Geschrieben am 1. September 2022 von für Crimemag, CrimeMag September 2022

Thomas Wörtche zur „Geheimsprache des Blues“

Musik des Widerstands, der Kritik, der Selbstermächtigung, des Spotts, der Selbstironie – und der Wollust

Robert Cremer: Die Geheimsprache des Blues. Die wahre Bedeutung der Songtexte (Secret Language of the Blues: What the Lyrics Really Mean, 2021). Mit einem Vorwort von Bobby Rush. Edition Olms, Zürich 2022. 868 Seiten inkl. Diskographie u. über 250 teils farbige Fotos u. Illustrationen, 49,95 Euro.

Doppelt oder mehrfach codierte Sprachverwendung gehört zum Kernbereich jeder sprachlich verfassten Kommunikation – das gilt für den „vierfachen Schriftsinn“ bei der Bibelauslegung (cf. Friedrich Ohly) genauso wie für den Blues. Der nun wiederum ist als Musikrichtung, wie es aussieht, ein wenig „aus der Mode“ gekommen, zumindest bei einem Publikum, das, oberflächlich gesehen, ganz anders sozialisiert ist. Wer R & B hört, Soul, Hip Hop, Rap und die diversen Modifikationen davon, ist sich vermutlich nicht immer bewusst, auf was genau diese Konzepte fußen, auch wenn ein Begriff wie „Nu Blues“ Hinweise geben könnte. Und natürlich ist der Blues (anders als seine Verwandten Tango, Fado, Flamenco, Rembetiko, auch sie Musik „von unten“, die Alltag, Gewalt und Sexualität thematisiert) popkulturell wahrlich ohne Ende appropriiert worden. Und wie das so bei unreflektierten oder ahnungslosen Aneignungen passiert, schleichen sich dabei Missverständnisse ein, die sich ihrerseits wieder verfestigen. So war man lange der Meinung, dass das Mojo in „I got my mojo working“ das männliche Genital meint, weil man ja immerhin weiß, dass es beim Blues meistens um Sex geht. Ist aber nicht so, denn Mojo meint „Zauber“ oder „Magie“. Obwohl sich natürlich ansonsten im Blues viel um Sexualität dreht, aber es kommt eben auf den treffenden Code an. 

Robert Cremer, ein absoluter Blues-Spezialist mit weitem intellektuellen Horizont, hat sich über Jahrzehnte die Arbeit gemacht, den speziellen Code, besser, die vielen Codes des Blues (auf der sprachlichen Ebene, die musikalische Semantik interessiert ihn hier nicht) zu systematisieren und zu einer Art Lexikon von 800 Seiten zusammenzustellen – mit deutschen Übersetzungen, die das Gemeinte deutlich aussprechen.

Das nicht tun zu können, ist eine Besonderheit des Blues: Der entsteht bekanntlich während der Sklaverei im Süden der USA, wo sich die Unterdrückungsverhältnisse nach dem Bürgerkrieg, nach den Jim-Crow-Gesetzen, nur wenig geändert hatten. Weiße sollten die Musik der Schwarzen nicht verstehen, sie sollten die Subversion und die Kritik an den Verhältnissen, die sich in vielen Bluestexten manifestiert, nicht bemerken, weil das ansonsten brutale Gegenmaßnahmen provoziert hätte. Später, mit dem Aufkommen von Radio und Schallplatten, hatte man mit der Zensur zu tun, und wollte man einem puritanischen WASP-Publikum den Blues näherbringen, gab es genügend Anlass, nicht Klartext zu reden, beziehungsweise zu singen.

Zudem waren viele Kontexte, die die Idiomatik des Blues bestimmten, für Menschen außerhalb bestimmter Lebenszusammenhänge nicht verständlich. Beispiel: W.C. Handy´s „Joe Turner´s Blues“ handelt von einem gewissen Joe Turney, dem Bruder des Gouverneurs von Tennessee, Pete Turney. Joe Turneys Spezialität war, Schwarze unter fadenscheinigen Vorwänden zu verhaften und in Chain Gangs malochen zu lassen, um cheap labour für Infrastrukturprojekte des Staates zu generieren.  Oder: Oft taucht im Zusammenhang von korrupten Richtern und einem verbrecherischen und diskriminierenden  Rechtssystem die Floskel „Eleven Twenty Nine“ auf (bei Leroy Carr etwa) – eine Standardstrafe für Bagatelldelikte oder was die rassistischen Gerichte dafür hielten. Aber man wusste in der schwarzen Bevölkerung eben auch, dass elf Monate und neunundzwanzig Tage knapp unter einem Jahr liegen, denn ab einem Jahr hätte man Hafterleichterungen bieten müssen, was man bei Schwarzen dringend vermeiden wollte.

Hochgradig wollüstige Musik

Cremer schlüsselt zighunderte dieser Subtexte auf, ein Aha-Erlebnis jagt das andere. Er kontextualisiert so die spezifischen Aspekte des menschlichen Lebens, die sich im Blues Ausdruck verschaffen. Rassistischer Terror,  Ausbeutung, Marginalisierung, Sexualität, Gewalt, Drogen, Voodoo und Hoodoo, Essen und Trinken, die Arbeitswelt,  Geschlechterverhältnisse, persönliche Triumphe und Niederlagen. Dadurch entsteht ein sehr differenziertes Bild des Blues – d.h. hauptsächlich, aber nicht ausschließlich bezieht sich Cremer auf den „klassischen Blues“ der 1920er bis 1940er Jahre, als sich die Idiomatik herausbildete und allmählich verfestigte. So wird der Blues sichtbar, wie er als Musik des Widerstands, der Kritik, der Selbstermächtigung, des Spotts, der Selbstironie jenseits des Traurigkeits-Klischees auch und in hohem Maße ist. Vor allem ist der Blues eine hochgradig wollüstige Musik, so ziemlich alles kann zur sexuellen Metapher werden.

Natürlich geht es beim „Body and Fender Man“ keinesfalls um einen Automechaniker, und wenn eine Frau fordert, „I want some jelly in my roll“, bestellt sie kein Marmeladenbrötchen. Wer viel Bessie Smith, Ma Rainey, Victory Spivey, Ida Cox, Lucille Bogan und andere gehört hat, ist für das Thema eh sensibilisiert. Die Yahoo-Anthologie „Please warm my Wiener“ von 1974, mit dem ganz und gar nicht korrekten Cover von Robert Crumb, hatte damals Pionierarbeit geleistet. Dennoch habe ich bei Cremer noch etliches gelernt: „Little man in the boat“ etwa bedeutet Klitoris; und der Unterschied zwischen Hogmeat, Pigmeat and Sowbelly als  sexuelle Typologisierung von Frauen (was mit der oft schlimmen Ernährungslage der schwarzen Bevölkerung ganz komnkret zu kontextualisieren ist) war mir noch nicht klar. Im Gegensatz zu „T-Bone“, „Sausage“ oder „Hotdog“, die evidente Symbole sind.

Aber – auch diese Sicht der Dinge korrigiert Cremers Thesaurus – Blues-Texte über Sex sind eben nicht nur testosterontropfende Ergüsse schwarzen Machismos (das sind sie oft auch), sondern genauso massiver und intensiver Ausdruck weiblichen Selbstbewusstseins und Begehrens, Spott und Häme über eben solche Kerle, und manchmal auch die Feier lesbischer Liebe („BD Woman´s Blues“ von Lucille Bogan etwas, wobei hier „BD“ Bull Dyke meint, während, Achtung, Kontextfalle, sich der „O.D.B. Blues“ von Walter Roland auf einen Old Black Dick bezieht), ein Aspekt schwarzer weiblicher Kultur, den aktuell gerade Saidiya Hartman in ihrem extrem wichtigen Buch „Aufsässige Leben, schöne Experimente“ aufgegriffen hat. 

In diesen Zusammenhang der Aufsässigkeit gehören auch radikale Texte weiblicher Selbstermächtigung und politischen Widerstands: 

Wanna set the world on fire, that is my one mad desire/I´m a devil in disguise, git murder in my eyes/Now, I could see blood runnin´ through the streets/Could everybody dead, lyin´ right at my feet.//Now, man who invented war sure is my friend/Don´t believe that I´m sinkin´, just look what a hole I am in/Give me gunpowder, give me dynamite/Yes, I´d wreck the city, wanna blow it up tonight.//I took my big Winchester down off the shelf/When I get through shootin´, there won´t be nobody left.

Was hier Julia Moody 1924 (!) in “Mad Mama´s Blues” formuliert, ist in ähnlicher Radikalität erst Jahrzehnte später bei Chester Himes in „Plan B“ wieder zu lesen, was im Fall Himes, zumindest für mich, eine weitere Traditionslinie aufmacht, die man dann getrost weiter bis heute zu Public Enemy und anderen Crews ziehen kann. Auffällig auch, dass in diesem Song Klartext geredet wird, auch die phallische Winchester ist hier nicht doppelt codiert, sondern ein-eindeutig ein Schießgerät, was wiederum auf die Differenziertheit der Blues-Idiomatik verweist. Man soll es sich nicht zu einfach machen – und im Zweifelsfall lieber bei Robert Cremer nachschlagen.

Dennoch, wie steht es um den Begriff „Geheimsprache“? Bei den „Hokum-Blues“-Nummern, die sich aus den Burlesque Shows und dem schwarzen Varietés herleiten und immer, grundsätzlich und per definitionem schlüpfrig sind (sehr komischer Schweinkram, könnte man sagen) gab es Interaktionen zwischen Sänger:in und Publikum: Wenn Whistling Rufus singt „I like you baby, you short like a duck/Oh, my soul, baby, you sure can ….“ und das Publikum dann grölt, na was wohl, dann kann man schwer von Codierung oder Geheimsprache sprechen. Selbst ein potentielles, nicht ganz hammerdoofes weißes Publikum würde das verstehen, weil es da keine Zweideutigkeit gibt – wie auch nicht bei Julia Moody. Dem schwarzen Publikum der Zeit waren alle diese Umschreibungen und Verschlüsselungen wohlbekannt, sie waren Ausweis von Kreativität, (Wort-)Artistik, Erfindungsgeist, ein Idiom. „Geheimsprache“ ist ein Begriff, der nur von einer weißen Perspektive her gedacht werden kann, für die „Zielgruppe“ war sie alles andere als geheim. Wenn die Codierung gebraucht wurde, um Zensur, moralische Empörung und Inferiorisierung (denen die schwarzen Menschen in den rassistischen USA sowieso und permanent ausgesetzt waren und sind) zu umgehen, dann sagt dieser Begriff eher etwas über die Produktionsbedingungen, unter denen schwarze Musik popularisiert und distribuiert werden konnte. Das gehört zu der „wahren  Bedeutung“ (so der Untertitel von Cremers Buch) der Songtexte dazu, konstitutiv.

Was aber Robert Cremers Buch keinesfalls beschädigen soll. Es ist eine unglaublich kenntnisreiche Mine und Quelle von Wissen, nicht nur von musikalischem Wissen, sondern auch von Geschichte, Linguistik und Soziologie, ein Wissen, das Querverbindungen herstellen kann und über die Relevanz von Kontexten weiß. Und es basiert zudem auf vielen Begegnungen mit Musiker:innen und gelebter Erfahrung mit dem Blues. Der Monster-Band ist klug aufgebaut, die Übersetzungen plausibel (wehe, Euch DeepL-Übersetzer:innen, Ihr werdet furchtbar auf die Schnauze fallen), ein anständiges Register hängt dran, es gibt eine knappe, aber sinnvolle Bibliographie (der Cremer auch viel verdankt), es gibt viele seltene Fotos und eine Discographie, über die man, wie bei allen Discographien diskutieren könnte, aber für die man eher dankbar sein sollte.

Also ein Buch, das substantiell ist, wenn man sich mit us-amerikanischer Kultur ernsthaft beschäftigt, und nicht auf jeden zeitgeistigen Hype abfährt. Basis-Bibliothek.

Thomas Wörtche

Robert Cremer: Die Geheimsprache des Blues. Die wahre Bedeutung der Songtexte. Mit einem Vorwort von Bobby Rush. Edition Olms, Zürich 2022. 844 Seiten, 49,95 Euro.

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