Geschrieben am 14. April 2018 von für Crimemag, CrimeMag April 2018

Zwei Filmbücher: Western aus Deutschland

karl may cover Wilder Westen Made in Germany_450x600kmg„Wenn ich sterbe, werden Millionen Taschentücher nass!“

Alf Mayer hat Parallellektüre betrieben: zwei Bücher, das eine randvoll gespickt mit Anekdoten, das andere glänzt mit  Tiefgang.

Als die Bilder auf der Leinwand laufen lernten, gehörten Cowboys und Indianer zu den ersten Darstellern. Auf den allerersten Bildern, die ins Laufen kamen, sah man ein Pferd – im Galopp. Deutschlands Faszination mit dem Wilden Westen war da längst geweckt, Friedrich Gerstäcker und Karl May waren die bekanntesten, bei weitem aber nicht die einzigen Propheten. Die Tournee von William Frederick Cody, genannt „Buffalo Bill“, zog 1890/91 und 1906 unter großem Aufsehen durch Deutschland, gastierte in 40 Städten. Der deutsche Generalstab soll sich die Eisenbahn-Transportlogistik interessiert angesehen haben. 1907 wählte zum Beispiel dann der Trierer Karneval als Motto „Buffalo Bills Show“. Eine erste eigene deutschen Westernwelle im Kino macht Reiner Boller in seinem Rechercheband „Wilder Westen Made in Germany“ erst ab 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aus. Es entstanden Isar-Western, in der Umgebung von München gedreht, und Neckar-Western aus der Kurpfalz zwischen Heidelberg und Ludwigshafen. Der Rhein wurde zum Rio Grande, Steinbrüche in der Pfalz zu den Rocky Mountains. Der spätere Hollywood-Regisseur Wilhelm Dieterle kam aus Ludwigshafen, Kurt „Curtis“ Bernhardt stammte aus Worms. Bela Lugosi gab im „Lederstrumpf“-Zweiteiler, 1920 in Schleswig-Holstein in Szene gesetzt, den Chingachgook. Nach amerikanischem Vorbild gab es auch „Die Eisenbahn-Räuber“ (1920) aus deutscher Produktion, mit bayerischen Bauernburschen als maskierten Reitern.

Ganze vier Filme mit Schauplatz „Westen des amerikanischen Kontinents“ entstanden während der Nazi-Herrschaft. Die große Zeit der deutschen Western, das waren die 1960er und 1970er, hauptsächlich die Karl May-Filme, und eine eigene DEFA-Tradition, aber auch an reichlich Italowestern waren deutsche Firmen und deutsche Darstellerinnen und Darsteller beteiligt. Marianne Koch, Senta Berger, Iris Berben, Mario Adorf und Klaus Kinski wurden in solchen Koproduktionen groß.

karl may winnetou I plakatkarl may silbersee plakat8E4FDFA89C785F45BEE846_1-002399Viel Innenansicht und Anekdoten

Reiner Bollers 523 Seiten dickes Buch ist weithin chronologisch aufgebaut. Schwerpunkt sind die Karl-May-Verfilmungen von Horst Wendlandts Rialto-Film und Atze Brauners CCC. Mit 44 Seiten ist der Text über „Winnetou I“ der längste im Buch. Der direkte Zugang zu Matthias Wendlandt, dem Sohn des damaligen Rialto-Chefs, und Bollers Bekanntschaft mit vielen der Westernakteure erlaubt viel an Innensicht, teilweise entsteht sogar so etwas wie ein Sittengemälde. Boller hatte für das Buch über 80 Gesprächspartner, Pierre Brice ebenso wie die Stuntkoordinatoren von damals, er ist Autor von Schauspielerbiografien von Brad Harris, Lex Barker, Herbert Lom und Gustavo Rojo. Sonderlich kritisch freilich ist das alles nicht, aber beeindruckend materialreich. Die Innenansichten der Produktionsgeschichten machen einen großen Reiz des Buches aus, das geht von Anekdoten vom Set bis hin zu Auseinandersetzungen zwischen Produktionsfirma, Verleih und Karl-May-Verlag, beiläufigen Nepotismus-Informationen etwa zu Karin Dor, der Ehefrau von Regisseur Harald Reinl, oder dass dieser wegen seiner Effizienz bei den Produzenten so beliebte Regisseur ohne viel Aufhebens Tierbilder aus Dokumentarfilmen einschneidet oder Landschaftsaufnahmen etwa aus Hans Domnicks Dokumentarfilm „Traumstraße der Welt“.

Natürlich haben die Mittel und die Honorarhorizonte eines kleinen Filmbuchverlags wie der von Harald Mühlbeyer – dass es überhaupt noch welche gibt, ist schon ein Wunder – ihre Grenzen. Schmerzhaft vermisst habe ich dennoch eine übersichtliche Chronologie und ein Filmtitel- und Personenregister, sowie die eine oder andere auch industriekritische Referenz. Zu jedem Film gibt es zwar Pressestimmen und Zitate, aber die per se affirmativen Branchenfachblätter spielen hier klar die erste Geige.

Boller bietet einen – so umfangreich noch nie präsentierten – Innenblick nicht nur auf die Karl-May-Phase des deutschen Films. In gleich zwei Kapiteln geht es um den Italowestern. Angefangen mit Sergio Leones Dollar-Filmen (schöne Anekdoten, auch zum frühen Clint Eastwood) wurden viele von Deutschland aus ko-finanziert. Es geht auch um den DEFA-Indianerfilm, um Alaska-Abenteuer nach Jack London oder um deutsche Südamerika-Expeditionen, von den 1930ern bis zu den Herzog/Kinski-Filmen. Je randständiger freilich die Filme und Themen werden, desto weniger Zugang hat Reiner Boller. Helge Schneiders „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“ ist ihm fremd, die Ausflüge der deutschen Autorenfilmer ins Genre lässt er weithin unbeachtet. Kein Wort zum Beispiel über Hans W. Geißendörfers in Israel produzierte Adaption von Schillers „Don Carlos“ („Carlos“, 1971), den Fassbinder-Western „Whity“, der nach seiner Uraufführung bei der Berlinale 1971 weder einen Verleih fand noch im Fernsehen ausgestrahlt wurde oder zu oder Uwe Brandners Westernallegorie „Ich liebe dich, ich töte dich“, ebenfalls von 1971.

der-kaiser-von-kalifornien„Hitler lobte den Film, bemängelte aber den Schluss“

110 Filme werden ausführlich behandelt: Story, Vorgeschichte, Vorbereitungen, Dreharbeiten, ein Einordnungsversuch als „Western-Fazit“, ein Augenmerk auf die Musik und Zitate aus zeitgenössischen Kritiken. Dazwischen gibt es quer durch das Buch – Perlen darunter – insgesamt 48 Einzelporträts. Unter diesen „Namen im deutschen Western“ finden sich beispielsweise Mario Adorf, Hans Albers, Eddi Arendt, Lex Barker, Rik Battaglia, Martin Böttcher, Artur Brauner, Pierre Brice, Karin Dor, Götz George, Raimund Harmstorf, Chris Howland, Klaus Kinski, Marianne Koch, Daliah Lavi, Harald Leipnitz, Herbert Lom, Gojko Mitic, Pierre Brice, Harald Reinl, Robert Siodmak, Elke Sommer, Marie Versini, Alfred Vohrer, Horst Wendlandt, Ralf Wolter. 

Die erste ausführliche Darstellung gilt Luis Trenkers „Der Kaiser von Kalifornien“ (Drehbuch, Regie, Hauptrolle) von 1936, sicher einer der wichtigsten und vielschichtigsten deutschen Westernproduktionen. Ich weiß noch, wie mich als Junge die in großer Zahl vom Sägewerkskönig Sutter umgelegten Mammutbäume „gefällt“ haben. Das in USA gedrehte Werk wurde 1936 fertiggestellt. „Hitler lobte den Film, bemängelte aber den Schluss.“ Nach dem Krieg war er verboten, wurde 1954 in einer Neufassung wieder zugelassen. Es gibt bei Boller keine Angaben zu den Veränderungen.

karl may 1894 - Der Schatz im Silbersee - Bucherstausgabe

Erstausgabe von 1894 (c) Karl-May-Gesellschaft

Trenker plante danach einen Winnetou-Film, die Bavaria-Filmkunst wollte ab 1940/41 eine ganze Serie herausbringen. Zunächst sollte Karl Mays China-Stoff „Der blaurote Methusalem“ verfilmt werden, unbedingt als Farbfilm, aber das machte mitten im Krieg Probleme bei der Materialzuteilung, das Projekt versandte. Winnetou-Rechte hatte 1936 auch die UFA erworben, vorgesehen waren Helmut Käutner und Hans Albers, der sich mit „Sergeant Berry“ und „Wasser für Canitoga“ als Westerner empfohlen hatte, aber alles zog sich hin. 1943 befasste sich Reichsfilmintendant Hans Hinkel mit der Kalkulation für „Die ewigen Jagdgründe“, wie das Projekt nun hieß, Regie sollte der Schwager von Propagandaminister Goebbels führen, gedreht werden sollte im wald- und wiesenreichen Protektorat Böhmen-Mähren. Beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW) bestellte man „etwa 200 sehr gute Reiter, welche auch dem Aussehen nach indianischen, also mongolischen Einschlag haben. Da wir unter dem in Deutschland zur Verfügung stehenden Menschenmaterial derartige Personen naturgemäß nicht finden können, müssen wir versuchen, auf gewisse östliche Rassen zurückzugreifen … Es wird bei den genannten Amtsstellen zur zeit geprüft, welche östlichen Rassen am besten zur Darstellung geeignet wären. Soviel steht aber schon fest, dass wir auf Freiwilligenverbände oder Kriegsgefangene aus den kaukasischen, turkmenischen oder sibirischen Gebieten, bzw. auf Kosaken oder Kirgisen zurückgreifen müssen, wenn es nicht jetzt oder in absehbarer Zeit sogar möglich sein sollte, echte indianische Kriegsgefangene zu erhalten …“ Mit geplanten 5,4 Mio Reichsmark sollte der Film beinahe so teuer wie die UFA-Jubiläumsproduktion „Münchenhausen“ werden (6,6 Mio RM). Aber mit dem seit einiger Zeit laufenden „totalen Kriegseinsatz“ konnte man sich so etwas nicht mehr leisten. Am 8.8.1944 erhielt die UFA-Film die knappe Mitteilung: „Der Herr Minister hat entschieden, dass der Film wegen seines Menschen- und Materialaufwandes nicht hergestellt wird.“ 

Erst 1958/59 kommen mit „Die Sklavenkarawane“ und „Der Löwe von Babylon“ Karl-May-Filme auf die Leinwand, mit Georg Thomalla und Theo Lingen sehr schwankhaft angerichtet. Die Fünfziger Jahre beginnen mit einem ziemlich ehrlichen Film, mit „Wildwest in Oberbayern“ (Regie: Ferdinand Dörfler). Der Inhalt: Eine Berliner Filmproduktion will beim Ochsenwirt (Joe Stöckel) einen Indianer-Western drehen und lässt Einheimische in Kriegsbemalung um den Marterpfahl tanzen.

kmgTeil 2: Ernst Bloch: „Ich kenne nur Karl May und Hegel“

Das Interesse des Publikums am Western hat Wurzeln, die tief in die Vergangenheit reichen. Sergio Leone verortete sie in seinem Vorwort für das immer noch unübertroffene Western-Lexikon von Joe und Benjamin Hembus (1976 bzw 1994) bis in die Gesänge Homers. Im Auftreten des Killers im Saloon sah er das erschrockene Verstummen der Anwesenden auf die große Wut des Achill gespiegelt. Der Philosoph Ernst Bloch, der in seinem „Prinzip Hoffnung“ ein ganzes Kapitel der Kolportage widmete, liebte es, seine Gesprächspartner mit der Vereinfachung zu entsetzen: „Ich kenne nur Karl May und Hegel. Alles, was es sonst gibt, ist aus beiden eine unreine Mischung: wozu soll ich das lesen?“ („Tendenz – Latenz – Utopie“, 1978, Seite 373)

Buch zwei dieser Tour d’Horizon, der begeisternd tiefschürfende Band „Karl May in den 60er Jahren. Abenteuer zwischen Wirtschaftswunder und Rebellion“, entstand aus einem Symposium von 2016, das völlig folgerichtig  im „Haus der Geschichte“ in Bonn angerichtet wurde. Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg übrigens ist in der Abteilung „Charakter“ der Ausstellung „Was ist deutsch?“ Winnetou gleich dreimal vertreten. Karl May „hat viele Generationen lang die deutsche Nationalphantasie oder Nationalmythologie nachhaltig beeinflusst“, fasst Johannes Zeiliger, Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft (KMG), das Symposium in seinem Vorwort zusammen. 2006, bei der Fußballweltmeisterschaft, präsentierte sich ein weltoffenes Deutschland, dessen Stimmung Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit in einem Text des Titels „Im Lande Winnetous“ so beschrieb: „Winnetou ist der bundesdeutsche Held schlechthin, ein Tugendbold, ein Naturfreak, ein Pazifist im Herzen, aber in einer kriegerischen Welt der beste Krieger, flink, stark, treffsicher … Winnetou ist ein Deutscher mit Migrationshintergrund.“ (Spiegel Nr. 24, 12.6. 2006)

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Karl May als Old Shatterhand, 1896 (c) Karl-May-Gesellschaft

Die 68er, die Generation Karl May

2014 konnte der Karl-May-Verlag unwidersprochen feststellen: „Aber der rote und der weiße Mann, die in unverbrüchlicher Freundschaft miteinander verbunden sind, sind Chiffren für eine bessere Welt. Und in diesem Sinne gehören auch sie, die Märchengestalten Winnetou und Old Shatterhand, zur Generation der Achtundsechziger.“ (Zitat von 2014) Natürlich war die deutsche Linke – bis hin zu den Stadtindianern der RAF – von Karl May mitgeprägt, ob sie es wollten und schätzen oder nicht. Im Herbst 2015 gewann ebenso überraschend wie naheliegend Frank Witzels monumentaler Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ den Deutschen Buchpreis. Gudrun Ensslin hat darin einen Auftritt als Indianersquaw, Andreas Baader erschießt versehentlich Winnetous Lehrer Klekih-petra, der sich vor seinen Zögling wirft.

Gert Ueding beschäftigt sich auf 20 ebenso gehalt- wie spannungsvollen Seiten mit Ernst Bloch und Karl May, „Glücksweg durch Nacht zum Licht“ heißt dieser wichtige Text. Malte Ristau untersucht das West-Deutschland der Nachkriegszeit und das Lebensgefühl „der Generation Karl May“, die sich dem Westen und dem Western zuwandte. Zwischen 1955 und 1970 vervierfachte sich hier die deutschsprachige Auflage der Karl-May-Bücher, von zwölf auf 46 Millionen, obwohl das Käuferpotential durch die deutsche Teilung um fast 20 Prozent geschrumpft war. In über 20.000 privat geführten Leihbibliotheken und dazu ebenso vielen Stadt- und Pfarrbüchereien war Karl May der Star. (Weil nach jedem Karl-May-Buch wieder ein anderes gelesen/ ausgeliehen werden musste, besaß ich als Zehn- oder Zwölfjähriger mehrere Bibliotheksausweise, um mich ohne Unterlass durch May lesen zu können.) Für mich (Jahrgang 1952) und meine Altersgenossen war in den Sechziger Jahren Lesen die Freizeitbeschäftigung Nummer eins, dann das Kino. Die Shell-Studie von 1966 (!) konstatierte: „Karl-May-Bücher dominieren sehr stark.“

Helmut Schmiedt steigt mit „Jenseits der Müllabfuhr“ in die Niederungen der Literaturwissenschaft der 60er Jahre, für die – dies eine Lesart, die bis ins Heute reicht – Karl May weithin nichts als nichtsnutziges Geschreibe war. Stellvertretend dafür steht Walter Killy mit seinem „Deutscher Kitsch. Ein Versuch mit Beispielen“ von 1961, in dem er besonders anhand der Sterbeszene von Winnetou den literarischen Unwert zu demonstrieren versucht. Als Gegengewicht brauchte dann, viele Jahre später, den Philologen Ulrich Scheinhammer-Schmid, dem die Karl-May-Forschung den grandiosen Text verdankt: „Wenn ich sterbe, werden Millionen Taschentücher nass“ – Pierre Brice. Winnetous Tod im Roman, im Film und in der May-Rezeption.“

Karl Mayer Arno Schmidt Spiegeö 13. mai 1959

Arno Schmidt, Spiegel vom 13. Mai 1959

„Schlimmer als die erste Liebe“

Gert Uedings „Glanzvolles Elend. Versuch über Kitsch und Kolportage“ (Suhrkamp, 1973) wird ebenso diskutiert wie die ostdeutsch-marxistische Distanz zu Karl May. Und es gibt die Brücke zu den von Rudi Schweikert dann noch einmal gesondert gewürdigten damaligen Ausnahmeerscheinungen, nämlich zu Arno Schmidts May-Studie „Sitara und der Weg dorthin“ von 1963 und Hans Wollschläger 1965 veröffentlichten Biografie „Karl May in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“. Ohne diese beiden sähe die May-Rezeption wahrlich anders aus. „Schlimmer als die erste Liebe“ fand Arno Schmidt „die erste Lektüre“, so eng war er mit May verbunden.
Auf knapp der Hälfte des Seitenumfangs von Reiner Bollers Werk sind die Tiefenbohrungen in „Karl May in den 60er Jahren“ erstaunlich. Die Karl-May-Gesellschaft präsentiert sich hier in elf allesamt äußerst fundierten und durchgängig sehr lesbaren Beiträgen auf beeindruckendem Niveau. Populärkulturforschung at ist best. Fröhliche Wissenschaft im schönsten Sinne. Bis hin zu einer Gesichte der Karl-May-Gesellschaft selbst, die Johannes Zeilinger ohne Scheuklappen erzählt. Dazu gibt es Studien über Karl May im Comic der 1960er Jahre (von Bernd Dolle-Weinkauff), zu Theatralität und Reenactment als identitätsstiftende Inszenierungen bei den Karl-May-Festspielen (Dana Weber), über Karl May in der sozialliberalen Reform-Ära (Bernd Schünemann) und über „Das neue Deutschland im jugoslawischen Amerika“, in dem Heinz-Peter Preusser auf romantische Sehnsuchtsorte und auf den Kult der Verbrüderungen in den Winnetou-Filmen schaut, dabei auch noch den RTL-Mehrteiler von Weihnachten 2016 miteinbezieht. Der Darsteller des Old Shatterhand darin – deutscher geht ein Name nicht – Wotan Wilke Möhring. Der Wilde Westen, das ist in einer deutschen Westernproduktion, immer auch ein deutscher Heimatfilm. Die Natur dabei ein Freiheitsraum.“

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Spiegel-Titel vom 12. September 1962

„Höchstens 10% Indianerdorf“

Ulrich Scheinhammer-Schmid beschäftigt sich in „Helden ohne Fehl und Tadel?“ mit der Genese von Winnetou und Old Shatterhand im Film der 60er Jahre. Er präsentiert dazu sehr klug aufgebaute Filmprotokolle und viel Hintergrundmaterial, macht plastisch, wie sich Themen, Figuren und Konstellationen entwickelten, kurz: warum die Karl-May-Filme so wurden, wie sie sind. Zitiert wird unter anderem ein Beschwerdebrief des Produzenten Horst Wendlandt an den Constantin Filmverleih in Sachen der Winnetou-Verfilmungen. Am 4. Februar 1963 teilt er mit, dass er eine Umsetzung des Treatments „keinesfalls verantworten“ könne: „Die Szenen spielen zu 80% im Indianermilieu, unter Indianern.“ Das sei geschäftsschädigend, weil „von den typischen Filmen im Indianermilieu kein einziger auch nur annähernd ein Erfolg war“, im Unterschied zu „Western, die zu 80 bis 100% unter Weißen spielen“. Wendlandt schlägt eine andere Verteilung der Szenen vor: „70% der Handlung zwischen Weißen, 20% Winnetou und Old Shatterhand und 10% Indianerdorf.“

karl may strandlaken 80908Die Weichen sind damit gestellt: Nicht die Originalvorlagen Karl Mays, nur die Namen interessieren noch. Was bleibt, ist die Ohnmacht der Helden. Während bei Karl May verblüffender Weise oft das Personal amerikanischer Western fehlt: Sheriffs, Marshalls, Deputies oder Texas Rangers, also die Repräsentanten staatlicher Ordnung und Repression, führen sie die Winnetou-Filme mit dem von Wendlandt durchgesetzten „Ganovenprinzip“, so Scheinhammer-Schmid, wieder ein. Nicht mehr die großen Helden beherrschen die Handlung, nur die Staatsmacht ist imstande, die Ordnung aufrechtzuerhalten und „dem Recht zum Siege zu verhelfen“. Erst so wird der Western richtig deutsch.

Alf Mayer

Reiner Boller: Wilder Westen made in Germany. Mühlbeyer Filmbuchverlag, Frankenthal 2018. 523 Seiten, 29,90 Euro. Verlagsinformationen und Textauszüge hier.

Johannes Zeilinger und Florian Schleburg (Hg.): Karl May in den 60er Jahren. Abenteuer zwischen Wirtschaftswunder und Rebellion. Symposium der Karl-May-Gesellschaft 16.–18. September 2016 im Haus der Geschichte, Bonn. Mit Beiträgen von Bernd Dolle-Weinkauff, Thomas Kramer, Heinz-Peter Preußer, Malte Ristau, Ulrich Scheinhammer-Schmid, Helmut Schmiedt, Bernd Schünemann, Rudi Schweikert, Gert Ueding, A. Dana Weber. Hansa Verlag, Husum 2018. 251 Seiten, broschiert, viele Abb., 19 Euro. Verlagsinformationen.

PS. Western-Fan Andreas Pflüger und sein Co-Autor Murmel Clausen haben jetzt im Frühjahr 2018 das Drehbuch zu einem Weimar-Tatort abgeschlossen, der in einer Westernstadt names „El Dorada“ spielen wird. Wird sehr lustig, haben erste Späher gemeldet.

karl may soundtrack 81BatPYza-L._SY355_PPS. Unbedingter Aufmerksamkeit wert ist die sehr rührige Karl-May-Gesellschaft (KMG), die für das zweite der hier besprochenen Bücher verantwortlich zeichnet. Ein weiterer Band der KMG wurde von Alf Mayer vor kurzem in den „Bloody Chops“ besprochen: Detektivarbeit vom Feinsten. Über Rudi Schweikert: „Durch eegenes Ingenium zusammengesetzt“: Studien zur Arbeitsweise Karl Mays aus fünfundzwanzig Jahren. Materialien zum Werk Karl Mays, Band 8. Hansa Verlag, Husum 2017. 400 Seiten, 19 Euro (bitte bis unten scrollen).
Die Internetseite „Karl May lebt“ verzeichnet aktuelle Veranstaltungen zum Thema. Ein umfangreiches Verzeichnis von Filmliteratur findet sich beim Karl-May-Verlag. Und einen Eindruck vom Niveau der Forschung und Diskussion gibt zum Beispiel ein Überblick über ein Symposium im Zeughaus-Kino im Jahr 2007.

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