Geschrieben am 1. März 2022 von für Crimemag, CrimeMag März 2022

Thomas Wörtche: Das Grauen und das Flittchen

Thomas Wörtche zu Josephine Teys „Nur der Mond war Zeuge“

„Das Grauen“, schreibt Louise Penny in ihrem Vorwort zu Josephine Teys „Nur der Mond war Zeuge“, ist „weit mächtiger, wenn es nicht ausbuchstabiert wird, sondern nur angedeutet“.  Ja, so etwas kann in der Tat bei Kriminalromanen oder anderen einschlägigen Narrativen (zum Beispiel bei Henry James „The Turn of the Screw“) vorkommen. Aber auf welcher Ebene siedeln wir das Grauen jeweils an?

„Nur der Mond war Zeuge“ – ab jetzt verwende ich den Original-Titel „The Franchise Affair“, weil der Mond in dem Roman nichts bezeugen kann und das wiederum nicht, weil es keine Untat gibt, zu deren Aufklärung man einen Zeugen bräuchte – spielt 1948 in einem „typisch“ englischen Städtchen namens Milford. Das „typisch“ Englische ist dabei die langweilige, komfortable Behaglichkeit, die anscheinend für das Leben nach dem 2. Weltkrieg den Normalstandard ausmacht. Irgendwann, irgendwo mag dieser ja Krieg stattgefunden haben, der betrüblicherweise „der Kavallerie den Tod gebracht“ hatte (wie ein Reservist der Royal Dragoons moniert), aber immerhin die prächtige Charakterbildung zweier Ex-Sergeants (oder so, auf jeden Fall waren sie keine Offiziere) übernommen hatte, die jetzt in Milford eine Autowerkstatt betreiben, weil der Mietstall zunehmend unrentabel wird.

In Milford gibt es keine Lebensmittelknappheit, keine Rationierung, die die Signatur der Nachkriegsjahre im UK war – Sie erinnern sich vielleicht an den großartigen Film „A Private Function“ von Malcolm Mowbray (bei uns als „Magere Zeiten“ – der Film mit dem Schwein und Paraderollen für Maggie Smith und Michael Palin). In diesem idealen England also gibt es, außer einem sozialrevolutionären Bischoff mit Dreck am Stecken und der kreischenden Boulevard-Presse, keine Beschwernisse, und auch dass die Iren, „ausgerechnet die Iren“, etwas gegen England haben könnten, ist ja nun wirklich absurd. Dort also lebt der Anwalt Robert Blair von der Kanzlei „Blair, Hayward und Bennet“ ruhig und regelmäßig wie ein Uhrwerk vor sich hin. Sein Geschäft sind „Testament, Geld- und Grundstücksangelegenheiten“, sein soziales Umfeld besteht aus Tante Lin und seinem Sozius Nevil Bennet, einem etwas ungestümen jungen Mann, der sich anschickt, die Tochter des erwähnten Bischoffs vielleicht zu heiraten, obwohl auch sie obskure, man könnte fast meinen feministische Ansichten, hat. Blair ist um die 40, Junggeselle, der nicht genau weiß, warum er heiraten sollte. 

Das Grauen

In dieses Idyll nun bricht das Grauen herein. Zwei Damen, Mutter und Tochter Sharpe, die zurückgezogen in dem geerbten Landhaus „The Franchise“ wohnen, brauchen anwaltlichen Beistand. Sie werden von einer jungen Frau namens Betty Kane beschuldigt, sie gekidnappt und als eine Art Arbeitssklavin eingesperrt gehalten und zudem noch fortlaufend verprügelt und gequält zu haben. Blair übernimmt den Job, denn als er die Sharpes kennenlernt, die scharfzüngige, ultracoole Mutter, die aussieht wie „Whistlers Mutter“ und die attraktive  Tochter Marion, weiß er: Das kann nicht wahr sein, diese Ladies tun so etwas nicht. Dumm nur, dass Betty Kane, die in der Tat für Wochen von der Bildfläche verschwunden war, eine detaillierte Beschreibung des Hauses, des Interieurs und anderer Details liefern kann, die ihre Gefangenschaft zweifelsfrei zu belegen scheint. Und sie hat tatsächlich Wundmale. Die Ortspolizei ist überfordert, selbst Scotland Yard schickt einen Beamten, den Inspector Grant, der auch in anderen Romanen von Josephine Tey auftaucht. Einig sind sich alle: Diese beiden netten, wenn auch etwas seltsamen Damen, sollen einer jungen Frau derlei schlimme Dinge angetan haben? Nie und nimmer. Und so beginnt Blair, mit etwas Hilfe der stets loyalen Ex-Sergeants (die aber stets wissen, wo ihr gesellschaftlicher Platz ist), der Polizei, einem angeheuerten Privatdetektiv und einem befreundeten Londoner Top-Anwalt (Schotte, wie auch Josephine Tey, die eigentlich Elizabeth Mackintosh hieß) mit Feuereifer nach Entlastungsmaterial für die beiden Sharpes zu suchen. Wenn das nicht gelingt, dann droht in der Tat das Grauen – eine Haftstrafe vielleicht, und schlimmer, der soziale Tod. Den rufen nämlich schon die Boulevard-Presse und der eifernde Bischoff aus. Auf die Idee, dass Betty Kane tatsächlich Opfer sein könnte, kommt niemand in den Sinn. 

Knarz und knirsch

Aus dieser Konstellation hätte man womöglich ein Verwirrspiel machen können, aber stattdessen knarzt immer noch der uralte Mechanismus des Golden-Age-Krimis. Die einzige Frage, die wirklich interessiert, ist: Wie konnte Betty Kane nur alles das wissen, was sich zu einer wasserdichten Geschichte zu fügen scheint, die aber nicht stimmen kann. Peu à peu werden in zäher und langweiliger Kleinarbeit alle Eckpfeiler von Kanes Story demontiert, unter der ermüdenden  Zuhilfenahme der golden-age-üblichen Unplausibilitäten, dem einen oder andere Deus ex Machina, eben den ganzen pedantischen Taschenspielertricks, die schon der alte E. A. Poe in „The Murders in the Rue Morgue“ ridikülisiert hatte. Und wenn man nicht weiter weiß, dann betet Tante Lin um eine Wunder, das prompt eintritt. Mon dieu.

„The Franchise Affair“ ist nicht nur ein Kriminalroman ohne Leiche (was völlig legitim wäre, das kann es tatsächlich geben), er ist aber auch ein Kriminalroman ohne Schock, ohne Überraschung, ohne Twist, ohne jegliche Spannung. Man könnte so etwas tatsächlich als das Grauen bezeichnen, als intellektuelle Zumutung. Und damit als Fortschreibung des Golden-Age-Krimis, mit dem zeitgeistigen Unterschied, dass der Adel bei Josephine Tey keine Rolle mehr spielt, sondern seine Wertewelt – Merry Olde England – auf die Mittelklasse durchgeschlagen hat. Bedroht allerdings wird diese Mittelklasse in ihrer anscheinend normativen Behaglichkeit durch die Massenmedien, die Massenkultur, die bei Josephine Tey sensationsgierig, schlüpfrig und unmoralisch dargestellt wird, bis zur Karikatur: Das schlimmste Schundblatt heißt „Ack-Emma“ und wird von anständigen Menschen nicht gelesen, bzw. natürlich von allen, wenn auch mit Abscheu. Der moralischen Verworfenheit der „Ack-Emma“ werden die sich sozialrevolutionär gebenden Schriften des Bischoffs gegenüber-, präziser: zur Seite gestellt. Denn beide greifen die moralische Integrität der Damen Sharpe an und schlagen sich auf die Seite von Betty Kane. Kein Wunder, dass am Ende die Sharpes und womöglich auch Robert Blair sich nach Kanada absetzen.

Das ist ein Subthema des Romanes, die Bedrohung des kleinstädtischen Englands durch die massenmediale Moderne aus London, wobei, ganz im Sinne des modernekritischen Golden Ages, ein solches kleinstädtisch idyllisches England eine wahnhafte Konstruktion ist (die bis heute massenmedial ausgeschürft wird, cf. Inspector Barnaby und cf. die Relaunches einschlägiger Romane wie „The Franchise Affair“), weit entfernt von der analytischen Schärfe, mit der ungefähr zeitgleich Constance Lindsay Taylor aka Guy Cullingford (ihr Erstling „Murder with Relish“ erschien ebenfalls 1948) die Neurosen der Nachkriegs-Mittelschicht auseinandergenommen hat. 

Das Flittchen

Das Stichwort Guy Cullingford, die bei ihren literarischen Vivisektionen an den Geschlechterverhältnissen angesetzt hatte – und die deswegen weitaus sinnvoller in Bezug zu Margaret Millar, Patricia Highsmith und Masako Togawa zu setzen ist als Josephine Tey – führt zum Kern von „The Franchise Affair“. Betty Kane, eine Art grobschlächtige Lolita-avant-Nabokov, ein minderjähriger Provinzvamp ist nämlich „das Böse“ in Person. Das Böse, so sinniert Robert Blair, hat nichts mit „dem sozialen Umfeld“ zu tun, das Böse liegt im Blut, angetrieben von „Selbstsucht“ und „übermäßiger Eitelkeit“. So gesehen könnte man Betty Kane als britische Antwort auf die Vamps der amerikanischen Serie Noir verstehen. Mit einem Unterschied allerdings: Gründet die Misogynie etwa von Raymond Chandler auf einer eingebildeten Bedrohung der Männer durch die weibliche Sexualität, variiert Tey diesen Topos: Betty Kanes Schlechtigkeit bedroht nicht Männer, sondern „anständige“ Frauen. Denn die Geschichte geht so: Betty Kane, die sich in der öden Provinz zu Tode langweilt, gräbt einen Handlungsreisenden an und verbringt ein paar Luxustage mit ihm in Kopenhagen und in dessen diskretem Landhaus, was ihre Abwesenheit erklärt. Allerdings kommt die Gattin des Vertreters ihm auf die Schliche, verprügelt Betty (daher ihre Verwundungen) und schmeißt sie raus. An der Beziehung zu ihrem holden Gatten ändert das nichts („was für ein Mann“), der Kerl hatte seinen Spaß, weiß, was er an seiner toleranten Ehefrau hat, und interessiert sich danach keinen feuchten Dreck mehr für Betty, ex und hopp.

Klar, Betty Kane ist das Flittchen, das Biest, das Böse – und nicht etwa eine lebenslustige junge Frau, die auch noch sexuell autonom ist (das Problem Sex mit Minderjährigen ist für Tey keines, der Vertreter ist nun mal ein Mann, der nicht widerstehen kann, auf jeden Fall nicht sanktionierbar, wo doch seine Gattin ihm verzeiht). Betty ist verdorben – ganz im Gegensatz zu den schon beinahe a-sexuell geschilderten Robert Blair und Marion Sharpe, die vielleicht ein Paar werden, was aber ganz bestimmt nichts mit Sex zu tun haben wird. Das allerdings ist finsterste weibliche Misogynie. Eine Täter-Opfer-Umkehr vom Feinsten. Denn das bemitleidenswerteste Opfer, so wird am Ende des Romans (sorry, dieses Buch kann man nicht ohne Spoiler besprechen) festgestellt, ist die Mutter von Betty Kane, die das wahre Wesen ihrer Tochter nicht erkannt hat, was wiederum, man mag es kaum glauben, auf der schon fast Lombroso´schen Erkenntnis beruht, dass Bettys „physischen Merkmale … die weit auseinanderstehenden Augen, die glatte Stirn und der ausdruckslose Mund mit dem stets gleichen kindlichen Schmollen“ die perfekte Maske des Bösen ergeben. 

Grottenschlechtes Handwerk gibt es obendrein. Denn nirgends findet sich ein Hinweis darauf, warum Betty Kane sich die Damen Sharpe als Opfer ihrer Denunziation ausgesucht hat. Oder ist das doch keine Frage des Handwerks? Man kann nur spekulieren: mäandert „das Böse“ kontingent durch die Gegend, wen es trifft, den trifft es eben. Oder trifft „das Böse“, weil amoralisch-sexuell, besonders die moralisch Einwandfreien, keusch und enthaltsam lebenden Frauen? Denn dass der Haushalt der Sharpes männerlos ist, ist natürlich kein Zufall. „The Franchise Affair“ als eine visionäre Warnung vor einem gesellschaftlichen Wandel, die die modern times mit sich bringen? Also ein weiteres Beispiel für die reaktionäre Kritik an der Moderne, ganz im Geiste des klassischen Golden Ages? Und mithin der Grund dafür, dass solche Narrative sich heute wieder solcher großen Beliebtheit erfreuen? 

Echolalie

Dass ein anderer Roman von Josephine Tey („The Daughter of Time”, 1951, dt. als “Richard der Verleumdete” oder „Alibi für einen König“) irgendwann einmal von der Crime Writers‘ Association zum „besten Krimi aller Zeiten“ gewählt wurde (einem Gremium, dem ungefähr 80% der Weltproduktion von Kriminalromanen eher unbekannt sein dürfte), hat eine Art rezeptiver Echolalie ausgelöst. „The Franchise Affair“ ist weder verstörend (Louise Penny), noch hat zumindest dieser Roman garantiert nicht die „Türen für Patricia Highsmith, Ruth Rendell oder Gillian Flynn aufgestoßen“ (Val McDermid), sondern, wenn überhaupt, eher verrammelt. Und deutsche Besprechungen (bis jetzt) lassen befürchten, dass man das in der Tat Verstörend dieses Romans nicht sehen will. Oder kann. Misogynie sitzt doch, auch dort, wo man sie nicht vermuten möchte, noch fester in der berühmten Mitte der Gesellschaft als man glauben möchte. Oder sollte sich ein eventuell unterstellter Feminismus des Romans dann tatsächlich gegen „kleine Flittchen“ richten, die anständige Frauen ruinieren? 

Thomas Wörtche

Josephine Tey: Nur der Mond war Zeuge (The Franchise Affair, 1948). Deutsch von Manfred Allié. Kampa/ Oktopus, Zürich 2021. 430 Seiten, 22 Euro.  (Frühere Titel Die verfolgte Unschuld sowie Der große Verdacht)

Tags : , ,