Geschrieben am 3. Oktober 2022 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

J. Feldmann: Erzählen – Von Sebastian Fitzek bis Wolf Haas

Joachim Feldmann über eine gewichtige Studie zum „International Style gegenwärtigen Erzählens“.

Zwei Autoren populärer Spannungsprosa markieren Anfang und Ende von Moritz Baßlers umfänglicher Studie zur zeitgenössischen Erzählliteratur, die unter dem Titel  „Populärer Realismus“, Forschungserträge aus zwei Jahrzehnten bündelt. Den Auftakt macht der Bestsellerproduzent Sebastian Fitzek, dessen Werke von seinen Fans begeistert verschlungen und von der professionellen Kritik beharrlich ignoriert werden, während der „Epilog“  dem österreichische Schriftsteller Wolf Haas gewidmet ist, der mit seinen Krimis um den antriebsschwachen Privatermittler Brenner auch im Feuilleton Beachtung findet. Das war übrigens nicht immer so. Vier Brenner-Romane waren bereits erschienen, als die „literarische Welt um die Jahrtausendwende“ entdeckte, „dass die unscheinbaren rororo-Krimis von Wolf Haas zum Besten gehörten, was die deutschsprachige Gegenwartsliteratur insgesamt zu bieten hat“, weiß Baßler, der mit seinem, inzwischen als Standardwerk geltenden, Buch zum „deutschen Pop-Roman“ (2002) keinen geringen Anteil an diesem Imagewandel hatte. Diesmal reicht ihm eine Textstelle aus Haas‘ neuem Roman „Müll“, um dessen Literarizität zu beweisen.

Eine knappe Buchseite tut es auch bei Fitzek. Der Anfang seines Thrillers „Der Heimweg“ (2020) wird einer detaillierten Analyse unterzogen, die „das Abgegriffene, das Topische, das schon tausendmal Erprobte seiner sprachlichen Wendungen“ zutage fördert. Aber das sei dem Buch überhaupt nicht abträglich, im Gegenteil, es mache den „Text schnell, genussvoll und ohne Stockungen lesbar“. Und eben diese Widerstandslosigkeit sei es, die das Lesepublikum von einem Fitzek  erwarte. Eine langsamere Lektüre hingegen würde sehr schnell langweilen. Zumindest einen leidenschaftlichen und geübten Leser wie Baßler, möchte man hinzufügen. Denn der Münsteraner Germanist ist, in seinem Metier nicht unbedingt selbstverständlich, ein Liebhaber der Literatur, der aus seiner Begeisterung über gelungene Textpassagen keinen Hehl macht, aber seine Abneigung ebenso deutlich artikuliert. Schon in seiner Studie über den Pop-Roman fiel das Urteil über Bernhard Schlinks inhaltsschweren, aber süffig erzählten Erfolgsroman „Der Vorleser“ unbarmherzig aus. Die rhetorische Frage „Ist das nicht unglaublicher Kitsch?“ wird durch den Folgesatz („Aber Vorsicht, wir haben es mit einem der erfolgreichsten deutschen Romane der 1990er zu tun …“) nämlich nur scheinbar relativiert. Die Popularität des Buches bei Publikum und Kritik macht es nur noch schlimmer. So fällt der Vergleich scheinbar anspruchsvoller Romane dieser Art mit den konfektionierten Thrillern eines Sebastian Fitzek zu dessen Gunsten aus, schließlich habe der nicht den Anspruch „hohe Literatur“ zu verfassen. Autoren wie Schlink, Martin Mosebach (dem Baßler in herzlicher Antipathie verbunden scheint) oder Daniel Kehlmann aber schon. Das Ergebnis seien international verkäufliche Romane ohne sprachliche Widerstände, „verlässlich wie solide Massenware“.

Doch zu beklagen, dass die formal avanciere Erzählliteratur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Alfred Döblin, Robert Musil u. a.) keine rechten Nachfolger gefunden habe, ist Baßlers Sache erklärtermaßen nicht. Scharf wird seine Kritik zwar, wenn einschlägige Werke des zeitgenössischen „Neuen Midcult“ auf das Einverständnis ihrer Leserinnen und Leser spekulieren. Wer aber die Möglichkeiten des Erzählens produktiv und auch spielerisch nutzt, kann sich seiner Sympathie gewiss sein. Das sind so unterschiedliche Temperamente wie Christian Kracht, Mithu Sanyal, Dietmar Dath oder eben auch Wolf Haas. Nicht immer mag man Baßlers Beweisführung in seinen detaillierten Textanalysen folgen, doch anregend und kurzweilig sind sie allemal. Schließlich verfügt er über jene Eigenschaften, die für eine Lektüre, die nicht nur „unsere ohnehin bestehenden Überzeugungen“ bestätigt, unabdingbar seien, nämlich „Bildung, Belesenheit, Theorie, Intelligenz, Intellektualität und ästhetische Urteilskraft“. Und nicht zu vergessen, die für das langsame Lesen notwendige Geduld. Deshalb bleibt die Frage, ob Baßlers harsches Urteil über Martin Mosebachs Roman „Das Blutbuchenfest“  („Edelkitsch“) nicht versöhnlicher ausgefallen wäre, hätte er dem Buch die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet wie den 140 Kapiteln von Dietmar Daths Epos „Gentzen oder: Betrunken aufräumen“. 

Moritz Baßler: Populärer Realismus. Vom International Style gegenwärtigen Erzählens. C. H. Beck, München 2022. 407 Seiten, 24 Euro.

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