Geschrieben am 1. Juni 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2022

Sven Friedrich schaut „The Blacklist“

The Blacklist – Raymond Reddington

,,The Blacklist“ ist eine Serie, die mich vor allem in den ersten Staffeln komplett überzeugt hat.1 Wie der Titel bereits verrät, geht es in der Serie um eine „Blacklist“; eine Liste mit Namen krimineller Personen. Diese Liste gehört der Hauptfigur Raymond „Red“ Reddington, einem ehemaligen US-amerikanischen Marineoffizier, der mittlerweile auf Platz 4 der meist gesuchten Verbrecher der Welt steht. Zusammen mit dem FBI arbeitet Reddington diese Liste nach und nach ab, um sein übergeordnetes Ziel zu erreichen, welches ich an dieser Stelle nicht verrate, um nicht zu sehr zu spoilern.

Die Serie beginnt damit, dass dieser Raymond Reddington sich stellt. Mit Aktentasche, Mantel, Sonnenbrille und Hut geht er erhobenen Hauptes in das vermutliche FBI-Gebäude, meldet sich am Empfang mit seinem richtigen Namen an und bittet um einen Termin bei Vizedirektor Cooper. Dann tritt er vom Empfang zurück, legt Aktentasche, Mantel, Sonnenbrille und Hut ab und lässt sich festnehmen. Einige Szenen weiter sehen wir die Gefängniszelle, in welche Reddington weggesperrt wird. Ein riesiger Glaskasten inmitten einer großen Halle, mit Kameras, die jede seiner Bewegungen penibel überwachen. In diesem sitzt Reddington, gefesselt an einen Stuhl, und wird über Lautsprecher von Vizedirektor Cooper verhört.

Ich musste bei diesem Bild direkt an Antony Hopkins’ Hannibal Lecter aus „Das Schweigen der Lämmer“ denken, insbesondere an zwei Szenen: das Interview mit Jodie Fosters FBI-Agentin Clarice Starling und den Ausbruch aus der provisorischen Gefängniszelle inmitten einer Tanzhalle. In allen drei Szenen sitzt eine vom FBI als gefährlich eingestufte Person in einer Sonderzelle des FBI, doch sind es die Agenten oder Polizisten, die einen aufgeregten Eindruck machen, nicht die Kriminellen in der Zelle. Sowohl Reddington als auch Lecter erwecken den Anschein, sie säßen am längeren Hebel, obwohl sie gefangen in einer extra angefertigten Zelle sitzen. Wie tief muss man in der kriminellen Welt verankert sein, um in solch einer Situation noch fest davon überzeugt sein zu können, die Oberhand zu haben?

Wie weit Reddingtons kriminelles Netzwerk sich erstreckt, wird im Laufe der Serie klar. Ohne spoilern zu wollen, eine kleine Vorstellungsstütze: Das Netzwerk eines James Moriarty aus der Sherlock-Holmes-Saga kommt dem schon nahe. In diesen ersten Minuten wird dem Zuschauer gezeigt, wie die Serie ablaufen wird: Raymond Reddington hat die Fäden in seinen Händen und weiß genau, an welchen er für welches Ergebnis ziehen muss, denn letztendlich hat er ja seinen Termin bei Vizedirektor Cooper bekommen. Während des Verhörs mit Cooper stellt sich heraus, dass Reddington bereit ist, mit dem FBI zusammenzuarbeiten. Allerdings unter einer Bedingung: Seine Kontaktperson ist Elizabeth Keen (gespielt von Megan Boone). Diese hat wiederum ihren ersten Tag als Profilerin in der Abteilung, welche für Reddington zuständig ist. Dass Reddington ausgerechnet Keen als Kontaktperson haben möchte, zeigt dem Zuschauer schnell, dass sie eine Rolle in Reddingtons Plänen spielt. Denn es wird schon zu Beginn der Serie angedeutet, dass Reddington und Keen miteinander verwandt sind. Ein kurzer Exkurs in die Vergangenheit von Keen: Keen ist im Kindergartenalter verwaist. Ihre Eltern sind bei einem Hausbrand ums Leben gekommen. Sie wurde von einem Freund der Familie aufgenommen und von diesem wie seine eigene Tochter großgezogen. So erfahren wir es von Keen selbst.

In der dritten Staffel spitzt sich die angedeutete Verwandtschaft von Reddington und Keen zu. Durch Constantin Rostov, alias Alexander Kirk (Nr. 14) betritt ein Mann die Bühne, der vorgibt Keens leiblicher Vater zu sein. Denn er war mit der Mutter von Elizabeth Keen, Katarina Rostova, verheiratet. Allerdings hatte Rostova eine Affäre mit Reddington, weshalb die Vaterschaftsfrage vorerst unbeantwortet bleibt, während wir mit Sicherheit wissen, dass Katarina Rostova die leibliche Mutter von Elizabeth Keen ist. Rostov und Rostova sind frühere KGB-Agenten. Vor allem Rostova war einzigartig in ihrem Gebiet. Sie war so gut, dass sie für einen Mythos gehalten wurde. Doch als ob damit nicht genug Verwirrung gestiftet wurde, bekommen wir im Laufe der Serie gezeigt, wie Reddington einen Koffer mit Gebeinen ausgräbt. Keen darf laut Reddington niemals von diesem Koffer erfahren. So bleibt der Zuschauer zurück mit einer Mutter, die eigentlich ein Mythos ist, einem Vater, der voraussichtlich nicht ihr leiblicher Vater ist, und einem Menschen, der aus dem Nichts in Keens Leben getreten ist, nur durch sie mit dem FBI zusammenarbeitet und dem sie scheinbar sehr wichtig ist, da sie ja sonst von diesem Koffer ohne Probleme erfahren könnte, und natürlich dem Koffer mit den Gebeinen, von dem wir wissen, Keen aber nicht.

Um die Verwirrung aber noch auf die Spitze zu treiben, bekommen wir in der achten Folge der ersten Staffel einen vermeintlich belanglosen Nebencharakter vorgestellt: Dr. Abraham Maltz. Er ist plastischer Chirurg in Miami und hat das Gesicht eines Mannes verändert, den das FBI schnappen will, weswegen Reddington und Keen ihm einen Besuch abstatten, um an Informationen zu gelangen. Dieser gibt Keen zu schnell Informationen, als sie sagt, dass sie vom FBI ist, was Reddington ziemlich aufbringt. Darüber hinaus hat Maltz Reddington als eines seiner besten Werke betitelt. Durch diese Informationen, also dass Maltz einen Menschen so verändern kann, dass selbst die beste Gesichtserkennungssoftware versagt, gepaart mit dem Wissen, dass Reddington sein bestes Werk ist, sich dieser bemerkbar empört über das Geständnis von Maltz zeigt und dass es einen Toten gibt, dessen Gebeine unter Verschluss gehalten werden, hat in mir folgende Frage geweckt: Wer ist Raymond Reddington? Oder besser: Wer hat die Rolle des Raymond Reddington übernommen?

Was macht die Figur Raymond Reddington so besonders? Kriminelle Genies gibt es ja viele. Es ist seine dominante und autoritäre Ausstrahlung, gepaart mit einer strikten Moral, die ihn herausstechen lässt:

Reddington hält immer Blickkontakt. Egal, ob er gerade spricht oder sein Gegenüber. Reddington hält immer mit einem starren, klaren Blick den Blickkontakt. Selbst wenn sein Gegenüber diesen unterbricht, fixiert Reddington die Person mit seinem Blick, als würde er sagen: „Ich lass dich nicht aus den Augen“. Er spricht in seiner eigenen Ruhe und vermittelt so, dass er erwartet, dass man ihn aussprechen lässt. So denkt sein Gegenüber immer, Reddington habe etwas Wichtiges zu sagen. Diese Ruhe zeigt sich vor allem in emotionalen Situationen. Wo andere anfangen in Panik auszubrechen, schneller zu reden oder sich provozieren zu lassen, bleibt Reddington immer gelassen und ist sich seiner Bedeutung bewusst. Außerdem spricht Reddington viel in Metaphern. So zieht er die Leute in seine Realität und beeinflusst ihr Denken.2 

Doch nicht nur mit Metaphern beeinflusst er die Menschen. Bei positiven Sätzen wie: „Und deshalb müssen wir sie aufhalten“ nickt er mit dem Kopf, andererseits schüttelt er den Kopf bei negativen Sätzen: „Und deshalb sollten wir dort auf keinen Fall hingehen“. Was mich aber neben den Psycho-Spielchen sehr fasziniert, ist seine Vorstellung von Moral. Genauer: Loyalität: „Wertvolleres als Loyalität gibt es einfach nicht.“3 Und das kann es auch für einen staatenlosen Verbrecher nicht geben. Denn für ein kriminelles Genie ist die größte Gefahr Verrat. Um diesem vorzubeugen, kümmert sich Reddington immer sehr gut um seine Angestellten. Man könnte fast schon von familiären Verhältnissen sprechen, ganz nach dem Motto: Du bist loyal zu mir, dann tue ich alles in meiner Macht Stehende, dass es dir immer gut geht. Dementsprechend bekommen Verräter eine persönliche „Sonderbehandlung“, ohne Ausnahme. Je nachdem wie nahe Reddington dem Verräter steht, reicht diese von einem letzten Abschiedsdrink und nachfolgenden drei Schüssen in die Brust über einen Wurf aus dem fliegenden Privatjet auf ein Einfamilienhaus in den Niederlanden bis hin zu: erschossen auf dem Grundstück, welches Reddington für die Hinterbliebenen gekauft hat.

Genau hier liegt für mich die Stärke der Serie. Nicht die teilweise interessanten Kriminellen, die auf der „Blacklist“ stehen, und die waghalsigen Manöver, mit denen diese verhaftet werden. Diese haben es allerdings auch in sich. Ein paar Beispiele: Nr. 29, Bogdan Ivanovich Krilov, Nr. 125, Hannah Hayes, Nr. 101, Eric Trettel alias der Alchemist und Nr. 130, Dr. Lewis Powell. Krilov ist Doktor der Medizin, welcher die Kunst der Gedankenmanipulation perfektioniert hat. Er kann nicht nur Gedanken einpflanzen und auslöschen, sondern diese auch umschreiben, sodass seine Opfer fest davon überzeugt sind, etwas erlebt zu haben, was sie so gar nicht erlebt haben. Hayes ist ebenfalls Ärztin oder genauer Chirurgin. Mit ihren chirurgischen Fähigkeiten macht sie Politiker auf das Problem der strikten US-Abtreibungsgesetze in Vergewaltigungsfällen aufmerksam. Dafür entführt sie Politiker, die der Meinung sind, über den Körper von Frauen bestimmen zu können, und pflanzt ihnen einen Uterus und einen befruchteten Embryo ein. Sobald der Embryo einen Herzschlag zeigt, lässt Hayes ihre Opfer wieder frei. Diese können den Embryo nun nicht mehr legal abtreiben und sind dazu gezwungen, das Kind per Kaiserschnitt auf die Welt zu bringen. Trettel war Medizinstudent, der sein Studium allerdings nicht schaffte. Mit einem gefälschten Harvard Grad gewann er ein Humangenomprojekt und rutschte über Umwege noch tiefer in die Kriminalität ab. Er spezialisiert sich auf die Inszenierung von Todesfällen. Dafür sucht er Menschen, die seinem Klienten ähnlich sehen, und verändert die äußere Erscheinung und die DNS vollständig zu der des Klienten. Powell war einer der führenden Wissenschaftler im Bereich der künstlichen Intelligenz. Er hat eine KI entwickelt, dessen Aufgabe der Schutz der Menschheit ist. Doch stuft sich die KI selbst als zu gefährlich ein und will deshalb erst alle Entwickler und dann sich selbst ausschalten.

Beachtliche Errungenschaften, die gelungen sind, wenn man bedenkt, dass die Serie in der Jetzt-Zeit spielt. Ist das Science Fiction in einer Krimi/Drama Serie? Vor allem das Hayes’sche Verfahren wird dem Laien medizinisch einleuchtend erklärt. Doch ist es in der Realität nicht umsetzbar. Was schade ist, da es vielen kinderlosen Familien, die sich ein Kind wünschen, eine echte Hilfe seien könnte. Bei dem Krilov’schen Verfahren muss ich an Arnold Schwarzeneggers Daniel Quaid aus „Total Recall“ denken. Was mit so einer Gedankenmanipulation alles möglich wäre. Man könnte theoretisch in Stunden ein ganzes Leben erleben oder sich Wissen und Fähigkeiten in einem Umfang aneignen, der deutlich nicht im Verhältnis zum Zeitaufwand steht. Oder man will die Luftzufuhr auf dem Mars wieder herstellen. Das Trettel’sche Verfahren finde ich besonders interessant. Ein zweischneidiges Schwert, welches meiner Meinung nach immense Möglichkeiten zur Optimierung der Menschen bietet. So oder so bleibt es aber eine Utopie ­ oder Dystopie? Die Powell’sche KI bietet einen netten Twist zu der Standard-KI, die die Menschheit vor sich selbst schützen möchte. Besonders interessant fand ich, wie sie einen ihrer Entwickler, mit Hilfe eines „Deep Fake“ Videos, von der Polizei erschießen lies. Was könnte diese KI erreichen, wenn sie nicht auf eine vermeintlich gute Absicht programmiert wurde? Zumindest wissen wir, dass sie den Sicherheitsapparat für sich zu nutzen weiß. 

Auch wenn die Kriminellen und deren Verhaftungen atmosphärisch durchdacht sind und ich diese zu den Stärken der Serie zähle, liegt für mich die eigentliche Stärke darin, was es mit einem Menschen macht, sein halbes Leben auf der Flucht zu sein und davon zu leben, dass man nicht verraten wird. War ich am Anfang noch von der Skrupellosigkeit des Raymond Reddington begeistert ­(und da gibt es die ein oder andere Szene, bei der mein Actionfilm-Fan-Herz höhergeschlagen hat), kam in mir Staffel nach Staffel der Gedanke hoch, dass Reddington doch eigentlich auch in das Bild eines Wolverine oder Green Arrow passt.

Klar stehen Wolverine und Green Arrow offiziell auf der anderen Seite des Gesetzes, doch kann man, so tief wie die drei Charaktere in der „Gut und Böse-Thematik“ verankert sind, meiner Meinung nach nicht mehr erkennen, wo schwarz und wo weiß ist. Für mich ist der Bereich, in dem diese drei tätig sind, grau. So hat Wolverine ganze Berge von Leichen hinter sich gelassen, während Green Arrow aus persönlichen Motiven mordete. Alle drei brechen das Gesetz für ein übergeordnetes Wohl. Der einzige Unterschied ist, dass Reddington als „das Böse“ gesehen wird, während Wolverine und Green Arrow als „die Guten“ gesehen werden. Es ist somit alleine die gesellschaftliche Sichtweise, die hier einen Strich zieht. Doch von den bloßen Taten und den Absichten der drei her unterscheidet sich nichts. Wenn wir bei Comic-Figuren bleiben, lässt sich mit Hilfe zweier Figuren das Graue wunderbar veranschaulichen. Als Referenz für „das Gute“ nehmen wir Peter Paker alias Spider Man und als Referenz für „das Böse“ den Joker. Wolverine, Green Arrow und Reddington stehen deutlich zwischen diesen beiden Extremen. Keiner von den Dreien ist wirklich gut, allerdings auch nicht wirklich böse. Sie haben ein übergeordnetes Ziel, für das sie auch bereit sind, den höchsten Preis zu zahlen. Auch haben alle drei auffällige Merkmale. Was für Wolverine die ausfahrbaren Krallen und Backenbart und für Green Arrow Pfeil und Bogen sind, sind für Raymond Reddington Hut und Anzug.

Doch die Figur Raymond Reddington wäre nichts ohne die schauspielerische Leistung von James Spader. Ich habe seit Heath Ledgers Joker aus „The Dark Knight“ und Benedict Cumberbatchs Sherlock Holmes aus „Sherlock“ in einer Serie keine so gute schauspielerische Leistung gesehen. Als Zuschauer kam es mir vor, als wäre James Spader tatsächlich Raymond Reddington. Hatte ich bei seinen Schauspielkollegen oft den Eindruck, dass der Text runtergeleiert wird, hat Spader so überzeugend gespielt, als ob er das gerade sagt und kein Autorentext auswendig gelernt wurde. Seine gesamte Gestik und Mimik ist grandios authentisch. Eine der besten schauspielerischen Darbietungen, die ich im Fernsehen sehen durfte!

Ich lege jedem nahe, einmal in die Serie reinzuschnuppern, der Fan von grandiosen schauspielerischen Leistungen oder kriminellen Genies ist.

Dennoch habe ich einen klaren Kritikpunkt an der Serie: zu viele Staffeln. Selbst nach acht Staffeln ist die Serie noch nicht am Ende, was natürlich die Qualität der letzten Staffeln deutlich in Mitleidenschaft zieht. Bekommen wir zwar immer verrücktere, gut durchdachte Kriminelle gezeigt, jedoch dienen diese leider nur noch dem Zweck, die Frage, welche dem Zuschauer nach der ersten Staffel plagt, mit noch irrealeren Variablen auszuschmücken. Der aufmerksame Zuschauer hat aber zu dem Zeitpunkt schon genug Input um sich der Frage zumindest anzunähern. So hat vor allem die achte Staffel auf mich gewirkt wie diese abschließende Staffel einer Sitcom, die doch noch um ein Jahr verlängert wurde. Man guckt sie sich der Nostalgie wegen an oder weil man noch wissen möchte wie die Beziehung seiner zwei Lieblingscharaktere endet, aber an die vorherigen Staffeln kommt sie einfach nicht mehr ran. Da kann auch eine grandiose Schauspielleistung eines James Spader die Ideenlosigkeit der Autoren nicht überdecken, immer und immer wieder die Frage zu verkomplizieren, nur um das Mysterium Reddington aufrecht zu erhalten. Meiner Meinung nach hätte der Serie ein kompletter Bruch bei der sechsten oder siebten Staffel gut getan. Das Mysterium um Reddington wäre gelöst und man könnte sich einer ganz neuen Geschichte im Blacklist-Universum widmen.

Sven Friedrich, geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, studiert Grundschullehramt an der Europa Universität Flensburg mit den Fächern katholische Theologie und Mathematik. Vor allem das Theologiestudium hat bei ihm das Interesse am Schreiben geweckt.

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