Geschrieben am 1. März 2022 von für Crimemag, CrimeMag März 2022

Weltempfänger 54

Seit zwei Ausgaben bin ich nun Mitglied in der Jury des Weltempfängers und eine Folge spüre ich schon sehr deutlich: Ich habe in den vergangenen fünf Monaten mehr Lyrik gelesen als meinem gesamten Leben. Trotz Englisch-LK, trotz Germanistik-Studium konnte ich bis auf die obligatorischen Robert Frosts dieser Welt Gedichte weitgehend umgehen – und noch nicht einmal, weil ich keine Lyrik mag, sondern weil ich immer dachte, ich mag andere literarische Formen lieber. Tatsächlich stimmt das noch immer, glaube ich – aber ich genieße sehr, plötzlich Lyrik zu lesen. Das liegt auch an einer der Entdeckungen auf dem neuen Weltempfänger, die ich durch meine Jury-Kolleg*innen machen konnte: „Von blauen Träumen und Gegenträumen“ von Elicura Chihuailaf – eine Auswahl der Gedichte des chilenischen Dichters, erschienen in der Edition Delta (Übersetzung von Juana und Tobias Burghardt) und zwar dreisprachig: auf Spanisch, Deutsch und Mapudungun, der Sprache der Mapuche, die nur noch von gut einer halben Million Menschen gesprochen wird. Chihuailafs Gedichte orientieren sich an der Gesprächstradition seiner Vorfahren – er wendet sich oft einen Zuhörer. In der Ausgabe stehen Lebensweisheiten neben Gedichten, die sich fast wie ein Dialog lesen – und stets ist die Natur allgegenwärtig. Jeder Pflanze, jedem Lebewesen kommt bei den Mapuche eine Bedeutung zu. Und in diesen Gedichten drückt sich wunderbar aus, dass sich die Mapuche als „Teil, nicht als Zentrum der Natur“ sehen.

Meine zweite große Entdeckung ist die Schriftstellerin Can Xue mit „Liebe im neuen Jahrtausend“ (Übersetzt von Karin Betz) – ein wunderbar absurder, durchtriebener Roman, bei dem ich immer wieder an David Lynch denken musste. Die Rezeption war hier ganz ähnlich: Ich habe nicht alles verstanden und bin mir sicher, dass ich bei jeder erneuten Lektüre nur mehr entdecken würde, aber ich unglaublich gerne Zeit in diesem Reigen aus Anspielungen, Mythen, Märchen, Variationen, Traumbildern und wunderbaren Frauenfiguren verbracht. Denn in all dem Wundersinnigen, Witzigen und Widersprüchlichem, mit dem es der Arbeiter Wei Bo bei seinen Begegnungen mit verschiedenen Frauen zu tun bekommt, ist die chinesische Geschichte und Gegenwart zu spüren. Ich wusste in diesem einzigartigen Buch nie, was als nächstes passiert – ein großartiges Werk!

Und dann noch kurz ein Wort zu meinem dritten Lieblingstitel auf der Liste: Damon Galguts „Das Versprechen“ ist ein Beispiel dafür, wie modern und innovativ Familienromane sein können – ohne gleich Quartette zu planen oder 800 Seiten zu füllen. Mich hat er mit seinem Erzählen, den Perspektivwechseln, der mal perfide-feinen, mal direkten Komik sehr begeistert.

Mehr über die Litprom und den Weltempfänger erfahren Sie unter diesem Link. Dort finden Sie auch ein PDF des aktuellen Weltempfängers zum Download.

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