Geschrieben am 1. November 2022 von für Crimemag, CrimeMag November 2022

Willi Winklers Wanderung nach Italien

Im Stadium permanenter Überwachheit

Immer weitergehen – wie damals schon Luther, Seume, Carl Philip Moritz. Peter Münder über das Buch von Willi Winkler

„Gehen ist hier nur gepanzert gegen das Unverständnis der Autofahrer möglich.“ (Willi Winkler, „Herbstlicht“)

Jedem Schritt des Wanderers wohnt offenbar ein Zauber inne: Wie sonst wäre erklärbar, dass sich Filmregisseur Werner Herzog Ende November 1974 auf den Weg von München nach Paris machte, um in einem dreiwöchigen Fußmarsch bei Schnee und Eis die schwerkranke, verehrte  Schauspielerin Lotte Eisner noch rechtzeitig zu sprechen und sie so zu retten? Sein Gelübde wurde zur selbsterfüllenden, befreienden  Prophezeiung: Am Bett der Eisnerin legte Herzog seine müden Beine auf einen Sessel und murmelte verlegen, wie er es im wunderbaren Band „Vom Gehen im Eis“ beschrieb, „Zusammen werden wir Feuer kochen und Fische anhalten“. Sie lächelte milde, und er sagte: „Öffnen Sie das Fenster, seit einigen Tagen kann ich fliegen.“  

Diese luftige Leichtigkeit der Fortbewegung konnten auch schon Johann Gottfried Seume (1763-1810) 1802 in seinem „Spaziergang nach Syrakus“ trotz erlittener Raubüberfälle und Karl Philipp Moritz (1756- 1793) trotz  seines Reitunfalls mit Armbruch in Rom vermitteln. Für Moritz eröffnete sich mit seiner Goethe-Freundschaft und der liebevollen Pflege des deutschen Dichterfürsten eine ganz neue, verheißungsvolle Phase. Diese Wander-Kollegen erwähnt Winkler in seiner „Herbstlicht“-Reportage natürlich auch und diese Passagen sind eine enorme Bereicherung, weil sie über die profane Alltagsperspektive hinausgehen und aus dem Hang zur Romantisierung eine  faszinierende Verdichtung von rasanter Gipfelsturm-Attitüde, selbstkritischer Grübelei über absolvierte Tages-Strecken und  düstere Gasthof-Trübsal zum Saison-Ende erreichen. Winkler gehört  übrigens zu den  seltenen  Autoren, die über einen unaufgeregten, souverän verabreichten Humor verfügen. Er will seine Umwelt nicht als Missionar beglücken und suggeriert den Zufallsbekanntschaften und oberschlauen  Oberlehrern meistens, mal eben nur zum Nachbarort zu latschen. 

Bei Treffen mit Einheimischen muss er feststellen, dass sie nicht begreifen können, keineswegs zum nächsten Parkplatz zu krauchen, um dort einen SUV für die Weiterfahrt  zu besteigen, sondern weiter südlich wandert – in die „Hauptstadt der Welt“, also nach Rom. Oder er entdeckt kurz nach dem Start seiner Tour einen hinter einer Mauer versteckten Beobachter, der den Wanderer skeptisch beäugt und fragt „Geht es nach Frankreich?“  Frankreich wäre auch keine schlechte Idee, darum bejaht er die Frage,  warum nicht: „Natürlich nach Frankreich!“ Und schon hat er einen Begleiter, der auf ihn einredet und warnt, dass so was auf die Beine gehe… Aber „als fröhlicher Wandersmann“ pflichtet Willi Winkler ihm „selbstverständlich“ bei und der Mitmarschierer verschwindet bald.  

Einfach nach Süden, Laufwunder, Luther, Bitterfelds Heimvorteil

Wenn Willi Winkler, Jahrgang 1957, SZ-Autor, Verfasser einer spannenden Moritz-Biographie und einer Studie über „Luther. Ein deutscher Rebell“  sich also auf den langen Weg von Wittenberg über Nürnberg, Ulm, Lindau, Mailand und Spoleto nach Rom macht und in seine Impressionen dieser 1300 Kilometer-Tour historisch-literarische Exkurse einblendet, werden wir auch mit  romantisierenden Episoden über den Kutschenfahrer Goethe versorgt, der ja überstürzt aus Karlsbad in den Süden rollte, um von Charlotte von Stein und  von aller Deutschtümelei loszukommen. 

Den Wanderer Luther nennt Winkler „Laufwunder“: Er kann ihn nur bewundern und bestaunen – wegen seines hohen Kilometerschnitts, den er trotz der „lumpigsten  Sandalen“ absolvierte – offenbar war es ein Tagesdurchschnitt von ca. 30 Kilometern! Dazu Winkler: „Luther machte sich ja keine Gedanken darum, es gab ja nichts Gescheites: kein Fussbett, keine Dämpfung, kein-verdammt nochmal rede ich jetzt schon wie ein Outdoor-Ausstatter?-grip“. 

Viele Klöster und Kirchen werden besucht, viele Stempel besorgt für den Franziskus-Pass, um den authentischen Auftritt des Wanderers offiziell abzusegnen. Offenbar respektiert man sogar in Italien den nicht nur in Brüssel oder Berlin waltenden bürokratischen Furor und den „Antrag auf Erstellung eines Antragsformulars“: Den letzten Stempel für sein Pilgerbuch bekam Willi Winkler direkt am Petersdom von einem Schweizer Gardisten, was er erleichtert kommentiert mit dem Seufzer „Jetzt erst waren wir wirklich in Rom angekommen“. Will er später mit seinem Stempel-Konvolut  am heimischen Stammtisch renommieren? Seis´ drum – diese bunt sortierten Impressionen sind ebenso überraschend wie erhellend. Wer weiß heute noch, dass Bitterfeld unter den DDR-Fußballern so gefürchtet war, weil die verpestete Stadt wegen ihrer dicken Luft von Auswärtsspielern nur unter Qualen zu ertragen war? Das also ist Heimvorteil!? 

Wenn der Wanderer mal wieder ein dürftiges Quartier ohne Küche erwischt, kann er das souverän verkraften, weil er im Stadium der Überwachheit eh nur fünf Stunden schlafen kann und auch nachts eigentlich immer weiter gehen will. Und von der Großstadt entwöhnt war er bereits nach drei Tagen. Rom konnte Winkler jedoch erst in der zweiten Phase der Italien-Reise zusammen mit seiner Schwester ansteuern, weil sein Becken zu starke Schmerzen verursachte. 

„Also reden wir vom Schmerz“, schlägt Winkler vor: „Gehen ist Arbeit, erst recht, wenn man es gerade erst lernen muss, wie ich damals… Die Füße schwellen an, die Beine tun weh, die Zehen verschwinden unter Blasenpflastern… Aber was tut das schon?“

Mit Johann Gottfried Seume, diesem Lebenskünstler und harten Burschen, der nach seiner Leipziger Schulzeit und dem abgebrochenen Theologie-Studium auf einer Paris-Reise 1782 von hessischen Werbern verschleppt und nach Kanada und in die USA als Soldat verschifft wurde und nach seiner Flucht  zum begeisterten Wanderer mutierte, übernahm Willi Winkler offenbar dessen Maxime: „Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen zeigt Kraft.“ 

Ähnlich wie Seume im „Spaziergang nach Syrakus“ beeindruckt auch Winkler mit seiner locker-ironischen Formulierkunst und seiner Belesenheit, die er uns völlig unprätentiös serviert. Vor allem aber ist sein „Herbstlicht“ ein literarischer Hochgenuss, der prickelnd zwischen Reise-Impressionen und historischen Rückblenden oszilliert.

Peter Münder

Willi Winkler: Herbstlicht. Rowohlt  Berlin, 2022. 254 Seiten, 23 Euro. – Vgl. auch: Willi Winkler: Karl Philipp Moritz. Rowohlt Monographie 2006, 156 Seiten.

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