Geschrieben am 1. November 2021 von für Crimemag, CrimeMag November 2021

TW über Juan Rulfo: Einer der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts

Sätze, geraspelt bis zur reinen Essenz

Wenn wir nicht so elend ignorant gegenüber dem Globalen Süden wären, würde uns vielleicht beim Stichwort True Crime nicht zuerst Truman Capote einfallen, sondern Rodolfo Walsh, und bei Country Noir nicht Jim Thompson, sondern Juan Rulfo.

Der Mexikaner Juan Rulfo (1917 – 1986) war sicher einer der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts, sein Einfluss auf die lateinamerikanische Literatur immens, seine spröden und kargen Texte sind auch heute noch von einer Brillanz, die fortbesteht.  Seine sämtlichen Erzählungen und sein einziger Roman, „Pedro Páramo“ neu übersetzt (großartige Arbeit von Dagmar Ploetz) und von Benjamin Loy kompetent kommentiert in einem Band zusammenzufassen, ist eine verlegerische Großtat.

Ganz schnell vergessen sollen wir in diesem Zusammenhang den Magischen Realismus, auch wenn Gabriel García Márquez viel von Rulfo gelernt hat. Rulfos Erzählungen aus der Provinz Jalisco (Hauptstadt: Guadalajara, wo er seine Jugend verbracht hat) sind nicht „magisch“ und nicht „realistisch“ im Sinne des 19. Jahrhunderts. Sie sind maximal komprimierte Miniaturen aus einer Welt, in der die Spuren des mexikanischen Bürgerkriegs allgegenwärtig sind, in denen Tod und Gewalt Dauerthemen sind. Auch wenn in dem Zyklus „Der Llano in Flammen“ (1953) der ontologische Status einzelner Figuren unklar bleibt, weil wir nur Stimmen hören, ob von Lebenden oder Toten bleibt sich gleich. Rulfo betreibt keine „Figurenzeichnung“, weil seine Figuren aus dem Nichts kommen und im Nichts verschwinden. Er erklärt nichts, er macht keine Panoramen auf, hat keine Intrigen und Plots, und erzählt dennoch so viel vom schwierigen Leben in schwierigen Zeiten in einer rauen, unwirtlichen Gegend. Er feilt und raspelt seine Sätze bis zur reinen Essenz, lakonisch, sarkastisch, notfalls brutal. Rulfos Schwärze lässt oft us-amerikanische Country Noirs heiter erscheinen. Sein politisches Engagement besteht nicht in Zeitkommentaren oder Sozialkritik, sondern in der Handhabung von Sprache, „die Sprache, die ich von meinen Leuten, den Leuten meines Dorfs gehört habe“. Allerdings nicht als skaz (also die artifizielle Simulation volkstümlichen Sprechens), sondern als kondensierte Abstraktion mit verblüffender semantischer Wucht. Seine Haltung gegenüber der Welt ist nicht optimistisch, die Perspektive für ein Land, deren Monopolpartei sich „Partido Revolucionario Institucional“ nennt und damit ihre Petrifizierung schon im Namen trägt, ist nicht gerade hoffnungsfroh. All das ergibt sich aus seinen Texten, aus deren ästhetischer Organisation. Noir pur.

Auch „Pedro Páramo“, sicher einer der beeindruckendsten Romane, die ich kenne, gehört nicht in die Reihe der Diktatoren-Romane, von denen die lateinamerikanische Literatur selbst heute noch wimmelt (aus guten, resp. bösen Gründen, klar). Es ist der Roman über Aufstieg und Fall eines Kaziken, eines Dorftyrannen, den man gar nicht symbolisch lesen muss oder als Parabel. Nein, er erzählt kleinteilig von ganz konkreter alltäglicher Herrschaft, von Unterdrückung, besonders von der Unterdrückung von Frauen, und von den Sykophanten und Helfern, die Unterdrückung erst möglich machen, und er erzählt von den monetären Voraussetzungen von sozialem Verhalten. Und „Pedro Páramo“ ist auch ein Roman über Gewalt, über das beinahe beiläufige Töten und über die Konsequenzen von Gewalt, die wiederum Gewalt generiert. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis der gewaltbasierten Gesellschaft, die Mexiko damals war und erst recht heute immer noch ist. 

Wenn überhaupt eine Generalisierung sinnvoll ist, dann ist „Pedro Páramo“ die erste romanhafte Analyse des Neoliberalismus, aber so muss man das nicht sehen. Wie in den Erzählungen vermeidet Rulfo auch hier „realistisches Erzählen“. Er splittet Perspektiven, lässt unterschiedliche Stimmen hörbar werden, vermischt die Lebenden und die Toten (transzendentale Aspekte sind bei Rulfo immer mitzudenken), und springt durch die Zeiten.  Dadurch entstehen erbarmungslos scharfkantige Sätze, rostigen Rasierklingen gleich, die auf eine Kerntugend von Literatur hinweisen: Sie hat zu verstören, sie hat wehzutun. „Pedro Páramo“ ist im Grunde ein essentieller Roman Noir und hätte, wären wir nicht so ignorant gegenüber dem Globalen Süden, durchaus auch bei uns produktionsästhetische Folgen haben können. Und sollen.

Juan Rulfo: Unter einem ferneren Himmel. Gesammelte Werke. Aus dem Spanischen von Dagmar Plötz. Enthält den Roman „Pedro Páramo“ sowie sämtliche Erzählungen. Kommentiert und mit einem Nachwort von Benjamin Loy.  Hanser Verlag, München 2021. 544 Seiten, 38 Euro. Verlagsinformationen hier.

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