh fast ruiniert hat. Im Prinzip ist das die ganze Handlung. Der Rest ist Timing.

»Bei uns in Indien gibt es Tiere, die essen von morgens bis abends nur Füße, nichts als Füße.« Ich frage mich, ob ich bei einem anderen Film je so gelacht habe.

»French Connection I«

Es gibt Schauspieler, die stets so proper sind, dass man sie sich nicht verschwitzt vorstellen kann. Robert Redford etwa oder Cary Grant. Aber Gene Hackmann riecht man in diesem Film durch die Leinwand. Einen so verlotterten Bullen mit einer solchen Besessenheit hatte man davor noch nicht gesehen. Und danach auch nicht. Der Film ist derart reich an Höhepunkten, dass es schwerfällt, einen herauszuheben. Die Sequenz, in der Doyle und Russo in dem Nachtclub auf den Italiener aufmerksam werden und ihn dann verfolgen, ist irrsinnig gut getaktet. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Doyle und Charnier in der U-Bahn, wie cool. Die Verfolgungsjagd, natürlich. Der Showdown, geil. Aber ich entscheide mich für die Autowerkstatt, als sie die Limousine auseinandernehmen und erst ganz am Ende den Stoff finden.

Der Film ist reiner Jazz, im Grunde besteht er nur aus Rhythmus.

Über die Fortsetzung zu urteilen, wäre ein wenig unfair. Sie ist nicht schlecht, womöglich sogar gut. Aber es ist in etwa wie bei »Der Pate II & III«. Das eine ist ein Diamant und das andere eben nur ein Amethyst.

»La Strada«

Fellini hat uns so viele Geschenke gemacht, das war sein größtes. Der Schausteller Zampano, ein Eisensprenger und Gewaltmensch, behandelt seine Assistentin Gelsomina, als sei sie ein Ding, ein Wurm, ein Nichts. Sie bleibt bei ihm, weil sie sich so sehr danach sehnt, dass einer sie ein bisschen gern hat. Doch nicht Zampano ist dieser Mensch, sondern der Seiltänzer Matteo. Zampano tötet ihn und lässt Gelsomina allein. Viele Jahre später erfährt er von ihrem Tod – und erst jetzt, viel zu spät, erkennt er sein falsches Leben, seinen Verlust und zerbricht.

Niemand, der Giulietta Masinas Gesicht in diesem Film gesehen hat, diese Verlorenheit, diese Sehnsucht, wird es je vergessen.

»Kap der Angst«

Robert Mitchum war toll in dem Original von 1962, aber sein Gegenpart Gregory Peck vergällt mir jeden Film. Er hatte leere Augen, überhaupt keinen Blick. In dem Remake spielt Robert De Niro nicht. Er – macht – Angst. Am Ende heißt es über den von ihm verkörperten Psychopathen Max Cady: » Das Leben wird nie wieder sein, wie es war, bevor er kam.« Auf einer Adrenalinskala von eins bis zehn kriegt »Kap der Angst« eine Elf.

»Welcome Mister Chance«

Chance kennt die Welt nur aus dem Fernsehen. Als er sein Paradies verlassen muss, steigt er zum mächtigsten Mann von Washington D. C. auf. Es ist wie mit des Kaisers neuen Kleidern. Dass er ein Tor, ein Gimpel ist, dem, wie Parzival, der Sinn für die Realität fehlt, will niemand sehen. Den Heiligen Gral findet Chance nicht, aber immerhin wird er es zum US-Präsidenten bringen.

»Life is a state of mind.« Dieses Zitat aus dem Film ist auch die Inschrift auf Peter Sellers Grabstein. Die Uraufführung erlebte er noch, sieben Monate später starb er. Sellers war einer der besten Schauspieler seiner Generation, man hat ihn zeitlebens unterschätzt. Am Ende von »Chance« kann er übers Wasser gehen; so behalte ich ihn in Erinnerung.

»Apocalypse Now«

Als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, versuchte ich monatelang, meine Zigarette so zu halten wie Martin Sheen. Verstanden habe ich den Film erst später. Den Soundtrack liefern die Bands meiner Jugend. All die tollen Songs über Liebe, Freiheit, Rebellion. Hier sind sie das Richtige im Falschen, ein Aufputschmittel für picklige Highschool-Jungs, die nichts vom Leben wissen und zum Tod werden. Was den Film so einzigartig macht, so monumental und ikonografisch, ist vielleicht, dass er sich nicht darin erschöpft, Krieg als eine Abfolge von immer schrecklicher werdenden Geschehnissen abzubilden, obwohl es sie gibt. Der Napalmangriff, den Kilgore mit dem in den Nacken geschobenen Stetson und der Havanna im Mundwinkel befiehlt, das Niedermetzeln von vietnamesischen Frauen und Kindern auf dem Flussboot, das Massaker auf der Do-Lung-Brücke; I can’t get no Satisfaction.Aber das ist nicht das eigentliche Grauen. Nein, es ist diese Reise in den Kaninchenbau des menschlichen Verstandes, dorthin, wo die Fähigkeit, all dies zu tun, sich eingenistet hat; das Böse, ein Parasit.

Manchmal ist es gleißend hell im Herz der Finsternis.

»Silverado«

»Was findest du bloß an Western?« fragte eine Freundin mich mal. »Wieso?« habe ich erwidert. »Das sind Dramen, in denen Pferde mitspielen.«

Laurence Kasdans Arbeiten als Autor mochte ich schon immer, zum Beispiel »The Big Chill« und »Body Heat«. Das Drehbuch zu »Silverado« schrieb er zusammen mit seinem Bruder Mark und inszenierte selbst. Der Film ist von 1985, wirkt aber absolut klassisch; er könnte auch von John Ford oder Howard Hawks sein, eine Verbeugung Kasdans vor dem Kino seiner Kindheit.

Selten war ein Kampf so aussichtslos. Aber mit der Aussichtslosigkeit beginnt der wahre Optimismus, sagt Sartre.
Kevin Kline, Scott Glenn, Kevin Kostner, Danny Glover, Jeff Goldblum, Linda Hunt, Rosanna Arquette, Brian Dennehy, John Cleese.
Wow.

Wenn möglich sollte man den Film im Original sehen. John Cleese spielt den Sheriff John T. Langston mit Oxford-Akzent. Der Monty-Python-Godfather besitzt die Fähigkeit zu parodieren, ohne sich über irgendwas oder irgendwen lustig zu machen. Das ist die hohe Schule.
Am Ende das beste Revolverduell der Filmgeschichte. Unter Superlativen tut’s dieser Film nicht.

»So long, Paden.«
»So long, Cobb.«

»Der weiße Hai«

Es gibt nicht viele Filmmusiken, bei deren Titelthema jeder schon nach wenigen Takten Bescheid weiß. »Forrest Gump«, »Spiel mir das Lied vom Tod«, »Der Clou«, »Der dritte Mann« und »Der Pate« fallen mir spontan ein. Und natürlich »Der weiße Hai«. Dieses Dum-dum-dum-dum-dum-dum ist Teil unseres universalen Filmgedächtnisses geworden. John Williams ist als Komponist größer als Morricone, selbst seine Flops waren Hits. Und Spielbergs Inszenierung ist so dynamisch, dabei so klar und überlegt, dass sie alle Erneuerungen und technischen Revolutionen des Kinos überdauert hat. Jede Einstellung steht wie eine Mauer, das können nur die Großen.

Als die drei Männer in See stechen, nimmt Captain Ahabs Urenkel Quint das Maul noch voll. »Hier liegt die Leiche von Mary Skye, sie starb im Alter von einhundertdrei, bis fünfzehn ist sie Jungfrau gewesen, das ist der Rekord hier, so steht es zu lesen.«

»Der kann unmöglich mit drei Fässern unten bleiben.« Ein Prophet ist Quint auch, allerdings ein schlechter.

Meine Lieblingsszene, und damit bin ich vermutlich nicht allein, ist die unter Deck des Schiffes, wenn sie sich betrunken ihre Narben zeigen und sich gegenseitig in ihrer Coolness überbieten wollen, um nicht zu zeigen, dass sie Angst haben. Diese Frotzelei, Jungs unter sich, bis Quint erzählt, dass er mit der USS Indianapolis untergegangen war und im Wasser zusehen musste, wie seine Kameraden von Haien gefressen wurden.

»Wir werden ein größeres Boot brauchen«. O ja.

»Point Blank«

Lee Marvins Lieblingsgetränk soll ein Mix aus Gin und Guinness gewesen sein. Aber so nüchtern wie in diesem Film hat er noch nie gewirkt. Der Film beruht auf dem Roman »The Hunter« des von mir überaus geschätzten Donald E. Westlake alias Richard Stark und baut auf einer einfachen Frage auf: Was tust du, wenn dein bester Freund dich mit der Frau deines Lebens hintergeht und dir nebenbei drei Kugeln in den Körper jagt, um sich mit dem Geld, das er dir gestohlen hat, bei der Mafia einzukaufen? Die Konsequenz, mit der diese Rachegeschichte erzählt wird, hätte Euripides‘ Elektra gefallen.

Muss ich erwähnen, dass Jenny Aaron total auf den Film steht?

»Erbarmungslos«

Eastwood, Hackman, Freeman, Richard Harris. Es gibt Besetzungen, die sind ein No-Brainer. Eastwood besaß die Stoffrechte schon seit zwanzig Jahren, als er sich mit zweiundsechzig alt genug fühlte, William Munny spielen zu können, einen Mann, über den man sagt, dass er einmal zum Fürchten war, eine Legende, bei der er sich selbst nicht sicher ist, ob sie wahr ist, denn der größte Teil seines Lebens ist in einem Suffnebel verschwunden.

Als Munny ganz unten ist, ein abgehalfterter Schweinezüchter, der kaum seine Hosen festhalten kann, hört er, dass Huren aus einem Kaff namens Big Whiskey ein Blutgeld von tausend Dollar auf die Männer aussetzen, die eine der ihren misshandelt und verstümmelt haben. Vielleicht zieht Munny los, um sich selbst zu beweisen, dass er noch nicht am Ende ist; vielleicht, weil er glaubt, dass seine Seele gerettet werden kann, wenn er einmal etwas Gutes tut; vielleicht auch nur, weil er etwas Besseres als den Tod überall findet.

Sicher ist: Zum Schluss tritt er bei strömendem Regen, in Blitz und Donner in den nächtlichen Saloon, ein Racheengel wie aus einem Bibelpsalm, und sagt: »Mein Name ist William Munny, und ich habe Frauen und Kinder getötet«.

Man glaubt ihm jedes Wort. Mit diesem Film zertrümmert Eastwood alle Westernmythen und erschafft sie neu. Einfach nur Wow zu sagen, wäre nicht genug.

»Taxi Driver«

Das Plakat hängt seit langem in meinem Arbeitszimmer. De Niro geht mit gesenktem Kopf die 34. Straße in Manhattan hinunter, steif vor Einsamkeit; es könnte ein Gemälde von Helnwein sein. Darüber der Satz: On every street in every city, there’s a nobody who dreams of being a somebody. Bernard Herrmanns Musik, eine Erinnerung an »Vertigo«; den Soundtrack höre ich immer wieder beim Schreiben.
Angeblich hat De Niro sich für den Dreh Klamotten von Paul Schrader angezogen, auf dessen Erfahrungen als Taxifahrer das Script beruht haben soll. Man kann Method Acting auch übertreiben.
Schon klar, was Travis Bickle jetzt sagen würde: »Du willst mich ficken? Redest du mit mir? Du laberst mich an? DU LABERST MICH AN? Kann das sein dass du mich meinst? Du redest mit mir? Mit wem kannst du Arsch in diesem Ton reden?«

»The Deer Hunter«

Es gibt eine Reihe guter Anti-Kriegsfilme. »Platoon«, »Full Metal Jacket«, »Wege zum Ruhm«, »Das Boot«. Einige mehr. Aber keinen habe ich so oft gesehen wie »Apocalypse Now« und eben diesen. Beide Filme halten sich nicht mit der Mechanik des Krieges auf, sondern schildern ihn als Deformierung und Zerstörung des menschlichen Verstandes. Das Russische Roulette als Sinnbild des Sinnlosen. Nicks Tod im Moment seiner Erinnerung, die einzige mögliche Logik.
Helden sind das nicht, heimatlos kehren sie heim. Am Ende singen sie God Bless America; ein Hohn.
Hier muss ich unbedingt noch etwas zu John Cazale sagen, den ich sehr, sehr verehre. Er hat nur in fünf Filmen mitgespielt: »Pate I & II«, »The Conversation«, »Hundstage« und »The Deer Hunter«. Alle wurden sie Klassiker. Cazale wäre so groß geworden wie Pacino, doch er starb mit dreiundvierzig. »The Deer Hunter« war seine letzte Arbeit, er war schon sehr krank damals. Seine Filmpartnerin Meryl Streep hat ihn bis zu seinem Tod gepflegt.

Zuletzt mein Lieblings-Weihnachtsfilm: »Ein Ticket für Zwei«

Der Originaltitel ist natürlich viel schöner: »Traines, Planes & Automobiles«. Gehört bei mir in jeder Adventszeit zum Pflichtprogramm. John Candy und Steve Martin auf einer Odyssee, gegen die Homers Ilyas wie eine Butterfahrt wirkt. Nach dem ersten Schnitt soll der Film eine Länge von viereinhalb Stunden gehabt haben. Meine Fresse, da dürfte der ein oder andere Gag noch über die Wupper gegangen sein. Kann mich nicht recht entscheiden, was meine Lieblingsszene ist: Die Übernachtung in dem abgewrackten Hotel in Wichita? Oder wenn das Auto auf dem Highway in Flammen aufgeht? Egal. Zwerchfell und Rührung, die siamesischen Zwillinge jeder guten Komödie, hier reiten sie den Tiger.

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