Geschrieben am 1. Mai 2022 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2022

Textauszug Amanda Lee Koe „Die letzten Strahlen eines Sterns“

Kleine Intro von Alf Mayer:
Im Regal für Kunstfotografie im New Yorker Strand Bookstore fand sich für Amanda Lee Koe der Anstoß, um nicht zu sagen der Nukleus, für ihren ersten nun vorliegenden Roman „Die letzten Strahlen eines Sterns“. Es war ein sonderbares Bild in einer Alfred-Eisenstaedt-Monographie, das drei sehr unterschiedliche Schauspielerinnen zusammen bei einer Party 1928 in Berlin zeigt: nämlich Marlene Dietrich, später eine bleibende Ikone Hollywoods, Anna May Wong, der erste chinesischstämmige US-Filmstar, und Leni Riefenstahl, deren Propagandakunstfilme sie erst berühmt und dann berüchtigt machen sollten.

Der Roman zeichnet die Jahrzehnte und Kontinente umspannenden Lebenswege der drei Frauen nach. Vom Berlin der Weimarer Zeit bis zur deutschen Wiedervereinigung, von einem Dorf in den bayerischen Alpen bis nach Los Angeles und Paris. Die Kulissen, in denen sich die Frauen bewegen, sind so unterschiedlich wie die Rollen, die sie spielen: Sirene, Opfer, Schurkin oder Geliebte, jeder Auftritt eine sorgfältige Choreografie. In ihren jeweiligen Gravitationsfeldern finden sich zahlreiche Nebendarsteller, die sie wie Planeten umkreisen – ein Vermächtnis, das tief in unsere Zeit hineinreicht.

Amanda Lee Koe, die in New York und Singapur lebt, jongliert ganz erstaunlich mit diesen zu Sternenstaub gewordenen Biographien und mit den Bildern, die wir als Kinogänger und Konsumenten uns davon gemach tund behalten haben. Auf lebendige und neugierige Weise verhandelt der Roman Fragen nach Mitschuld und Täterschaft, nach Identität, Verlangen, Ästhetik und Kunst.

Amanda Lees Storyband »Ministerium für öffentliche Erregung« (CulturBooks 2016) erhielt alle wichtigen Literaturpreise Singapurs, stand auf Platz 1 der Litpom-Bestenliste »Weltempfänger« und der Shortlist des Internationalen Literaturpreises, wurde unter die 10 besten englischen Bücher Singapurs der letzten 50 Jahre gewählt.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags präsentieren wir Ihnen das Kapitel 9. Es zeigt Leni Riefenstahl bei den Dreharbeiten für ihren Film „Tiefland“. Dieser Zusammenhang ist Ihnen bei uns im CulturMag in letzter Zeit öfter begegnet: Zuerst als Offener Brief in Sachen Nina Gladitz an den WDR-Intendanten Tom Buhrow, die endliche Freigabe des Dokumentarfilms „Zeit des Schweigens und der Dunkelheit“ (WDR, 1982) betreffend sowie als Buchbesprechung der Riefenstahl-Biografie von Nina Gladitz: Nazi-Propagandistin, Plagiatorin, Menschenrechts-Verbrecherin. Im CulturMag April 2022 erschien ein Porträt der Filmemacherin Nina Gladitz. Jetzt Ende April 2022 war ihr und dem WDR-Giftschrank-Film ein hochkarätiges Symposium in Freiburg gewidmet. Wir werden davon berichten.

Nun aber auf zu:

Amanda Lee Koe: Die letzten Strahlen eines Sterns (Delayed Rays of a Star, 2021). Aus dem Englischen von Zoë  Beck. Culturbooks Verlag, Hamburg 2022. Hardcover, 472 Seiten, 28 Euro. Verlagsinformationen hier.

Das Sammellager im Salzburger Land für nicht sesshafte Personen, die von den Sinti und Roma abstammen 

Aus, aus, aus!, rief Leni und legte eine Hand an die Schläfe, um sich zu fangen. Ich habe doch gleich gesagt, dass das nicht funktioniert. Ein deutscher Schäferhund sieht niemals aus wie ein Wolf, so wie die Transvestiten auf der Bülowstraße niemals wie Frauen aussehen! Bringen Sie den Hund wieder dahin zurück, wo Sie ihn herhaben. Wenn noch Terpentin übrig ist, waschen Sie die graue Farbe ab, die wir ihm aufs Fell gepinselt haben. Wenn Sie keinen zahmen Wolf ausfindig machen können, werde ich mich, wie ich bereits sagte, selbst darum kümmern. Aber versuchen Sie nicht, mich mit billigen Kopien anderweitig zu überzeugen! Ich muss bis an die Schmerzgrenzen ge- hen. Ich verlange Authentizität. Und was ist mit den achtzig Schafen für Pedros Herde? Wurden die beschafft? Ich will Merinoschafe. Keine mit Hörnern und keine mit schwarzen Gesichtern. Me-ri-no. 

Selbst Leni konnte sich nicht mehr an die ursprüngliche Deadline für Tiefland erinnern. Sie hatte sie immer wieder verstreichen lassen und alle bei voller Bezahlung weiterbeschäftigt, während sich das Projekt endlos dahinzog. Sie fand es nur fair, und sie sah sich selbst gern als fair, soweit es ging. Sie hatte großen Respekt für die Zeit und das Engagement der Crew. Allerdings musste sie dem Doktor und dem Propagandaministerium Berichte über jede Verlängerung schicken, und diese ließen sich diese zunehmend schwieriger rechtfertigen. In jener Hinsicht war ihre chronische Blasenentzündung Glück im Unglück. Jeder, der einer kranken Frau vorwerfen würde, sich nicht effizient genug an den Zeitplan gehalten zu haben, würde mit Sicherheit schlecht dastehen. 

Was logistische Komplikationen betraf, kostete sie diese voll aus. Sie fraßen oft eine Menge Zeit. 

Leni hatte den Film in dem fiktionalen Dorf Roccabruna angesiedelt. Sie hatte sich vorgestellt, in der katalanischen Tiefebene zu drehen. Was den Drehort betraf, hatte der Doktor Spanien als riskant bezeichnet und zu Italien geraten. Sie standen sich gut mit dem Duce. Schließlich entschied sie sich für Krün, einem auf einem Gebirgspla- teau eingezwängten Dorf auf der bayerischen Seite der Alpen, um dort die vorrangigen Aufnahmen zu drehen, und die italienischen Dolomiten für ein paar Einspieler und die restlichen Szenen. 

Sie beaufsichtigte aufwändige architektonische Gestaltungen maurischer Bögen und schmiedeeiserner Filigranarbeiten, die zu ihrer Vorstellung des Sets passten. Sie segnete die Entwürfe auf dem Papier ab, aber nachdem die Sets gebaut und in die Berge gebracht worden waren, beschwerte sie sich darüber, dass sie nicht rustikal genug seien. Sie wollte, dass alles von Grund auf neu gebaut wurde. Das wurde es. Viel besser, sagte sie dann über die neuen Sets, obwohl sie sich kaum von den alten unterschieden. 

Dann hatte es ein Problem mit der Statisterie gegeben. 

Wenn irgend möglich, wollte Leni nicht an der Umgebung sparen. Das Echte war immer das Beste. Dies galt vor allem für Statisterie und Tiere. Deshalb hatte sie sich so viel Mühe mit dem Wolf gegeben. Sich mit den richtigen Objekten und Texturen zu umgeben, führt zu einer satten Patina auf der Leinwand. Tiefland eröffnete mit Martha – sie selbst als maurische Betteltänzerin, reich an weitgestreuter Farbe, exotischem Geheimnis, kühner Extravaganz –, die ins Dorf reitet, be- wundernd angestarrt von den Straßenkindern von Roccabruna, und sie wollte, dass diese Statisten das richtige Aussehen hatten. Produktionsassistenten schlugen vor, die Kinder der Bergbauern aus dem nahe gelegenen Sarntal anzuheuern, um die Straßenkinder zu spielen. Sie machte Probeaufnahmen mit ihnen. Die Kinder der Bergbauern waren gut genährt, blond und blauäugig. 

Das sieht man auf der Leinwand, sagte sie. 

Wir drehen schwarz-weiß, Fräulein Riefenstahl, sagte ein Produktionsassistent. Würde man den Unterschied bemerken?
Wären wir in Berlin, sagte Leni, dann wären Sie gefeuert. 

Leni schrieb dem Doktor und fragte, ob es möglich wäre, nach Andalusien zu reisen, um ein paar dunkelhaarige Statisten zu engagieren. Sie würde auch Erwachsene brauchen, als Dörfler in späteren Szenen. Er schrieb ihr zurück, dass dies nicht nur zu teuer, sondern angesichts der Gefechtslage auch zu gefährlich wäre. 

Entmutigt wandte sie sich wieder den Bildern von den Sarntalern zu. Die Maskenbildnerin schlug vor, ihnen die Haare zu färben und Ruß ins Gesicht zu schmieren. Nachdem er einen Kartoffelschnaps zu viel hatte, witzelte der Herstellungsleiter: Zu dumm, dass sie keine jüdischen Statisten nehmen konnten. Die gingen glatt als Mauren durch. Und das Casting wäre auch ganz bequem; sie müssten einfach nur in eins der Konzentrationslager der Partei gehen! Leni ignorierte sein Geschwätz, aber am nächsten Morgen ging sie zu ihm und drückte seinen Arm. Sie haben mich auf die perfekte Idee gebracht, sagte sie. Natürlich können wir keine Juden nehmen, aber wen gibt es dort noch? Zigeuner! 

Voller Eifer und Überschwang schrieb sie dem Doktor. 

Er war dem Vorschlag nicht abgeneigt und stimmt ihr zu, dass Zigeuner der ideale Ersatz für Mauren waren, was ihre Absichten und Ziele betraf. Hiermit war sie autorisiert, eines der Sammellager für nicht sesshafte Personen, die von den Sinti und Roma abstammten, aufzusuchen und sich so viele Statisten auszusuchen, wie sie benötigte. Falls sie sich noch in Krün aufhielt, wäre das nächste Lager in Maxglan. Es wurden Vorkehrungen getroffen, damit sie vom Lagerkommandanten empfangen wurde. Sie sollte dem Doktor eine Namensliste derjenigen schicken, die sie als passend erachtete. Er würde jemanden damit beauftragen, die Formalitäten zu erledigen, die diese Anschaffung ermöglichten. 

Das Lager Maxglan war gut mit dem Auto zu erreichen. 

Zweihundertsiebzig Sinti und Roma saßen dort ein. In ordentlichen Reihen wurden sie in einen engen Innenhof geführt. Sie trugen fadenscheinige Kleidung und hatten dreckige Gesichter. So kann ich diese Leute nicht gebrauchen, sagte Leni, als sie eintraf. Können sie sich nicht umziehen und noch mal rauskommen? Es entstand eine sonderbare Stille, bevor der Kommandant sich räusperte und ihr sagte, dass es nicht besser ginge. 

Na gut, sagte Leni und versuchte, die Fassung zu wahren. Dann sehen wir mal. Sie marschierte die Reihen ab und betrachtete prüfend ihre Gesichter, hielt dabei Zeigefinger und Daumen aneinan- der, um das Bildseitenverhältnis ihrer Arriflex zu simulieren. Es lenkte Leni ab, sie als schmuddelige Menschenherde betrachten zu müssen, und dieser Gestank! Sie isolierte sie Gesicht für Gesicht, Körper für Körper, als rechtwinklige Objekte, die in den Fokus gerückt wurden, und traf eine Vorauswahl, um sie sich ein zweites Mal anzusehen. Einige von ihnen waren zu dünn, weshalb sie ihre Auswahl weiter auf einige Dutzend reduzierte. Ein NSDAP-Funktionär stand bereit, um die Auswahl zu notieren. Der Älteste war ein fünf- undsiebzigjähriger Witwer, der Jüngste drei Monate alt und im Lager geboren. Als sie den trostlosen Ort verließ, bemerkte Leni, dass das Lager mit Stacheldraht umzäunt war. Sie hob nur die Schultern. In diesen unbeständigen Zeiten waren sie dort drinnen sicherer. 

Die Informationen wurden zum Hauptquartier geschickt, um bearbeitet und freigegeben zu werden. Ich hoffe, Sie können die Sache beschleunigen, telegrafierte sie dem Doktor. Tiefland wartet auf mich. 

Im Hauptquartier wurde den handverlesenen Sinti und Roma von der NSDAP bescheinigt, NICHT JÜDISCHER ABSTAMMUNG zu sein, wie es in dem Dokument hieß. Ein Vertrag wurde aufgesetzt, um die Konditionen klar festzulegen. Es musste eine strikte Abschottung der Statisten von dem gesamten anderen Personal geben. Am Set mussten dieselben Bestimmungen gelten wie im Lager. Darunter fielen Latrinenbenutzung und Essensrationen. Sicherheitsmaßnahmen durften nicht aus künstlerischen Überlegungen heraus aufgehoben werden. Bewaffnete Wachen, die von der Wehrmacht gestellt wurden, würden die Leihgabe begleiten. Sollte es erforderlich sein, durften sie nicht bei der Ausübung ihrer Pflichten behindert werden. Die Riefenstahl Film GmbH würde für Unterbringung, Verpflegung und Transport der Statisten sorgen und aufkommen. Die Statisten wür- den für ihre Arbeit einen Lohn von sieben Reichsmark pro Tag pro Erwachsenem erhalten. Drei Kinder zählten als ein Erwachsener. Des Weiteren, so besagte der Vertrag in Kursivschrift, würden diese Löhne nicht direkt an die Sinti- und Roma-Häftlinge ausgezahlt werden, sondern an den Salzburger Zweig des Generalfonds der NSDAP für Zigeuner, um die Fixkosten von Lagern wie Maxglan zu decken. 

Leni erhielt zwei Ausfertigungen des Vertrags in Krün. 

Sie überflog sie schnell, unterschrieb sie und schickte sie eiligst zurück, in ihrer Ungeduld, endlich anfangen zu können.

Die Zigeuner waren geborene Darsteller und lieferten die schlichte Wahrhaftigkeit, die Leni von den Dörflern in Roccabruna erwartete. Als die Szene wiederholt werden musste, nahmen sie schnell und leise ihre ursprünglichen Positionen wieder ein, als hätten sie bereits geprobt, sich zu versammeln und wieder zu zerstreuen. Leni war froh, dass sie auf diesem dunkeläugigen Sinti-und-Roma-Haufen bestanden hatte – sie benahmen sich so gesittet, dass die Afrikakorps-Wachen der Wehrmacht fast überflüssig waren. 

Manchmal begleitete Leni die Maskenbildnerin beim Anschlusscheck, wenn sie Ponys und Bärte und Haare kürzte, damit sie während des langen Drehs immer gleich aussahen. Eines Abends fragte sie der Herstellungsleiter, ob die Zigeuner singen durften, bevor sie schlafen gingen. 

Natürlich, sagte Leni. Warum sollten wir das verbieten? 

Man hat es ihnen im Lager auch nicht erlaubt, sagte der Herstellungsleiter. Wenn wir uns an die Vorschriften halten, sollten wir es wohl nicht … 

Das ist mein Set, sagte Leni. Ich erlaube ihnen, hier zu singen. 

Leni war freundlich zu den Statisten, aber sie waren nervös in ihrer Gegenwart. Nur die kleine Zäzilia grüßte sie jedes Mal, wenn sie sie sah, und hoffte auf weitere Bonbons. Alle anderen achteten dar- auf, einen großen Bogen um sie zu machen, wann immer sie vorbeikam. Ruhm hat diese Wirkung, vermutete Leni. Selbst wenn man es nicht herauskehrte, merkten es die Leute. Man konnte nur versuchen, ihnen zu versichern, dass man auch nur genauso war wie sie. 

In einer von Lenis Szenen als Martha galoppierte sie in hohem Tempo auf dem Apfelschimmel herbei, und das war recht gefährlich. Um sich diesem Risiko nicht auszusetzen, suchte sie fünf Statistinnen aus, die von hinten oder aus der Ferne als sie durchgehen konnten. Keine von ihnen hatte Reiterfahrung, also wählte Leni einfach diejenige, die ihr am ähnlichsten war. Die junge Frau hatte dunkles Haar und war vermutlich in ihren Zwanzigern. Sie war fast genauso groß wie Leni, allerdings sehr viel dünner. Sie bekam einige zusätzliche Schichten Kleidung, die sie unter dem Kostüm anziehen sollte, um voller zu wirken. Ihr Haar wurde geschnitten und gelockt, damit sie dieselbe Frisur hatte wie Leni, und sie musste Marthas Tanzkostüm tragen. Das Double fürchtete sich vor dem Dreh. Leni bot ihr angstlösende Barbi- turate an. Die junge Frau schüttelte den Kopf. Gott im Himmel, diese Leute waren so furchtsam, was moderne Medizin anging! 

Es wird alles gut laufen, redete Leni auf sie ein. Außerdem bekommst du als Double mehr Gage. 

Zögerlich sagte ihr Double: Unser Lohn geht – ans Lager. 

Pass mal auf, sagte Leni und versuchte, nicht ungeduldig zu werden. Ich habe die Arbeitsbedingungen hier nicht festgelegt, aber ich schulde dir einen Gefallen, was hältst du davon? Nimm diese Tablette, wie ich es gesagt habe – danach wird es dir viel besser gehen. Mit einem höchst misstrauischen Blick nahm die junge Frau die Tablette von Leni entgegen. Meine Liebe, sagte Leni, ich nehme nur deshalb selbst keine, weil ich schon eine zum Frühstück hatte. Was glaubst du, was das ist, Gift? 

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