Geschrieben am 1. Dezember 2021 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

Weltempfänger 53

Alle drei Monate erscheint der Weltempfänger – und seit dieser Ausgabe bin ich Teil der Jury. Deshalb habe ich in den vergangenen Monaten das erste Mal seit sehr vielen Jahren einen kompletten Lyrikband gelesen („Nachtflug überm Meer“, Wang Xiaoni, übersetzt von Monika Gänssbauer) und mich mit Dany Lafferrière auf einen Roadtrip begeben („Granate oder Granatapfel, was hat der Schwarze in der Hand“, übersetzt von Beate Thill. Literaturen aus aller Welt zu entdecken, ist Ziel dieser Liste. Und entdeckt habe ich auch einen fiktiven westafrikanischen Staat, der so plausibel erscheint, das man sehr lange darüber spekulieren könnte, ob Alcacia nun mehr von Nigeria, Ghana oder Liberia hat.

Alcacia ist der Schauplatz von Tade Thompsons „Wild Card“ (übersetzt von Karl-Heinz Ebnet). Dorthin kehrt Weston Kogi nach Jahren in England zur Beerdigung seiner Tante zurück. Wohl fühlt er sich aber nicht: Das Verhältnis zum Vater ist zerrüttet, seine Jugendliebe Nana hat er damals zurückgelassen. Also will er eigentlich so schnell wie möglich zurück nach England in sein langweiliges Leben als Wachmann in einem Supermarkt. Doch dann kann er nicht widerstehen, sich ein bisschen aufzuspielen und behauptet, er sei in London Polizist im Morddezernat. Kurz darauf wird er von dem Anführer der Liberation Front of Alcacia (LFA) – die neben der People’s Christian Army (PCA) mächtigste Rebellengruppe des Landes – gezwungen, den Mord an dem angesehenen Politiker und Friedensstifter Enoch „Papa Busi“ Olubusi aufzuklären. Als Schuldige soll er möglichst die PCA ausmachen. Aber die haben längst Wind von der Sache bekommen und setzen Kogi ebenfalls unter Druck, die LFA als Drahtzieher zu enttarnen. Damit steckt Kogi inmitten der Scharmützel zweier gefährlicher Rebellengruppen – und der brutale Geheimdienst des Landes mischt auch noch mit.

Mithilfe der hardboiled-Konventionen spürt Thompson den gesellschaftlichen Verwerfungen in diesem fiktiven westafrikanischen Staat nach, in dem jede*r korrupt und Gewalt das bestimmende Merkmal ist. Thompson kritisiert diese Gewalt und zwar insbesondere die Gewalt gegen Frauen. In den entscheidenden Szenen verschiebt er den Fokus von den Männern auf die Frauen, die diese Gewalt erfahren, und die Folgen, die sie hat. Aber er zeigt auch, dass sich Sexismus nicht nur in extremen Handlungen wiederfindet, sondern sich in die Köpfe aller einbrennt. In einer großartigen Passage, die Kogis Jugendfreundin Nana gehört, wird sehr deutlich, wie selbstverständlich er akzeptiert wird – von den Figuren und Leser*innen dieses Romans. Daher ist „Wild Card“ nicht nur aufgrund des Handlungsorts ein außergewöhnlicher Kriminalroman. Eine klare Lese-Empfehlung.

Viermal im Jahr erscheint die Bestenliste „Weltempfänger“ – verbreitet auch von uns. Ein PDF der kompletten Liste können Sie hier herunterladen.

Tags :