Geschrieben am 1. April 2021 von für Crimemag, CrimeMag April 2021

Zum „Wörterbuch des modernen Unmenschen“

Sprachsalven wider Opdenhövelistik

Michael Höfler über das Buch von Stefan Gärtner

Stefan Gärtner, langjähriger Satiriker bei Titanic und Kolumnist für linke Medien, gehört als „Adept“ (Selbstaussage) von Karl Kraus zu denen, die bei nachlässiger Form den Inhalt nicht nur leiden sehen, sondern ihm gar keine Existenz zubilligen. Fünfzehn Jahre nach „Man schreibt Deutsh“ (Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2006) hat er, zwar von „von Phrasensalven niedergestreckt“, aber seine zweite Sprachkritik geschrieben, „das allerdickste Brett, das einer bohren kann“.

Gelungene Sprachkritik tut wohl in Zeiten, in der viele Unfälle, auch sprachlicher Art, „stattfinden“, obwohl sie glücklicherweise nur passieren. Wenn man sich „sehr oft sehr alleine auf der Welt“ (Gärtner) fühlt, wo sogar der ansonsten ausgezeichnete Saša Stanišić auf Twitter von der „stattfindenden Apokalypse“ schreibt. Andererseits gerät man mit Sprachschelte leicht in reaktionäre Gesellschaft, etwa der des Vorsitzenden des „Vereins Deutsche Sprache“, Walter Krämer, der den „Genderwahn“ geißelt, aber selbst mit „Lügenpresse“ und „Überfremdung“ kein Problem hat. Dem  Verdacht der Altbackenheit begegnet Gärtner mit der „Zeitnähe“ der Phänomene hinter Nullwörtern wie zeitnah und hält seine Analyse dem „affirmativen Generalbass der Zeit“ entgegen. 

Sprachkritik ist eine leichte Fingerübung, wenn sich ein Brotaufstrich attestiert, dass seine „leckeren Linsen“ ihn „besonders lecker machen“. Sprachkritik jenseits von Unterhaltung dagegen hat zu erklären, warum es mit der Sprache nicht hinhaut. Gärtners zentrales Argument lautet, dass dies unbewusst dem Programm folge: „reden wie die Alternativlosigkeit, der sie [die Menschen] sich fügen sollen“. Der „Unmensch“ (eigentlich „Un-Mensch“) im Untertitel feiert den Sieg der künstlichen Intelligenz, dabei komme der nur durch die Maschinewerdung des Menschen zustande. Für Gärtner dominiert „der Laut über die Sprache“, wenn Lappalien extrem und dramatisch sein müssten, und für das wirklich Extreme wie den Klimakollaps kein Vokabular mehr bleibe. Vor allem der Journalismus beraube sich aber nicht nur der Sprache, sondern auch der Inhalte, wenn er statt Kausalpronomen zu verwenden mit insofern fehlplatzierte Skepsis ausdrücke. Nachvollziehen tritt an die Stelle von „verstehen“, Fühlen ist die Attitüde, sich mit gespielter Authentizität zu verkaufen, Philosophie das Mantra der Märkte und perfekt Ausdruck verlorener Vielfalt. Gärtner beleuchtet immer wieder die Dialektik zwischen Metapher und Wortsinn, Gesagtem und tatsächlich, unbewusst oder halbbewusst, Gemeintem. So attestiert er dem, der Geld in die Hand nimmt, das große Geld, um das es tatsächlich gehe, nicht im Griff zu haben. Menschen kreierten, weil sie unfähig seien, etwas zu verändern. Am Ende steht maximal für maximale bzw. schlicht normale Ausdrucksschwäche und eine Erwartungshaltung für eine „Erwartung ohne Haltung“.

Gärtners Auslassungen über „Opdenhövelistik“ geben Aufschluss darüber, wo man im Leben sozusagen stehen geblieben ist, wenn sich „das falsche Du an die Toten wendet, die so tun, als seien sie, oh, ah und wow, lebendig.“ Man mag das Buch als Test lesen, wo das eigene Sprachvermögen massiv desensibilisiert ist. Gärtner besitzt als Autor den feinen Stil und die Leichtigkeit, die das Thema erfordert, und als Schriftgelehrter den Zitatschatz, um seine Aussagen vielfältig zu unterfüttern. Auch als Kapitalismuskritik hat sein Buch die Substanz, die das heute oft einfältig behandelte Thema benötigt, um ihm noch etwas Gutes zu tun. Und am Ende kann der Rezensent froh sein, dass „das was einmal Wortschatz war“, genug für eine Rezension übriglässt.

Stefan Gärtner: Terrorsprache. Aus dem Wörterbuch des modernen Unmenschen. Edition Tiamat, Verlag Klaus Bittermann. 144 Seiten, 14 Euro.

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