Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

Thomas Groh zur Neuedition von „Abwärts“

Genre in Deutschland

Die Achtziger. Das kalte Neon-Jahrzehnt. Reagan, Thatcher, Kohl – der Siegeszug des Neoliberalismus. Hedonismus im Schatten der Atombombe. Das Jahrzehnt der Metropolen. Frankfurt etwa. Kühl und nächtlich schimmernd liegt die Stadt einem zu Füßen, belebt von den glühend weißen Adern der Straßen. Die Welt ist verplombt. Aber es lässt sich gut aushalten darin, wie die Kamera nach einem waghalsigen Schwenk verdeutlicht. Nämlich dann, wenn man hier oben, in dem Hochhaus, von dem aus wir auf die Stadt blicken, aus einem Swimming Pool steigen kann. Dort unten der Asphalt, da oben das schöne Leben. Klar, dass ein Film, der “Abwärts” heißt, seinen Reiz aus allen möglichen vertikalen Spannungen bezieht.

Aus dem Swimming Pool steigt Marion (Renée Soutendijk, gesprochen von Hannelore Elsner) und von dort aus direkt in rote Lackstöckelschuhe. Ein sanft surreales Bild für den absurden Zirkus des Wohlstands. Dann ist da der Werber Jörg (Götz George auf dem Höhepunkt seines Schimanski-Ruhms), der sich gerade für den Feierabend fertig macht und sich einen – ja, was? Ist das tatsächlich ein Lenin-Button? – ans Revers heftet. Dass Marion und Jörg was miteinander haben oder hatten steht klar im Raum. Außerdem am Abend im Haus: Pit (Hannes Jaenicke in seiner ersten Filmrolle), ein vom Punk und Wave dieser Zeit geprägter Rebel without a cause, und Gössmann (Wolfgang Kieling, einmal mehr begnadet krötig als Kleinbürger), ein biederer Buchhalter, der im Begriff ist, seine Firma ums ganz große Geld zu bescheißen, das er gerade bar in seiner Aktentasche mit sich führt. Es ist Freitagabend. Bis zum Montag ist er über alle Berge. Glaubt er.

Eine Schicksalsgemeinschaft. Alle vier finden sich im selben Fahrstuhl wieder, den ein Monteur (Kurt Raab im Blaumann – großartig!) gerade durchgecheckt hat. Ein arglos liegengelassener Schraubenzieher bringt die Katastrophe in Gang: steckengeblieben. Der klaustrophobische Albtraum der Achtziger, dem Jahrzehnt, in dem die Durchtechnisierung des Alltags an Fahrt aufnahm: Was, wenn das Hi-Tech-Ding, das uns von oben nach unten, von unten nach oben bringt mit einem Mal zum Metallsarg wird? Wie lange bleibt Luft zum Atmen? Und wie lange ist unten die Notrufzentrale besetzt? Und ab welchem Zeitpunkt am Freitagabend verwandelt sich ein Büro-Hochaus aus einem Tempel des Kapitalismus in ein Geisterhaus des Kapitalismus, in das bis Montagmorgen kein Mensch mehr seinen Fuß setzt?

Also klar: raus hier. Irgendwie. Schreien, Klopfen, Rütteln. Das Dach aufbrechen, den Teppichboden abziehen. Kooperation? Fehlanzeige. Vier Menschen auf engstem Raum, drei Männer, eine Frau – noch dazu drei Männer aus unterschiedlichen Generationen und eh alle nicht ganz sauber. Das gibt Stress. Die Kriegsgeneration, die viel zu verheimlichen hat und nervös-verschwitzt ihre Schäfchen ins Trockene bringen will, die 68er-Generation, die sich beim Marsch durch die Institutionen ein bisschen zu sehr mit dem Kapitalismus arrangiert hat, und der techno-hedonistische Nihilismus der Generation Punk (Pit hat selbstverständlich einen Walkman und ein tragbares Videospiel dabei, moniert aber, dass “alles kaputt” sei) stehen sich in Form von Gössmann, Jörg und Pit unversöhnlich gegenüber und lassen ihre Konflikte schön aneinander reiben. Und dann ist da noch Marion als Objekt der Begierde – während Jörg sie im Grunde schon verloren hat, wittert Pit seine Chance. Und Marion ist nicht abgeneigt.

1984 war Carl Schenkels “Abwärts” eine Sensation in den deutschen Kinos – vollkommen zurecht. Nach seinem Debüt im deutschen Softporno der 70er (“Graf Dracula in Oberbayern”, 1979) flirtete der Schweizer Regisseur in “Kalt wie Eis” (1981) bereits mit dem urbanen Realismus – doch war dieses Berliner Punkmärchen noch sichtlich von der auf Trivialfilme spezialisierten Produktionsgesellschaft Lisa Film überformt. “Abwärts” hingegen träumt den Traum eines harten deutschen Maverickfilms in schöner Kompromisslosigkeit: Blut, Schweiß, Tränen – und jede Menge Maschinenfett. Das sind die Hauptzutaten dieses Glanzstücks an Spannungskino. Man kann förmlich dabei zusehen, wie Carl Schenkel und sein Team der Neon-Stahlwelt der Achtziger die zusehends verwahrlosende Körperlichkeit ihrer Schauspieler entgegen setzen. Wer sich ins Stahlseilgewitter begibt, kommt darin um.

Genre in Deutschland – nicht selten wirkt das betulich, ungelenk oder hüftsteif in Szene gesetzt. “Abwärts” hingegen ist hochkonzentriert, ohne ein Gramm Fett auf den Effekt hin angelegt. Wie der niederländische Kameramann Jacques Steyn den begrenzten Raum in Szene setzt und dabei Dynamik schafft, lässt einem die Freudentränen in die Augen steigen. Der hervorragende Schnitt (Norbert Herzner) tut das übrige, die Ausleuchtung insbesondere auf dem Dach des Fahrstuhls ebenso. Gemeinsam mit Dominik Grafs “Die Katze” (1988, ebenfalls mit Götz George) bildet “Abwärts” eine Art Diptych des BRD-Actionfilms der Achtziger – einmal mehr packt einen das Bedauern, dass diese Versuche eines BRD-Genrefilms weitgehend folgenlos blieben.

Das Schöne an diesem Film: Vom Genius Loci des Settings bis in die Details wurde mit sichtlich viel Liebe gearbeitet. Die Dialoge stammen von Frank Göhre (dem CrimeMag-Publikum natürlich bestens bekannt) und sind aufs Nötigste geschliffen. Möglichst viel mit möglichst wenig sagen. Und wenn Götz George seine Zeilen oft murmelig-versonnen spricht, klingt hier bereits sein späterer künstlerischer Erfolg aus Romuald Karmakars “Totmacher” an. Wie man überhaupt dafür belohnt wird, genau hinzuhören und hinzusehen, welche Arten des Sprechens und Schauspielens hier auf engstem Raum aufeinander treffen.

Wunderbar auch die beiden Cameos von Ralf Richter und Klaus Wennemann (ja, der gute alte “Fahnder”) als Notdienst-Monteure gegen Ende des Films. Beide tragen noch einmal eine ganz eigene, proletarische Art des Sprechens in den Film, die deutlich im Kontrast zu dem steht, wie im Fahrstuhl geredet wird. Dass dabei auch munter Rassismen in den Raum geworfen werden, ist nicht etwa “erfrischend unkorrekt”, sondern schlicht dem Gebot des Realismus geschuldet. Wie sonst würde sich wohl ein Monteurslehrling in den Achtzigern gegenüber einem polnischen Nachtwärter äußern? Wer anderes behauptet, hat den Rassismus der Achtziger nie erlebt.

Ein großer Grund zur Freude ist daher, dass “Abwärts” nach einer Reihe liebloser, qualitativ äußerst defizitärer Veröffentlichungen in den Nullerjahren nun beim Qualitätslabel Subkultur Entertainment eine Heimat gefunden hat, wo man sich in der exzellent kuratierten “Edition Deutsche Vita” so vorbildlich wie verdienstvoll um die Restaurierung westdeutscher Genrefilme kümmert. Auf das Label ist auch hier mehr als Verlass: In jahrelanger Feinarbeit wurde das Material präzise gemastert und farbbestimmt. Als Referenzpunkt diente dabei nicht etwa, wie andere Labels das immer gerne vollmundig verkünden, das “Originalnegativ”, sondern eine historische 35mm-Kopie, wie sie damals im Kino zu sehen war. Originalnegative mögen zwar mehr ein Plus an Schärfe bieten, doch für eine historisch farbtreue Wiedergabe auf BluRay sind sie nicht ausschlaggebend. Resultat: “Abwärts” sieht heute auf BluRay eben nicht “besser denn je” aus (ein sinnloser Werbespruch für Leute, die es nicht besser wissen) – sondern genau so, wie ein Film aus den Achtzigern aussehen sollte, heißt: Filmkorn und Schwarzflächen inklusive. Und trotzdem mit einer wunderbar haptischen Detailtextur.

Auch ansonsten wurde ganze Arbeit geleistet: Wer bereits auf UltraHD umgestiegen ist, bekommt in dem dicken DigiPak den Film noch auf einem Datenträger der nächsten Generation mitgeliefert, auch die Soundtrack-CD (Jacques Zwart) liegt gesondert bei. Als schönes Bonusmaterial gibt es aufschlussreiche Interviews mit Hannes Jaenicke und dem Kameramann Jacques Steyn (von Sadi Kantürk), sowie als Dreingabe in Textform einen kundigen Essay des Filmhistorikers Stefan Jung im Booklet.

Fazit: Eine Edition zum Liebhaben, mit der man sich gerne beschäftigt. Während in der Kulturpolitik oft Festtagsreden zum “Filmerbe” gehalten werden (und dabei dann doch eher häufiger als selten nur doch eine weitere Gala-Aufführung von “Metropolis” herauskommt), krempelt man bei Subkultur Entertainment einfach die Ärmel hoch und nimmt die Sache in die eigene Hand – natürlich ohne Fördermittel, auch wenn diese hier mehr als lohnend aufgehoben wären.

Der Erfolg gibt den Leuten immerhin recht: Viele Jahre lang angekündigt und auch auf der Zielgeraden noch um einen Monat verschoben, ist diese Edel-Ausgabe von “Abwärts” binnen einer Woche beim Label ausverkauft gewesen. Sorry, liebes CrimeMag-Publikum. Aber: Eine etwas schlankere Amaray-Ausgabe der BluRay wird in absehbarer Zeit sicher nachgereicht. Liebe Freundinnen und Freunde klaustrophobischer Spannungskost – es lohnt sich!

Thomas Groh

Hier ein Youtube-Trailer, der aber nicht von der restaurierten Fassung stammt, also keinen Eindruck von der Resturation verschafft (aber einen Einblick in den Film gestattet):

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