Geschrieben am 3. Oktober 2022 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

TW zum neuen Roman von Oliver Bottini

Gedankenspiele

Oliver Bottinis neuer Roman, „Einmal noch sterben“, spielt hauptsächlich im Februar 2002. Der Krieg gegen den Irak ist von den USA ist längst beschlossene Sache, am 5. Februar hält Colin Powell seine berüchtigte „Massenvernichtungswaffen“-Rede vor der UNO-Hauptversammlung, um die „Koalition der Willigen“ auf Kurs zu bringen. Die deutsche Bundesregierung schließt sich dem nicht an. Das passt einer mächtigen Gruppierung innerhalb und außerhalb des Bundesnachrichtendienstes überhaupt nicht, stützt sich doch die Argumentation der Falken wesentlich auf eine BND-Quelle mit dem Codenamen „Curveball“.  Als eine irakische Dissidentin auftaucht und Material verspricht, das Curveball als Betrüger entlarven könnte und damit auch die Legitimation des Krieges, beginnt ein fieses Intrigenspiel. Ausgestattet mit einer beinahe perfekten Lügengeschichte wird der BND-Agent Frank Jaromin nach Bagdad geschickt, um die Irakerin zu liquidieren: man lässt ihn glauben, sie sei eine gefährliche Terroristin. 

Das ist aber nur eine Ebene eines sehr vielschichtigen Plots um Vertrauen und Verrat, um Loyalität, eisiger Realpolitik, und die Konsequenzen von großer Politik für Menschen, Beteiligte und Unbeteiligte gleichermaßen.  Jaromin hat Frau und Kinder, die höchst gefährdet sind, die BKA-Polizistin Hanne Lay, die für das Kanzleramt die Lage um den suspekten Curveball sondieren soll, riskiert Leib und Leben und ihre Karriere ebenso, kaum eine der Hauptfiguren des Romans kommt unbeschadet davon. „Einmal noch sterben“ ist allerdings keiner der üblichen historischen Thriller, Oliver Bottini nennt seinen Roman ein „Gedankenspiel“, deswegen fiktionalisiert er die Namen der handelnden Figuren – die Geheimdienstchefs hießen damals anders, der Name von Bundeskanzler Schröder wird nicht genannt, auch Bush und Powell werden nicht erwähnt. Nur „Curveball“ ist „echt“, sein Schicksal und seine Legende kann man sogar auf Wikipedia nachlesen, unter seinem richtigen Namen Rafid Ahmed Alwan. 

Insofern leitet sich die enorme Spannung des Romans nicht von der Frage her, ob man den Irak-Krieg noch in letzter Minute verhindern kann, sondern eher von der Frage, wie weit Institutionen, die man demokratisch abgesichert und fest in den „westlichen Werte“ verwurzelt glaubt, aus machiavellistischen Gründen zu gehen bereit sind.  Unter der reichlich vorhandenen Action und den oft herzzerreißenden Schicksalen der Figuren liegt ein bitterböser Kommentar zu den politischen Verhältnisse, bei dem das „damals“ ganz schnell zum „heute“ wird, wenn man – Gedankenspiele eben – die Mechanismen von Weltpolitik aus einer fiktionalen Perspektive betrachtet, im Grunde die einzige Perspektive, die tiefere Erkenntnisse jenseits offizieller Einschätzungen erlaubt.

Oliver Bottinis unaufgeregte, sachliche Prosa verzichtet auf sensationsheischende Hysterie, Cheap Thrills und vor allem auf die verschwörungstheoretische Gewissheit, dass alles genau so verlaufen sei. Das alles macht „Einmal noch sterben“ zu einem hervorragenden Roman.

Oliver Bottini: Einmal noch sterben. Dumont, Köln 2022. 475 Seiten, 25 Euro.

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