Geschrieben am 14. Januar 2012 von für Crimemag, Kolumnen und Themen

Zoë Beck über Seltsamkeiten des Kulturbetriebs

Kultur ist, wenn wo subventioniert ist; wenn wo nicht, dann Krimi. Zoë Beck hat im Treppenhaus Dr. Müller-Böhne getroffen und die beiden denken über allerlei Seltsamkeiten des Kulturbetriebs nach – ergebnisoffen, natürlich.

Kulturexklusivrecht

Über die Feiertage war ich in Edinburgh. Mein Nachbar, Richter Dr. Müller-Böhne, hat mich offensichtlich schon vermisst. Er steht händereibend im Treppenhaus und sieht interessiert zu, wie ich im Koffer nach meinem Wohnungsschlüssel wühle.
„Na, war’s denn schön?“, will er wissen.
„Super“, sage ich, darum bemüht, die Unterwäsche erst gar nicht in sein Blickfeld kommen zu lassen. Sicher ist sicher.
„Und, bisschen was unternommen?“
„Klar“, sage ich und fummele zwischen den Pullis herum. Immer noch kein Schlüssel.
„Freunde getroffen, Essen gewesen, Kino gegangen, Theater geschaut?“
„Äh, ungefähr, ja.“ Auch kein Schlüssel zwischen den Mitbringseln.
„Das haben wir nämlich gemacht. Wir haben diesen Sherlock Holmes-Film gesehen. Leichte Unterhaltung. Muss man gar nicht viel bei nachdenken.“ Er wartet auf eine Reaktion, die nicht kommt, dann sagt er: „Müssen Sie auch mal rein. Sie schreiben doch so was.“

Oper

„Ich schreibe nicht so was“, sage ich und versuche mein Glück in den diversen Vordertaschen.
„Und dann waren wir natürlich in der Oper. So zum Jahreswechsel Oper, das gehört ja dazu.“
„Klare Sache.“ Ich kippe die Handtasche aus, obwohl ich sie schon bei der Sicherheitskontrolle, im Flieger und im Taxi ausgekippt hatte, ohne einen Schlüssel zu finden.
„Waren Sie auch in der Oper? Singen die da eigentlich auf Englisch? Oder Italienisch? Hört sich bestimmt komisch an, wenn Engländer Italienisch singen, was?“
„Ich war in Schottland, und ich wette, die Herrschaften, die Sie auf der Bühne gesehen haben, kamen vorwiegend nicht aus Italien.“ Ich finde den Schlüssel in der Manteltasche und ärgere mich, weil mir einfällt, dass ich ihn extra in die Manteltasche gesteckt habe, damit ich ihn später auch finde.
„Haben die denn auch so schöne Opernhäuser wie wir? Bestimmt haben die noch mehr Opernhäuser, und viel schönere, sind ja nicht so dolle zerbombt worden, was?“

Theater

Er irrt. Es gibt nirgendwo so viele Opernhäuser auf der Welt wie in Deutschland, die auch noch so genutzt werden, wie beim Bau geplant, und das ist der Subventionierung zu verdanken. In Großbritannien zum Beispiel müssen sich die Theatergruppen weitgehend selbst finanzieren, von ein paar Fördertöpfen mal abgesehen. Sie müssen spielen, was gefragt ist, sie müssen durchs Land ziehen und auf Publikum hoffen, und entsprechend sieht dann oft auch der Spielplan aus: eher Musical als Oper, beim Sprechtheater ist man ähnlich auf Mainstream bedacht, die leichte Komödie wird bevorzugt. Gleichzeitig aber gibt es in den großen Städten eine rege Szene an experimentellen Theatergruppen, und irgendwie scheint es auch viel mehr neue, spielbare Stücke zu geben als hierzulande, wo der Spielplan zwar umfangreicher ist, aber doch auch sehr rückwärtsgewandt.

In britischen Theatern laufen Produktionen so lange, wie es Nachfrage gibt. Sie müssen sich auf dem Markt durchsetzen, sozusagen in Absprache mit dem Publikum. Hier laufen sie so lange, wie sie auf dem Spielplan stehen. Sie werden zwischen Dramaturgie und Intendanz abgesprochen. Wenn die Plätze leer bleiben, geht vielleicht irgendwann der Intendant, aber das Theater wird nicht zugemacht, die Mitarbeiter müssen sich nicht was Neues überlegen. Dass jeden Abend etwas anderes angeboten wird, ist schon unglaublich – und kostet auch ein Wahnsinnsgeld –, während die meisten Theater auf der Insel ihre Sachen am Stück laufen lassen. Wer was anderes sehen will, muss in ein anderes Theater, oder warten, bis die Gruppe weiterzieht und eine neue Produktion kommt.

Das sind, grob umrissen, die Unterschiede, und ich schwanke seit jeher, was ich besser finde: das Prinzip survival of the fittest, oder den Staat Millionen versenken zu lassen, damit eine kleine, feine Schicht garantiert jedes Jahr ihren Mozart, Puccini, Donizetti bekommt, und dann noch bitte in einer Inszenierung, die man nur verstehen kann, wenn man das Programmheft auswendig gelernt und vorher alle Kritiken gelesen hat und dazu noch über ein umfangreiches bildungsbürgerliches Wissen verfügt. Das ist nämlich, bei allen scheinbaren Vorteilen, die Essenz des deutschen Theaterlebens. Wird da nicht etwas gefördert, dass sich seit mindestens hundert Jahren immer nur wiederholt und um sich selbst dreht? Das einen Großteil der Bevölkerung ausgrenzt? Wie hoch ist das Durchschnittsalter bei Opern und klassischen Konzerten? Wie hoch das Durchschnittseinkommen? Für wen sind die Subventionen eigentlich – die einkommensschwächeren Schichten können sich vielleicht ab und zu eine Eintrittskarte leisten, aber wollen sie überhaupt auf diese Weise unterhalten werden?

Erziehung, kulturelle …

Das Problem liegt gar nicht mal bei der Diskussion, ob diese Form der Kultur erhalten werden muss. In der Subventionsbräsigkeit gedeiht vielmehr das Efeu am Elfenbeinturm, da sagt der Regisseur auch schon mal: Was interessiert mich das Publikum, wenn die Kritiken stimmen? Und die Kritiker, ach, denen kann es nicht verstiegen genug sein, scheint es. Die These, die Subventionsgelder anders zu verteilen und eher in die kulturelle Erziehung an den Schulen zu stecken, wird aber nicht gerne gehört. Lieber weiter inszenieren für eine kleine Schicht von immer älter werdenden Theatergängern, denen der Graben zum Rest der Welt nicht groß genug sein kann. Aber wozu brauchen diese Leute staatlich geförderte Plüschsessel? Und außerdem: Ist die Bühne – Ballett, Sprechtheater, Oper – überhaupt noch zeitgemäß?

Bei internationalen Theatertreffen sieht man immer wieder neue Stücke, die aktuelle Themen aufgreifen, und man kann sagen, was man will, die Unmittelbarkeit des Erlebens, während man im Zuschauerraum sitzt, ist immer noch etwas anderes, als einen Film anzusehen oder zu Hause den Fernseher laufen zu lassen. Ein gutes Beispiel erst letztens die Performance der Gruppe DV8 „Can We Talk About This?“

Wäre Dr. Müller-Böhne Kultusminister, hätte ich ihn nach einer halben Stunde tatsächlich davon überzeugt, Theater als Schulfach einzuführen. Er, der er eben noch meinte, die dünne, greise Schicht, die auf den subventionierten Plätzen den Don Giovanni verschläft, hätte es schließlich verdient, dass man für sie an jeder Ecke ein Theater mit festem Personal und täglich wechselndem Spielplan bereitstellt, nickt langsam, wenn auch noch etwas widerwillig.

Ich bin mir selbst über meine Position nicht ganz im Klaren. In London begeistert mich die Vielfalt der Inszenierungen und die gute Qualität, sowohl an den großen Häusern (wo man Renaissancetheater, Wilde, Shakespeare und Christies „The Mouse Trap“ dauergeboten bekommt) als auch in den Fringe Theatres, wo die eigentlich spannenden Dinge geschehen, wo neue Stücke ausprobiert werden, wo experimentiert wird. Und das alles, ohne so komfortabel staatlich bezuschusst zu werden, wie es bei den beneideten deutschen Kollegen geschieht. Kaum ist man außerhalb der Millionenstadt, wird es sehr, sehr traurig mit der Kultur bzw. dem, was wir als solche definiert haben. Also doch besser hierzulande? In Deutschland werden wir mit der Hochkultur an jeder Ecke konfrontiert, aber zu wenige nehmen das Angebot an.

Immer wieder: Das Triviale

Als der SWR Anfang Dezember seine Bestenliste im Literaturhaus Berlin präsentierte und die Sendung aufzeichnete, war das Publikum überschaubar (ca. zwanzig zahlende Gäste), das Durchschnittsalter hoch, der akademische Abschluss der Anwesenden mit Sicherheit ebenfalls, und hinterher gab es eine Diskussion einiger Versprengter darüber, wie skandalös es doch sei, dass die Menschen sich zum Trivialen hingezogen fühlten.

Dass es vor allem darum gehen sollte, diesen offenbar immer größer werdenden Graben endlich zu schließen – taube Ohren. Bis endlich einer einlenkt und sagt: „Irgendwann in den Siebzigern fing die Literaturkritik an, sich auch mit Konsalik und solchen Leuten zu beschäftigen. Aber jetzt geht es in der Tat vornehmlich um Texte, die sich durch Form und Stil vom Rest abheben.“
Ich frage: „Und Inhalt ist sekundär? Literatur definiert sich aus Form und Stil?“
„Der Inhalt hat sich dem unterzuordnen“, lautet die Antwort, und das ist vielleicht auch die Misere des Theaters, der Oper, dass es vollkommen egal ist, was dieser Don Giovanni eigentlich will und macht und tut, viel wichtiger ist das geile Bühnenbild und der super Regieeinfall für den dritten Akt. Will Don Giovanni überhaupt irgendwas, und wenn ja, muss es uns heute noch interessieren? Keine Frage, die es zu stellen gilt, weil Don Giovanni per Definition auf den Spielplan gehört, weiß das Kulturland Deutschland. Form und Stil statt Inhalt, und gleichzeitig die Beschwerde, die heutigen Autoren seien so wenig politisch, so wenig sozial engagiert.

Denise Mina

Denise Mina

„Gute Literatur muss sich sperren.“

Die Krimiautorin Denise Mina sagte mal, sie habe sich für das Genre entschieden, um gelesen zu werden. Sie wolle sich mitteilen, ihre Ideen unter die Menschen bringen. Das ist ihr gelungen. Dafür bekommt sie, besonders hierzulande, den Trivialstempel. Genre ist keine Literatur.
Ich sage: „Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass die Texte, die die vorderen Plätze auf der Bestenliste belegen, etwas, nun, trocken waren …? Die hinteren Platzierungen hätten mich nun mehr interessiert.“
Man antwortet mir: „Gute Literatur muss sich sperren.“
„Ich darf also keinen Spaß haben am Lesen? Sagte nicht vorhin jemand, ein Buch, eine Oper, ein Theaterstück müsse das Herz erwärmen, die Seele packen? Sinngemäß?“

Wir drehen uns im Kreis und finden auf nichts wirklich Antworten. Wir schießen uns gegenseitig Löcher in unsere Argumente, und der Abend endet im Missklang.

Und jetzt finde ich mich hier mit Dr. Müller-Böhne, wir werfen genau dieselben Argumente herum, und wir kommen ebenfalls nicht weiter. Ach, kein schönes Thema. Dr. Müller-Böhne gehört selbstverständlich auch zu denen, die Krimis trivial finden (dabei will er selbst mal einen schreiben, vermutlich, weil er denkt, es müsse einfach sein, weil trivial). Er gehört einfach nur zu denen, weil er studiert hat und promoviert ist und mit reichen Leuten zu tun hat und es deshalb irgendwie dazugehört. „Kulturelles Verständnis braucht seine Zeit“, sagt er, und ich sage: „Bräuchte es nicht, wenn man die Menschen früh genug heranführen würde. Und nicht nur die, die sowieso schon reiche Eltern haben. Warum soll die sogenannte Hochkultur ein Privileg der Besserverdiener sein? Da sind wir doch beim Klassenkampf.“

Das Getue & die Schere

Ein bisschen beleidigt zieht er ab, und ich bin ein bisschen traurig, dass ausgerechnet ich die Existenzberechtigung der subventionierten deutschen Theaterlandschaft so anzweifle, wo ich doch kaum etwas mehr geliebt habe, als zu Studentenzeiten am Theater zu arbeiten. Aber da dachte ich ja auch noch, Theater sei für alle da. Weil sie verbilligte Karten und Extraprogramme für Schulklassen anbieten.

Ich habe keine Lösung, mal abgesehen davon, dass ich nichts ändern kann. Ich weiß nur, dass dieses Getue mit Hochkultur und Trivial, mit „sich sperren“ (gut) vs. „unterhaltend“ (schlecht) Unfug ist, dass hier eine Schere aufgemacht wird, die schlicht unterstreicht, dass sich die Gesellschaft gerne in reich und arm, gut und böse, gebildet und dumm geteilt sehen möchte. Klare Ansagen, klare Definitionen. Und dass diese Teilung staatlich subventioniert wird. Aber soll der Staat deshalb die Gelder streichen? Bloß nicht an der Kultur sparen. Aber vielleicht mehr darauf achten, dass mehr Menschen ins Boot geholt werden. Auch wenn das über eine anfängliche Trivialisierung laufen wird … und sich am Ende herausstellen könnte, dass nicht alles trivial ist, was man als solches bezeichnet hat, manch anderes hingegen schon … Oder?

Zoë Beck

Die Homepage von Zoë Beck finde Sie hier.

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