Geschrieben am 1. Dezember 2021 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

TW: Carlo Lucarelli „Der schwärzeste Winter“

Unbehaglich, very

Carlo Lucarellis Romane um den Commissario de Luca haben quälende moralische Impikationen. Sie tun weh. So auch der neueste Roman der Serie: „Der schwärzeste Winter“ – Eine Besprechung von Thomas Wörtche.

„Der schwärzeste Winter“ ist der sechste Roman einer Serie, die seit 1990 die Geschichte des Commissario de Luca erzählt, der eigentlich nur ein guter Kriminalpolizist ist, aber durch die Zeitläufe zu zunehmend ekelhafter Kooperationen gezwungen. Hier, im Dezember 1944, arbeitet er für eine faschistische Spezialeinheit, die hauptsächlich Aktionen gegen die Partisanen der resistenca durchführt und zum Leichenberg der Zeit wesentlich beiträgt. Weil er aber so ein brillanter Mordermittler weckt er auch die Begehrlichkeiten anderer Dienststellen, darunter auch die Wehrmacht und die SS, die in Bologna auf die große Offensive der Alliierten warten, die allerdings erst im Frühjahr kommen wird. Bis dahin terrorisieren die Faschisten (noch lebt Mussolini) und die Deutschen die Bevölkerung (das Massaker von Marzabotto, eine Aktion von SS und Wehrmacht, die 770 Opfer zur Folge hatte, spielt im Hintergrund eine große Rolle), Geiselerschießungen sind an der Tagesordnung, ebenso Folter, Ausplünderung, Schwarzmarktgeschäfte und allgemeiner moralischer Rott. De Luca hat es plötzlich mit drei Leichen zu tun, an denen die unterschiedlichsten Parteien die unterschiedlichsten Interessen haben, darunter auch der Widerstand. De Luca, angewidert von sich selbst, von Ess- und Schlafstörungen geplagt, hat ein Kalkül: Der Krieg wird zu Ende gehen, die Alliierten werden gewinnen und insofern wird es nicht schlecht sein, seine Sünden abzubüßen, in dem er den Widerstand unterstützt. Aber, naja, es handelt sich um einen sehr schwarzen Roman ….

Opak

Wie in allen Romanen ist auch hier de Luca eine vielfach gebrochene, eine extrem opake Gestalt, manchmal gesteuert von eisiger Indolenz, dann wieder von heftigen Anfällen von Empathie und Sentiment, immer innerlich zerrissen, unfähig zu Zufriedenheit, gar Glück.  Eine Figur, die deutlich in der Tradition von Giorgio Scerbanencos „Held“ Duca Lamberti steht.

Bemerkenswert an diesem Roman ist die intensive und eindrückliche Schilderung von Bologna, ein Stadtporträt der besondere Art. Es ist erbarmungslos kalt, die Stadt ist zerbombt und gleichzeitig Auffangbecken von Flüchtlingen, die vor der Front davonlaufen. Lebensmittel sind knapp, ebenso Brennmaterial, die Straßen sind unsicher, Feuergefechte zwischen den einzelnen Parteien sind schon fast normal, Grausamkeiten aller Art an der Tagesordnung, ein Tummelplatz für Sadist*innen par excellence. In der Tat ist dieser Winter schwarz.

Glänzend ist die Plot-Führung. De Luca ruht nicht eher, bevor jedes einzelne Puzzleteil, das er bei seinen Mordermittlungen findet, am richtigen Fleck sitzt. So bieten sich immer wieder zwar plausible Aufklärungsresultate an, die De Luca aber wegen irritierender Details nicht akzeptieren kann. Und so bohrt er weiter, bis sich immer wieder neue Dimensionen, neue Verwicklungen und neue Dimensionen auftun, die er dann wiederum präzise und fugenlos zusammensetzt. Auch wenn ihm das Ergebnis nicht gefällt und auch wenn es nicht unbedingt juristische Folgen hat. De Luca interessiert sich nur für das „wie“. Diese Obsession setzt Lucarelli literarisch meisterhaft um – während man sich während der Lektüre moralisch windet. So wie De Luca selbst, mit dem sein Autor nicht gerade nett umgeht. Großartig unbehaglich.

Carlo Lucarelli: Der schwärzeste Winter (LÌnverno più nero, 2020). Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag, Wien/Bozen 2021. 316 Seiten, 22 Euro.

© Thomas Wörtche

Freie Hand für De Luca, dt. von Susanne Bergius, Elster 1998 (Carta bianca, 1990)
Der trübe Sommer, dt. von Barbara Krohn; Piper 2000 (L’estate torbida, 1991)
Der rote Sonntag, dt. von Monika Lustig; Piper 2001 (Via delle Oche, 1996)
Italienische Intrige, dt. von Karin Fleischanderl; Folio 2018 (Intrigo italiano, 2018)
Hundechristus, dt. von Karin Fleischanderl; Folio 2020 (Peccato mortale, 2018)
Der schwärzeste Winter, dt. von Karin Fleischanderl; Folio 2021 (L’inverno più nero, 2020)

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