Geschrieben am 1. September 2021 von für Crimemag, CrimeMag September 2021

TW über Frank Göhres Meisterstück

Verdichtete Komplexion

Frank Göhres Roman „Die Stadt, das Geld und der Tod“ ist ein Meisterwerk des Kompression.

Der Müll, die Stadt und der Tod“ hieß das Skandalstück von Rainer Werner Fassbinder, das in der 70er Jahren die Gemüter erhitzte. Es ging damals um Grundstücksspekulationen im Frankfurter Westend, eine Zentralfigur schien an den Unternehmer und Politiker Ignaz Bubis (damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland) angelegt und damit antisemitische Klischees zu bedienen. Das ist lange her, aber natürlich bezieht sich der Titel von Frank Göhres neuem Roman auf Fassbinders Stück (und nicht etwa auf Andreu Martíns: „Die Stadt, das Messer und der Tod“ – das war nur der eher sinnfreie deutsche Titel seines Romans „El Hombre de la navaja“ von 1992, eine radikale Dekonstruktion des Serialkillerromans).

„Die Stadt, das Geld und der Tod“: Um Immobilien geht es auch hier, genauer um das Filetstück Hamburger Bautätigkeit, „damals im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends“, die Elbphilharmonie. Aber Göhre wäre nicht der intelligente Minimalist, der er ist, wenn er dieses Themenfeld zu einem Roman mit investigativer Attitude über einen Bauskandal aufplustern würde. Der Titel reicht völlig aus, um die Triebfeder seiner Figuren zu nennen: Die Gier, mit der im Baugewerbe eine goldene Nase verdient werden kann und de facto verdient wird. Aufstieg und Fall des rumänisch-stämmigen Immobilienunternehmers Nicolai Radu, der mit der offiziellen Hamburger feinen Gesellschaft genauso geschäftlich verbandelt ist wie mit dem Organisierten Verbrechen – d.h. er ist beides: seriöser Geschäftsmann und Teil der OK, so wie seine Hamburger Geschäftspartner auch –  hängt damit zusammen, dass er eines nicht ist: seit Generationen Hamburger Pfeffersack.  Denn als es ernst wird, ist er für seine deutschen Partner nur noch der schmierige Gangster vom Balkan.

Xenophobie ist keine Klassenfrage, sondern lässt sich jederzeit, je nach Opportunität, funktionalisieren. Auch wenn Radu im „Atlantic“ mit den lokalen Größen Karten spielt, hindert das die nicht, ihn über den Tisch ziehen zu wollen. Freundschaft und Loyalität dienen der Vorteilsnahme, und that´s it. Aber auch daraus macht Göhre keine moralisierende Haupthandlung, diese Konstellation bildet das nicht groß thematisierte Unterfutter des Buches, Komplexion in verdichteten Erzählräumen.  Und da spielt sich eine Tragödie ab: Radu hat einen treuen Gefolgsmann, Ivo, er nennt ihn zwar seinen Blutsbruder, aber das ist de facto Mafia-Kitsch. Radu ist der Pate, Ivo der Soldat. Ivo geht tapfer in den Knast, weil er seine Leute nicht verpfeift. Als er herauskommt, ist sein Sohn ermordet. Radu weiß, warum und von wem, kann es aber Ivo nicht sagen, weil das seinen Geschäftsinteressen zuwiderlaufen würde. Aber Ivo bekommt es heraus und die Tragödie ist da. Das ist die Gangsterstory, ein klassischer Noir über eine Figur, die nie wirklich eine Chance hat. Das Immobilien-Thema, die allfälligen Kiez-Konflikte, die keiner besser kennt als Frank Göhre, die Drogenkriege, die Medienstadt Hamburg, die bessere Gesellschaft und ihre Gier, all das ergibt die Voraussetzungen dafür, dass Ivo scheitern muss.

All das ist keine Kulisse, sondern Agens der Story, gerade weil es nicht erklärt wird.  Die Logiken sinnloser Ehrenkodices und die Logiken des Neoliberalismus ergänzen sich perfekt, wenn es um die Vernichtung eines Individuums geht, das diese Logiken stört, so oder so. Aber auch das sind alles Dinge, die man sich selbst denken muss. Denn Göhre erzählt eine Geschichte, mehr nicht. Eine Geschichte aus einer Gesellschaft, in der es Polizei und Justiz nur am Rande gibt, in der fast alles mit allem zu tun hat, jeder mit jedem zusammenzuhängen scheint, wissentlich oder nicht. Eine Geschichte, die sich so nur in dem Soziotop-Hamburg abspielen kann, aber genau deswegen von globaler Gültigkeit ist. The world in a nutshell, da aber gnadenlos präzise geschildert. Ein epischer Stoff, schon fast zu narrativen Vignetten verknappt, schnell, klar und bitterböse. Göhres Prosa ist ein Konzentrat, das identifikatorisches Lesen radikal verweigert, ohne Figuren zu dämonisieren oder, die große Falle des Kitsch-Noir, sie zu romantisieren. Ein großer Wurf auf 158 Seiten.

Thomas Wörtche

Frank Göhre: Die Stadt, das Geld und der Tod. CulturBooks, Hamburg 2021. 158 Seiten, 15 Euro. Verlagsinformationen.

Frank Göhre, aufgewachsen im Ruhrgebiet, lebt in Hamburg. Gleich sein erster Krimi, »Der Schrei des Schmetterlings« (1986) – Auftakt der inzwischen legendären »Kiez Trilogie« –, wurde mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, ebenso wie sein Roman »Der Auserwählte« von 2010 und »Verdammte Liebe Amsterdam« (CulturBooks, 2020), für den er auch den Stuttgarter Krimipreis 2021 erhielt. Frank Göhre gab das Gesamtwerk des Schweizer Autors Friedrich Glauser neu heraus und schrieb seinen Lebensroman »Mo«. Gemeinsam mit Alf Mayer veröffentlichte er Bücher über Ed McBain und Elmore Leonard. Zu seinen Drehbucharbeiten zählen »Abwärts« und »St. Pauli Nacht«, mit Torsten Stegmann und Borwin Richter realisierte er den Dokumentarfilm »Zeigen was man liebt« über die Münchner Filmemacher der Siebzigerjahre.

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