Geschrieben am 1. April 2020 von für Crimemag, CrimeMag April 2020

Torsten Meinicke (Buchhändler): Tagebuch in Zeiten der Corono-Krise #Covid-19

Aus dem Tagebuch eines Buchhändlers in Zeiten der Corona-Krise

Samstag, 29. Februar 2020:

Die Ruhe vor dem Sturm. Corona drohte noch aus der Ferne. Die lange geplante Reise nach Marrakesch steht nicht zur Disposition. Spannende Stadt, schönstes Wetter, tolle Mitreisende, gute Gespräche und Zeit zum Lesen: Jérôme Leroy, Der Schutzengel (Edition Nautilus), Carlo Lucarelli, Hundechristus (Folio), Mahi Binebine, Die Engel von Sidi Moumen (Lenos). Ach ja, natürlich auch Hubert Fichtes Der Platz der Gehenkten.

Koutoubia Moschee (c)
Wikimedia CC BY-SA 3.0

Dienstag, 10. März 2020:

Morgens noch in Marrakesch am Platz der Gehenkten gestanden und auf den Transfer zum Flughafen gewartet, am Abend in der heimischen Wohnung gesessen und die Meldungen zur anwachsenden Krise studiert. Erste Irritationen bereits beim Umsteigen auf dem Düsseldorfer Flughafen, eine gespenstische Ruhe dort, noch niemals so schnell eingecheckt gewesen.

Donnerstag, 12. März 2020:

Noch für die letzten Urlaubstage nach Freiburg (Elbe) aufs Land gefahren. Schafe streicheln und Krimis lesen. Zeit für viele Seiten beglückender Lektüre gehabt: Liza Cody, Gimme More (Argument) und Jorge Zepeda Patterson, Die Korrupten (Elster).

Montag, 16. März 2020:

Dienstantritt im Buchladen. Die Kolleginnen hatten gut zu tun in den letzten zwei Wochen. Ganz Hamburg ist Anfang März gewöhnlich in den Skiferien oder auf den Kanaren. Scheinbar sind nicht wenige bereits zu Hause geblieben, der Umsatz ist besser als in den Vorjahren. Erste Gerüchte über die Schließung des Einzelhandels in Hamburg kommen auf.

Dienstag, 17. März 2020:

Morgens Chaos und Verwirrung im Buchladen. Wann müssen wir schließen? Ab sofort? Erst ab morgen? Sind wirklich auch Buchhandlungen betroffen? Warten auf die Landespressekonferenz des Hamburger Bürgermeisters. Doch schon am Vormittag patrouillieren Motorrad-Cops auf dem Bürgersteig der Osterstraße und überwachen die Schließung der Läden. Hektische Aktivitäten im Buchladen: Schaufensteraushänge für die Kundschaft, Anrufbeantworter neu besprechen, Adressen von Kundinnen und Kunden ermitteln, die bestellte Bücher nicht mehr abholen konnten.

Mittwoch, 18. März 2020:

In der Belegschaft erste Diskussionen über Kurzarbeit, Mietstundung und staatliche Unterstützung. Vor allem jedoch: Umstrukturierung der Arbeitsabläufe. Morgens erst einmal Tür aufschließen und wieder zuschließen. Novitäten auspacken und auf Präsentationstischen auslegen, um die auf absehbare Zeit niemand wird herumschleichen können. Kleinstrechnungen schreiben und im Viertel ausfahren. Anfragen der verunsicherten Kundschaft beantworten. Aber auch in diesen Zeiten gibt es noch gute Nachrichten: Der Eurovision Song Contest wurde abgesagt!

Donnerstag, 19. März 2020:

Vorzeitig das Motorrad aus dem Winterlager geholt, ist eigentlich noch viel zu kalt, doch so ist ab sofort das definitiv schnellste Auslieferfahrzeug der Stadt am Start. Ein Problem jedoch, gerade in diesen Zeiten: Unser alter Newsletter-Anbieter hat seinen Dienst eingestellt, ein neuer muss erst noch gefunden und verstanden werden.

Freitag, 20. März 2020:

Leichte Entspannung der Lage: Aus dem Amt des Hamburger Bürgermeisters erreichen uns die Auslegungsbestimmungen für die seit Dienstag angeordnete Ladenschließung. So darf bestellte Ware (Bücher!) nach wie vor am Buchladen übergeben werden. Natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln und aller hygienischer Maßnahmen. Dank kompetenter Unterstützung der Liebsten zu Hause wird eine neue Newsletter-Vorlage gestaltet, die noch am gleichen Tag an über 1600 Menschen verschickt wird.

Samstag, 21. März 2020:

Das Echo auf unseren Newsletter ist gewaltig. Kundinnen und Kunden richten Bücherkonten ein, bestellen Literatur für ihre neu gewonnene Lesezeit oder wünschen einfach nur alles Gute. Es erweist sich plötzlich als Vorteil, dass unser Buchladen schon immer eher von Stammkundschaft als von Laufkundschaft gelebt hat. Auch die Bestellungen über unseren Web-Shop nehmen stark zu, sodass die ersten heftigen Existenzängste ein wenig abflauen.

Dienstag, 24. März 2020:

Heute sollte die Lesung mit Ingrid Strobl zu ihrem gerade erschienenen Buch Vermessene Zeit. Der Wecker, der Knast und ich (Edition Nautilus)stattfinden, war ausverkauft und ist natürlich schon lange abgesagt. Scheiß Zeiten. Immer wieder in Gedanken auch bei den freien Künstlerinnen und Künstlern, den Autorinnen und Autoren, denen durch Absage von Lesereisen die Existenzgrundlage wegbricht, und auch bei den vielen unabhängigen Verlagen, deren tolle Bücher jetzt unsichtbar für das Publikum im Buchladen ausliegen.

Mittwoch, 25. März 2020:

Heute sollte der neue Hamburger Krimi-Talk Rasterfahndung starten. Else Laudan (Argument Verlag) und Torsten Meinicke (Buchladen Osterstraße) diskutieren über relevante neue Kriminalliteratur und trinken dabei. Fällt natürlich auch aus. Wird verlegt auf den Mai. Ob das zu optimistisch ist? Wir werden es sehen. Zunehmend kommt die Sehnsucht nach Kneipenbesuchen auf, denn auch Marcus Müntefering und Simone Buchholz haben ihr Trio mit vier Fäusten in der 439 Bar im April bereits abgesagt. Carla, irgendwann werden wir wieder gemeinsam an deinem Tresen sitzen!

Freitag, 28. März 2020:

Der nächste Newsletter geht raus, garniert mit jeder Menge Lesetipps. Das virtuelle Beratungsgespräch sozusagen. Aber was machen eigentlich Kolleginnen und Kollegen im Buchhandel, die keinen Web-Shop am Start haben, nicht einmal eine eigene Website?
Wie es für uns weiter geht? Gute Frage. Ich würde sagen, wir navigieren auf Sicht, seriöse Vorhersagen scheinen zurzeit unmöglich. Sicher ist aber: Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand nicht in den Kopf stecken (Lothar Matthäus), denn: Lebbe geht weider! (Dragoslav Stepanović).

Tags : , ,