Geschrieben am 3. Oktober 2022 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

Ute Cohen: Ein Interview mit Björn Hayer über Trauer

„Lebendig sein braucht die schmerzhafte Erinnerung“

Björn Hayer: Elegie für dich. Konkursbuch Verlag Cladia Gehrke. 200 Seiten, zwei Farbbilder, Klappenbroscher, 15 Euro.

Ute Cohen: Dein Buch „Elegie für dich“ entzieht sich sowohl dem Trügerischen als auch der Wahrheit, den Gegenpolen unserer Zeit. Es verortet sich in der Trauer, einem Ort, an dem diese Kategorien nicht gelten. Wie orientiert man sich im Kosmos der Trauer?

Björn Hayer: Die Tradition ist für mich ein Faden, an dem man sich ganz gut festhalten kann. In der Literaturgeschichte gibt es ja eine lange Linie der Melancholie-Dichtung, die bis in die Antike zurückreicht. Die Melancholie wird auch als eine Erscheinung des Trosts behandelt. Hinzu kommt, dass Melancholie im Schreiben auch als Therapeutikum begriffen wird. Die Melancholie verdunkelt sich aber zunehmend und verliert im 20. Jahrhundert ihren Sinngehalt, bei Celan und Bachmann beispielsweise.

Ich wollte an die Melancholie-Dichtung des Fin de Siècle anknüpfen und bewusst ein Buch schreiben, das sich wieder eines gewissen Pathos bedient. Das Pathos ist ja leider immer behaftet mit dem Makel des Falschen. Wenn sich eine Gesellschaft aber auf die Suche nach Wahrheit begibt, dann bedarf es eines gewissen Pathos, sowohl im Politischen als auch im Literarischen und Künstlerischen. Ich glaube, dass Traurigkeit und Melancholie schon immer ein Medium für Wahrhaftigkeit und diese Affektlage dargestellt haben. 

Eine Poetik des Abschieds bedeutet für dich eine „Hingabe an die Traurigkeit als der letzten Schönheit“. Worin erblickst du das Schöne in der Traurigkeit?

Ich würde das ganz klassisch sehen: In der Antike bedeutete Schönheit die Entsprechung zwischen Innen und Außen. In der Moderne wurde damit gebrochen. Bei Adorno besteht die Schönheit im Riss. Ich wollte beides zusammenbringen und das Schöne im Riss auch zum Ausdruck bringen. Die Wunde, bei Adorno und Byung-Chul Han sieht man das, ist die Eintrittsstelle in den andern. Deshalb ist die Wunde bei Adorno stark mit Schönheit assoziiert. Es wäre mir narzisstisch erschienen, nur das antike Schönheitsideal aufzugreifen. Stattdessen lasse ich es neben der modernen Idee von Schönheit bestehen.

Die Traurigkeit hat auch etwas Kontemplatives. Sie führt uns immer auch zu unserem Ich zurück. Das ist paradox: Einerseits ergibt sie sich aus der Welt, andererseits ist es die Einkehr in das andere Ich. Am Ende bleibt nur dieses kartesische Ich zurück, das auf sich selbst zurückgeworfen wird. 

Dein Begriff von Schönheit geht weit über das Flüchtige und Vergängliche hinaus. Du versuchst das „Ungebrochene“ zu begreifen. Weshalb hat die Dauer so an Wert verloren im Vergleich zu Wandel und Verflüchtigung?

Heutzutage gibt es ja keinen Begriff mehr von Ewigkeit. Unser ganzes Dasein ist nur in Intervallen getaktet. Auch die Trauer hat in unserer Leistungsgesellschaft eine gewisse Zeit. Wenn ein Mensch stirbt, dann kommen schon die Sprüche: „Das Leben muss ja weitergehen“, „Lass doch die Vergangenheit“. Diese Phrasen, diese ganzen Mythen des Alltags strukturieren unser Leben. Ich wollte in diesem Buch ganz gegen den Mainstream gehen. Die Traurigkeit kennt kein Ende in diesem Buch, sie verlängert sich über die Krise des Ichs hinaus. 

Gepaart mit dem Flüchtigen ist der Utilitarismus. Menschen werden benutzt, instrumentalisiert genauso wie das Wort. Du aber wehrst dich sowohl gegen die Zweckbestimmtheit der Dichtung als auch die Zielorientierung des Ichs. Was entdecken wir, wenn wir uns dem Vagen hingeben und Irrwege beschreiten?

Die Traurigkeit lässt immer Lücken zu. Da sind wir beim Typus des Melancholikers angelangt. Der Melancholiker weiß um die Schlechtheit der Welt, zugleich aber auch um das Potenzial, sie besser zu machen. In Dürers Bildnis des Melancholikers sieht man das: Die schwermütige Figur schaut etwas diffus in die Ferne. Im Hintergrund ist das Himmelsgestirn und auch eine Leiter findet man als Symbol dafür, das Irdische zu überschreiten. In meinem Buch findet sich diese Idee wieder, aber auch der Gedanke des romantischen Fragments, der Lücke. Diese Ästhetik des Lückenhaften birgt für mich aber das Potenzial, Leerstellen zu füllen. Auch das Irrwerden hat keine Logik. Es läuft mitten ins Chaos. Aber auch darin liegt ein Potenzial. Das Irrewerden ist nicht selbstbestimmt, sondern ein Loslassen durch die Umstände. Ich denke da immer an den Wanderer aus der „Winterreise“. Das Ich verliert sich in der winterlichen Landschaft, erlebt das Halluzinatorische. 

Den Wald, einem Symbol für das Sich-Verlaufen, überhöhte Joseph Eichendorff zum „Hallraum der Seele“. In deinem Buch ist der Wald eine Gegenwelt zur „Dekadenz und Unmoral“ außerhalb des Waldes. Was kann da noch hallen, wenn Welt und Wald so unvermittelt nebeneinanderstehen?

Das Hallen ist am Ende nur noch eins zwischen den beiden Figuren. Es ist auch ein Hallen zwischen dem Ideal der Emilia und dem Ich, das sich selbst findet, das nur noch in sich selbst kreist. Als Drittes hallt der ökologische Gedanke nach in diesem Wald. Die Hasen sind ja symbolisch sehr aufgewertet, dazu der fast schon ausgeprägte Tierschutzgedanke Emilias. Ja, es ist schon etwas sehr Romantisches in diesem Buch. Der Wald beginnt zu sprechen. Der Wald ist ein Schutzraum, der in sich selbst beginnt zu hallen. Wir haben leider vergessen, auf diesen Hall des Waldes und der Natur zu hören. 

In „Elegie für dich“ lässt sich der Mensch nicht nur ergreifen von der Natur, sondern empfindet sich auch als Störenfried, der Missklang in die natürliche Welt bringt. Es gibt radikalökologische Bewegungen, die den Menschen auszumerzen erstreben. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Diese Theorie, den Menschen auszumerzen, hilft uns nicht weiter. Mir geht es nicht um eine Abwertung des Menschen, sondern eine Aufwertung des Tierischen. In diesem Buch versuche ich diese moderne Tier- und Ökoethik mit einfließen zu lassen. Tiere sollten als Subjekte begriffen werden sollen. 

Der Wald rührt auch an Ängsten. Was passiert also, wenn wir aus Angst vor dem Undurchdringbaren, aus Angst vor toten Geistern nicht mehr in den Wald hineinzurufen wagen?

Der Wald wird uns immer fremder. Der Wald als der dunkle Raum, dieser Gedanke aus der Schwarzen Romantik, findet Eingang in Horrorfilme. Auch das Setting meines Buches ist ein unheimliches. Die beiden Hauptfiguren leben in einem abgeschiedenen Haus, umgeben von Wald. De meisten würden nicht so leben wollen. Auch der Prozess der Verstädterung trägt zu dieser Entfremdung bei. Die Fremdheit des Waldes zeigt sich auch in dessen Instrumentalisierung. Wir reden auch bei der Jagd über Tiere als Störenfriede. Die Menschen haben tatsächlich die Anbindung an den Wald und die Natur verloren. Das müssen wir neu erlernen. 

Auch der Widerstand bleibt vor Angst nicht verschont. Wertschätzung von Widerstandskämpfern und -kämpferinnen wie Hiob, Antigone, Rosa Luxemburg und Jeanne d’Arc scheint verloren zu gehen. Ein trügerischer Eindruck?

Nein. Widerstand wird als etwas Bedrohliches wahrgenommen. Der Fremde, das Andere hat etwas stark Bedrohliches angenommen. Deshalb ist auch die Kultur zunehmend selbstzirkulär. In ihren Blasen wollen viele ja auch keinen Widerstand mehr haben. Ich würde schon dafür plädieren, dass wir uns mit mehr Konfrontation auseinandersetzen, auch mit mehr Widerstand. Nur so kann sich Demokratie weiterentwickeln. Deshalb bin ich auch ein großer Verfechter von radikalen Figuren. Wir sollten nicht alles abwerten mit „Ah, das ist jetzt aber radikal“, „Das ist jetzt aber militant“. Mit solchen Begriffen begraben wir alles schon, bevor wir uns damit auseinandergesetzt haben. Wir müssen eine neue Offenheit entwickeln! Wir müssen uns auch wieder mit Radikalität auseinandersetzen. 

Das Wort weckt nicht nur Ängste, sondern erweckt auch alle Sinne. Wörter werden für dich zu Verführern: „Sie erregen, erfüllen aber nie.“ Das Liebesspiel, das du beschreibst, bleibt rein sprachlich und gewinnt gerade dadurch eine ungewöhnliche Spannung. Wie verhält sich die sprachliche zur körperlichen Verführung?

Das ist ein Gegenpol zur „pornographischen Gesellschaft“, wie Byung-Chul Han sagen würde. Die pornographische Gesellschaft stellt alles aus, macht alles transparent. Die Erotik aber ist das Geheimnis, das Verschleiern. Und das kann Sprache! Sprache kann neue Bilder entstehen lassen, uns aber auch an eine Barriere oder Klippe führen durch die Vieldeutigkeit des Wörtlichen. Die sprachliche Verführung ist daher eine erotischere Verführung als die körperliche, die uns in den Medien zumindest gezeigt wird.

Der Gegner dieser sinnlichen Existenz ist die Krankheit: „Die Krankheit atmet nichts aus, sie atmet alles in sich hinein und lässt ein Vakuum zurück, in dem Hinterbliebenes langsam stirbt.“ „Die Krankheit „vergöttert den Lärm, sägt und zerschlägt Stützwände.“ Leben wir in einer kranken Zeit? 

Man kann natürlich sagen, vieles ist wirklich „krank“ in dieser Gesellschaft, so ganz abstrakt gesprochen (lacht). Ich wollte mit dem Buch aber auch wieder einen Raum für Krankheit schaffen. Man sagt immer, der Tod wird tabuisiert. Das stimmt, aber auch die Krankheit wird tabuisiert. Chronische Kranke werden in ihrem Umfeld regelrecht verdrängt. Die Kultur ist ja immer Spiegel der Gesellschaft. Heute haben wir kaum mehr Bilder von leidenden Menschen in der Kunst. Der leidende Mensch ist ausgeschlossen in dieser alles glättenden Jeff-Koons-Ästhetik. Eine Ausnahme bildet Marina Abramović, die den Schmerz immer ausgestellt hat zusammen mit Ulay und damit auch zu einer Widerstandsfigur wird, gegen die Zeit gerichtet. Das fehlt unserer Zeit, dieses emotionale Aussetzen und ausgesetzt Sein! Auch sich mit dem Zerbrechlichen – und die Krankheit ist das Höchste des Zerbrechlichen – zu beschäftigen. Das ist es, was ich mit meinem Buch auch erzeugen wollte: Menschen befeuern mit dem Schmerz.

Aus Angst vor dem Schmerz, aus Angst, selbst am Kummer zu erkranken, neigen Menschen zum Vergessen. „Aber Vergessen ist der Tod, der zweifache Tod“ schreibst du. Erinnern bedeutet Leben?

Ja, könnte man so sagen. Vergessen und Verdrängung sind aber auch immer ein Stück weit Reinigung. Lebendig sein braucht aber auch das Erinnern, das schmerzhafte Erinnern auch. Ernst Bloch, auch einer meiner Säulenheiligen schrieb einmal. „Man kann die Zukunft nicht ergreifen ohne die Vergangenheit.“ Jede Utopie entsteht aus der Vergangenheit. Er nennt das das „Unabgegoltene“. 

Kann eine poetische Lebensweise Heilung bringen? Kann die Sprache noch „Seil und Trapezstab“ in einer versehrten Welt sein?

Ja, es ist zumindest meine Hoffnung. Zum einen durch das Lesen. Ich glaube, dass uns Bücher tatsächlich Trost spenden können. Zum anderen auch durch das selbst schreiben. Das selbst Schreiben hat immer etwas von Verarbeitung, das uns entweder von etwas wegführt oder sehr konzentriert auf hinführt. Vielleicht auch beides zusammen auf einmal. Ja, ich glaube, dass uns die poetische Lebensweise in dieser Zeit durchaus etwas Hoffnung geben kann.

Ute Cohen mit ihren Texten bei uns hier. „Cohen’s Club“ mit Books & Talks hier.
Andrea Noack über Ute Cohens „Falscher Garten“ und über „Poor Dogs“ bei uns: Lockruf des Geldes, CrimeMag Juli 2020.

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