Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Wolf-Eckart Bühler: Über meinen Film „Amerasia“

Die Dreharbeiten in Thailand, Bernd Fiedler und Wolf-Eckart Bühler (2. v. links) an der Kamera © Hella Kothmann/ filmmuseum muenchen

Endlich wieder zugänglich ist nun – in einer DVD-Edition des Filmmuseums München – Wolf-Eckart Bühlers legendärer Vietnamkrieg-Film „Amerasia“ von 1985. Hier seine Aufzeichnungen dazu.

Ich bin während des Vietnamkriegs politisch erwachsen geworden. Das ist etwas, was mich biographisch mit diesem Krieg verbindet – weshalb ich auch immer aufmerksam für seine Folgen geblieben bin. Und zu diesen gehört immerhin, ganz global gesprochen, dass die gesamte amerikanische Politik der letzten 10, 15 Jahre sehr eindeutig determiniert ist durch das Trauma Vietnam, das auch heute noch längst nicht überwunden ist. Und wenn ich sage „amerikanische Politik”, dann heißt das natürlich auch: Weltpolitik. Bundesdeutsche Politik. 

Zum ersten Mal in direkte Verbindung mit dem Sujet meines Films bin ich wahrscheinlich gekommen, als ich las, dass laut Statistik etwa ebenso viele GIs nach dem Krieg sich „freiwillig” selbst das Leben genommen haben sollen wie insgesamt in Vietnam gefallen sind. Wenn man bedenkt, wie viele Selbstmorde als solche nicht erkennbar sind und in Statistiken daher überhaupt nicht vorkommen, kann man also davon ausgehen, dass den etwa 60.000 Toten, die Amerika der Krieg in Südostasien militärisch gekostet hat, weit mehr als 100.000 Vietnamveteranen gegenüberstehen, die sich selber umgebracht haben: schon längst in Sicherheit, auf amerikanischem Boden, zum Teil erst Jahre später. (Bei der „zivilen” Suizidforschung geht man von einer Rate von 1:20 oder 1:30 aus, will heißen: auf einen, der es tut, kommen zwanzig bis dreißig, die akut gefährdet sind. Das würde bedeuten, dass fast die gesamte amerikanische Südostasienstreitkraft jener Jahre extrem selbstmordanfällig wäre; höhere Chargen und Etappenhengste ausgenommen.) 

Manche Vietnamveteranen sind gar nicht erst heimgekehrt. Allein in Thailand leben einige tausend von ihnen, die es vorgezogen haben, in feuchtwarmer Isolation dahinzudämmern, als in das Land zurückzugehen, das sie in diesen Krieggeschickt hatte. Als ich sie dort gesehen habe, in den Bars von Bangkok, Korat oder Udorn, hat mich das sofort interessiert. Wie leben sie dort? Was treibt sie, unter Menschen zu leben, in einer Umgebung und einem Klima, die sie ständig an den Krieg erinnern müssen? 

Der andere Umstand, der mich sofort gereizthat, diesen Film zu machen, war, ihn in Thailand zu machen. In einem Land also, das, im Gegensatz zu fast allen anderen Dritte-Welt-Ländern, niemals direkt Kolonie einer fremden Macht gewesen war; ökonomisch undpolitisch abhängig, das ja, aber eben nicht Kolonie. Und nun brechen in dieses Land, in dem es vorher jahrhundertelang immer nur ein paar Handvoll Ausländer gegeben hatte, Diplomaten, Geschäftsleute, Missionare, plötzlich zigtausende, ja hunderttausende von amerikanischen Soldaten ein. Und nicht etwa, um dieses Land zu besetzen oder es zu verteidigen — sondern um es für einen Krieg zu benutzen, der ganz woanders geführt wird. Für die Amerikaner war Thailand damals nichts anderes als ein riesiger, überdimensionaler Flugzeugträger, von dem aus sie so bequem wie nur irgend möglich die Nachbarländer Vietnam, Laos und Kambodscha bombardieren konnten. 

Also: eine devisenhungrige Machtelite liefert aus lauter Lust am Dollar ihr Land an den „großen Bruder“ aus und konfrontiert es damit mit etwas, von heute auf morgen, womit es noch niemals etwas zu tun gehabt hatte. Das bringt ein solches Land natürlich viel mehr durcheinander als eines, das, wie z.B. die Philippinen, schon lange auf eine koloniale Struktur zurückblickt. Das heißt: es passieren die ganz „normalen” Sachen, aber eben auch noch ganz andere! Wobei ‚‚normal” z.B. heißt: der kleine Bauer wird enteignet, um Platz zu schaffen für die Highways, Kasernen und Flugplätze der Fremden; zum Ausgleich dafür darf er an ihnen mitarbeiten und ein bisschen Geld verdienen; wenn alles fertig ist, hat er weder Land noch Arbeit und bevölkert die Slums des tausend Kilometer entfernten Bangkok, wo er vorher nur bis zur fünfzehn Kilometer entfernten Kreisstadt gekommen war. Solche Schicksale sind Legion. „Es war wie in jedem Krieg”, sagt einer der GIs im Film ganz selbstverständlich: „Der Krieg bringt den Fortschritt auch dahin, wo er sonst nie hingekommen wäre.” Mit anderen Worten: Die gesamte ökonomische Struktur des Landes ist durcheinandergeraten. 

US-Engagement in Thailand (1951-1971) 

7 Airbases, „Flugzeugträger“, davon einer für B-52 Bomber
6 Hauptquartiere für Special forces 
9 strategische Kommunikationszentren1 Seehafen (naval base)
950 Mio USD Militärhilfe
760 Mio USD Erwerb militärischer Ausrüstung 
600 Mio USD „Ökonomische Hilfe“ 
50.000 Mann stationiertes Militärpersonal 
6.500 wöchentlich eingeflogene Soldaten für Rest & Recuperation 

Hinten: Assistent, Wolf-Eckart Bühler, Fahrer Lek, Bernd Fiedler, Martin Müller, Rotraud Kühn – Mitte: Paijong Laisakul, Gillian T. Hornett, Hella Kothmann – Vorne: Satharn Pairaoh, John Anderson © Hella Kothmann/ filmmuseum muenchen

Als weniger „normal” muss man es dagegen bezeichnen, wenn ein sogenanntes „Freundesland” massiv eine Behandlung erfährt, die im Militärjargon „Zersetzung der Feindesmoral” heißt. Unter den vielerlei Aspekten dieser ebenso gezielten wie gedankenlosen Identitäts-Demontage ragt einer heraus. Parallel zum Ausbau der Flughäfen, Highways etc. haben die Amerikaner in Thailand den Ausbau von „Erholungszentren” betrieben, die, da die Thais ja so liebe, nachgiebige Menschen waren, gleich für die gesamte südostasiatische Region bestimmt sein sollten. Mit anderen Worten: Jeder amerikanische Soldat, der je seinen Fuß auf vietnamesischen Boden setzte, hatte während seiner Dienstzeit einmal Anrecht auf einen „rest & recuperation”-Urlaub vom Krieg, und die Mehrzahl von ihnen hat ihn in Thailand genommen. Die so entstandene Vergnügungsindustrie war derart gewaltig, dass ihre Auflösung nach Kriegsende vermutlich den Kollaps des Landes herbeigeführt hätte. Die übriggebliebene Infrastruktur musste genutzt werden. Zu den allerersten und noch heute liebsten „Rettern” der thailändischen Nationalökonomie zählten, wie wir alle wissen, die Touristen aus der Bundesrepublik. Längst ist der Tourismus Thailands Einnahmequelle Nummer eins. Und den Touristen aus aller Welt sind inzwischen die Töchter der Mütter zu Diensten, die einstmals den Gls zu Diensten standen. 

Manche von ihnen sehen etwas merkwürdig aus. Das finden zumindest die Thais; den Touristen fällt das gar nicht immer auf. Da müssen sie schon Sommersprossen haben oder schwarzes Kräuselhaar, ungewöhnlich lange Nasen oder blaue Augen. Eigentlich gibt es sie gar nicht, denn die Mehrzahl von ihnen hat weder eine Staatsangehörigkeit noch sonst eine behördliche Legitimation zu existieren. Man nennt sie, wenn man sie überhaupt beim Namen nennen muss, Amerasier. Die Thais haben weniger schmeichelhafte Namen für sie parat. Sie sind anders als die anderen: das genügt schon, wie in jedem Land. Darüberhinaus sind sie lebende Mahnmale von Schimpf und Schande – einer Mutter, einer Familie, einer Nation, die sich verkauft hat. 

Das war also der Ausgangspunkt meines Films: zwei ganz und gar unterschiedliche Arten von Opfern dieses Krieges – und darüberhinaus solchen, an die man gemeinhin zuallerletzt denkt – einander gegenüberzustellen. Die fremden Soldaten, wurzellos geworden und heimatlos, gestrandetes Treibgut dort, wo einst Himmel und Hölle für sie am nächsten lagen (und meist immer noch liegen) – und die fremden Kinder, die niemals Wurzeln hatten, die der Krieg erst geschaffen hat, die dem Krieg ihr Leben verdanken. 

John Anderson in Haile Gerimas „Ashes and Ambers“

Der Krieg selbst sollte nicht vorkommen, wenn auch die allgegenwärtige Folie sein, vor der sich alles abspielt und vor der alles zu sehen ist; genauso wie die Politik, die all dies schließlich erst ermöglicht hat. (Und immer noch ermöglicht: ähnliche Schicksale gibt es sicherlich auch im Libanon, in Nicaragua oder in Afghanistan; oder hat es vor 40 Jahren auch in Deutschland gegeben.) Ich wollte von vorneherein vermeiden, aus ehemaligen Soldaten, die ja schließlich nicht nur Opfer sind, sondern auch Täter waren, lauter kleine Eichmänner zu machen, oder lauter kleine Nixons (und nichts wäre leichter gewesen als das), oder aus den Mischlingskindern bloß noch die armen kleinen Geschändeten, die willenlosen Spielbälle einer brutalen Konspiration wider Menschlichkeit und Anstand, usf. Ich wollte sie vielmehr selbst zu Wort kommen lassen. 

Dass auf diese Weise manches ungesagt bleiben musste, war klar, – aber unvermeidlich. Aber die Qualität eines Films bemisst sich nicht an der Anzahl der Probleme, die er „aufwirft” oder zu beantworten versucht, noch an der Stringenz der vorgefassten Meinungen, die er bestätigt oder verwirft, sondern an der exemplarischen Tragweite der Fragen, die er provoziert. Die Protagonisten des Films, der amerikanische Schauspieler John Anderson (Hauptdarsteller in Haile Gerimas ASHES AND EMBERS) und die Thailänderin Gillian Tuyudee Hornett, stellen sich selber dar: John Anderson hat zwei Jahre lang, 1969 und 1970, als Soldat in Vietnam gedient, Gillian T. Hornett ist selber das Kind eines GIs. Alle übrigen Personen des Films sind das, was sie wirklich sind: Barbesitzer und Journalisten, Farmer und Nichtstuer, Tänzerinnen und Huren, Thai-Boxer und Söldner – heimlich- unheimliche Zeugen einer hier wie dort unerwünschten und unterdrückten Vergangenheit; fremd und unbehaust in einem Land, das ihnen eine Zuflucht, vielleicht gar ein Zuhause sein mag, aber niemals Heimat. 

Wolf-Eckart Bühler
(gestorben am 16. Juni 2020)

Hella Kothmann und Wolf-Eckart Bühler

Siehe auch in dieser Ausgabe Alf Mayer über WEBs Film „Amerasia“; dort am Ende Hinweise zu einem Porträt von Wolf-Eckart Bühler und zu weiteren Texten.
Sein legendärer Text über Irving Lerner „Tod und Mathematik“ (Filmkritik Heft Nr. 290, Februar 1981) bei uns hier.

Asien und vor allem Vietnam haben Bühler und seine Lebensgefährtin Hella Kothmann danach immer wieder bereist. Sie verfassten den weltweit ersten und bis heute informiertesten Reiseführer Vietnam, dies lange vor den Recherche-Möglichkeiten des Internets. Inzwischen liegt die 13., vollständig aktualisierte Neuauflage vor. 

Der Film „Amerasia“ von 1985 liegt nun in einer digital restaurierten Fassung in einer Edition des Filmmuseum München vor. DVD 1 enthält den Film „Amerasia“ (1985, 97 Min) und die Fernseharbeit „Viet Nam! Über den Umgang mit einer leidvollen Vergangenheit“ (1994, 44’ Min), DVD 2 die für Werner Dütsch beim WDR entstandenen Arbeiten „Leo T. Hurwitz: Filme für ein anderes Amerika“ (1980, 44 Min), „Über Irving Lerner“ (1981, 11 Min) und“Innere Sicherheit: Abraham Polonsky“ (1981, 44’ Min) sowie die Rundfunkarbeiten „Rot weht der Wind“ (1974, 55’ Min) über Filmkritik und die Zeitschrift „Filmkritik“, „Reisen am Rande der Nacht: Sterling Hayden“ (1980, 49 Min) und „Ein Anderer werden: Abraham Polonsky (1982, 55’ Min). Das informative Booklet enthält einen Essay von Olaf Möller und Texte von WEB.

Tags : , ,