Geschrieben am 6. Juni 2009 von für Crimemag, Kolumnen und Themen

Thomas Wörtche über Kriminalliteratur

Markt & Totschlag

Die Produktion läuft auf Hochtouren: Grimmis, Krimis, Kriminalliteratur in allen Sortierungen werden auf den Markt geknallt. Hauptsache sie machen Umsatz, drehen schnell und stören nicht und machen auch sonst keinen Umstand. Da bleibt fürs Umschauen und Nachdenken kaum noch Platz. Das ist schade, denn die Musik spielt längst schon woanders. Ein Kommentar von Thomas Wörtche

„Globalisierung“ ist ja, wie wir wissen, nicht immer eine ungefährliche Angelegenheit. Manchmal aber doch eine ganz positive. Dann nämlich, wenn sie wirklich zu einem Austausch zwischen den Kulturen führt. Und wenn die eine (anscheinend periphere) Kultur die andere (anscheinend zentrale) relativieren kann, dann ist Globalisierung sogar ganz wunderbar.

Nehmen wir mal Kriminalliteratur. Vor ungefähr 20 Jahren fegten Autoren wie Jerome Charyn, Jerry Oster, Joseph Wambaugh, Andreu Martín, Jean-Patrick Manchette, Derek Raymond & Co. mit radikalen und aufregenden neuen Konzepten durch die „westlichen“ Gegenwartsliteraturen. Sie waren zwar irgendwo „Genre“, aber irgendwo auch wieder nicht. Ihr Spielplatz waren die großen westlichen Metropolen, und nur das Mexiko City von Paco Ignacio Taibo II und William Marshalls Hongkong bildeten dabei die regelbestätigenden Ausnahmen.

Heute hat sich das „Genre“ ganz und gar wieder in die Korsette zurückstopfen lassen, hat für das Linsengericht des ganz schnellen Geldes alles über Bord geworfen, was es einmal an Ästhetik und anderen substanzielleren Mehrwerten zu bieten hatte, und sich der Infantilität anheim gegeben. Serialkiller und andere lächerliche Springteufelchen des Durchschnittskrimis im Geschmack des Biedersinns sind die naiven Surrogate für das, was die Welt wirklich an Schrecken zu bieten hätte, und helfen dabei, die Augen ganz fest zuzumachen, und Romane im behaglichen Modus der „Unterhaltung“ zu genießen, wie avantgardistisch sie sich immer gerieren mag. Buch zu, Feuilleton durch, vergessen, Schluss aus.

Aber das, was uns beunruhigen sollte, das ist da – in Kunst und Literatur, wie immer, wenn es unbehaglich wird auf der Welt. Diesmal in der Kriminalliteratur, auf der dann aber – wie damals bei unseren oben genannten Beispielen auch – nicht mehr unbedingt „Krimi“ draufstehen muss. Jetzt heißen die Bücher Eine Kiste explodierender Mangos oder Als ob es kein Morgen gäbe, Chaco Chamäleon oder Kap der Finsternis und stammen von Autoren wie Mohamed Hanif, Rawi Hage, Raúl Argemí oder Roger Smith, die aus Pakistan, dem Libanon, Argentinien und Südafrika kommen. Autoren zudem, die allesamt wahrlich nicht als „Krimi-Autoren“ bekannt sind und vermutlich auch nicht als solche verortet werden wollen. Obwohl – ihre Romane behandeln klassische Sujets der Kriminalliteratur, auf den schmalen Grenzen zwischen Polit- und anderen Thriller-Varianten tanzend.

Ob Paranoia-Thriller wie bei Hanif und Argemí, politischer Thriller wie bei Hage oder Gangsterroman wie bei Smith – alle diese Bücher (und noch viele, viele mehr) aus den von uns aus gesehen periphereren Gegenden haben längst die analogen Produkte aus den „Zentralen“ überholt: Nicht nur, weil sie in ihren Ländern in die öffentlichen Diskurse eingreifen können. Bei uns gibt es weder solche Diskurse noch hätte der ganze Krimi-Läpperkram darin etwas zu suchen. Nicht nur, weil sie unseren Dödelprodukten thematisch überlegen sind – in ihren Ländern häuft sich aus evidenten Gründen bedeutend mehr „Spannung“ in der Realität auf – nein, das Entscheidende ist, dass sie die westlichen Produkte ästhetisch längst überholt haben. Ausnahmen bestätigen, s.o., wie immer die Regel.

Kriminalliteratur ist bei uns ein Reservat ästhetischer Regression, Einfalt und abverkäuflichen Stumpfsinns geworden. Lesen Sie dagegen mal die genannten und noch ein paar aufregende AutorInnen mehr aus Asien, Lateinamerika, Afrika & Co. Es steht nicht immer Kriminalliteratur drauf auf den entscheidenden Büchern voller Ideen, Verve und drive, aber drin ist schon welche. Über die Konsequenzen und Folgen reden wir dann wieder in zehn Jahren.


Dieser Artikel ist auch in unserem Partnermedium, den Literaturnachrichten, N° 101 – Sommer 2009 erschienen.