Geschrieben am 18. August 2012 von für Crimemag

Sunil Mann: Uferwechsel

Leichen aus dem Himmel

– Zürich, anders als üblich gesehen, Regionalität als positiver Faktor – die Romane von Sunil Mann sind unterschätzt. Den neuesten, „Uferwechsel“, hat Anne Kuhlmeyer gelesen …

Privatdetektiv Vijay Kumar kennt sich aus in Zürich. Da ist er aufgewachsen, in einer indischstämmigen Einwandererfamilie. (Das ist praktisch, denn dem Autor geht es genauso.) Seine Mutter, die schwer besorgt um sein Liebesleben und eine begnadete Köchin ist, unterhält ein mittlerweile gut gehendes Restaurant mit Spezialitätengeschäft.

Vijay und sein Freund José schlittern mit Vijays Käfer zum Fundort der tiefgefrorenen Leiche eines jungen Mannes. Mit zerschmetterten Knochen und entstelltem Gesicht wird sie von dem unvermeidlichen Herrn mit Hund, der täglich die gleiche Runde dreht, auf einer verschneiten Lichtung entdeckt. Bei näherem Hinsehen kommt Vijay auf den Gedanken, dass der Tote ein illegaler Einwanderer sein könnte – aus dem Fahrwerk eines Flugzeugs gestürzt. Der eitle und eiskalte Staatsanwalt greift die Idee auf und präsentiert sie zum Leidwesen des Klatschreporters José umgehend der Öffentlichkeit. Kurz darauf erhält Vijay den Auftrag eines anonymen Anrufers, den Mord an Said aufzuklären. Mord?

Weil Vijay stets knapp bei Kasse ist, Geld für Miete und Drinks braucht und sonst nicht viel vor hat, nimmt er an. Unter Beratung seiner Freundin Miranda (die früher sein Freund war) taucht er ein wenig overdressed und papageienbunt in die Schwulen-Szene ein. Er lernt den Jugendwahn, die Ressentiments und die Schärfe der Konkurrenz der Stricher und ihrer Freier kennen. Die Suche nach Geborgenheit, Liebe, Sex, einem irgendwie gearteten besseren Leben wird hochbezahlt, von jeder Seite. Zürich versteht sich als weltoffene Stadt, wären da nicht die Bewohner mit ihren Vorurteilen und ihrer Ausgrenzung gegenüber Anderslebenden. Die heuchlerische Doppelmoral der Bessergestellten wird ebenso entlarvt, wie die Sinnsuche im Esoterischen bespöttelt. Dem Autor gelingt das mit Witz, Ironie, Frohsinn und Leichtigkeit.

Inder in Zürich

Alle Milieus haben ihre Bedingungen, Regeln und ungeschriebenen Normen. So ist das auch bei indischen Einwanderern. Als Vijays Vater über Tage weder isst noch trinkt (außer Schnaps) und aus seinem Bett an die Decke starrt, wird eine schwere Depression diagnostiziert. Wie konnte der Familie, die als Schutzraum in der Werteskala ganz oben steht, entgehen, dass der Mann sich über Jahre immer weiter zurückzog in seiner Frustration über den unzureichenden beruflichen Erfolg, den er als Scheitern versteht? Als Vijay einen Klinikaufenthalt vorschlägt, ist die Mutter konsterniert, denn niemand in der Familie hat schließlich verrückt zu sein. Sie nimmt ihren Gatten und fliegt in die alte Heimat.

Mutter und Munja, die ehrgeizige Angestellte, auf die Vijay ein Auge geworfen hat, geben eine Heiratsanzeige für den unbeweibten Mittdreißiger auf. In einer wunderbar slapstickhaften Szene trudeln heiratswillige, sariumflatterte Inderinnen samt einer Kiste reifer Mangos ein.

Sunil Mann (Quelle: http://www.sunilmann.ch)

Bei seinen Recherchen stößt Vijay auf eine Sekte, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Homosexuellen ein heterosexuelles, gottesfürchtiges Leben schmackhaft zu machen, auf indoktrinierende Weise und mit fatalen Folgen. Said bleibt nicht der einzige Tote. Sinnsuche und Anpassung an eine scheinbar aufgeklärte, tolerante Gesellschaft auf Kosten der eigenen Identität finden in plausiblen und bitterbösen Szenen ihren Ausdruck. Der Schluss des Romans überzeugt mich nicht ganz. Doch das sei ihm verziehen bei dem Vergnügen, das er mir bereitet hat.

Anne Kuhlmeyer

Sunil Mann: Uferwechsel. Roman. Dortmund: Grafit 2012. 312 Seiten 312. 10,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Homepage des Autors.

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